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Der Schwarzbau

Die Geschichte eines Mannes, der ein Haus kaufte, das es gar nicht geben dürfte.




• Es könnte ein Idyll sein. Ein Häuschen zwischen Buchen und Eichen, ringsum mehr Rehe als Nachbarn, und auf der kleinen Lichtung im angrenzenden Wald langweilt sich ein Hirsch. Wer hier rauszieht, in den äußersten Westen Deutschlands, wo der Rhein in die Niederlande fließt, der sucht und findet Frieden. Könnte man meinen.

Jörg Schneider-Maessen

Doch wer mit Jörg Schneider-Maessen, dem Eigentümer des Idylls, hierherkommt, erfährt das Gegenteil. Eben war er noch der sanfte Familienvater, der seine Kinder zum Abschied küsst und jeden Rentner auf dem Marktplatz grüßt, schon geht hier draußen sein Atem kurz und stoßend, der Kiefer fest wie Stahlbeton und die Hände zu Fäusten geballt, die sich erst zur Heimfahrt wieder lösen werden. „Es ist gut, dass wir weggezogen sind“, sagt er, nachdem er wie eine wütende Bulldogge die Grenzen seines Besitzes abgelaufen ist. Seine Wut wirkt fehl am Platz, denn weit und breit ist kein Gegner auszumachen.

Angefangen hat alles im April 2002. Da ist er 30 Jahre alt und bleibt beim morgendlichen Zeitunglesen an einer nüchternen Anzeige hängen: ehemals als Dienstwohnung genutztes Wohnhaus aus den Fünfzigerjahren, frei stehend, 900 Quadratmeter Grundstücksfläche. Der Preis steht nicht dabei, dafür aber eine Telefonnummer seines Heimatkreises Kleve in Nordrhein-Westfalen.

Schneider-Maessen arbeitet damals als Projektmanager bei einem niederländischen Fernsehsender und verdient gut. Er hat jeden Monat etwas Geld beiseitegelegt, seine Frau ebenfalls, und so wählt er die fünfstellige Telefonnummer, bekommt den Preis von 145 000 Euro genannt, fährt mit seiner Frau zur Besichtigung ins Grüne, ist angetan und unterschreibt am 10. Juni 2002 den Kaufvertrag, ohne über die Summe zu verhandeln.

Die Käufer wundern sich ein wenig über die dünne Aktenlage: Mehr als ein paar kopierte Bleistiftzeichnungen hat der Kreis ihnen nicht gegeben. Als Ingenieur kennt sich Schneider-Maessen gut genug mit technischen Zeichnungen aus, um zu wissen, dass die hier vorgelegten Dokumente bei einem von ihm verantworteten Projekt nicht ausgereicht hätten. Doch was kann schon schiefgehen, wenn man von einer Behörde kauft, denkt er sich.

Der junge Hausbesitzer hat vor dem Studium eine Ausbildung zum Schreiner gemacht und wohnt jetzt in einem renovierungsbedürftigen Haus. Dann wird seine Frau schwanger, bald kommt ein zweites Kind, als das dritte unterwegs ist, kündigt er und wird Hausmann. Wenn die Kinder noch schlafen, singt irgendwo ein Gartenrotschwanz, und wenn seine Frau von der Arbeit kommt, lauschen sie dem abendlichen Hämmern eines Schwarzspechts.

Tagsüber baut er am Haus, bis nur noch die Grundmauern dieselben sind wie beim Kauf; ein Abriss und Neubau hätte wohl weniger gekostet. Doch dafür wohnen sie jetzt auf 200 Quadratmetern mit Eichendielen im Haupthaus und einem mit Sibirischer Lärche verkleideten Flachdachanbau, der sich durch den Garten zieht. Die Geschichte könnte hier friedlich enden. Man würde sich vielleicht fragen, warum sie geschrieben wurde, doch hätte man das bald vergessen. Schneider-Maessen gäbe viel dafür, wäre es so. Doch so ist es nicht.

Rund zehn Jahre nach dem Kauf wird das Meißeln des Spechts immer öfter vom Treiben auf dem Bauhof nebenan übertönt. Dort lagert und wartet der Kreis seine Maschinen. Der Bauhof war vor den Schneider-Maessens da, in ihrem Kaufvertrag ist ihm sogar eine Klausel gewidmet: „Dem Käufer ist bekannt, dass sich auf dem Nachbargrundstück der Bauhof des Kreises Kleve befindet und dass für den Winterdienst Fahrzeuge gegebenenfalls auch nachts beladen werden und herausfahren müssen.“ Der sporadische Lärm im Winter war ihnen lange Jahre ein hinnehmbarer Preis für die Abgeschiedenheit im Grünen.

Doch die Arbeiten nehmen zu. Mal wird tagelang Grünschnitt zerkleinert, mal lastwagenweise Kopfsteinpflaster verladen. Was für einen Bauhof ganz normale Arbeiten sind, wird für die Familie zur Belastung. Dazu kommt, dass sich auch der Gartenbaubetrieb auf der anderen Seite des Grundstücks nicht mehr mit dem Umtopfen von Geranien begnügt, sondern hörbar wird.

An einem ungemütlicheren Wintertag dröhnen die Streufahrzeuge von morgens vier Uhr bis in die Abendstunden, während der Gartenbauer ab sieben Uhr häckselt und planiert und anschließend die Schlagerkombo „Coconuts“ bis 23 Uhr im Gewächshaus probt. In solchen Nächten, mit kaum fünf Stunden Schlaf, hegt der Vater Zweifel am Idyll.

An dieser Stelle teilt sich die Geschichte auf. Wir folgen der Erzählung der Hausbesitzer. Denn der Kreis nennt das, was nun folgt, nur „dieser Sachverhalt“ und macht mit Verweis auf den Datenschutz keine Angaben.

Der Gegenschlag …

Da Schneider-Maessen keiner ist, der die Dinge auf die leichte Schulter nimmt, beginnt er, die Vorgänge seiner Nachbarn zu dokumentieren, erstellt Minutenprotokolle zu Ankunfts- und Abfahrtszeiten, misst den Lärm, fotografiert die Arbeiten. Man könnte es gewissenhaft nennen oder pedantisch; Schneider-Maessen sagt dazu „meine perfektionistische Art“. Sicher jedoch kann man sagen, dass er seinen Nachbarn damit gehörig auf die Nerven geht. Ihm geht es mit ihrem Lärm nicht anders. Letztlich stehen sich hier zwei Parteien gegenüber, die nicht an denselben Ort gehören. Eine Familie und ein Bauhof – das ist keine gute Kombination.

Doch nun ist es, wie es ist – und jeder hat seine Rechte: Der Bauhof darf natürlich Kopfsteinpflaster verladen, und die Familie darf in ihrem Wohnhaus – auch außerhalb eines normalen Wohngebiets – die Einhaltung bestimmter Lärmobergrenzen erwarten. Da der Bauhof von seinem Recht Gebrauch macht und Schneider-Maessen sich mit seiner Bitte um Ruhe nicht erhört fühlt, klagt er. Der Fall ist bestens dokumentiert, der Kläger hat ordnerweise Belege und wird, nach eigener Aussage, von der Richterin für seine Akribie gelobt. Sicher macht er sich mit diesem Schritt nicht beliebter, denkt er sich, doch er sieht keinen anderen Weg. Er glaubt an die ordnende Hand des Rechts und wartet auf Antwort.

Die kommt im Juli 2015 – und haut ihn um. In einem Schreiben lässt ihm der Kreis durch seine Anwälte in sachlichem Ton mitteilen, dass plötzlich Unterlagen aufgetaucht seien, die belegten, dass sein Haus gar keine Baugenehmigung habe, sein derzeitiges Wohnen dort also lediglich geduldet sei. Das heißt im Grunde auch, dass er keinerlei Ansprüche an seine Nachbarn stellen könne. Schneider-Maessen studiert die Passage immer wieder, er sucht nach dem überlesenen Wort, das den absurden Sätzen Sinn verleiht, doch er findet ihn nicht. Fassungslos steht er vor dem Schreiben, während sich das Idyll um ihn herum in einen unverkäuflichen Albtraum verwandelt.

Verkaufen kann er sein Haus nun nämlich nicht mehr. Denn jetzt, da das Fehlen der Genehmigung aktenkundig ist, muss jeder Interessent darüber unterrichtet werden. Und wer würde bei Trost ein Haus kaufen, in dem er nur von der Kreisverwaltung geduldet wäre? Was, wenn der Kreis morgen den Abriss fordern würde? Der 43-Jährige lebt plötzlich in einem Haus, in dem er nicht mehr wohnen will, weil es ihm zu laut ist, das er aber nicht verkaufen kann, weil eigentlich niemand darin wohnen darf.

Keine gute Idee: Wohnen neben einem Bauernhof (hinten im Bild)

… und seine Folgen

Die Wurzel des Übels liegt im Jahre 1950. Damals wurde das Haus von der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft „Rheinisches Heim“ als „Nebenerwerbsstelle Thamm“ für einen Lehrer errichtet, der sein mageres Gehalt mit etwas Forstwirtschaft aufbessern musste – dummerweise, ohne vorher um Genehmigung zu ersuchen. Als die Gesellschaft im September 1950 einen nachträglichen Bauantrag einreicht, bekommt sie ein halbes Jahr später vom Landkreis die unmissverständliche Antwort: „Eine nachträgliche Baugenehmigung kann nicht erteilt werden.“

Dieser Umstand scheint dann vergessen worden zu sein, denn in den Jahren 1968, 2008 und 2012 wurden Umbauten des Wohnhauses genehmigt. An der Ursünde der fehlenden Erstgenehmigung ändert das aber nichts. Hinzu kommt, dass das Haus im sogenannten Außenbereich steht, wo das Wohnen fast nie genehmigt wird, um das Zersiedeln der Landschaft zu verhindern.

„Die haben uns das doch verkauft, was haben die mit uns vor?“, fragt sich der Hauseigentümer bis heute, und sein rheinischer Singsang wird dabei immer leiser. „Das muss doch gelöst werden“, sagt er, „die sind es doch, die einen Fehler gemacht haben, dann müssen die den doch auch beheben.“ Er ist Ingenieur, ein Problem muss für ihn in eine Lösung münden. Um den Fall zu klären, organisiert er im November 2015 ein Treffen mit dem Kreis. Am Kopfende des Tisches sitzt laut Jörg Schneider-Maessen der einstige Allgemeine Vertreter des Landrats, Wilfried Suerick. Der damals 72-Jährige, den die Lokalmedien gern „graue Eminenz des Kreises“ nennen und der für den Kreis damals beratend tätig ist, soll dabei der Familie mit Klagen gedroht haben, sollte sie nicht Ruhe geben. Im Sommer 2016 engagiert Schneider-Maessen einen Mediator, telefoniert mit der amtierenden Allgemeinen Stellvertreterin des Landrats, doch zu einem Treffen kommt es nicht.

Auf Nachfrage der SPD-Kreistagsfraktion schreibt der Landrat Wolfgang Spreen im September 2017, dass eine nachträgliche Baugenehmigung für dieses Haus nicht erteilt werden könne, weil es im Außenbereich liegt. Von der fehlenden Baugenehmigung habe der Kreis zum Zeitpunkt des Verkaufs nichts gewusst und erst im Zuge eines verwaltungsgerichtlichen Verfahrens im Jahr 2016 davon erfahren. Auf die Frage, ob die übrigen Gebäude des Bauhofs, die teils zur gleichen Zeit errichtet wurden und vor seiner Teilung auf demselben Grundstück standen, Baugenehmigungen hätten, antwortet er: „Der Genehmigungsvorgang (…) liegt mir nicht vor. Entsprechend meiner Recherchen ist davon auszugehen, dass dieser im Zuge eines Brandes des Bauamts Mitte der Sechzigerjahre vernichtet wurde.“

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Düsseldorf über Schneider-Maessens Klage steht seit 2015 aus. Es ist beschäftigt, auch mit Asyl-Anträgen von Menschen, die hier nur geduldet sind. Bei Schneider-Maessen geht es lediglich um ein Haus – doch das ist ihm kein Trost, existenziell sei sein Problem schließlich auch. Selbst wenn er eine Rückabwicklung erstreiten würde, bekäme er nur den Kaufpreis erstattet. Die sechsstelligen Umbaukosten blieben verloren. Das wäre der Ruin der Familie. „Wir wollen doch nur geregelte Verhältnisse, ein Haus mit ordentlichen Papieren, uns würde schon ein dauerhaftes Wohnrecht reichen“, sagt Schneider-Maessen. „In keiner größeren Stadt könnte die Verwaltung sich so stur stellen, das kann sich nur ein Kreis leisten, der in Gutsherrenmanier geleitet wird“, sagt sein Anwalt Eberhard van Kell.

Immerhin: Im Mai 2017 schafft die Familie den Absprung und bezieht ein kleines Mietshaus in der Altstadt von Kalkar, zwölf Kilometer östlich des Bauhofs. Ein ganz normales Wohngebiet mit ganz normalen Nachbarn. „Nichts Besonderes“, sagt Schneider-Maessen, „herrlich.“ In seinem eigenen Haus wohnen nun Mieter, deren Lebenswandel besser mit den Nachbarn harmoniert. Neulich hat er mit seiner Familie Urlaub auf Rügen gemacht. „Da haben wir drei Wochen lang nicht an das Haus gedacht“, sagt er, „das hatten wir seit Jahren nicht mehr.“

Nur manchmal schreckt er nachts noch hoch, wenn ein Jugendlicher über das Kopfsteinpflaster von Kalkar rast, dann sieht er Trugbilder von Kipplastern im Dunkeln und sinkt erst allmählich, nachdem er sich versichert hat, nicht mehr in seinem Haus zu wohnen, wieder zurück ins Kissen. ---