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Paul Anzinger

Paul Anzinger hat es nach vielen Rückschlägen im Leben nach ganz oben geschafft: auf die Burg Hohenwerfen.





• Sogar Glockenläuten gehört zu seinen Aufgaben. Darum fängt für Paul Anzinger jedes neue Jahr ganz oben an. Er zeigt, wo, und eilt über die 450 Jahre alten Bohlen und Stiegen den Burgfried hinauf und öffnet schließlich eine Luke. Dort hängt der vier Tonnen schwere Bronze-Trumm. Anzinger angelt nach dem Klöppel der Glocke und lässt ihn einmal anschlagen. Ein tiefer Ton dröhnt in den sonnigen Wintertag und verliert sich über den Gipfeln des Tennengebirges. Unten im Tal wirft die Salzach das kitschige Licht des Himmels zurück. An Silvester wird aber nicht per Hand ­geläutet. Anzinger eilt eine Stiege hinab und öffnet ein kleines Seitenabteil des runden Dachbodens, darin: der Schaltkasten für den Glockenzug. „Um Mitternacht drücke ich hier nur auf den Knopf“, sagt er und grinst.

Er scheint nach seinem ersten Jahr angekommen zu sein auf der Burg Hohenwerfen bei Salzburg und bleibt doch fasziniert von seinem neuen Leben. Er wohnt nicht nur auf der Burg, sie ist auch sein Arbeitgeber. Seit September 2015 ist der 47-Jährige der Verwalter auf der knapp 1000 Jahre alten Festung in den ­österreichischen Alpen. Die Lokalzeitung nannte ihn den „neuen Burgherrn“.

Fast 20 Jahre lang hat Anzinger sein Geld mit dem Gegenteil einer mittelalterlichen Trutzburg verdient – mit dem Internet. Er hatte mit Mitte 20 begonnen, in Salzburg Kommunikationswissenschaften zu studieren und sich in den Neunzigerjahren begeistert aufs Gestalten und Programmieren von Homepages und CD-ROMs gestürzt. Jede Firma, jede Institution brauchte damals ihren ersten Auftritt im Netz.

Eine Burg dagegen ist Vergangenheit. Man kann sie nicht programmieren, upgraden, relaunchen. Jede Renovierung, jede Ausstellung braucht Zeit, Geduld und, da sie dem Staat gehört, auch allerhand Behördenkram. Und trotzdem sagt ihr neuer Verwalter: „Es ist perfekt. Ich fand es immer schon blöd, Arbeit und Leben getrennt voneinander zu betrachten. Hier ist es eins.“

Anzinger ist jetzt Vorgesetzter und Mitarbeiter zugleich. Er muss planen, anleiten, lenken, rechnen, beaufsichtigen, entscheiden, entwerfen, sich durchsetzen und rechtfertigen. Und natürlich muss er repräsentieren, also schon auch a bissel der Burgherr sein. Das Fernsehen schaut gern vorbei, ab und zu finden Dreharbeiten für Filme statt.

Paul Anzinger hat fünf fest angestellte Mitarbeiter, davon sind ­allein vier Hausmeister. Das ist nötig für drei Vorburgen, eine Hauptburg und die 17 Hektar Land, die es zu bewirtschaften gilt. Hinzu kommen Gärtner, Bauarbeiter, Tischler von außerhalb, die sein Ohr brauchen. Und von April bis Oktober arbeiten noch bis zu 20 Saisonkräfte hier oben. Sie sitzen an der Kasse, machen Führungen, bedienen den Schrägaufzug. Wie eine moderne Skigondel sieht der aus und kann acht bis zehn Besucher gleichzeitig außen am Berg hinauf zur Burg befördern.

140 000 Besucher fahren oder laufen jedes Jahr den Burgberg hinauf. Es gibt jährlich das Ostereiersuchen und den Weihnachtsmarkt, Mittelalter-Spiele, das Sommertheater im Burghof, Rätsel-Ralleys und „Mystische Nächte“, dazu Konzerte und Hochzeiten. Hohenwerfen ist eine von vier Festungen und Schlössern, die das Land Salzburg betreibt. Die in Werfen rechnet sich. Andere Verwalter haben Schwierigkeiten, die schwarze Null zu erzielen, wieder andere machen Plus. Daran misst man Anzinger jetzt.

Vom Koch zum Designer zum Burgherrn

Seine Kenntnisse aus dem Marketing für Industrieunternehmen und Hotels kommen ihm zugute und auch, dass er ständig Einfälle hat und ein Netzwerk pflegt, mit dem er sie umsetzen kann. Im September, zum Beispiel, ließ er im Burghof zwei Swing-Bands spielen für einen guten Zweck. Der Eintritt war frei, aber Spenden waren willkommen. Sie gingen an einen Verein, der Menschen, die sich das nicht leisten können, einwöchige Segelurlaube vor Kroatien spendiert. Später im Jahr trat Hubert von Goisern im Rittersaal auf, der Liedermacher und „Alpenrocker“. Das bringt Schlagzeilen – und den Pächtern der Burgschänke auch im grauen November Umsatz.

Die Dienstwohnung befindet sich im Torhaus und geht über drei verwinkelte Ebenen. Anzinger bewohnt sie mit seiner Lebens­gefährtin, einer Journalistin, sowie der getigerten „Kamikatze“, die ihnen hier zugelaufen ist. Das Paar nennt die Bleibe „unser kleines Reihenhaus“, weil das Torhaus nahtlos in die Burgmauer übergeht, gleich neben dem eisernen Fallgitter, das früher Feinde aussperren sollte, aber jetzt fest hochgezogen bleibt. Jeder Fremde ist willkommen.

Anzinger schien wenig prädestiniert für die Stelle: Er war ­weder Historiker, noch hatte er Verwaltungserfahrung. Und statt der üblichen Unterlagen verschickte er sein „Paul Anzinger Magazine“, eine als Illustrierte aufgemachte Bewerbung. Tatsächlich hatte man zunächst einem anderen Bewerber den Vorzug gegeben. Doch der Mann warf nach drei Monaten das Handtuch. Reich wird ein öffentlich angestellter Burgherr nicht, aber gut versorgt. Zusätzlich zur Wohnung gibt es rund 2500 Euro netto.

„Beim Paul fällt das Marmeladenbrot am Ende immer auf die richtige Seite“, sagt Elmar Putz, Besitzer einer Internetagentur in Linz und langjähriger Freund von Anzinger. Dass der die Stelle auf der Burg wollte, habe ihn zwar zunächst überrascht, aber nicht, dass er sie am Ende doch noch bekommen habe.

Reine Glückssache ist seine Eroberung der Burg aber nicht, sondern auch der Lohn für den Mut zur Konsequenz. Wenn Anzinger das Gefühl beschleicht, er stoße mit seiner Art, zu denken und zu arbeiten, auf Gegenwehr oder Unverständnis, dann arrangiert er sich nicht, sondern streicht die Segel.

Er sagt, er habe nie langfristig geplant, weil ihn sein Leben früh eines gelehrt habe: „Es kommt immer anders, als du denkst.“ Das ist bei ihm keine Plattitüde: Bis in seine Zwanziger hinein wusste Anzinger nicht, dass er an Morbus Bechterew leidet, einem Rheuma, das insbesondere die Wirbelsäule entzünden, beugen und versteifen kann. Ein Arzt prophezeite Anzinger damals „äußerst feinfühlig“, wie er sich spottend erinnert, „dass ich mit 30 nur noch krumm gehen würde und mit 40 gar nimmer“.

Wenigstens verstand er nun, warum er auf der Gastgewerbeschule, wo er zunächst Koch und Kellner gelernt hatte, schon Probleme mit dem Heben der schweren Töpfe hatte. Auch sein Schwächeanfall, den er mit Anfang 20 erlitten hatte, erschien in einem anderen Licht. Er hatte damals auf der Abendschule die Hochschulreife nachgeholt, tagsüber in der Hauptkasse einer Bank gearbeitet. Der entmutigenden Diagnose setzte er damals sofort mithilfe besserer Ärzte und spezieller Kuren ein Sportprogramm entgegen, das er bis heute durchzieht, mit Erfolg. Jemand, der ihn nicht kennt, merkt nicht, dass da etwas sein könnte.

Aber Anzinger spürte sie – immer dann, wenn etwas nicht gut lief. Er musste jung akzeptieren, dass negativer Stress von seinem Körper bestraft wird. Nur geschah das zeitgleich mit seinem Aufbruch ins Unternehmertum. Mit seiner damaligen Freundin gründete er eine Internetagentur. Sie begannen in Salzburg mit zwei Rechnern und einer schnellen Datenleitung in ihrem Schlafzimmer.

Bald schon konnten sie Büroräume anmieten, hatten Ende der Neunzigerjahre sieben Mitarbeiter – und bekamen im Jahr 2000 ein Kind. Sie wollte ein großes Auto, er wollte weiter mit dem Fahrrad bei den Kunden vorfahren. Sie wollte mehr Geschäft machen, er sich mehr um die Tochter kümmern. Man entzweite sich, er zog aus, die Agentur überließ er ihr.

Anzinger arbeitete freiberuflich, entwarf Homepages und Marketingkonzepte. Bald aber nahm ihn die amerikanische Softwarefirma Wind River Systems unter Vertrag, nachdem sie in Österreich eine Dependance eröffnet hatte. Hin und wieder flog er nun nach Kalifornien, um im Mutterhaus zu lernen und die Arbeit zu besprechen.

Neues Glück in der Liebe ließ nicht lange auf sich warten. In der Kassenschlange des Supermarktes erkannte er eines Tages eine ehemalige Studienkollegin wieder und sprach sie an. Sie ­hatte schon einen kleinen Sohn. Man zog zusammen und bald um, in ein preiswert zu mietendes Haus. Mit der Hochzeit nach ein paar Jahren schien alles in den geregelten Bahnen der Mittelschicht zu verlaufen.

Aber Wind River machte seine Dependance in Salzburg dicht. Anzinger stieg in die Kommunikationsabteilung eines Industrieelektronik-Konzerns ein. Er blieb vier Jahre. Zunächst war er ­zufrieden und fand Anerkennung in dem Unternehmen mit knapp 3000 Mitarbeitern. Denn es gelang ihm, für die zwar erfolgreichen, aber für die Außendarstellung spröden Produkte („Schaltschränke, Schaltschränke, Schaltschränke“) attraktive ­Kataloge, Internet- und Messeauftritte sowie den Relaunch der Mitarbeiterzeitschrift zu entwickeln.

Irgendwann jedoch kippte die Stimmung. Anzinger wollte das Corporate Design der Firma vorantreiben, wie er sagt – und stieß auf Widerstand. Da tat er, wozu er nach Auskunft von Weggefährten neigt: Er brachte noch mehr Ideen vor. Und merkte nicht, dass das nicht verfing. Schließlich gab ihm ein Chef zu verstehen, dass, wer nicht der gemeinsamen Linie folgen wolle, ja gehen könne. Anzinger fühlte die ungute Schwäche in sich aufsteigen und verhandelte seinen Ausstieg. Parallel bewarb er sich in Linz um ein berufsbegleitendes Studium zum Industrie-Designer. Tatsächlich ergatterte er einen von nur sechs Plätzen.

In einer Krise, sagt er, „bin ich drei Tage lang down oder von mir aus auch drei Wochen. Aber dann geht es wieder aufwärts.“ Wenn ihn sozusagen schon seine Physis in die Schranken weist, will er sich nicht noch von den äußeren Umständen einschränken lassen. Vorübergehende Einkommenseinbußen nimmt er lieber hin, als auf einer Stelle zu verharren, die ihm nicht guttut.

„Paul ist ein typischer Ideen-Mensch“, sagt Reinhard Nestelbacher, Molekularbiologe, Berater für Wissenschaftskommunikation und ein langjähriger Freund. „Er lebt davon, Eindrücke und Wissen in sich aufzunehmen und daraus immerfort eigene Ideen zu entwickeln. Das ist an sich etwas Positives.“ Nur übernehme sich Anzinger manchmal, weil er sich gern ein Projekt zu viel auf den Tisch ziehe.

„Willst du mein Burgfräulein werden?“

Das Zweitstudium in Linz, 135 Kilometer entfernt von der Familie, hielt Anzinger nur ein Jahr durch. Er war jetzt 40 und musste einsehen, dass zu studieren, nebenbei Geld zu verdienen und noch zwischen Studierwohnung und Familie zu pendeln über ­seine Kräfte ging – und seine Ehe darüber in die Brüche.

Er schwor sich, den Frauen abzuschwören und „etwas Solides zu suchen“. Das Erste klappte nicht; er verliebte sich prompt in seine jetzige Partnerin. Zweites gelang. 2010 nahm er eine Stelle im Marketing der Forschungsabteilung der Universität Salzburg an. Auch hier wurde ihm zunächst die Anerkennung, „die er als Ideen-Mensch sucht und braucht“ (Nestelbacher), zuteil. Aber nach ein paar Jahren fühlte er sich ausgebremst. Oder wie er es sagt: „Es ging mir einfach nimmer gut damit.“ Diesmal wagte Anzinger den Absprung ins Ungewisse. Er wollte sich nicht erst absichern, um offen zu sein für etwas Neues. Seine Freundin, Moderatorin beim Österreichischen Rundfunk, ermutigte ihn dazu.

Nur war er jetzt Mitte 40 und damit für manche Arbeitgeber schon ein Problemfall. Kam er im Vorstellungsgespräch auf sein Rückenleiden zu sprechen, das er angeben musste, „konnte man sehen, wie die Gesichter lang wurden. Den Schwerbehindertenausweis würde ich heute nie wieder annehmen.“ Er sah in der Zeitung die Anzeige, über die man auf Hohenwerfen einen Burgverwalter suchte, und blätterte routiniert weiter; nicht seine Sparte. Dann hielt er inne, las noch einmal und dachte nach. Er rief seine Freundin an und fragte sie: „Willst du mein Burgfräulein werden?“ Sie sagte sofort Ja. „Bewirb dich da!“

Ein Jahr später zogen die beiden in ihr „Reihenhaus“ auf der Festung. Es ist erst gut 300 Jahre alt, weil es zum jüngsten Teil der Burganlage gehört. Mittlerweile hat Anzinger seine ersten ­Bilanzen und seinen Haushaltsplan aufgestellt, er hat neue Veranstaltungen ins Leben gerufen, die Sanierung des Nordtraktes ­vorangetrieben und die Nachfolge des Falkners geregelt, der nun 73 ist. Die Falknerei samt Museum ist hier oben einer der vier Pachtbetriebe und veranstaltet von Frühling bis Herbst Schauen mit Adlern, Königsbussarden und Geiern.

Den Winter über wird Anzinger weiter an seinem Konzept für eine Leonardo-da-Vinci-Ausstellung arbeiten, die sich um Wissen­schaft und Militärtechnik in der Renaissance drehen soll. Denn „einfach nur Waffen ausstellen“, sagt er, „macht ja jede Burg“.

Er kann Ideen verwirklichen und selbstbestimmt arbeiten, er ist Chef und Angestellter zugleich. Er hat Sicherheit und Freiheit, und das mit Blick auf den Hochkönig in den Berchtesgadener Alpen. Er ist in seinem Element. Paul Anzinger sagt, er plane sein Leben nicht. Vielleicht braucht er das gar nicht. Sein Vorgänger blieb 34 Jahre. ---