Der große Plan

China geht seinen Aufstieg zum Hightech-Land strategisch an. Kann das gelingen? Und falls ja: Werden deutsche Unternehmen die großen Verlierer sein? Eine Antwort in sieben Thesen.





• China ist ein Land mit großen Plänen: 2020 sollen dort fünf Millionen E-Autos fahren. Fünf Jahre später will man dank der „Made in China 2025“-Strategie zu den Weltmarktführern in Hightech-Branchen wie Maschinenbau, Umwelttechnik und Biotech gehören. 2049 – zum hundertsten Jubiläum der kommunistischen Machtübernahme – soll China die „führende Industrienation“ sein, nicht zuletzt aufgrund der Initiative für eine „Neue Seidenstraße“, die den gesamten eurasischen Kontinent zu einem Wirtschaftsraum unter chinesischer Führung verbinden soll.

1. Chinesische Politiker denken viel langfristiger als deutsche.

Ob Umwelt-, Industrie- oder Geopolitik – für alle diese Felder formuliert Chinas Regierung Strategien. Wenn deutsche Politiker diese Blaupausen betrachten, reagieren sie oft mit Ehrfurcht und Neid. Denn Chinas Regierenden scheint viel von dem erspart zu bleiben, was hierzulande Frust verursacht: föderales Hickhack, europäischer Abstimmungsbedarf, Wahlzyklen, Formelkompromisse, Gerichtsverfahren zur Klärung, was der Staat darf oder nicht. In China, so scheint es, kann durchregiert werden. Nicht dass den Chinesen immer alles gelänge. Doch sie schaffen es immer wieder, dass sie Ideen nicht nur formulieren, sondern auch verwirklichen können.

Aus deutscher Sicht besonders relevant ist das Programm Made in China 2025, mit dem die Volksrepublik die Führungsrolle in wichtigen Zukunftsbranchen anstrebt, in denen traditionell deutsche Unternehmen besonders innovativ und erfolgreich sind, etwa Maschinenbau, Umwelttechnik, Luft- und Raumfahrt, Hochgeschwindigkeitszüge oder Elektromobilität. Das Programm sei eine „Kampfansage an Deutschland“, sagt Jost Wübbeke, Innovationsexperte am Mercator Institute for China Studies (Merics). „China plant langfristig und stellt schon heute die Weichen für den Wettbewerb in ferner Zukunft.“ Made in China 2025 sei ein Schlüsselbaustein der großen Reformvision, die Pekings Kommunistische Partei seit rund zwei Jahrzehnten verfolge: die Transformation vom Sweatshop der Welt zu einer innovationsgetriebenen Volkswirtschaft.

Die Instrumente, die Chinas Regierung dabei zur Verfügung stehen, sind ein starker Zentralstaat, ein großer Markt und sehr viel Kapital. Wie sich damit ganze Branchen aufrollen lassen, zeigt das Beispiel Hochgeschwindigkeitszüge. Statt sich in Abhängigkeit ausländischer Firmen zu begeben, wollte China das selbst machen. Ausländische Hersteller sollten nur Komponenten und Fachwissen liefern – und ließen sich dabei gut gegeneinander ausspielen. 2012 eröffnete zwischen Peking und Schanghai eine Hochgeschwindigkeitsstrecke mit in China gebauten Zügen. Seitdem geht es rasant voran (siehe Grafik Seite 100). Mit jedem Kilometer gewinnen die Chinesen an Erfahrung und brauchen weniger Teile aus dem Ausland.

Chinas nächstes Ziel ist der Weltmarkt. Mit den selbst entwickelten Hochgeschwindigkeitszügen hat man Ausschreibungen in Thailand, Laos, Indonesien, Malaysia, Mexiko, Ungarn und in der Türkei gewonnen. Das läuft vor allem über den Preis: Laut einer Studie der Weltbank kostet ein Hochgeschwindigkeits-Schienenkilometer in China zwischen 17 und 21 Millionen US-Dollar, in Europa dagegen zwischen 25 und 39 Millionen US-Dollar und in den USA sogar bis zu 56 Millionen US-Dollar. Allerdings: Reibungslos lässt sich das chinesische Erfolgsmodell nicht exportieren. Die meisten Projekte verzögern sich, manche werden eingestellt, weil die chinesischen Eisenbahnbauer vor Ort mit unabhängigen Gewerkschaften oder Gerichten kollidieren.

Doch auch solche Rückschläge sind Teil des chinesischen Lernprozesses. Die Volksrepublik nutzt ihr weltpolitisches Gewicht längst mit ähnlicher Chuzpe wie die Supermacht USA, um eigene Bündnisse und Institutionen zu schaffen. Die Seidenstraßen-Initiative, die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit oder die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank sind hierfür prominente Beispiele.

2. China setzt auf die Methode des smarten Verfolgers: Man kauft Innovationen, um sie selbst zu vermarkten.

Wettbewerbsfähige Unternehmen brauchen gute Ideen – aber sie müssen diese nicht unbedingt selbst haben. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatten chinesische (Staats-)Unternehmen Erfolg damit, Innovationen zu übernehmen und weiterzuentwickeln. China verfolgt eine Smart-Follower-Strategie. Dabei mussten die Unternehmen nicht einmal alle innovativen Ideen kopieren. Viele wurden ihnen frei Haus geliefert. „Das chinesische Modell basiert auf dem Versprechen: Bringt uns eure Technologie, dann profitiert ihr von unserem Markt“, sagt Rainer Frietsch, China-Experte am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. „Davon haben in der Regel beide Seiten profitiert.“ Mit Projekten wie Made in China 2025 wird sich das ändern: China möchte Technologie nicht nur nutzen, sondern beherrschen. Dazu gehört der Kauf innovativer Unternehmen in den USA und Europa.

Im Jahr 2016 sind Chinas Auslandsinvestitionen sprunghaft gestiegen. Weltweit waren es nach Berechnungen des Instituts Merics und der Beratungsfirma Rhodium Group mit 180 Milliarden Euro rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Europäischen Union stiegen die Übernahmen von Unternehmen oder Firmenanteilen gar um fast 80 Prozent auf 35 Milliarden Euro. In Deutschland kauften chinesische Investoren Firmen und Firmenbeteiligungen im Wert von 11 Milliarden Euro. Die Übernahme des bayerischen Roboterherstellers Kuka durch den Mischkonzern Midea war nur ein besonders spektakulärer Fall unter vielen. Unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle läuft gerade die nächste Übernahmewelle, insbesondere von Mittelständlern, die innovative Technik für Maschinenbau und vernetzte Produktion (Industrie 4.0), erneuerbare Energien, Elektromobilität und neue Materialien im Angebot haben.

Ziel der chinesischen Industriepolitik ist es, zentrale Glieder der Wertschöpfungskette zu besitzen. Ein Beispiel ist die Übernahme des deutschen Maschinen- und Anlagenbauers für Gummi und Kunststoffe KraussMaffei-Group durch Chinas größtes Chemieunternehmen ChemChina, Anfang des Jahres 2016 zum Preis von knapp einer Milliarde Euro. Im Jahr zuvor hatte der chinesische Staatskonzern bereits den italienischen Reifenhersteller Pirelli gekauft. ChemChina deckt damit in der Wertschöpfungskette bei Reifen nicht nur Rohstofflieferung und Fertigung ab, sondern auch den Anlagenbau für Gummiverarbeitung.

„Die hohen Auslandsinvestitionen sind dabei nicht nur ein Ausdruck der Kapitalstärke Chinas, sondern auch ein Eingeständnis, dass die Innovationspolitik der vergangenen zehn Jahre an ihre Grenzen gekommen ist“, sagt Hanna Müller, Leiterin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in Peking. China kopiert die besten Ideen und Techniken, kauft Lizenzen, adaptiert Produkte und kombiniert Funktionen neu. So führte die chinesische Social-Media-App WeChat die wichtigsten Funktionen von Facebook, Whatsapp und Instagram zusammen und reicherte sie zusätzlich mit einer Bezahlmöglichkeit und einem Übersetzungsdienst an.

Der riesige chinesische Markt hilft, Produkte so günstig anzubieten, dass sie sich auf dem Weltmarkt nicht wegen überlegener Qualität durchsetzen, sondern wegen eines kaum zu schlagenden Preis-Leistungs-Verhältnisses. Das hohe Risiko der Frühentwicklung überlassen die Chinesen dabei anderen und springen mit großer Kapitalmacht auf den Zug auf, wenn halbwegs klar ist, wohin die technische Reise geht.

3. China kann es sich wegen seines großen Marktes leisten, Spielregeln anderer zu missachten. Vor digitaler Konkurrenz schützt die große chinesische Firewall.

Während die chinesischen Investitionen in Europa von einem Rekord zum nächsten eilen, gehen die europäischen Investitionen in China zurück. 2016 fielen sie im vierten Jahr in Folge auf acht Milliarden Euro. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass China langsamer wächst als früher, sondern auch die Frustration europäischer Unternehmen, weil sie von den Behörden schlechter behandelt werden. Nie würden die einem europäischen Unternehmen erlauben, ein chinesisches Kuka zu kaufen. Für die einzige nennenswerte Übernahme eines chinesischen Unternehmens durch ein deutsches musste der Ditzinger Maschinenhersteller Trumpf drei Jahre lang verhandeln und am Ende noch die Bundeskanzlerin um Hilfe bitten. Von beiderseitigem fairem Marktzugang kann keine Rede sein.

„Das Arsenal der Benachteiligung ausländischer Unternehmen wird immer größer“, sagt Jost Wübbeke. Der Innovations-Experte von Merics unterteilt protektionistische Maßnahmen in „offenkundige“ und jene, von denen „die Unternehmen erst in der Praxis Schritt für Schritt erfahren“. Dass China mit dem Joint-Venture-Zwang technisches Wissen von ausländischen Unternehmen zu heimischen Partnern transferiert, wissen Autohersteller, Turbinen-Entwickler und Maschinenbauer bei Vertragsunterzeichnung. Auch bei staatlichen Großeingriffen in Märkte wie die kurzfristige Einführung der Elektroauto-Quote ab 2018 ist offenkundig, dass und wie chinesische Unternehmen bevorteilt werden. Subventionen wie eine Elektroauto-Kaufprämie bevorzugen häufig chinesische Hersteller.

Bei der Vergabe (halb-)staatlicher Großaufträge ist die Diskriminierung hingegen oft im Kleingedruckten versteckt. Die chinesische Bürokratie arbeitet gern mit Punktesystemen, bei denen sich auch ausländische Anbieter zunächst Chancen ausrechnen, doch nach willkürlicher Umgewichtung gewinnen am Ende meist doch die heimischen Anbieter. Umweltauflagen oder Arbeitsrechtsregelungen werden bei ausländischen Unternehmen oft viel schärfer kontrolliert als bei chinesischen. Auch bei Lizenzierung, Zertifizierung und Standardisierung gibt es viele Stellschrauben, an denen die Behörden zum Vorteil der eigenen Unternehmen drehen.

Je digitaler der Markt, desto protektionistischer agiert der Staat und desto erfolgreicher sind die chinesischen Gründer. Google, Facebook und Amazon hatten hinter der Great Chinese Firewall (siehe brand eins 01/2017 „Bitte draußen bleiben!“) – also im technisch abgeschotteten und zensierten chinesischen Internet – keine Chance. Nationale Champions wie Baidu, WeChat und Alibaba mussten im Wettbewerb gegen lokale Konkurrenz bestehen, waren jedoch geschützt vor Konzernen aus dem Silicon Valley und Seattle. Mit dem Anfang 2017 eingeführten Cybersecurity-Gesetz erreicht der digitale Protektionismus die nächste Stufe: Ausländische Unternehmen müssen künftig alle Daten ihres China-Geschäftes dort speichern. Das sichert nicht nur chinesischen Cloud-Anbietern riesige Aufträge, sondern dem chinesischen Staat Zugang zu wertvollen Informationen.

4. Bildung ist den Chinesen wichtig. Mittelfristig könnte sie zum wichtigsten Faktor der wirtschaftlichen Weiterentwicklung werden.

Bildung ist wohl Chinas wichtigstes Investitionsgut. Umfragen zufolge geben die Menschen dort für nichts bereitwilliger Geld aus als für die Bildung ihrer Kinder. Dahinter steckt ökonomische Vernunft: Für Staaten ebenso wie für Familien gibt es keine sinnvollere Investition. Da die Verwandtschaft in China noch immer die wichtigste soziale Absicherung darstellt, ist die Bildung der Angehörigen für die eigene Kranken- oder Altersvorsorge von Bedeutung. Chinesischen Kindern ist schmerzlich bewusst, welche Erwartungen an sie gestellt werden.

Was für Familien ein Wettbewerbsvorteil bedeutet, gilt inzwischen für das ganze Land. Die Volksrepublik verfügt heute über sehr viele gut ausgebildete Arbeitskräfte. Bis zu sieben Millionen Studenten machen jedes Jahr ihren Abschluss. Insgesamt ist Chinas Bildungssystem zwar noch immer altmodisch und rückständig. „Aber die Spitzenuniversitäten sind inzwischen auf internationalem Niveau“, sagt der Fraunhofer-Mann Frietsch. „Außerdem profitiert Chinas Wirtschaft von den vielen Landsleuten, die im Ausland studieren.“

Eine Analyse der Statistiken des chinesischen Bildungsministeriums ergab, dass seit 1978 mehr als vier Millionen Chinesen im Ausland studiert haben und mehr als die Hälfte inzwischen in die Volksrepublik zurückgekehrt sei, mit stark steigender Tendenz. Wer gut ausgebildet ist, verdient in China inzwischen so viel wie im Westen, und Talente können dort viel schneller Karriere machen. Allerdings funktioniert Chinas Bildungs-Aufholjagd bisher nur bei Akademikern. Ein Berufsausbildungssystem für Handwerker oder Facharbeiter – ein wesentlicher Grund für die Produktivität der deutschen Volkswirtschaft – fehlt in China noch. Junge Chinesen wollen lieber am Schreibtisch sitzen, als sich die Hände schmutzig zu machen. „Aber für eine moderne Industrie braucht man nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer“, sagt Frietsch.

5. Europa muss sich davor schützen, dass der chinesische Staat den Wettbewerb verzerrt.

„Wir müssen offen bleiben, aber deutlich weniger naiv.“ Mit diesem Satz fasst Matthias Machnig die Haltung des Bundeswirtschaftsministeriums zu den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen zusammen. Auf dem Schreibtisch des Staatssekretärs landen unter anderem Freistellungsanträge von Unternehmen, die chinesisches Kapital gut gebrauchen können. Gegen chinesisches Kapital hat freilich auch Machnig nichts. Aber als naiv empfindet er es, „wenn alle Beteiligten wissen, dass eine Übernahme aus strategischen Überlegungen des chinesischen Staates mit staatlichen Subventionen erfolgt und allen Beteiligten ebenfalls klar ist: Hier wird ein Preis deutlich über dem Marktwert gezahlt, aber Deutschland oder andere europäische Regierungen können nichts dagegen unternehmen.“ Im Fall Kuka gingen laut Machnig viele Beobachter davon aus, dass der chinesische Konzern Midea rund 30 Prozent über dem Marktwert geboten habe, auch um potenzielle europäische Interessenten wie Siemens umgehend aus dem Rennen zu werfen.

Gemäß der Außenwirtschaftsverordnung darf der Staat außereuropäische Übernahmen nur verhindern, wenn die Sicherheit oder öffentliche Ordnung Deutschlands insgesamt gefährdet ist (das wäre bei sogenannten kritischen Infrastrukturen wie der Energieversorgung der Fall) oder bei militärischen Belangen. Beides ist bei einem Industrieroboter-Hersteller auch dann nicht der Fall, wenn er zu den innovativsten der Welt gehört. Gemeinsam mit ihren französischen und italienischen Kollegen hat Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries im Frühjahr die EU-Kommission aufgefordert, die Kriterien zu erweitern, bei deren Verletzung ein EU-Mitglied Übernahmen aus Nicht-EU-Ländern verhindern kann. Mit Erfolg: Mitte September wurden sie in den Entwurf einer entsprechenden EU-Verordnung übernommen. Konkret fordert das deutsch-französisch-italienische Trio ein Vetorecht bei sogenannten nicht marktkonformen Transaktionen. Damit ist gemeint: Die Übernahme ist staatlich angestoßen, direkt oder indirekt subventioniert, und der Preis liegt deutlich über dem Marktwert. „Wir wollen so ein Einspruchsrecht nicht exzessiv nutzen, aber zumindest wenn alle drei Kriterien erfüllt sind, kann es sinnvoll und nötig sein, unsere Volkswirtschaft zu schützen“, sagt Machnig.

Europäische Wirtschaftsverbände sind bei staatlichen Eingriffen grundsätzlich skeptisch. „Wir wollen nicht wie China werden. Denn mit unserer Offenheit sind wir ja extrem erfolgreich“, sagt Hanna Müller vom BDI. Die Unternehmerverbände wollen keinen Handelskrieg anzetteln, werden aber von ihren Mitgliedsunternehmen immer stärker gedrängt, unfaire Regeln und Praktiken zumindest klar zu benennen. Wenn ein Unternehmen dies selbst macht, muss es in China mit Nachteilen rechnen. So fordert Müller „mehr Transparenz über die Verflechtung von Staat und Unternehmen und den Abbau der staatlichen Wettbewerbsverzerrung“. Allerdings lässt sich staatliche Wettbewerbsverzerrung im chinesischen Wirtschaftsgeflecht nicht leicht nachweisen. Zu Chinas mächtigsten Druckmitteln gehört etwa die Drohung, ausländische Unternehmen abzustrafen, wenn sie öffentlich Kritik üben. Mit Zöllen oder Quoten ist derlei Erpressung nicht beizukommen.

6. Die chinesische Strategie taugt wohl nicht, um die eigenen Probleme zu lösen – wohl aber, um Deutschland Schwierigkeiten zu bereiten.

Wie man den Erfolg der wirtschaftspolitischen Strategien Chinas beurteilt, hängt von der jeweiligen Perspektive ab, und da legen China und Deutschland grundsätzlich verschiedene Maßstäbe an. Für China geht es um die Weiterentwicklung seines Wirtschaftsmodells, für Deutschland um den Erhalt seiner Rolle als eine führende Wirtschaftsnation. Für beide Länder ist die Zeit knapp: China muss schnell bessere Jobs schaffen und gleichzeitig teure Altlasten wie katastrophale Umweltverschmutzung oder wachsende soziale Ungleichheit bewältigen. Deutschland dagegen steht unter Zeitdruck ganz anderer Art: Eine übermäßige Abhängigkeit heimischer Unternehmen von China könnte die Situation in wichtigen Industrien zum Kippen bringen und deutsche Industrie-Cluster erodieren.

Damit kollidieren zwei gegensätzliche Vorstellungen, wie die globale Welt eigentlich funktioniere: ob als Nullsummenspiel oder als solches, von dem alle profitieren. Im Nullsummenspiel ist der Gewinn des einen automatisch der Verlust des anderen – und Protektionismus das Instrument, sich zu schützen. Dagegen steht die Vorstellung, dass internationale Zusammenarbeit dazu führt, dass der weltweit zu verteilende Kuchen immer größer wird. In der wirtschaftspolitischen Realität geht es derzeit wild durcheinander. Im schlimmsten Fall könnte es dazu kommen, dass keiner gewinnt: China nicht, weil es seine Probleme nicht gelöst bekommt – und Deutschland nicht, weil chinesischer Protektionismus deutsche Industriezweige zerstört.

7. Die Kommunistische Partei hat ein Ziel, das über allem steht: der eigene Machterhalt. Das führt zu Widersprüchen, die das chinesische Modell grundsätzlich infrage stellen.

Kann China sich wirtschaftlich erneuern, ohne sich auch politisch reformieren zu müssen? Diese Diskussion begleitet die chinesische Entwicklung seit dem Beginn der Öffnungspolitik vor 40 Jahren. In den ersten Jahrzehnten galt das Ende der Einparteiherrschaft – auch für führende Funktionäre – nur als Frage der Zeit. Doch inzwischen lässt der Kollaps schon so lange auf sich warten, dass viele Beobachter das Warten aufgegeben haben. Der norwegische Politikwissenschaftler Stein Ringen erklärte China 2016 sogar zur „perfekten Diktatur“: Die moderne Informationstechnik habe der Kommunistischen Partei ermöglicht, einen nahezu unantastbaren Kontrollstaat zu errichten.

Doch der Preis dafür ist hoch. Eine gut funktionierende Wirtschaft braucht Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und den freien Fluss von Informationen und Ideen. Das ist auch in China unbestritten, bleibt aber leere Rhetorik, solange die politische Kontrolle Vorrang hat. In China grassiert die Korruption, allen staatlichen Kampagnen zur Bekämpfung von Amtsmissbrauch zum Trotz. Laut einer Umfrage der Deutschen Handelskammer beklagen Deutsche Unternehmen in China, dass die Rechtssicherheit nicht zu-, sondern abnimmt. Im Rechtsstaatlichkeitsindex liegt China mit Rang 80 zwischen Burkina Faso und Zambia. Auf der Liste von Reporter ohne Grenzen belegt China beim Thema Pressefreiheit Platz 176 von 180 Staaten; hinter China liegen nur noch Syrien, Turkmenistan, Eritrea und Nordkorea.

Ist das vereinbar mit Chinas Anspruch, eine moderne, innovative Nation zu werden? Das glauben nicht einmal die Chinesen selbst. Korruption und Täuschung in den eigenen Reihen unterminieren über kurz oder lang die Umsetzung jeder Strategie. Schon Sunzi, der Urvater der chinesischen Strategiedenker, wusste: „Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“ So wie es aussieht, wird China von den hundert Schlachten längst nicht alle gewinnen können. Auch die westliche Welt kann als Sieger aus der Auseinandersetzung hervorgehen. Wenn sie denn überhaupt Gegner sein muss. Denn dass die Weltwirtschaft kein Nullsummenspiel ist, wissen auch die Staatsökonomen in Peking. ---

Marktanteile chinesischer und ausländischer Auto-Marken in China 2016, in Prozent (gerundet)

Quelle: Carsalesbase.com

Kapitalflüsse

Verkauf chinesischer Autos 2016 in Millionen – das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr

Ausbau chinesischer Hochgeschwindigkeits-Zugstrecken

Quelle: »International Railway Journal«, Wikipedia, »New York Times«

Chinesische Studenten, die außerhalb Chinas studieren (2014)