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Naturamus

Wer anderen hilft, dem wird geholfen. Das ist die Devise des Rohstoffeinkäufers Ralf Kunert. Die Objekte seiner Begierde sind Wollfett, Nüsse und Rosenblüten.




• Das Ergebnis von fünf Jahren Mühe glänzt fettig und riecht wie ein Wollpullover. Ralf Kunert stellt die Glasflasche mit der gelblichen Masse auf den Massivholztisch in seinem Büro. „Lanolin“, steht auf dem Etikett. „Ein toller Rohstoff“, sagt er, und als Kunert die Geschichte erzählt, wie er an das Fett gekommen ist, ergibt seine Begeisterung Sinn. Kunert ist Einkäufer. Aber er beschäftigt sich jeden Tag mit viel mehr als nur mit Mengen und Preisen. Er ist Stratege, Berater, Unterstützer, Förderer, und vor allem ist Kunert eines: neugierig. „Wie kann ich das anders lösen?“, ist eine Frage, die er sich häufig bei der Arbeit stellt. Ohne sie wäre er wohl nicht an das Lanolin gekommen.

Das Fett trägt auch den Namen Wollwachs, es handelt sich um den Talg von Schafen. In ihrem Fell schützt das Lanolin die Tiere vor Kälte und Nässe. Kunert kauft es als Grundlage für Lippenstifte, Fußcremes und Heilsalben. Viele Kosmetikhersteller verwenden Wollwachs, aber was es bislang auf dem Markt gab, war Kunert nicht gut genug. Er wollte Bioware. Denn das Unternehmen, für das er einkauft, will am liebsten alles in Öko.

Also suchte er danach, rief Händler und Experten an. Immer bekam er dieselbe Antwort: Gibt’s nicht in Bio. Kunerts Suche nach chemiefreiem Wollwachs hätte schnell vorbei sein können. Stattdessen lehrte sie ihn viel darüber, wie Wolle verarbeitet wird, und führte ihn nach Patagonien. Von der weiten windigen Landschaft, den Straßen, die 50, 60, 70 Kilometer durchs Nichts führen, erzählt er mit Begeisterung. Überhaupt kann Kunert sehr von seiner Arbeit schwärmen, von Indien, Afghanistan, Kenia und den vielen anderen Besuchen bei Lieferanten, aber auch davon, wie er Schritt für Schritt eine Lieferkette auseinandernimmt – so wie beim Lanolin.

Der 49-Jährige leitete fast zehn Jahre lang den Einkauf von Wala, einem Hersteller von homöopathischen Arzneimitteln und Naturkosmetik. Seit 2014 ist er Geschäftsführer der für den Rohstoffhandel des Unternehmens gegründeten Tochter Naturamus. Sie kauft die Produkte ein, die Wala nicht im eigenen Garten und auf den eigenen Feldern anbauen kann. Ein aufwendiges Unterfangen, denn auf den eigenen Flächen produziert das Unternehmen biologisch-dynamisch mit viel Handarbeit. Wo immer möglich, soll das auch für die Fette, Öle, Nüsse und ätherischen Öle gelten, die Kunert aus aller Welt beschafft – und wo es unmöglich scheint, versucht Kunert mit Geduld, Kreativität und durch Zuhören einen Weg zu finden. „Ich arbeite seit fast 14 Jahren für Wala. Trotzdem lerne ich jeden Tag etwas Neues“, sagt er.


„Wie kann ich das anders lösen?“, ist eine Frage, die sich Kunert häufig bei der Arbeit stellt.

Wo es Öko-Schafe gibt, müsse es doch auch Öko-Lanolin geben, so die Ausgangsüberlegung, durch die Kunert auf Patagonien kam. Denn das Lanolin steckt nach dem Waschen der geschorenen Wolle im Waschwasser. Zentrifugiert man es, bleibt eine stinkende braune Masse übrig: das Wollwachs, aber noch voller Dreck. Es muss noch gereinigt werden, normalerweise durch chemische Prozesse mit Lösungsmitteln. Kunert konnte jedoch einen Betrieb in Patagonien überzeugen, Lösungsmittel durch biologische Laugen und Säuren zu ersetzen.

Endlich hatte er sein Wollwachs – und fand dennoch bei Labortests Insektizide darin. So lernte Kunert wieder etwas Neues: Auch ökologisch korrekt gehaltene Schafe dürfen gegen Parasiten mit Insektiziden eingesprüht werden. Das Lanolin, nach dem er fünf Jahre gesucht hatte, muss nun in Deutschland noch einmal gereinigt werden, um die letzten Schadstoffe herauszufiltern. Danach ist es rein – aber Kunert noch nicht komplett zufrieden. Sein Qualitätsanspruch geht über das hinaus, was das bloße Auge erkennen oder Laborgeräte messen können. Für ihn steckt die Güte nicht im Ergebnis, sondern im Prozess. Darum hat er ein neues Ziel: dafür zu sorgen, dass die Schafe auf der Weide nicht mehr mit Insektiziden eingesprüht werden müssen. Eine Tierärztin sucht nun in Argentinien nach anderen Möglichkeiten, die Parasiten von den Schafen fernzuhalten. „Bis wir eine Lösung haben, kann das aber noch zehn Jahre dauern“, sagt Ralf Kunert.

Lieber alles selbst machen

Sein großer Vorteil: Er hat Zeit für solche Projekte. Weil Wala auf die langjährige Zusammenarbeit mit Produzenten und Lieferanten setzt und weil das Produktsortiment sich kaum verändert. Die Tagescreme mit Rosenblütenauszügen oder die Gesichtswaschcreme mit Mandelmehl gibt es beispielsweise schon, seit die nach dem Unternehmensgründer benannte Kosmetiklinie Dr. Hauschka vor 50 Jahren auf den Markt kam – damals noch als Nischenprodukt.

Während Kunert in Hemd und Allwetterjacke auf dem Weg zum Mittagessen den firmeneigenen Garten durchquert, benennt er die verschiedenen Pflanzen: Ringelblumen, Alraunen, Zaubernuss. Er erklärt, warum die roten Beeren der Berberitze säuerlich schmecken und vasokonstringierend wirken – sie verengen die Gefäße. Der Chemiker Rudolf Hauschka hat Wala 1935 gegründet, um Präparate aus Heilpflanzen und Kräutern herzustellen. Dem Gründungsgedanken sind sie in Eckwälden am Rand der Schwäbischen Alb treu geblieben, 2016 haben sie mit 1000 Mitarbeitern rund 132 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Die etwa 150 verschiedenen Kräuter, Blumen und Sträucher aus dem Heilpflanzengarten werden im anliegenden Labor in homöopathischen Mitteln und in Naturkosmetik verarbeitet, genauso wie Ringelblumen und Wundklee von den Feldern eines ebenfalls zum Unternehmen gehörenden Demeter-Bauernhofs. „Wala hat diese unglaubliche Tendenz, die Sachen selbst zu machen“, sagt Kunert. Überhaupt macht das Unternehmen einiges anders als andere: Es folgt anthroposophischen Werten. Wirtschaft soll den Menschen dienen, Gewinn kein Selbstzweck sein.

Wala hat bereits biologisch und fair produziert, als sich noch niemand für Mikroplastik und Arbeitsbedingungen in Indien interessierte. Inzwischen sind das Themen, die viele wichtig finden, vor allem wenn es um die Hautpflege geht. 1,15 Milliarden Euro wurden 2016 in Deutschland mit Naturkosmetik umgesetzt, innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich das Marktvolumen fast verdoppelt. In den Regalen der Drogerien und Apotheken stehen inzwischen die Tiegel und Tuben etlicher Wettbewerber. Und nicht nur in Deutschland ist Bio ein Trend. „Wenn ich höre, dass andere Probleme haben, Waren zu bekommen, weil alles in die USA geht, bin ich froh, dass wir anders arbeiten“, sagt Kunert.

„Auf dem Kosmetikmarkt ist gerade viel in Bewegung“, sagt Elfriede Dambacher, die Unternehmen aus der Branche berät. Sie beobachtet seit einigen Jahren in der gesamten Kosmetikindustrie eine Rückbesinnung auf natürliche Wirkstoffe. „Die Rohstoffsicherheit wird darum zunehmend ein wichtiges Thema.“ Konzerne könnten ganze Regionen unter Vertrag nehmen. „In Beschaffungsländern wie Afrika und Südamerika findet geradezu ein Verdrängungswettbewerb statt.“

Kunert hat Wala auf überraschend intuitive Art dagegen gewappnet: durch Verlässlichkeit. Denn für den Lanolin-Hersteller beispielsweise lohnt sich die Bio-Umstellung nur, wenn er auf Kunert vertrauen kann. Bio macht mehr Arbeit: Man muss ein neues Waschverfahren einführen, das die biologische von der konventionellen Ware strikt trennt. Eigentlich zu viel Aufwand für die gerade mal sechs Tonnen, die Wala im Jahr abnimmt, auch wenn Kunert einen höheren Preis zahlen kann als andere.

Das ist einer der Gründe, warum es Naturamus gibt: Das Unternehmen beschafft nicht nur Rohstoffe für Wala, es vermarket sie auch an andere und selbst an Konkurrenzunternehmen. So kann Kunert dem argentinischen Produzenten mehr Lanolin abnehmen. Interessenten, die selbst schon eine Weile nach Bio-Wollwachs gesucht haben, hat er schon. „Mit dem Tochterunternehmen senken wir die Hemmschwelle, indem wir suggerieren: Du kaufst es nicht bei deinem Wettbewerber.“

Es muss passen

Die Idee für eine Tochtergesellschaft wie Naturamus kam schon auf, als Kunert bei Wala anfing und zum ersten Mal den Unternehmenschef Johannes Stellmann traf. Kunerts Bewerbung vor fast 14 Jahren resultierte aus Zufällen und seiner Neugier. Die landwirtschaftliche Genossenschaft, bei der er zuvor gearbeitet hatte, war verkauft worden, und Kunert und seine Kollegen sollten nach München umziehen. Doch er wollte nicht weg aus der Region bei Stuttgart, und er wollte nicht einer von plötzlich mehr als 10 000 Mitarbeitern sein. Da suchte Wala zufällig einen Einkaufsleiter. Kunert, der vorher nichts mit der anthroposophischen Lehre zu tun hatte und der aus der konventionellen Landwirtschaft kam, sagte: „Find’ ich spannend.“ Dann begann er, den Einkauf umzubauen.

Das fünfköpfige Team disponierte damals nur, klassischer Einkauf, der kaum darüber hinausging, die Produktion sicherzustellen. Einer kümmerte sich um längerfristige Projekte. „Das hat aus meiner Sicht nicht so gut funktioniert“, sagt Kunert. Er richtete den Einkauf strategischer aus, mit einem starken Fokus auf die engen Partnerschaften mit wichtigen Lieferanten und auf Entwicklungsprojekte, und bereitete so die Gründung von Naturamus vor.

Bis das Tochterunternehmen Form annahm, dauerte es jedoch einige Jahre. „Ich wollte sicher sein, dass wir einen Mehrwert bieten können“, sagt Kunert, also Produkte und Verfahren, die es auf dem Markt sonst nicht gab. „Und ich habe immer wieder nachgefragt, weil mich diese Vision sofort begeistert hat“, ergänzt Stellmann. Die beiden siezen und vertrauen sich.

So wie damals vor gut drei Jahren, als Kunert einem jungen Unternehmen, das in Kenia mit Kleinbauern Macadamia-Nüsse anbaute und unbedingt Geld zur Vorfinanzierung der Ernte brauchte, ein zinsfreies Darlehen über 100 000 Euro geben wollte. Kunert hatte den Gründer Matti Spiecker auf einer Messe kennengelernt, als er dringend einen neuen Macadamia-Lieferanten brauchte. Von Spieckers Geschäftsmodell war er begeistert: die Qualität der Nüsse! Faire Bezahlung für die Bauern! Ein System, mit dem sich zurückverfolgen lässt, woher die Nüsse stammen.

Er schwärmte Stellmann von den Macadamia-Bäumen vor, die in Mischkulturen wuchsen – zwischen Ananas, Avocado-Bäumen, Maniok und Kaffee –, und kaum bewässert und nicht gespritzt wurden. „Herr Kunert, diese Initiative unterstützen wir“, sagte der Wala-Chef. Wenige Tage später war der Vertrag fertig, und Spiecker hatte das Geld auf dem Konto.

„Er hat sofort verstanden, was wir machen und wo unsere Probleme liegen“, erinnert sich Spiecker an das erste Treffen mit Kunert. „Da war sofort ein großes Vertrauen in das, was wir tun. Vollkommen unkompliziert.“ Kunert war damals nicht der Einzige, der Interesse an Spieckers Nüssen hatte. Aber er war der Einzige, der nachfragte, wie er Spiecker helfen konnte.

„Man kann nicht erwarten, dass einem herausragende Qualität von selbst vor die Füße fällt. Dafür muss man etwas tun“, sagt er.

Er sieht sich weniger als Einkäufer und mehr als Möglichmacher, als Unterstützer seiner Lieferanten. Nach diesem Prinzip hat er afghanischen Bauern in einem Projekt der Deutschen Welthungerhilfe Rosensetzlinge überlassen. Die Bauern lernten, die Damaszener-Rosen anzupflanzen und aus ihnen das wertvolle Öl zu destillieren. Obwohl es keinen Exklusivvertrag gab und die afghanischen Rosenbauern auch die Möglichkeit gehabt hätten, an andere zu verkaufen, bleiben sie Kunert seit Jahren treu, so wie viele andere Lieferanten.

„Eigentlich sind wir die totalen Egoisten“, sagt Ralf Kunert. „Würde es uns nicht nutzen, würden wir nicht so einen Aufwand betreiben.“ ---