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Wie wir morgen arbeiten werden. Und was

Über die Zukunft wird viel spekuliert – am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hält man sich an die Fakten.





• Automatisierung und Digitalisierung werden bis zu fünf Millionen Arbeitsplätze kosten: Das ist das auf Deutschland übertragene Ergebnis der Oxford-Studie von Carl Frey und Michael Osborne, die seit 2013 Angst und Schrecken verbreitet. Doch so schlimm muss es nicht kommen.

Zum einen können nur Arbeitsplätze mit sehr geringen Qualifizierungsanforderungen von Maschinen ersetzt werden, das betrifft nach bisherigem Stand etwa zwölf Prozent der Beschäftigten in Deutschland. Zum anderen zeigen Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass der Einsatz von Industrierobotern im verarbeitenden Gewerbe keineswegs Arbeitsplätze vernichtet hat: In einer Studie für die EU-Kommission hat das Fraunhofer ISI zusammen mit der Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft dazu Daten aus mehr als 3000 Betrieben des verarbeitenden Gewerbes in sieben europäischen Ländern ausgewertet, die im Rahmen der Betriebsbefragung European Manufacturing Survey erhoben wurden. Zentrale Erkenntnis: Betriebe mit Robotiksystemen investieren nicht weniger in Menschen. Außerdem führt der Einsatz von Industrierobotern zu mehr Effizienz und Produktivität bei Arbeits- und Produktionsprozessen und kann die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen steigern.

Dies hängt teilweise mit den veränderten Arbeits- und Qualifikationsanforderungen zusammen, die durch den Robotereinsatz entstehen. Darüber hinaus tendieren Unternehmen mit Industrierobotern weitaus seltener dazu, Produktionskapazitäten auszulagern – Automatisierung und Digitalisierung können also dazu beitragen, Produktionskapazitäten sowie Kompetenzen und damit Arbeitsplätze in Deutschland oder Europa zu halten.

Gleichzeitig fördert die Digitalisierung atypische Beschäftigungsmodelle, also flexible Teilzeitarbeit oder Intrapreneurship sowie neue Arbeitsformen wie Crowdsourcing und Clickworking. Zum Beispiel könnten Unternehmen zunehmend mit freien Kreativen in häufig wechselnden Teams und Projekten zusammenarbeiten. Das in der Studie zum digitalen Wandel entwickelte Zukunftsbild sieht für das Jahr 2030 einen massiven Anstieg der „Ad-hoc- Clickworker“ – und zwar bei den Hoch- wie bei den Geringqualifizierten, die sich und ihre Arbeitskraft womöglich besser vermarkten müssen, um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft bei potenziell interessierten Unternehmen unterzukommen. Neben einer guten Selbstvermarktung werden dann auch eine effiziente Selbstorganisation, Reputation, Praxiserfahrungen und die Fähigkeit zur Vernetzung gebraucht. Entwickelt sich die Arbeitswelt in diese Richtung, gilt es, die eigenen Kompetenzen in Zukunft vermehrt durch Zertifikate nachzuweisen und diese zusammen mit anderen Lern-, Leistungs- und möglicherweise auch Gesundheitsdaten über Apps in Online-Berufsnetzwerken für Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

Im Gegensatz zur heutigen Arbeitswelt, die durch feste Berufsstrukturen und eine fachspezifische Aus- und Weiterbildung gekennzeichnet ist, könnten sich in der digitalen Arbeitswelt viele Tätigkeitsprofile an der Mensch-Maschine-Schnittstelle stärker ähneln. Diese Annäherung ist ein wesentliches Merkmal der Digitalisierung und hat zur Folge, dass es quer über Branchen hinweg mehr fachübergreifende beziehungsweise fachunabhängige Anforderungen geben wird – fachbezogenes Wissen könnte damit zusehends in den Hintergrund rücken, allgemeine digitale Grundkompetenzen und universelle Fähigkeiten könnten stark aufgewertet werden.

Es ist davon auszugehen, dass sich Berufsbilder immer stärker von Branchengrenzen lösen – für Arbeitnehmer birgt das auch Chancen: Jobwechsel zwischen einzelnen Branchen werden einfacher, die Möglichkeiten beruflicher Mobilität nehmen zu.

Auf diese Entwicklung müssen die Ausbildungsinstitutionen reagieren. Bislang liegt der Fokus noch stark auf der fachspezifischen Ausbildung und weniger auf dem Erlernen universeller Fähigkeiten und digitalen Kompetenzen. Künftig wird es wichtig, dass in der Schule wie in der Berufsausbildung auf diese veränderten Anforderungen hingewiesen wird.

Wenn zum Beispiel Wertschöpfungsprozesse aufgrund der digitalen Vernetzung der einzelnen Stufen und dank immer genauerer Big-Data-Analysen tatsächlich immer kleinteiliger und feingliedriger werden, könnte dies eine starke Gründungsdynamik auslösen – begünstigt durch den Trend zur Individualisierung und die Entwicklung hin zu flexibler Teilzeitarbeit. Für Bildungseinrichtungen heißt das: Sie müssen bereits in der Schule und mehr noch in der späteren Berufsausbildung frühzeitig und intensiv auf die Möglichkeiten, Chancen und Risiken einer beruflichen Selbstständigkeit vorbereiten. Benötigt werden auch neue Möglichkeiten der Anschubfinanzierung für Gründer und der Beratung bei Gründungs- und Selbstmanagement – unabhängig vom Qualifizierungsniveau der Gründer. Das wird hohe Investitionen erfordern, die aber die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft absichern und sich langfristig rechnen.

Gleichzeitig wird es notwendig werden, den Trend zu mehr Selbstorganisation und Selbstvermarktung durch neue Möglichkeiten der Qualifizierung zu unterstützen und zentrale Zertifizierungsinstanzen aufzubauen, die für eine branchenübergreifende Gültigkeit von Zertifikaten sorgen.

Kommen die notwendigen Impulse aus der Bildungspolitik und von den Bildungsinstitutionen zu spät, könnte die Digitalisierung der Arbeitswelt das Risiko der Ungleichheit erhöhen. Die gesellschaftliche Spaltung wird dann zunehmend entlang der Trennungslinie zwischen Akteuren mit und ohne digitale Kompetenzen erfolgen. Um das zu verhindern, wird es nicht nur notwendig sein, allgemeine IT-Kompetenzen auf allen Qualifizierungsstufen zu vermitteln – auch die bessere Verfügbarkeit von Endgeräten sowie ein Zugang zum schnellen Breitband-Internet gehören zum Umbauprojekt. Wird das nicht konsequent vorangetrieben, würden die heute schon ungleich verteilten Bildungschancen noch ungleicher verteilt, weil die soziale Herkunft in Zukunft für den zunehmend privat finanzierten oder selbstständig organisierten Bildungserfolg noch ausschlaggebender sein wird.

Für die Frage, wie die digitale Arbeitswelt von morgen aussehen wird, spielen aber auch gesellschaftliche Werte eine wichtige Rolle. Entwickelt sich der gesellschaftliche Wertewandel bis zum Jahr 2030 weiter in Richtung Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Kreativität und die Schaffung von Freiräumen, sollten Politik und Arbeitgeber dies gleichermaßen berücksichtigen. Gerade auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der hierdurch bedingten Notwendigkeit, qualifizierte Fachkräfte stärker und länger an sich zu binden, sollten Unternehmen ausschöpfen, was es an technischen Flexibilisierungsmöglichkeiten wie etwa dem Arbeiten im Homeoffice gibt. Denn es ist sicher davon auszugehen, dass feste Arbeitszeiten und -orte in Zukunft immer unattraktiver werden – dagegen spricht allein schon der gleichzeitige und sich weiter verstärkende Trend zu individualisierten Lebensstilen und neuen Familienstrukturen. ---
Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl
ist Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls für Innovations- und Technologie- Management am Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation (EnTechnon) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).