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Was wäre, wenn … es nur noch Elektroautos gäbe?

Ein Szenario.





• Etwa 40.000 Elektroautos fahren derzeit auf Deutschlands Straßen. Das sind 0,09 Prozent der mehr als 45 Millionen insgesamt zugelassenen Fahrzeuge. Weltweit hatten im vergangenen Jahr 750.000 oder weniger als ein Prozent aller verkauften Neuwagen einen Elektromotor, etwa die Hälfte ging an Kunden in China. Verbrennungsmotoren sollen dort in den kommenden Jahren nach und nach verboten werden. Das verkündete die Regierung, ohne allerdings einen genauen Zeitpunkt für das komplette Verbot zu nennen. Frankreich und Großbritannien sind da präziser und wollen Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2040 nicht mehr zulassen, Indien ab 2030, Norwegen bereits ab 2025.

Wie wird das aussehen? Was wäre, wenn alle derzeit 1,3 Milliarden weltweit fahrenden Autos bereits über leistungsfähige Akkus statt eines Otto- oder Dieselmotors verfügten? Ein Szenario:

Aktuell wird etwa die Hälfte eines Barrels Öl für die Herstellung von Autokraftstoffen verwendet. Dafür gibt es dann keine Abnehmer mehr. Eine schlechte Nachricht für Erdöl exportierende Länder und eine gute für alle, die weniger von diesen Staaten abhängig sein wollen.

Auch die Ölkonzerne bekommen Probleme: „Ich sehe derzeit nicht, dass die Mineralölindustrie ernsthaft alternative Geschäftsmodelle bereithält“, sagt Jens Schippl vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe. „Die meisten von ihnen wurden vom Thema Elektromobilität auf dem falschen Fuß erwischt, auch wenn inzwischen Konzerne wie Shell und Total dabei sind, in den Aufbau einer Ladeinfrastruktur einzusteigen. Gleichzeitig wird es in diesem Markt aber sicherlich viele neue Akteure geben.“ Zum Beispiel Supermarktketten, die ihren Kunden das Auto aufladen, solange diese bei ihnen einkaufen. Noch ist dieser Service kostenlos. Wenn nur noch Elektroautos fahren, bezahlt man das Laden vielleicht gleich mit seinen Einkäufen an der Kasse.

Tankstellen werden in ihrer ursprünglichen Funktion überflüssig, denn Elektroautos nehmen Strom dort auf, wo sie sowieso regelmäßig längere Zeit stehen: zu Hause, auf dem Firmenparkplatz oder eben vor dem Supermarkt. Hatten sich die Tankstellen aufgrund der niedrigen Margen beim Kraftstoff ohnehin immer mehr zu Mini-Supermärkten entwickelt, setzen sie nun ganz auf das Geschäft mit Getränken, Süßigkeiten oder Tabakwaren. In den USA kommen schon heute deutlich mehr als 50 Prozent aller Zigarettenkäufe in Tankstellen zustande, schreibt der Analyst Benedict Evans vom Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz.

Einige Autobahnraststätten bleiben als Pausenstationen vielleicht auch ohne die dazugehörigen Tankstellen erhalten. In jedem Fall werden aber die 40 Milliarden Euro an Steuereinnahmen wegfallen, die die Energiesteuer (früher Mineralölsteuer) jedes Jahr einbringt. Der Strombedarf in Deutschland wird sich durch eine vollständige Umstellung auf E-Autos um rund ein Viertel erhöhen.

Eine weitere erhebliche Veränderung: Die Umstellung auf Elektromotoren reduziert die Zahl beweglicher Teile in einem Auto auf einen Bruchteil. Zum Beispiel fällt das Getriebe komplett weg. „Ein Achtzylindermotor hat 1200 Teile, die montiert werden müssen, ein Elektromotor 17“, rechnete der BMW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Manfred Schoch einmal vor. In der Fertigung gibt es also für Menschen und Maschinen deutlich weniger zu tun.

Zugleich wird sich der Verschleiß und somit der Wartungs- und Reparaturaufwand drastisch verringern. Kfz-Werkstätten werden also weniger Arbeitsstunden berechnen können und weniger an Ersatzteilen verdienen. Zwar kann auch bei einem Elektroauto die Achse brechen oder der Kotflügel eine Beule bekommen – Schätzungen zufolge entsteht jedoch die Hälfte aller Pkw-Reparaturkosten derzeit durch den Verbrennungsmotor.

Die Lebensdauer eines Elektromotors gilt – abgesehen vom Akku, der beim gegenwärtigen Stand der Technik nach einer gewissen Zeit ausgetauscht werden muss – als deutlich länger als die eines Benziners. Das hat wiederum zur Folge, dass Elektroautos seltener verschrottet und neu angeschafft werden müssen – sieht man von denjenigen Käufern ab, die ein Auto als Statussymbol erwerben.

Autobatterien als Stromspeicher

Analysten der Schweizer Großbank UBS sagen voraus, dass im kommenden Jahr Elektroautos in Anschaffung plus Unterhalt mit Verbrennern gleichziehen werden. Das liege an steigenden Stückzahlen und drastisch sinkenden Preisen für Batterien: Musste man 2010 noch rund 1000 US-Dollar pro Kilowattstunde bezahlen, sind es inzwischen um die 200 Dollar.

Das führt zu neuen Umweltproblemen: „Batterien haben den Nachteil, dass sie sehr viel Energie bei der Produktion benötigen und schwierig zu entsorgen oder zu recyceln sind“, sagt der ITAS-Experte Schippl. „Außerdem kommt es natürlich darauf an, ob der verwendete Strom aus Kohlekraftwerken oder Windenergie stammt. Aber unter dem Strich und bei einem guten Strom-Mix ist E-Mobilität den mit fossilen Brennstoffen angetriebenen Fahrzeugen weit überlegen.“

Eine Möglichkeit, Batterien weiterzuverwenden, deren Leistungsfähigeit für Autos nicht mehr ausreicht, ist beispielsweise, sie als Notstromspeicher für Firmen oder Krankenhäuser einzusetzen, wo sie für Stromausfälle vorgehaltene Dieselgeneratoren ersetzen können.

Die Luft wird besser

Allein in den USA sterben jährlich 53 000 Menschen an den Folgen von Autoabgasen, das sind rund anderthalbmal so viele wie die 34 000 Verkehrstoten. Neben dem CO2-Ausstoß sinkt auch die Feinstaubbelastung. Komplett verschwinden wird Letztere aber auch bei einer reinen Elektroflotte nicht: Denn nur ein Teil des Feinstaubs entsteht durch Abgase. Für den Rest sind Bremsen, Reifen und Straßenabrieb sowie die Aufwirbelung von Staub auf dem Asphalt verantwortlich.

Ähnlich verhält es sich mit dem Verkehrslärm. Auch er nimmt ab, wenn statt brummender Benziner und Diesel nur noch Elektrofahrzeuge durch die Straßen sirren. Doch je schneller ein Auto fährt, desto geringer ist der Anteil, den der Motor an der Geräuschkulisse hat – und umso größer wird der des Fahrtwinds. Gerade an schnell befahrenen Straßen könnte sich der Autolärm also weit weniger verringern als erhofft. „Eine ehemals stark belastete Straße wird nicht auf einmal zum beschaulichen Einkaufsparadies, wenn man auf E-Autos umschwenkt“, sagt Jens Schippl.

Den größten Vorteil für die Umwelt wird es ohnehin weder bei den Abgasen noch beim Lärm geben, sondern durch eine engere Verzahnung von Verkehr und Energiesystem. „Elektromobilität kann einen großen Vorteil für die Energiewende bringen“, sagt Schippl. Denn Solar- oder Windenergie wird nicht gleichmäßig ins Stromnetz eingespeist. Auch der Verbrauch variiert je nach Tageszeit sehr stark. „Gesteuertes Laden kann helfen, diese Schwankungen auszugleichen“, sagt er. „Mithilfe von einfachen Preissignalen lassen sich beispielsweise die Ladevorgänge in die Nacht verschieben, wenn viele Autos in den Wohngebieten geparkt sind und gleichzeitig viel überschüssige Windenergie zur Verfügung steht.“ ---