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Die Geschichte von Monopoly

Beim Monopoly gewinnt, wer seine Mitspieler ausnimmt. 
Das hatte sich die Erfinderin Elizabeth Magie Phillips ganz anders vorgestellt. 




• Als das Brettspiel Monopoly 1935 auf den Markt kam, stand ein einfacher Satz in den Regeln. „Der letzte Spieler, der übrig bleibt, gewinnt.“ Ohne es zu wollen, hat damit der Verlag Parker Brothers die Geschichte der Erfinderin Elizabeth Magie Phillips knapp zusammengefasst. Sie hatte das Spiel erfunden. Aber ein anderer wurde damit reich. Und das war nicht das Einzige, was sie ärgerte. So schildert es die Autorin Mary Pilon, die über Magie und Monopoly ein Buch geschrieben hat.

Elizabeth Magie Phillips lebte in Prince George’s County bei Washington, D. C. Tagsüber arbeitete sie als Stenografin bei der Post. Abends schrieb sie Kurzgeschichten und trat im Theater auf, beliebt waren ihre Comedy-Nummern. Sie nahm zudem regelmäßig an politischen Versammlungen teil, zu einer Zeit, als Frauen in den USA noch nicht wählen durften.

Magie war Anhängerin des Ökonomen Henry George. Der hatte 1879 ein Buch mit einem sperrigen Titel veröffentlicht: „Fortschritt und Armut. Eine Untersuchung über die Ursache der industriellen Krisen und der Zunahme der Armut bei zunehmendem Reichtum.“ Darin kritisierte er den amerikanischen Kapitalismus der Jahrhundertwende.

Der Ökonom machte für die Armut in den Städten zwei Dinge verantwortlich: das Landeigentum und die Monopole. Er schlug vor, sämtliche Steuern abzuschaffen, damit die Armen mehr von ihrem Lohn hätten. Einzige Ausnahme: die Steuer auf Grundbesitz. Land könne man nicht besitzen, glaubte George, es sei ein Allgemeingut wie Luft und Wasser. Da das Land aber bereits einigen wenigen gehöre, seien die Eigentümer hoch zu besteuern.

Dieses Werk hat sich seit seinem Erscheinen millionenfach verkauft. Es beeinflusste den Autor Leo Tolstoi, den Politiker Franklin D. Roosevelt und den Wissenschaftler Albert Einstein. In den USA entstand eine Bewegung, die sich auf George berief. Magie schloss sich ihr an.

Sie fragte sich, wie man dessen Ideen vermitteln könnte. Antwort: mit einem Spiel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Brettspiele bei der Mittelschicht gerade in Mode. Magie wollte ein Spiel erfinden, bei dem die Leute etwas über die Gesellschaft lernen konnten. Einen Namen dafür hatte sie schon: The Landlord’s Game, das Spiel des Grundeigentümers.

Sie begann, die Idee ihren Gleichgesinnten vorzustellen. 1902 schrieb sie einen Artikel darüber. „Das Spiel zeigt ganz praktisch, wie das System der Landnahme funktioniert, mit all seinen Folgen und Konsequenzen.“ Es könne auch „Spiel des Lebens“ heißen. Zu jener Zeit ging sie abends nicht mehr so oft aus. Stattdessen setzte sie sich mit Bleistift und Lineal nach Feierabend hin und erarbeitete die Regeln für das Spiel.

Am 23. März 1903 ging sie damit zum Patentamt und ließ das Spiel registrieren, zwei Jahre später gab sie es im Eigenverlag heraus.

Das Brett hatte eine quadratische Grundfläche, in einer Ecke befand sich das Armenhaus, in einer anderen der Park, in einer weiteren das Gefängnis. In der vierten Ecke brachte die Erfinderin eine Würdigung für Henry George unter: Dort war die Weltkugel eingezeichnet, darunter der Satz: „Wer die Erde bearbeitet, erwirtschaftet einen Lohn.“ Auf den Seitenlinien des Rechtecks waren jeweils neun Spielfelder. Man konnte bestimmte Felder mieten oder kaufen, auf weiteren wurden Wasser und Strom verkauft.

Magie hatte zwei Versionen für das Spiel vorgesehen. Die erste ging so: Die Spieler bewegten durch Würfeln ihre Figuren auf dem Brett, sie arbeiteten und verdienten Geld. Wer das Glück hatte, auf das Feld der Weltkugel zu kommen, erhielt 100 Dollar, weil er so hart gearbeitet hatte. Wer pleite war, landete im Armenhaus. Wer am Ende das meiste Geld gemacht hatte, war Sieger. Das war die monopolistische Variante.

Die antimonopolistische Fassung ging so: Geld wurde an alle ausgeschüttet, wenn Güter produziert wurden, alle profitierten also von einer florierenden Wirtschaft. Durch beide Versionen sollten die Spieler die Funktionsweise von Monopolen verstehen und eine kritische Haltung entwickeln.

The Landlord’s Game wurde vor allem an den Universitäten populär, aber es verkaufte sich nicht besonders gut. Die Studenten an der Wharton School of Finance and Economy liebten es ebenso wie jene in Harvard und an der Columbia University. Und auch bei der freikirchlichen Religionsgemeinschaft der Quäker in Atlantic City fand es Anhänger. Einer von ihnen sollte das Spiel groß machen.

Sein Name war Charles Darrow, er entdeckte es bei Nachbarn, die ihn zu einer Partie eingeladen hatten. Er war so davon begeistert, dass der Nachbar ihm eins bastelte, um ihm eine Freude zu machen.

Abend für Abend spielte Darrow nun mit seiner Familie. Irgendwann fragte er den Nachbarn, ob er eine Abschrift der Regeln bekommen könne. Der Nachbar wunderte sich, er hatte keine Regeln, er fragte, wozu Darrow sie brauche. „Ich möchte anderen das Spiel beibringen“, antwortete der. Also schrieb der Nachbar die Regeln für Darrow auf.

Darrow war arbeitslos, er versuchte sich und seine Familie irgendwie durchzubringen. In dem Spiel sah er seine Chance. Er kontaktierte den Verlag Parker Brothers und bot es ihm an. Und tatsächlich: Im März 1935 verkaufte er das Spiel an den Verlag für 7000 Dollar, plus einer künftigen Umsatzbeteiligung. Um keine Probleme mit Magie zu bekommen, kaufte Parker Brothers auch deren Rechte an dem Patent ab – für einmalig 500 Dollar. Magie war zufrieden, denn sie hoffte, dass damit die Ideen von Henry George endlich populärer werden würden.

Umso größer der Schock, als sie später im Prospekt des Herstellers ein Spiel fand, das Monopoly hieß und als „das großartige Finanzen-Spiel“ angepriesen wurde. In den Dreißigerjahren wurde Monopoly zu einem Bestseller. Bis Ende 1936 verkaufte sich das Spiel 1,8 Millionen Mal. Während Darrow bei jedem Verkauf kassierte, bekam Magie nichts. Sie fühlte sich betrogen.

Im Jahr 1936 beschuldigte sie Darrow in Interviews mit der »Washington Post« und dem »Evening Star«, ihr die Idee geklaut zu haben. Die inzwischen 70 Jahre alte Dame ließ sich mit dem Originalspielbrett fotografieren, um zu beweisen, dass sie die wahre Erfinderin sei. Es half nichts. „Wenn man die Rechtsanwaltshonorare, die Kosten für die Druckerei und die Gebühren des Patentamts zusammenrechnet“, so schrieb damals der »Evening Star«, „dann hat sie das Spiel mehr gekostet, als sie damit verdient hat.“

Elizabeth Magie Phillips starb im Jahr 1948. Weder in ihrem Nachruf noch auf ihrem Grabstein ist erwähnt, dass sie die Erfinderin von Monopoly ist. Auch der Hersteller hat lange daran festgehalten, dass die Geschichte von Monopoly erst 1935 begonnen habe – dem Jahr, als man es kaufte. ---

Zum Weiterlesen: Mary Pilon – The Monopolists. New York, 2015