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Marquardt

Warum ein deutscher Mittelständler trotz der unsicheren politischen Lage auf Tunesien setzt.





• An dem Tag, an dem Salafisten die amerikanische Botschaft in Tunis stürmen und die tunesischen Sicherheitskräfte tatenlos zusehen, trifft sich Noureddine Yakoubi mit seinem Bauteam zum Essen. Er ist seit 14 Jahren Geschäftsführer der Firma Marquardt in Tunesien. An diesem Abend im September 2012, als noch ­offen ist, ob das Land, in dem der Arabische Frühling begann, im Bürgerkrieg versinkt oder den mühseligen Weg in die Demokratie geht, macht er Zukunftspläne. Die Firma wird mit dem Neubau einer 25 000 Quadratmeter großen Produktionsstätte im neu angelegten Gewerbegebiet El Agba vor den Toren der Hauptstadt beginnen. Im Mutterhaus von Marquardt im schwäbischen Rietheim-Weilheim wirbt er um Vertrauen in die Tunesier. Der bisherige Standort im Vorort La Soukra ist schon lange zu klein für den deutschen Hersteller von Schaltern für Autos, Haushaltsgeräte und Werkzeuge. Die strategische Entscheidung fällt für den Standort Tunesien.

Normales Geschäft während der Revolution

Wer sich durch den chaotischen Verkehr bis an den Stadtrand gekämpft hat, kommt in dem schäbigen Viertel Denden an, wo Arbeitslosigkeit und Kriminalität hoch sind. Vor dem Eingang zum Industriegebiet El Agba lagern Nomaden mit ihren Kamelen. Zwei Dutzend Familien leben dort in ihren armseligen Zelten, umgeben von Müll. Ein kleiner Junge in zerrissenen Hosen spielt mit alten Plastikflaschen.

Hinter den Werkstoren von Marquardt öffnet sich eine andere Welt. Die im Jahr 2014 eröffnete Fabrik hat 12,5 Millionen Euro gekostet, heute arbeiten dort 1500 Mitarbeiter in drei Schichten an sechs Tagen außer sonntags. Noureddine Yakoubi erklärt in seinem Büro die Welt der Schalter: „Wir sind praktisch überall drin.“ Wipp-, Kipp-, Druck-, Schnapp-, Schiebe- und Fußschalter werden in Tausenden von Teilen der Automobil-, Elektro- und Werkzeugindustrie gebraucht. Das Familienunternehmen hat im Oktober das 25-jährige Jubiläum seiner tunesischen Tochter gefeiert. Der Industrieminister Zied Ladhari von der islamdemokratischen Partei Nahda war da und hat das neue, hausinterne Ausbildungszentrum bewundert. „Wir glauben an Tunesien“, sagt Yakoubi, der in einer Bauernfamilie im Norden des Landes aufgewachsen ist. Weil sein Abitur so gut war, hat ihn der Staat in den Achtzigerjahren für ein Stipendium des DAAD in Hannover vorgeschlagen.

Die Revolution war auch für ihn eine Überraschung. Im ­Winter 2010 führte die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Sidi Bouzid zu landesweiten Protesten gegen die Diktatur, für Arbeit und bessere Lebensbedingungen. Der Volkszorn fegte ­innerhalb weniger Monate den Langzeitherrscher Ben Ali aus dem Amt. Es folgten Krisenjahre mit politischen Morden, täglichen Demonstrationen und häufigen Regierungswechseln. Dennoch blieb Marquardt in Tunesien. „Wir haben unser Business in dieser Zeit ganz normal weitergemacht“, sagt Yakoubi in akzentfreiem Deutsch.

Auf der Treppe nach unten in die Fertigungshallen gibt er dann doch zu, dass für ihn diese Jahre ein Auf und Ab der Ge­fühle, Sorgen und Hoffnungen gewesen seien. „Aber niemals war der Kunde gefährdet, nie hatten wir Qualitätsprobleme“, sagt er. Damit die Qualität stimmt, muss die Umgebung stimmen, sagt der 53-Jährige. Während das Land gerade im Unrat zu versinken droht, weil nach der Revolution das gesamte System der kommunalen Müllentsorgung zusammenbrach, herrscht in den Fertigungshallen klinische Sauberkeit.

Ein Ingenieur verdient hier 800 Euro

Kleine Schaltsysteme zusammenzusetzen, die aus winzigen Kunststoffteilen und empfindlicher Elektronik bestehen, ist feine Handarbeit. 90 Prozent der Mitarbeiter in der Fertigung sind Frauen, nur an den großen Maschinen und im hauseigenen Kunststoff-Spritzguss arbeiten Männer. Zwei Drittel der Frauen tragen Kopftuch, die anderen Hygienehauben.

Auf einer gut sichtbaren Tafel in der Halle sind die kleinen und großen Verbesserungsvorschläge zu lesen. Am Anfang jeder Fertigungslinie hängen die Zielvereinbarungen der Mitarbeiter mit ihren Gruppenleitern. Es gibt ein ausgefeiltes Prämiensystem, um die Qualität und Produktivität zu steigern, ein wirksamer ­Mechanismus bei dem niedrigen Grundgehalt. Bis zu 45 Euro können dabei herausspringen, etwa 20 Prozent des Monatsgehalts. Der gesetzliche Mindestlohn liegt in Tunesien bei 338 Dinar, knapp 140 Euro. Marquardt zahlt mehr. Eine Mitarbeiterin sagt, dass man in der Fertigung bis zum Dreifachen des Mindestlohns verdienen könne, Techniker mit Abitur bekommen bis zu 600 Euro, Ingenieure bis zu 800 Euro.

Franz Maget, bayerisches SPD-Urgestein und jetzt Sozial­referent an der Deutschen Botschaft, sagt: „Ich würde mir wünschen, dass man eine Spur besser bezahlt und damit die Lebensverhältnisse der Arbeiter ein wenig anhebt.“ Auch die betriebliche Mitbestimmung gehört zur deutschen Unternehmenskultur, ist aber in Tunesien nicht etabliert. Es gibt zwar formal einen vom Gesetz vorgeschriebenen Betriebsrat. Aber dort haben die Arbeitgeber das Sagen. Maget sagt: „Es ist immer die Frage, wem der gewonnene Euro gehört. Die Institutionen, die um diesen Euro fair ringen, gibt es hier noch nicht.“

Der Export nach Deutschland floriert

Die Lage auf dem tunesischen Arbeitsmarkt ist seit der Revolu­tion angespannt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent, in den jahrzehntelang vernachlässigten Regionen im Landesinneren sind es bis zu 50 Prozent. Etwa 30 Prozent der jungen Menschen mit Universitätsabschluss sind ohne Job.

Nicht nur die niedrigen Produktionskosten ziehen Unternehmen wie Marquardt nach Tunesien. Auch das vergleichsweise hohe Ausbildungsniveau, das sich der Bildungsoffensive des Staatsgründers Habib Bourguiba verdankt, ist ein Standortvorteil. 200 Ingenieure und 150 Techniker hat Yakoubi, selbst Maschinenbauer, eingestellt. Martin Henkelmann von der Deutsch- Tunesischen Industrie- und Handelskammer sagt: „In diesen hoch qualifizierten Leuten liegt das Potenzial von Tunesien: weg von der reinen Lohnfertigung hin zu Entwicklungszentren mit größerer Fertigungstiefe.“

Seit der Revolution hat keines der rund 250 deutschen Unternehmen Tunesien den Rücken gekehrt, im Gegenteil: Automobilzulieferer wie die Leoni AG und Dräxlmaier haben auch in den vergangenen Jahren in den Standort investiert. Mehr als 50 000 Arbeitsplätze gibt es in deutschen Firmen in Tunesien. Zwischen 2013 und 2015, also einer bewegten Zeit der politischen Wirren, Verfassungsdiskussionen, Wahlen und Terroranschläge, sind laut statistischem Bundesamt die Exporte von Tunesien in die Bundes­republik um zehn Prozent gestiegen.

Vielleicht hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass die meisten deutschen Unternehmen vor Ort von Tunesiern geführt werden. Wie Noureddine Yakoubi haben sie in ihren Mutterhäusern um Vertrauen geworben. Weil viele der deutschen Firmen Familienunternehmen sind, wissen sie genau, was Standortverbundenheit heißt. Umgekehrt kommt die Kultur von Familienunternehmen in Tunesien gut an, wo Familien für den sozialen Zusammenhang sorgen.

Samira Djelassi arbeitet seit 25 Jahren bei Marquardt in der Produktion. Zum Firmenjubiläum kam Harald Marquardt, Vorsitzender der Geschäftsführung, aus Deutschland und dankte ihr für ihre Treue zum Unternehmen. Solche Gesten der obersten Chefs schätzen die Tunesier. „Die Deutschen sind gut organisiert“, sagt die 48-jährige Mutter zweier Kinder und zeigt auf ihren ordentlich sortierten Arbeitsplatz.

Tunesische Befindlichkeiten

In den teils importierten, teils in Tunesien hergestellten Fertigungs­linien stecken bis zu 1,5 Millionen Euro Investitionskosten. Routine und eine erfahrene Mannschaft, sagt Yakoubi, sind das Erfolgsrezept. Und die Offenheit für die Befindlichkeiten der Leute hier: So holen die Firmenbusse die Frauen für die Nachtschicht schon um 20 Uhr zu Hause ab, zwei Stunden vor dem eigentlichen Beginn. Viele Familien wollen nicht, dass ihre Töchter und Frauen um 22 Uhr allein unterwegs sind. Damit wird zwar die Spätschicht kürzer, aber die fehlende Arbeitszeit wird samstags nachgeholt, um auf die 40-Stunden-Woche zu kommen.

Als reines Export-Unternehmen, das seine Waren nur außerhalb von Tunesien verkaufen darf, waren Unternehmen wie Marquardt bislang von Steuern vollständig befreit. Seit ein paar Jahren wachsen sie langsam in die Steuerpflicht hinein. Marquardt zahlt nun zehn Prozent Körperschaftssteuer.

Zurück in seinem Büro wird der nüchterne Ingenieur Yakoubi dann doch noch politisch, fast patriotisch: „Es ist wichtig für Europa, dass die Revolution in Tunesien erfolgreich ist.“ Nach den drei grausamen Terroranschlägen 2015, bei denen vor allem Ausländer ums Leben kamen, habe man zwar das ein oder andere Projekt zunächst auf Eis gelegt. Doch jetzt setzen wöchentlich wieder drei Lastwagen mit dem Schiff nach Genua über und fahren von dort weiter nach Deutschland. Nur drei Tage dauert die Reise von Nordafrika nach Baden-Württemberg. Das macht Just-in-time-Produktion einfach.

Yakoubi sagt, er sei immer optimistisch gewesen. Schließlich sei Tunesien nicht Libyen, wo der Staat zer­falle und Bürgerkrieg herrsche. Der demokratische Wandel müsse sich für die Bevölkerung jetzt auszahlen. Wer in Tunesien investiere, unterstütze die Demokratie. ---

1925 gründen Johannes Marquardt und Johannes Marquardt, die nicht miteinander verwandt oder verschwägert sind, ihr Unternehmen im schwäbischen Rietheim im Landkreis Tuttlingen. Sie erkennen, dass die Elektrizität den Alltag revolutioniert und spezialisieren sich auf Geräteschalter. 1953 geht der erste Schnappschalter in Serie. Heute machen Schalter und Sensoren 16 Prozent der Produktion aus, 84 Prozent sind Zulieferungen für die Automobilindustrie. Marquardt ist mit 17 Standorten in 14 Ländern vertreten. Tunesien ist nach Rumänien der zweitgrößte und nach den USA der zweitälteste Standort.

Zahl der Mitarbeiter weltweit: 9000

Umsatz 2015: etwas mehr als eine Milliarde Euro