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Chinesische Investoren

Die Bundesregierung will nicht länger hinnehmen, dass chinesische Investoren in Deutschland freie Bahn haben, während sich China deutschen Unternehmen in vielen Branchen verschließt. Ist im internationalen Wettbewerb der Offene der Dumme?





• Das Ziel, das man ihm setzte, hat Jörg Ulrich noch nie erreicht. 2014 nicht, 2015 nicht, und auch 2016 war der Umsatz längst nicht so, wie er sein sollte. Am Anfang habe ihn die utopische Vorgabe irritiert, aber inzwischen wisse er, dass dies die chinesische Art sei, Leute dazu zu bringen, das Unmögliche zu probieren. „Ich habe gelernt, damit umzugehen“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung bei Linde Hydraulics, einem Hersteller von Antriebstechnik mit Sitz im bayerischen Aschaffenburg.

Am Empfang hängt ein großes Foto an der Wand, darauf sind rund 100 Männer in dunklen Anzügen und ein Dutzend Frauen in Reih und Glied zu sehen, eine uniforme Gruppe, in der Mehrzahl Chinesen. Es ist eine Aufnahme vom jüngsten Topmanager-Treffen der Firmengruppe Weichai Power, zu der seit November 2012 auch Linde Hydraulics gehört. Der Blick des Betrachters fällt nicht zufällig auf den Mann, der in der ersten Reihe genau in der Mitte sitzt. Versteinertes Gesicht, kerzengerade Körperhaltung, die Aura eines Patriarchen. „Das ist Herr Tan“, sagt Ulrich.

Xuguang Tan ist Chairman von Weichai Power, Mitglied der Kommunistischen Partei und des Nationalen Volkskongresses. Er verkörpert die enge Verflechtung von Chinas Wirtschaft mit dem Parteiapparat. Weichai Power beschäftigt knapp 50 000 Mitarbeiter und ist Teil des staatlichen Mischkonzerns Shandong Heavy Industries. Wenn Tan in der Neun-Millionen-Einwohner-Stadt Weifang von der Unternehmenszentrale zum Flughafen fährt, wird vorher dafür gesorgt, dass die Straßen vollkommen frei sind. Und wenn er einmal im Jahr seine auf der Welt verstreuten Topmanager um sich schart und das obligatorische Gruppenfoto ansteht, verläuft alles strikt nach Plan: Zu Militärmusik und unter dem ­Applaus der versammelten Mitarbeiter steuert Tan die im Saal aufgestellte Stuhlreihe an, hinter ihm folgt, der Rangordnung entsprechend, ein Topmanager nach dem anderen. An der Positionierung auf dem Foto lässt sich genau ablesen, wer im Vergleich zum Vorjahr in der Gunst des Patriarchen gestiegen und wer gefallen ist.

Wenn Jörg Ulrich das erzählt, spürt man, wie sehr er noch fremdelt mit der chinesischen Unternehmenskultur. Vor zwei Jahren saß er acht Plätze von Herrn Tan entfernt, im vergangenen nur noch sieben. Ein kleiner Erfolg. Ulrich lacht darüber. Aber das Gruppenfoto ist geradezu ein Sinnbild für die Sorge, die die deutsche Regierung seit einigen Monaten umtreibt: Dominiert die aufstrebende autoritäre Wirtschaftsmacht China bald strategisch wichtige Firmen hierzulande?

Als Anfang 2014 in Berlin die erste chinesische Handelskammer in Europa eröffnet wurde, sprach Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel noch von einem „großartigen Schritt“ und davon, dass chinesische Investoren „in unserem Land hochwillkommen“ seien. 2016 schlug er in einem offenen Brief ganz andere Töne an: Was, wenn die Freiheit des Kapitalverkehrs dazu genutzt werde, europäische Unternehmen unter Ausnutzung unfairer Vorteile zu übernehmen?, fragte Gabriel. Und gab sogleich die Antwort: „Dann wird unsere Offenheit auf offenen Märkten leicht zu ­Opferbereitschaft. Dann müssen wir uns ernsthaft fragen, ob wir auch künftig Investoren aus Drittstaaten ermöglichen wollen, sich in unserer marktwirtschaftlichen Ordnung mit den Mitteln staatswirtschaftlicher Interventionen zu bewegen.“

Vorausgegangen war eine aufsehenerregende Einkaufstour. Im ersten Halbjahr 2016 investierten chinesische Investoren für den Kauf oder die Beteiligung an deutschen Firmen 10,7 Milliarden US-Dollar – nach 526 Millionen US-Dollar im gesamten Jahr zuvor. Die schnelle Aufeinanderfolge großer Akquisitionen irritierte deutsche Politiker. Besonderes Unbehagen bereitete die sich im Frühling 2016 anbahnende und inzwischen vollzogene Übernahme des Augsburger Roboterherstellers Kuka durch den Haushaltsgerätehersteller Midea. Nun zeichnet sich ab, dass es die Chinesen auf die Sahnestücke des deutschen Mittelstands abgesehen haben. Der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger sprach sich im Mai unter Verweis auf Kukas „wichtige Bedeutung in einem strategischen Sektor“ gegen die Übernahme aus. Und auf Regierungsebene denkt man seitdem intensiver darüber nach, wie man Schlüsselindustrien vor Zugriffen schützen kann.

An den Investitionen aus China stört die hiesige Politik erstens, dass diese vom Staat gesteuert und subventioniert werden und Teil eines industriepolitischen Masterplans sind. Zweitens hält man es für unfair, dass China deutsche Unternehmen im eigenen Land längst nicht so frei agieren lässt, wie es für chinesische Unternehmen in Deutschland möglich ist. Und drittens befürchtet man, dass die Übernahmen deutscher Firmen – sei es durch Verlagerung der Produktion, sei es durch den Technologietransfer – den Industriestandort Deutschland schwächen. Zu Recht?

1. Die Folgen für den Standort Deutschland

Bei Linde Hydraulics ist man froh über die Chinesen. „Dank Weichai Power sehen wir uns im harten Wettbewerbsumfeld sehr gut aufgestellt“, sagt Jörg Ulrich. Die Initiative zur Übernahme ging 2012 von den Deutschen aus. Linde Hydraulics war damals eine Sparte des Gabelstapler-Herstellers Kion, der wiederum 2006 aus der früheren Linde AG hervorgegangen war und dem US-amerikanischen Finanzunternehmen KKR und Goldman Sachs gehörte. Die suchten nach sechs Jahren, in denen die Wirtschaftskrise einen Verkauf mit lohnender Rendite verhindert hatte, endlich den Ausstieg. Kion sollte zudem auf einen Börsengang vorbereitet und dafür möglichst schnell von seinen drei Milliarden Euro Schulden befreit werden. Der Verkauf der Hydrauliksparte bot sich an, zumal die sich 2011 schlagartig von den Folgen der Wirtschaftskrise erholt hatte, um 30 Prozent gewachsen war und dringend Kapital für neue Maschinen benötigte. Das US-Unternehmen Eaton wollte Linde Hydraulics kaufen, wurde aber von Weichai Power deutlich überboten. Heute halten die Chinesen knapp 40 Prozent an Kion und 90 Prozent an Linde Hydraulics.

Im Jahr nach der Übernahme wurde das chinesisch-deutsche Miteinander gleich auf die Probe gestellt. Linde Hydraulics baut hy­draulische Pumpen, Motoren und Ventile, die in Bau- und Landmaschinen sowie Gabelstaplern eingesetzt werden. 2013 ging die Nachfrage nach Baumaschinen stark zurück, vor allem weil China deutlich weniger in seine Infrastruktur investierte. Linde Hydraulics verlor 20 Prozent des Umsatzes, litt unter Überkapazitäten. „Ein Jahr haben wir versucht, mit Maßnahmen wie Kurzarbeit dagegenzuhalten, aber das reichte nicht. Mitte 2014 haben wir dann angefangen zu restrukturieren und im Zuge dessen das Personal um 25 Prozent reduziert“, sagt Ulrich.

Kein guter Start für den neuen Eigen­tümer aus Fernost. Doch dann überraschte der mit seiner Art des Krisenmanagements. Eine reine Kostenreduzierung lag den Chinesen fern. Sie verlangten, dass der Personalabbau mit einem Wachstumsprogramm einherging, mit Investitionen in neue Produkte und Maschinen. Weichai Power ließ für 80 Millionen Euro ein komplett neues Werk bauen, das im Juli in Aschaffenburg eröffnet wurde.

Auch bei Geschäften in China hilft der Investor. Dafür wurde im März 2015 in Weifang ein Joint Venture mit lokaler Produk­tion gegründet. Ein wichtiger Schritt, sagt Ulrich. „Wir konnten 2016 den Umsatz in China verdreifachen.“

Solch positive Erfahrungen mit einem chinesischen Investor sind laut Margot Schüller, wissenschaftliche Referentin am Giga Institut für Asien-Studien in Hamburg, keine Ausnahme. Die Chinesen seien sogar die Wunschpartner vieler Mittelständler, da sie anders als angelsächsische Investoren nur selten eigenes Führungspersonal mitbrächten, nicht ins operative Geschäft eingriffen und hilfreich bei der Erschließung des asiatischen Marktes seien. Oft kommen sie als Retter in der Not, wie beim nord­bayerischen Autozulieferer Preh oder beim nordrhein-westfälischen Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme Kiekert.

Nicht nur die Betriebe profitieren von den Investoren aus Fernost. Denn anders als oft befürchtet, verlagern die Chinesen die Produktion sowie die Forschung und Entwicklung nicht in die Heimat, sondern investieren kräftig. „Manche geben sogar langjährige Standort- und Beschäftigungsgarantien für die aufgekauften Unternehmen“, sagt Schüller. Beim Betonpumpenhersteller Putzmeister etwa, der 2012 vom chinesischen Konzern Sany gekauft wurde, gilt sie bis 2020, bei Kuka bis 2023. „Ausländische Investments in den deutschen Maschinenbau – auch aus China – können hierzulande Arbeitsplätze sichern“, resümiert der Branchenverband VDMA.

Nach Schutz vor den vermeintlichen ­Invasoren ruft er ebenso wenig wie der Betriebsratschef von Linde Hydraulics, Oliver Polomsky. Der Personalabbau sei schmerzhaft gewesen, sagt er, aber nachvollziehbar und fair vonstattengegangen. Fehler sieht er eher bei den ehemaligen amerikanischen Eignern. KKR und Goldman Sachs hätten in der Krise ab 2008 kaum investiert, darunter leide das Unternehmen bis heute. Weichai Power dagegen sei nicht auf die schnelle Rendite aus, sondern denke langfristig. „Wir sind mit den Chinesen hochzufrieden.“

2. Der ungleiche Grad an Offenheit

Solche Äußerungen ändern nichts daran, dass die Bundesregierung, ausgelöst durch das chinesische Engagement in Deutschland, eine Verschärfung des Außenhandelsgesetzes erwägt. Man sucht nach Möglichkeiten, unliebsamen ausländischen Investoren die Beteiligung an Unternehmen von strategischer, wirtschaftlicher Bedeutung zu untersagen. Bislang kann die Regierung nur solche Übernahmen verbieten, die die innere oder äußere Sicherheit gefährden.

Begründet wird der Schritt mit dem ungleichen Grad an ­Offenheit. Es fehle die „Reziprozität“. Tatsächlich können chinesische Investoren auf dem deutschen Markt freier agieren als ­umgekehrt. Den Deutschen bleiben in China manche Branchen ganz verschlossen, in anderen werden sie zu einem Joint Venture mit einem lokalen Partner gezwungen. Aktuell zeichnet sich ab, dass die chinesische Regierung Elektroautos massiv fördern und dabei heimische Hersteller bevorzugen will. Zudem sollen europäische Unternehmen durch eine neue Regelung darin gehindert werden, ihre in China erzielten Gewinne außer Landes zu schaffen. Solche Diskriminierungen sind der Grund, warum Wirtschaftsminister Gabriel China „unfaire und aggressive Handelspraktiken“ vorwirft.

Der an der Universität Wien lehrende niederländische Wirtschaftshistoriker Peer Vries kann über die Empörung nur schmunzeln. Unternehmen aus Deutschland und Europa hätten in den vergangenen 30 Jahren in China enorm viel Geld verdient, sie hätten dort von Subventionen, billigen Arbeitskräften und Preisabsprachen profitiert und seien gegenüber heimischen Firmen oft bevorzugt worden. Keine europäische Regierung habe damals nach Reziprozität im Umgang mit Auslandsinvestoren gerufen.

Heute, so Vries, werde China ökonomischer Nationalismus vorgeworfen, „aber ein solcher ist mit Blick auf die Weltgeschichte ganz normal“. Alle entwickelten Industriestaaten hätten ihren Aufstieg mit einer gezielten Politik vorangetrieben und die heimische Wirtschaft vor asiatischer Konkurrenz geschützt.

In der Wirtschaftstheorie sei Offenheit zwar besser, denn Protektionismus führe dazu, dass die Konsumenten zu viel Geld für schlechte, vor dem Wettbewerb geschützte Produkte zahlten. „Aber die Staaten handelten in der Regel wider diese Rationalität.“ Weltgeschichtlich betrachtet sei Protektionismus der Normalfall, Freihandel immer nur dann von Staaten propagiert worden, wenn sie sich weit überlegen fühlten, wie Großbritannien im 19. Jahrhundert oder die USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

Deutschland, sagt Vries, stecke in dem Dilemma einer Volkswirtschaft, die um ihre Position fürchtet. Obwohl das Land eine Exportnation sei und Offenheit einer seiner wichtigsten Erfolgsfaktoren, fühle es sich aufgrund dieser angreifbar – und könnte versucht sein, sich durch Schutzmaßnahmen selbst zu schaden.

3. Chinas Masterplan

Was der Bundesregierung Angst einflößt, sind die Langatmigkeit und die Zielstrebigkeit chinesischer Industriepolitik, die Tatsache, dass der autoritäre Parteienstaat einen Plan verfolgt, der China im 21. Jahrhundert in eine Hightech-Supermacht verwandeln soll. Nach dem Tod Mao Zedongs, der über Jahrzehnte das kommunistische China geführt hatte, verfolgte der neue Parteivorsitzende Deng Xiaoping ab den Achtzigerjahren eine Politik der wirtschaftlichen Öffnung. Inspiriert vom Aufstieg Japans, verkündete er die Absicht, von den kapitalistischen Industrienationen zu lernen. Zunächst wurden ausländische Investoren ins eigene Land gelockt. Doch die Erwartung, der Technologietransfer werde heimische Unternehmen international konkurrenzfähig machen, erfüllte sich nicht wie erhofft.

Laut Cora Jungbluth, China-Expertin der Bertelsmann Stiftung, ist das einer der Gründe, warum die zentralchinesische ­Regierung im Jahr 2000 dazu überging, auch das Engagement heimischer Unternehmen im Ausland zu fördern. Going Global lautet seitdem die Strategie.

Jungbluth hat die chinesischen Investitionen in Deutschland untersucht und festgestellt, dass sie zwischen 2014 und 2016 häufiger als zuvor von staatlichen Unternehmen ausgegangen waren. Ein Hinweis auf die rigider gewordene industriepolitische Steuerung unter dem 2013 an die Macht gelangten Partei- und Staatschef Xi Jinping. Dazu passt, dass die chinesische Regierung 2015 eine groß angelegte Initiative mit dem Namen Made in China 2025 startete. Sie nannte zehn Schlüsselindustrien, in denen das Land die weltweite Führerschaft anstrebt. Dazu zählen neue Informationstechniken, computergesteuerte Maschinen, Industrieroboter, Ausrüstung für See- und Schienenverkehr, energiesparende Fahrzeuge und Medizingeräte. „Im 21. Jahrhundert“, sagt Jungbluth, „will China vom Status der billigen Werkbank abrücken und sich als Hightech-Produzent etablieren.“

Wie Deutschland und die EU auf die Supermachts-Ansprüche reagieren sollen, darüber scheiden sich die Geister. Es ist ein Konflikt zwischen einer politischen und einer ökonomischen Sicht.

Keiner mahnt so öffentlichkeitswirksam politische Interventionen an wie das Mercator Institute for Chinas Studies (Merics), ein Berliner Thinktank, der die Bundesregierung und die EU-Regierung berät. China verfolge „knallharte nationale Interessenpolitik“, sagte der Institutsleiter Sebastian Heilmann im Interview mit der »Zeit«. Und in einer jüngst veröffentlichten Studie heißt es, das Land wolle seine derzeit kaum automatisierte Industrie direkt in das Zeitalter des Smart Manufacturing versetzen. Das berge kurzfristig attraktive Geschäftschancen für europäische Unternehmen. „Doch auf lange Sicht drohen Rückschläge: Made in China 2025 zielt darauf ab, ausländische durch chinesische Technologie zu ersetzen.“ Darum brauche die europäische Politik neue Instrumente, um auf die vom chinesischen Staat betriebenen Aufkäufe europäischer Hightech-Unternehmen reagieren zu können.

Liberale Ökonomen wie Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel hingegen warnen vor Maßnahmen, die eine Spirale des Protektionismus in Gang setzen könnten. Wirtschaftliche Dynamik lebe geradezu von Asymmetrien wie der zwischen Deutschland und China.

Die Angst vor der aufstrebenden Wirtschaftsmacht aus Fernost erinnere ihn an die vor Japan in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Auch damals habe man den Ausverkauf europäischer Technologie befürchtet. „Heute aber spricht niemand mehr von einer japanischen Bedrohung.“

Die Fakten, sagt Langhammer, gäben keinen Grund zur Beunruhigung: „Laut Statistiken der Bundesbank liegt der Anteil chinesischer Inventionen an den gesamten Auslandsinvestitionen in Deutschland weit unter einem Prozent.“

Vor allem aber sei die Annahme absurd, China könne in Deutschland an Know-how kommen und dann vor der Kon­kurrenz schützen. „Der Transfer von Wissen ist unvermeidlich und vollzieht sich in immer größerem Tempo. Kein Land kann Technologie innerhalb seines Territoriums monopolisieren.“

Auch Margot Schüller vom Giga-Institut sieht keinen Grund zur Sorge. Deutschlands Fähigkeit zu Innovationen liege in vielem begründet, dem Bildungssystem, dem hohen Grad an Internationalisierung mittelständischer Unternehmen sowie deren ­enger Zusammenarbeit mit technischen Hochschulen und Forschungsinstituten wie Fraunhofer. Das könnten andere Länder nicht einfach einkaufen. Zudem herrsche hierzulande die seltsame Vorstellung, dass die Chinesen immer nur von den Deutschen profitierten. „Durch Auslandsinvestitionen lernen beide Seiten voneinander.“

4. Herr Ulrich, Herr Tan und Herr Sun

Das kann Jörg Ulrich bestätigen. Anfänglich habe man mit einer gewissen Arroganz die Rückständigkeit der Chinesen belächelt. „Heute zeigen sie uns, wie man in einem kriselnden Markt wächst.“ So viel Zeit wie möglich beim Kunden verbringen, sich ihm gegenüber total verpflichtet fühlen, blitzschnell auf seine Wünsche reagieren – die Chinesen seien wahre Vertriebskünstler. „Das ist eine Frage der Haltung, und da können wir uns eine Menge abschauen.“

Nur wenige Meter von Ulrichs Büro entfernt befindet sich das von Shaojun Sun. Der Chinese ist Vorstandsmitglied bei Weichai Power, in der Hierarchie direkt unter Chairman Tan angesiedelt. Vor vier Jahren kam er mit drei Assistenten nach Aschaffenburg, hat erst mal nur beobachtet, sich nach und nach vertraut gemacht mit den Produktionsprozessen, dem Arbeitsrecht, der Unternehmenskultur. „Es gibt große Unterschiede“, sagt er. „Chinesische Unternehmen legen den größten Wert auf den Verkauf, deutsche auf Forschung und Entwicklung. Chinesische Unternehmen entscheiden sehr schnell, während deutsche auf den Entscheidungsprozess fokussieren und erst nach langer Recherche zu einem Ergebnis kommen.“

Einmal im Monat setzen sich Sun und Ulrich zusammen, besprechen drei Stunden lang die Lage. Immer wieder fragt der Chinese den Deutschen, wie viele neue Kunden man im aktuellen Jahr gewinnen und mit wie vielen neuen Händlern man kooperieren wolle. Immer wieder erklärt der Deutsche dem Chinesen, warum ein Boss in Deutschland nicht durchregieren könne und warum man tarifliche Lohnsteigerungen akzeptieren müsse. „Das ist oft ein hartes Ringen um Verständnis“, sagt Ulrich.

Dass Weichai Power auf die Idee kommen könnte, sich aus Aschaffenburg zurückzuziehen, nachdem man Linde Hydraulics ausgesaugt habe, darin sieht er die geringste Gefahr. Natürlich hätten die Chinesen nun Zugang zu 60 Jahren deutscher Hydraulik-Entwicklung, und natürlich finde ein Wissenstransfer statt. Mindestens 20 chinesische Ingenieure habe man hier schon durchgeschleust, zudem ein Entwicklungszentrum nach hiesigem Standard in Weifang aufgebaut. „Aber die Technik bleibt ja nicht stehen. Wir werden von mechanisch-hydraulischen Lösungen zu elektrohydraulischen sowie zu Hybridlösungen kommen. Die Chinesen wissen genau, dass sie die Welt allein nicht erobern werden.“

Was ihm mehr Sorgen bereite, sei der mögliche Verlust von Traditionen und die Einflussnahme auf das Management. „Wenn die Machtzentren zunehmend nach China wandern, wird die ­chinesische Art der Unternehmensführung die Oberhand gewinnen.“ Er sei daher sehr auf Ausgleich bedacht. „Ich lege den ­Chinesen alles offen, was wir hier tun, ich erkläre, werbe um Verständnis, verteidige meine Sicht der Dinge.“ Letztlich gehe es um den Aufbau von Vertrauen, darum, die gegenseitige Andersartigkeit zu akzeptieren.

Im September 2014 waren Ulrich und Sun eine Woche in ­Weifang. Mittwochs teilte der Chinese dem Deutschen mit, dass Herr Tan ihn am Sonntag zum Gespräch erwarte. „Das geht nicht“, sagte Ulrich, „am Sonntag feiert mein Schwiegervater ­seinen 70. Geburtstag. Da muss ich zurück in Deutschland sein.“ Sun erwiderte nichts, wies am Samstag Ulrich erneut darauf hin, dass Herr Tan ihn am folgenden Tag erwarte. Der Deutsche machte dem Chinesen klar, dass für ihn die Familie an erster ­Stelle stehe. Der Chinese machte dem Deutschen klar, dass ihm dafür jedes Verständnis fehle.

Ulrich flog trotzdem schon am Samstag zurück, unsicher, was passieren würde. Ein paar Tage lang passierte nichts. Dann ließ Herr Tan ihm mitteilen, dass er seine Haltung respektiere. ---

Ausgewählte Übernahmen und Beteiligungen chinesischer Unternehmen in Deutschland im ersten Halbjahr 2016

ZielunternehmenBrancheInvestorTransaktionswert in Mio. US-Dollar
KukaIndustrieMidea4663
EEW Energy from WasteEnergie, EntsorgungBeijing Enterprises1594
Krauss-MaffeiMaschinenbauChemChina1012
Nordic YardsSchiffbauGenting250
TechniSat AutomotiveElektronikNingbo Joyson236
Bilfinger Water TechnologiesUmwelttechnikChengdu Techcent223
Manz AGMaschinenbauShanghai Electric102