Partner von
Partner von

Gap-Cap

Wie zwei Gründer aus Hannover mit einem kleinen Eingriff große Wirkung erzielen wollen.





• Es geht um 70 Milligramm, kaum mehr als das Gewicht einer Honigbiene. Fast nichts also, könnte man meinen. Doch Stefan Birg und Jan Hoppe setzen darauf, dass genau diese Wenigkeit den entscheidenden Unterschied machen wird.

Vor ihnen liegen 21 Weißblechteilchen mit einem Gesamtgewicht von 70 Milligramm. Sie stammen aus dem Kronkorken daneben. Auf den ersten Blick sieht er aus wie jeder andere Flaschenverschluss. Der Rand, der das Mundstück der Flasche umschließt, ist gezackt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch: Zwischen den Zacken ist das Blech eingeschnitten, dort wurden die 21 Teilchen herausgeknipst. Die hannoverschen Entwickler haben ihre Modifikation deshalb Gap-Cap genannt.

Im Herbst 2015 kamen Birg und Hoppe bei einer Party auf die Idee, eine materialsparende Version des bewährten Verschlusses zu entwickeln. Eine Patentrecherche ergab, dass zwar auch andere schon die 125 Jahre alte Erfindung des US-Amerikaners William Painters weiterentwickelt hatten, es aber niemandem um das Einsparen von Rohstoffen gegangen war. Warum auch? Mit durchschnittlich 0,6 Cent pro Stück fällt der Preis für die Getränkehersteller kaum ins Gewicht, und für die Umwelt erscheint die Einsparung von 70 Milligramm pro Deckel ebenfalls unerheblich. „Wenn aber alle Abfüller auf der Welt unsere Gap-Caps verwenden würden, landeten pro Jahr 3,5 Millionen Tonnen Metall weniger auf dem Müll“, sagt Stefan Birg. „Damit könnte man rund 480 Eiffeltürme bauen.“

Ursprünglich hatten Birg, der bis heute hauptberuflich als Controller bei einer Versicherung arbeitet, und der Groß- und Außenhandelskaufmann Hoppe geplant, ihr Patent lediglich zu lizenzieren und Gebühren dafür zu kassieren. Doch die großen deutschen Hersteller zeigten kaum Interesse. „Der hiesige Markt ist aufgeteilt, alle verdienen gutes Geld“, sagt Birg. „Die können es sich leisten, nichts zu verändern.“

So entschieden die Gründer, ihre Erfindung selbst zu verwirklichen. Sie sprachen mit rund 120 Getränkeherstellern und stellten dabei etwas Interessantes fest: „Die Brauereien zahlen für jeden verwendeten Kronkorken eine gewichtsabhängige Entsorgungsabgabe an den Grünen Punkt – europaweit“, sagt Hoppe. „Mit unseren Gap-Caps kann ein Hersteller etwa fünf Euro pro durchschnittlicher Lkw-Ladung sparen.“ Eine Win-win-Situation: Die Hannoveraner können zum Marktpreis verkaufen, und die Kunden können Abgaben sparen. „Zudem müssen die Abfüllstraßen nicht umgestellt werden“, sagt Hoppe, „denn unser Modell entspricht den Normen. Wir haben 10 000 Gap-Caps erfolgreich in einer Anlage getestet.“

Ihre Prototypen haben Birg und Hoppe in Handarbeit aus konventionellen Rohlingen hergestellt, zusammen mit ihren mittlerweile vier Mitstreitern, die sich unter anderem um Vertrieb, IT, Marketing und Buchhaltung kümmern. Die 30.000 Euro Betriebskapital haben die sechs Gesellschafter selbst finanziert und weitere 20.000 Euro in einem Gründerwettbewerb gewonnen.

Seit August verfügt die Firma über eine Produktionshalle mit Büro in Langenhagen – die Jahresmiete dafür hat es in einem weiteren Wettbewerb gewonnen. Mittlerweile steht in dem Gebäude auch schon eine gebrauchte Produktionsstraße, die spätestens im Herbst anlaufen soll. Zunächst mit 20.000 Stück am Tag – vorausgesetzt, alle Mitarbeiter haben bis dahin den Maschinenführerkurs bestanden, um die Anlagen bedienen zu dürfen.

Und Kunden? Fehlen mangels Ware noch, doch mehrere Getränkehersteller haben bereits Interesse geäußert. So plant zum Beispiel Alexander Herold, Mitbesitzer der hannoverschen Mashsee Brauerei, die Verschlüsse möglichst bald einzusetzen. „Wir waren schon sehr früh als Ratgeber im Entwicklungsprozess der Kronkorken beteiligt und glauben an die Idee“, sagt er. „Zum einen weil es für die Gesellschaft wichtig ist, Umweltressourcen einzusparen, zum anderen weil wir bevorzugt mit Lieferanten aus der Region zusammenarbeiten. Der wirtschaftliche Effekt ist bei unserer derzeitigen Jahresproduktion von rund 350.000 Flaschen noch zweitrangig.“ Sobald Gap-Caps aus der Serienfertigung verfügbar seien, werde man einen Test vorbereiten.

Stefan Birg denkt unterdessen weiter: eine zweite Produktionsstraße, Angestellte für den Dreischichtbetrieb, schwarze Zahlen ab Januar 2019 – alles schon geplant. Falls sich die Gap-Caps in der Praxis bewähren, könnte sich der Mut zur Lücke auszahlen – für die Kronkorkenspezialisten, die Getränkehersteller und die Umwelt. ---