Barrandov Studios

Die Zeichentrickfilme der tschechoslowakischen Filmindustrie genossen einst Weltruhm. Eine neue Generation von Animatoren lässt die Tradition in den unterschiedlichen Nischen weiterleben.





• Mit jedem Schritt in die Tiefe geht es weiter hinein in die Grabkammer, und manchmal geht Michal Havlík diesen Weg aus purer Nostalgie. Seine Schritte hallen von den kahlen Wänden des Treppenhauses wider, eine Etage geht er hinunter, zwei Etagen, dann erstreckt sich vor ihm ein langer Flur mit flackernden Neonröhren an der Decke. „Eigentlich müsste man das klimatisieren“, brummt er unwirsch, „es ist viel zu warm hier, da verkommt das alles!“ Havlík drückt eine schwere Metalltür auf und steht plötzlich mitten drin in den Relikten aus der guten alten Zeit: Filmrollen über Filmrollen lagern hier in Metallregalen bis unter die Decke, ein ganzer Raum voll. „Und wenn Sie es wissen wollen: Von diesen Lagerräumen haben wir hier jede Menge!“

Viele der Filmrollen sind Originale – der verfallende Glanz einer Ära, als sich Kinos und Fernsehsender in der ganzen Welt um die Arbeiten rissen. Michal Havlíks Miene hellt sich auf, wenn er mit dem Finger über die metallenen Kassetten streicht und die Beschriftungen liest. Er war dabei, als viele dieser Klassiker entstanden, damals war er nicht allein hier in den Katakomben, sondern umgeben von einem ständigen Schwirren, von früh morgens bis spät in die Nacht. Der Zeichentrick-Held „Der kleine Maulwurf“, der hier 1957 das Licht der Welt erblickte, galt von den Sechzigerjahren an als Micky Maus des Ostens, wurde in 80 Ländern ein Erfolg und in der Bundesrepublik vor allem durch „Die Sendung mit der Maus“ bekannt. In Skandinavien ist er Volksheld, in Japan lieben sie ihn. Oder „Víla Amálka“. Oder „Krabat“. Oder die „Reise in die Urwelt“, ein Klassiker aus den Fünfzigerjahren. Sie waren Blockbuster ihrer Zeit, Devisenbringer für das kommunistische Regime der Tschechoslowakei, und sie alle sind hier entstanden, wo Michal Havlík jetzt über die verwaisten Flure schlurft.

Barrandov heißt das legendäre Filmstudio, das auf einem Hügel am Rand von Prag liegt, ein gewaltiger Komplex, der in Tschechien so bekannt ist wie in Deutschland Babelsberg oder die Bavaria Studios. Es ist eine Stadt in der Stadt. Das etliche Hektar große Gelände besteht aus so vielen gewaltigen Gebäuden, dass der Pförtner Besuchern sicherheitshalber einen Lageplan mitgibt, in dem sämtliche Wege, Stichstraßen und Sackgassen verzeichnet sind. In einem der größten Gebäude hatte die Produktionsgesellschaft Krátký Film ihren Sitz, zu Deutsch: Kurzfilm. Es ist das Gebäude, in dem jetzt Michal Havlík die alten Schätze hütet. Eine Heerschar von Animatoren, Zeichnern, Kameramännern und Beleuchtern arbeitete hier in den Katakomben, und als Michal Havlík anfing, musste er die Studios fegen und durfte dafür hautnah dabei sein, wenn die Filme entstanden. Später stieg er bis zum Chef des Studios auf. Und heute sitzt er mit drei, vier verbliebenen Angestellten in den leeren Räumen, ein paar Jahre hat er noch bis zur Rente.

„Alles Schlechte ist auch für etwas gut“, sagt Martin Vandas. Er ist um eine Generation jünger als Michal Havlík, ein Mann in den Vierzigern. Vor ein paar Jahren hat er den Verband der tschechischen Trickfilmer gegründet und das Ziel ausgegeben, an die alten Erfolge anzuknüpfen. Vandas ist ein energischer Mann, er kennt jeden in der Szene, die sich selbst binnen weniger Jahre dezimiert hat, und zuckt nur kurz mit den Schultern, wenn die Rede auf die Blütezeit des Trickfilms kommt. „Natürlich ist es schade, dass es nicht mehr so läuft wie früher: Bis 1989 gab es hier eine fantastische Infrastruktur für unsere Filme, die Produktion lief in industriellem Maßstab“, sagt er. „Aber danach entstanden viele kleine Studios mit einer Handvoll Leuten – und die machen wirklich tolle Sachen.“

Ein wenig gequält klingt es, wenn Vandas das sagt, aber er ist Realist genug, um zu wissen, dass sein Land wohl endgültig von der Weltspitze abgehängt ist. Puppenfilme, wie sie die tschechischen Großmeister einst perfektioniert hatten, sind endgültig zum Nischensegment geworden, und der klassische Zeichentrick wirkt im Zeitalter von 3-D-Animationen anachronistisch.

Heute dominieren Walt Disneys Welterfolge und die Mangafilme aus Asien die Branche; Studios in China, Indien und den USA beschäftigen ganze Armeen von Mitarbeitern, die die aufwendigen Computeranimationen gestalten. „Wenn jemand einen Hammer hat, der viermal länger ist als deiner, dann schlägt er dich immer“, sagt Martin Vandas. Dann blitzt es kurz auf in seinen Augen, und er ergänzt: „Außer du hast eine Nische, in der er dich nicht erwischt.“

In einer solchen Nische hat sich Michal Podhradský gut eingerichtet, der Chef des Prager Studios Animation People. Eine wundersame Welt ist es, über die er gebietet: Seine Technik hat er in einer evangelischen Kirche in Prag aufgebaut. Durch den Vordereingang gelangt man in das Kirchenschiff, durch den Hintereingang in den angrenzenden Saal, der Podhradský als Studio dient. „Wir haben gerade verdunkelt, weil wir mitten in Aufnahmen stecken“, sagt er entschuldigend und eilt voran. In dem hohen Saal ist ein Kamerakran aufgebaut, auf Tischen steht die Kulisse für einen neuen Siebenteiler, den das tschechische Fernsehen in Auftrag gegeben hat. „Es geht um einen Jungen, der scheinbar übernatürliche Kräfte hat“, sagt Podhradský. Das Haus, in dem sein Held wohnt, ist in allen Details modelliert. Fenster, der Gartenzaun, die Türen, Bäume – eine kleine Welt erstrahlt hier im Licht der Scheinwerfer. Gerade arbeiten sie an einer Szene, in der später der Zuschauer über die Landschaft hinwegfliegt. Sie machen ein Bild, verschieben die Kamera um Millimeter, machen das nächste Bild. Nach und nach entsteht so der Eindruck einer nahtlosen Fahrt.

Filmen mit Puppen ist Millimeterarbeit

Podhradský ist Mitte 50, er hat die Zeit vor dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems noch erlebt. Seine Nische ist die Nostalgie: Er macht genau da weiter, wo er bei der Wende aufgehört hat. Die Postproduktion, der Schnitt – all das läuft auch bei ihm digital, aber das Filmen selbst ist Handarbeit. „Kommen Sie“, sagt Michal Podhradský leise, um am Set nicht zu stören, „ich zeige Ihnen was Besseres!“

Er geht voran in den Nebenraum und greift in eine Plastikkiste. In ihr liegt eine Figur aus seinem aktuellen Projekt, 15 Zentimeter groß ist die unscheinbare Puppe. Podhradský nimmt sie in die Hand, und auf einmal erwacht sie zum Leben: Der Kopf lässt sich in alle Richtungen drehen und neigen, die Arme sind an der Schulter und im Ellenbogen beweglich, die Beine können die Figur zum Laufen bringen, in die Knie gehen lassen oder sogar Spagat machen. „Die Besonderheit der Puppen ist“, sagt Podhradský und biegt die Figur in eine unmögliche Haltung mit gespreizten Beinen und ausgestreckten Armen, „dass sich die Gliedmaßen von selbst fixieren. Sie bleiben in jeder beliebigen Position exakt stehen und bewegen sich nicht mehr.“

Ein Vermögen kosten diese Puppen, in deren Herstellung es die Tschechen zur Perfektion gebracht haben, aber der komplizierte Mechanismus mit seinen Metallgelenken und Drahtverstärkungen ist unentbehrlich: Jeder einzelne Schritt, den die Figur später im Film geht, wird aus Dutzenden kleinster Bewegungen zusammengesetzt, das ist Millimeterarbeit. Pro Tag schaffen sie hier eine Sequenz von drei, vier Sekunden.

Wie viel man mit dieser Handarbeit verdienen kann? Michal Podhradský seufzt. Auftragsproduktionen für das Fernsehen wie jene über den Jungen mit seinen Zauberkräften sind selten geworden, das Budget der Sender gibt nicht viel her. Auf zehn Millionen Kronen jährlich schätzt Podhradský die gesamten Ausgaben des tschechischen Fernsehens für animierte Filme, das sind umgerechnet knapp 400 000 Euro. „Wenn man die Inflation mit reinrechnet“, sagt Podhradský, „dann war das Budget vor der Wende 36-mal höher.“

Ein Ausweg, den er gefunden hat, ist die Werbung. Podhradský durchwühlt die Verzeichnisse seines Computers, um ein Beispiel zu zeigen. Er klickt auf eine Datei mit einem Imagefilm für einen deutschen Sportschuh-Hersteller, zehn Jahre alt, aber immer noch zauberhaft. Da sitzt der Firmengründer in seiner Schusterwerkstatt und feilt an Verbesserungen, während die Sportgeschichte mit ihren Höhepunkten und Erfolgen an ihm vorbeirauscht. „Das wollten sie bewusst nicht mit einem Schauspieler drehen, weil sie die Firmengeschichte nicht mit einem bestimmten Darsteller verbinden wollten“, sagt Podhradský.

Oder hier, eine Werbung aus dem letzten Weihnachtsgeschäft: Ein amerikanischer Keks-Hersteller fährt in dem kurzen Spot allerlei Kitsch-Figuren rund um ein Rentier auf, unterlegt von festlicher Musik. Aus der ganzen Welt laufen die Anfragen hier in Prag zusammen – und das, obwohl das Team auf die alte Technik setzt und von Computer-Animationen nichts wissen will. „Das können andere besser, warum sollten wir uns mit denen messen“, fragt Podhradský. „Aber bei den Puppen, da macht uns niemand etwas vor.“

Ihre Blüte verdankten die animierten Filme aus der Tschechoslowakei einer Art kreativem Wettrüsten. Die Amerikaner hatten Walt Disney, und die Kommunisten wollten dessen Erfolgen etwas Ebenbürtiges entgegensetzen. So entstand das Studio Krátký Film. Der Staat reservierte mit planwirtschaftlicher Konsequenz ein festgelegtes Budget aus dem Kulturhaushalt für die animierten Filme. Absatzzahlen, Umsatzerfolge, Zuschauerrekorde, all das brauchte die Kreativen nicht zu interessieren, sie konnten sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren – und waren vielleicht gerade deshalb so erfolgreich.

Das Studio beschäftigte zu seinen Spitzenzeiten weit mehr als 1000 Mitarbeiter. Und nicht irgendwelche: Theaterregisseure, die wegen politischer Unliebsamkeit von ihren alten Posten entfernt worden waren, landeten häufig bei den animierten Filmen. Dort, bei diesem vermeintlichen Kinderkram, würden sie keinen großen Schaden anrichten, so das Kalkül der Machthaber.

„Wir konnten uns hier eine eigene Welt schaffen, die weit weg war von dem, was wir da draußen erlebten“, sagt Michal Havlík, der Veteran. Bis weit in die Nacht hinein, erinnert er sich, saßen sie damals an den Kulissen und feilten an jedem Detail, weil zumindest diese ihre Welt hinter den Studiomauern perfekt sein sollte. „Manchmal haben wir einen ganzen Tag daran gearbeitet, die Lampen für eine einzige Szene eines Puppenfilms aufzubauen. Wir haben die Leuchten verschoben und verstellt, gedimmt und verhängt, bis schließlich alles passte. Aber dafür hat man nachher auf dem Bildschirm allein an der Lichtstimmung gesehen, dass es jeden Moment anfangen muss zu regnen.“

An der Akademie lebt das Handwerk noch

Wer die Stimmung dieser glorreichen Zeit noch einmal erleben will, muss in einem Altbau direkt an der Moldau bis ins Dachgeschoss steigen. Hier residiert die Prager Akademie der Musischen Künste, eine renommierte Adresse, und ganz oben hat Michaela Pavlátová ihr Büro. Die 1993 für einen Oscar nominierte und zwei Jahre später mit einem Goldenen Bären ausgezeichnete Animatorin leitet die Abteilung für animierte Filme, ihr Büro ist eingezwängt zwischen freiliegenden Dachbalken. Und trotzdem ist hier jede Menge Platz: für den Enthusiasmus, der früher in den großen Prager Studios geherrscht hat und der heute zumindest an der Universität noch zu spüren ist, fernab der marktwirtschaftlichen Verwertungslogik. „Das Fantastische am animierten Film ist“, sagt Michaela Pavlátová, „dass er die Realität in sieben Minuten erfassen kann. Ein Spielfilm braucht dafür mindestens anderthalb Stunden.“

Unterhaltung für Kinder machen sie hier nicht, sondern anspruchsvolle Filme für Programmkinos; gerade erst hat es einer der Studenten mit seiner Arbeit bis zum Filmfestival nach Cannes geschafft. Die Branche darbt seit fast drei Jahrzehnten, aber hier an der Akademie lebt die Hoffnung wie eh und je. 40 Studenten fangen jedes Jahr an, und in ihren Seminaren arbeiten sie sich einmal durch das gesamte Spektrum vom Zeichentrick über die Puppenfilme bis hin zu den Computeranimationen. Dass die große Tradition stärker ist als die Zahlen vom Arbeitsmarkt, zeigt sich auch daran, dass es im Zehn-Millionen-Einwohner-Land Tschechien neben der Prager Akademie noch ein knappes Dutzend weiterer Hochschulen gibt, die den Nachwuchs für die Branche ausbilden. Aber wo kommen die ganzen Absolventen unter? „Es gibt einen Bedarf vor allem für die Hände, weniger für die Köpfe“, sagt Pavlátová. „Wer animieren kann, findet Jobs, etwa in der Werbung oder bei kleinen Studios, wo er die Ideen vom Regisseur umsetzt. Aber sich selbst eine Position zu erarbeiten, auf der man kreativ tätig ist – das ist deutlich schwieriger.“

Wer mit Michaela Pavlátová, der Professorin, über die Gegenwart spricht, landet zwangsläufig wieder in der Vergangenheit, in jener goldenen Zeit des tschechoslowakischen Trickfilms. Sie hat diese Zeit gerade noch erlebt: 1987 schloss sie ihr Studium ab, zwei Jahre hatte sie da noch im alten System. „In der Filmbranche herrschten damals paradiesische Bedingungen“, erinnert sie sich. „Der Staat hat den Sektor bezahlt, am Geld sind also keine Projekte gescheitert.“

Ganz im Gegenteil, „als ich fertig war mit dem Studium, hat man mir angeboten, einen Kurzfilm zu drehen, das Thema war egal. Man hat versucht, die Absolventen in der Branche zu halten, ihnen den Einstieg zu ermöglichen. Wer heute mit dem Studium fertig wird, dem bezahlt niemand einen eigenen Film.“ Auf die Absolventen wartet ein Teufelskreis: Geld für eigene Projekte bekommen sie nur, wenn sie Erfolge vorweisen können. Erfolge aber können sie nur erzielen, wenn ihnen jemand Geld für ein eigenes Projekt anvertraut. Oft ist ihre einzige Chance, schon während der Filmakademie auf sich aufmerksam zu machen.

International haben die Tschechen in der Branche immer noch einen Startvorteil, viele ihrer Landsleute gelten bis heute als Legenden. Karel Zeman beispielsweise, der in den Fünfzigerjahren angefangen hat, Filme mit echten Schauspielern durch animierte Tricks zu erweitern. Er gewann schon früh den Preis für den besten Kinderfilm auf den Filmfestspielen von Venedig und war weltweit ein Star. Oder Jiří Trnka, der als Erfinder der Stop-Motion-Technik mit Puppen gilt. Und natürlich Zdeněk Miler, der Schöpfer des kleinen Maulwurfs.

Sein Zeichentrick-Held ist die einzige Figur aus diesen goldenen Zeiten, die auch heute noch jede Menge Geld abwirft. Als Opa Miler, der alte Zeichentrick-Veteran, vor ein paar Jahren verstarb, erbte seine Enkelin Karolína Milerová die Filmrechte – so zumindest sah es bislang aus. Derzeit tobt unter den Erben ein erbitterter Streit, in dem es um eine mögliche Geschäftsunfähigkeit des Verstorbenen geht, um vermeintlich gefälschte Unterschriften und vor allem um viel Geld. Als ihr Großvater starb, mietete Karolína Milerová – damals frische Absolventin eines Management-Studiengangs – ein Büro an der Pariser Straße, der nobelsten Adresse in Prag, wo im Erdgeschoss der Jugendstilbauten Prada, Gucci und Co. residieren.

Dort geht die 28-Jährige den Weg, der Disney reich gemacht hat, verkauft Lizenzen für Merchandise-Artikel in alle Welt. Es gibt Tassen, Kissen und Plüschfiguren mit dem Motiv des stupsnasigen Maulwurfs, aber dabei soll es nicht bleiben. „Wir sind offen für neue Partnerschaften auf noch nicht besetzten Märkten und für eine innovative Nutzung des Maulwurfs auf bestehenden Märkten“, heißt es auf Milerovás Firmen-Website. Denkbar seien Kinderkleidung, Spielzeug, Sportgeräte, Musikinstrumente, Möbel, auch Essen und Getränke. Persönlich äußern möchte sie sich derzeit nicht. Als sie das Maulwurf-Imperium übernahm, gab sie eine Reihe von Interviews, für die sie regelrecht angefeindet wurde. Treue Fans erkannten ihren kleinen Maulwurf nicht wieder, und die Zeichentrick-Szene blickte abschätzig auf die junge Managerin, die sich am Allerheiligsten vergriff. Seitdem ist sie zurückhaltend mit Interviews, zumal ihr Interesse ohnehin nicht dem Markt in Europa gilt. Sie arbeitet an einer Expansion nach China und geht mit strategischem Geschick vor.

Unlängst begleitete sie den tschechischen Präsidenten Miloš Zeman auf einer China-Reise, als Teil der offiziellen Wirtschaftsdelegation. Und weil der kleine Maulwurf auch in China große Sympathien genießt, wedelte der Staatspräsident höchstselbst bei einem Interview mit einer Maulwurf-Plüschfigur vor der Kamera des chinesischen Staatsfernsehens. Die begeisterten Chinesen kauften von Karolína Milerová die Nutzungsrechte; sie wollen dem Maulwurf zwecks besserer Identifikation des örtlichen Publikums einen Pandabären an die Seite stellen und die beiden gemeinsam durch ihre Abenteuer schicken.

Die Filme haben eine 3-D-Anmutung, die Farben leuchten unwirklich grell, und irgendwie wirkt der kleine Maulwurf in seiner chinesischen Welt so unpassend, als habe sich ein Europäer in einen Manga-Film verirrt. Geschäftlich aber, da ist man sich daheim in der Prager Zeichentrick-Szene sicher, ist der kleine Maulwurf der wohl größte Erfolg der Gegenwart – sofern der Erbstreit jetzt nicht wichtige Schrauben in der gut geölten Vermarktungsmaschinerie lockert.

Zeichentrick lebt im Computerspiel wieder auf

Der Wandel, der die tschechoslowakischen Zeichentrickfilme mit der politischen Wende hinwegraffte, war ähnlich radikal wie in anderen aussterbenden Branchen des ehemaligen Ostblocks. Der Staat stellte auf einen Schlag die gewohnte Rundum-Versorgung für die Unternehmen ein, das Geld wurde dringend an anderen Stellen benötigt. Wenn heute staatliches Geld in die Kreativindustrie fließt, dann über die Filmförderung. Dort gibt es inzwischen wieder Geld für animierte Filme, aber längst nicht mehr so viel wie früher. Die größte Förderung betrug zuletzt 40 Millionen Kronen, umgerechnet etwa 1,5 Millionen Euro. Hinzu kommen kleinere Nischen-Dotierungen, bei denen es um ein paar Hunderttausend Euro geht. In der Branche ist man dankbar für diese Mittel, denn es gab Jahre, in denen sich die öffentliche Hand ganz aus den animierten Filmen herausgehalten hatte.

„Wer heute von der Filmschule kommt, sieht natürlich, dass es für die klassischen animierten Filme kaum noch Geld gibt“, sagt Jakub Dvorský. Vor einigen Jahren war er selbst in dieser Situation – und entschied sich für einen Weg, der damals noch ungewöhnlich war. Er gründete seine Firma Amanita Design, die Computerspiele entwickelt. Heute empfängt er in einem Prager Altbau mit Fischgrät-Parkett und Doppelflügeltüren, die Haare zerzaust und der Vollbart auch. „Was wir machen“, sagt er, „ist klassische Animation. Die Technik, die hinter den Spielen steht, die optische Anmutung – das ist alles wie beim Zeichentrickfilm.“ Nur eben dass er die alte Welt in die neue Zeit überträgt: Der Zuschauer wird zum Akteur, er steuert die Handlung und schickt den Helden durch seine Abenteuer.

Samorost heißt das bisher erfolgreichste Spiel von Amanita Design, Machinarium ein anderes, und sie haben mit all den Ballerspielen, Autorennen und Fußballsimulatoren der Games-Szene nichts gemein. Dvorský entwickelt mit seinen Kollegen, fast alle studierte Filmanimatoren, neue Welten, die unverkennbar nach Zeichentrick aussehen. Mal landet der Held in einem technischen Kosmos, der aussieht wie der gigantisch vergrößerte Maschinenraum eines Ozeandampfers, voller rostiger Rohre, Treppen, Geländer, Ventilatoren und Schrauben. Dann steht er in einer opulent gezeichneten Landschaft, die an einen indischen Teegarten erinnert, und überall muss er kleine Aufgaben lösen. Sterben kann der Held bei Jakub Dvorský nie, es geht nicht um Geschwindigkeit oder hohe Punktzahlen.

Kritiker bejubeln die Spiele, die unter den sogenannten Indie-Games weltweit Kultstatus genießen. Von der neuesten Samorost-Version sind etliche Millionen Kopien verkauft worden, genaue Zahlen will Dvorský nicht nennen. Nur so viel: Etwa ein Prozent setze er in Tschechien ab, den Rest in Westeuropa, den USA, in Russland und China.

Es ist der erste globale Erfolg der Zeichentrick-Branche seit den Zeiten des kleinen Maulwurfs. Natürlich könnte man einwenden, dass Computerspiele nicht viel mit Filmen gemeinsam haben. Aber andererseits: Findig waren sie von Anfang an, die tschechischen Animateure – und was ist schon ein Wechsel des Mediums, wenn man dadurch der Welt zeigen kann, dass die Großmeister von einst ihren Biss nicht verloren haben? ---