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Tisca

• So schlammig ist der Weg, dass der Geländewagen einsinkt auf dem Weg zur Kuppe des Hügels, aber zurück auf die asphaltierte Straße will Walter Aigner jetzt auch nicht mehr, möchte er doch dort oben sein neuestes Projekt zeigen. Er schaltet zurück in den ersten Gang und treibt den Wagen hinauf, die Erde spritzt bis ans Seitenfenster. Oben steigt er aus, schaut auf die Landschaft, die sich endlos vor ihm ausbreitet. „Ist das nicht herrlich?“




Die Anhöhe liegt irgendwo im Niemandsland von Siebenbürgen. Der 51-Jährige kennt hier inzwischen jeden Winkel, alle paar Wochen fährt er durch die menschenleere Gegend, um von seinem Hauptwerk aus zu den entlegenen Niederlassungen zu kommen. Und dieser Hügel, auf dem er jetzt steht, soll sein neuester Coup werden: Er will die Kuppe kaufen, knapp ein Hektar Land, und hier oben einen kleinen Pavillon errichten, in dem er für seine Gäste grillt. Sie sollen auf diesem Aussichtspunkt sitzen über der schönen Landschaft und sich hier von der gleichen Rumänien-Begeisterung anstecken lassen, die Walter Aigner befallen hat.

Vor 18 Jahren kannte er von Rumänien nur Nachrichten über Korruption und Armut. Seit damals ist in seinem Leben zweierlei passiert: Erstens ereignete sich sein persönliches Wirtschaftswunder. Und zweitens hat er hier seine Lebensaufgabe gefunden.

Walter Aigner ist Teppichfabrikant, er kommt aus Österreich und leitet seine Firma in zweiter Generation. Sein Unternehmen heißt Tisca, es produziert gewebte Wollteppiche, die als Designerstücke vor allem in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien gefragt sind. Aigner ist ein gemütlicher Mann, er trägt auch in seiner Fabrik Wanderschuhe und Fleecejacke, und stiefelt gern vom Werksgelände aus los in die schneebedeckten Karpaten, die gleich hinter dem Stammwerk im Örtchen Cisnădie (Heltau) aufragen. „Wenn du früh morgens da oben stehst und runterschaust“, sagt er, „das haut dich um!“

Auf einem dieser Streifzüge durchs Land stieß Aigner auf das Dorf Ziegental, das genauso abgelegen ist, wie der Name klingt: Ein paar Kilometer führt ein schmaler Weg von der nächsten größeren Straße aus in die Einsamkeit. Unterwegs trifft man auf zwei verirrte Pferde und ein Schwein, bis da schließlich diese alte Siedlung auftaucht, die auf Rumänisch Tichindeal heißt und wie alle Orte in der Region wegen der Siebenbürger Sachsen auch einen deutschen Namen trägt. In dem Dorf leben 200 Einwohner, 150 von ihnen gehören zur Minderheit der Roma. Die meisten Häuser verfallen. Am Ende des Dorfes hört die Asphaltstraße auf, ein rutschiger Feldweg führt eine Anhöhe hinauf, links und rechts stehen winzige Hütten, in denen die Roma-Familien leben, ohne Strom, Wasser und Toilette.

In diesem abgelegenen Tal gibt es das arme Rumänien tatsächlich noch. Und hier gibt es Simona Moldovan, die für die Jugendlichen von Ziegental zu einem Vorbild geworden ist. Mit fünf anderen Frauen sitzt sie in einer alten Scheune, die neu hergerichtet worden ist, allesamt junge Frauen, die zu Hause sechs Kinder haben, sieben, manche acht. Immer zu zweit sitzen die Frauen vor einem Webstuhl, mächtige Modelle aus schweren Holzbalken, und weben Teppiche. Genau hier kreuzten sich vor einigen Jahren die Wege von Simona Moldovan aus Ziegental und Walter Aigner, dem Fabrikanten aus Österreich.

„Unsere Männer arbeiten als Tagelöhner“, erzählt Simona Moldovan, sie schaut dabei nicht auf von ihrer Arbeit. „Mit Pferdefuhrwerken bestellen sie hier die Felder.“ Zehn Euro gibt das pro Tag, immerhin, denn längst nicht in allen Familien hat der Vater eine Arbeit. Andere Möglichkeiten gibt es hier im Dorf nicht: Mehr als 30 Kilometer sind es über gewundene Straßen bis in die nächste größere Stadt, wo es Arbeitsplätze gäbe, aber weil kein Bus fährt, bräuchte man für die Strecke ein Auto. „Es gibt Kinder, die noch nie aus Ziegental rausgekommen sind und keine Vorstellung davon haben, was es alles für Berufe gibt – außer eben Tagelöhner“, sagt Moldovan.

Genau deshalb ist sie heute ein Vorbild: Sie zeigt, dass selbst in Ziegental mehr möglich ist. Inzwischen hat Moldovan einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht und tritt in ein paar Tagen zur Prüfung in der Fahrschule an. Das Weben war für sie der Durchbruch in eine Welt, die größer ist als ihr kleines Dorf. Wenn sie nach ihrer Arbeit um halb vier nach Hause geht, behält sie den blauen Kittel an, der ihre Dienstkleidung ist. Wie ein Ehrenabzeichen trägt sie ihn, von der umfunktionierten Scheune mit den Webstühlen bis nach Hause, einmal quer durch das Dorf.

Er kam, sah und verlor

Orte wie Ziegental gibt es viele in Rumänien. „In den meisten von ihnen“, sagt Walter Aigner, „haben gerade einmal zehn Prozent der Einwohner eine Arbeit.“ Es sind solche Dörfer, abgelegen und ohne Zukunft, aus denen viele der Bettler kommen, die in den westeuropäischen Fußgängerzonen sitzen. Aber am Anfang war Walter Aigner noch nicht getrieben davon, diesen Orten eine Perspektive zu geben. In erster Linie wollte er sich selbst retten und seine Firma.

Sein Vater gründete die Teppichfabrik Tisca zu Beginn der Sechzigerjahre im österreichischen Vorarlberg. Es war eine dieser Wirtschaftswunder-Geschichten: Die einheimischen Arbeitskräfte waren billig, die Firma wuchs und zog 1975 einen Liefervertrag von Ikea an Land. Die Schweden boten fortan die österreichischen Webteppiche in ihren Möbelhäusern an. Tisca wuchs: 1978 baute die Firma ihre eigene Garnspinnerei auf, man entschied sich für den Standort Schweiz. 1981 baute sie im österreichischen Kärnten eine zweite Webfabrik auf, weil die Kapazitäten im Stammwerk nicht ausreichten, 1991 kaufte Aigner senior eine Weberei in Tunesien. Als Walter Aigner vier Jahre später in die Firma einstieg, hatte er gerade erst sein Wirtschaftsstudium in Wien abgeschlossen. Tisca setzte umgerechnet zehn Millionen Euro pro Jahr um.

Mit seinem Einstieg in die Firma begannen die schwierigen Jahre: Ikea sprang auf einmal ab, die Teppiche waren den Einkäufern zu teuer geworden. Ein gutes Viertel vom Umsatz war auf einen Schlag verloren. Der sonstige Absatz stagnierte, weil sich die Mode änderte, die Lohnkosten in Österreich stiegen, und Walter Aigner stand an der Spitze eines Unternehmens, das von zwei Seiten in die Zange genommen wurde: Die Ausgaben wuchsen, der Absatz schrumpfte. Als Tisca die Talsohle erreichte, war von den zehn Millionen Euro Jahresumsatz nicht einmal mehr ein Drittel übrig.

Die Garnspinnerei in der Schweiz: längst zu teuer, geschlossen. Die Außenstelle in Kärnten: zu teuer, geschlossen. Das Werk in Tunesien: nicht rentabel. Die Lohnkosten waren niedrig, erinnert sich Walter Aigner, aber die kulturellen Differenzen zu groß: „Da konnten wir nicht einmal einen Zwei-Schicht-Betrieb fahren, weil die Männer ihre Frauen abends nicht mehr rausgelassen haben, auch nicht zur Arbeit“, sagt er. Die Schiffspassage für die fertigen Teppiche dauerte lang, die Zölle waren hoch, und häufig waren dann nicht einmal jene Teppiche in den Containern, die am dringendsten ausgeliefert werden mussten.

Und dann kam auf einer Messe ein Rumäne auf ihn zu und schwärmte von der Textilbranche in seiner Heimat. Aigner hatte nichts zu verlieren: „Ich lieferte ihm eine Partie Garn, er sollte einfach mal ein paar Probestücke weben“, erinnert er sich. Als dann die Lieferung zurückkam ins Stammwerk nach Vorarlberg, lotste er den Lastwagen heimlich in eine der leer stehenden Fabrikhallen, damit sich keine Unruhe in der Belegschaft breitmachte. Dort lud er die Musterstücke aus Rumänien ab, 150 Teppiche waren es, überprüfte das Webmuster, die Gleichmäßigkeit, die verwendete Sorgfalt. Als er wieder aus der Halle herauskam, wusste er, dass Rumänien seine nächste Etappe sein würde: die letzte Hoffnung.

Heute steht Walter Aigner in der Halle seines neuen Werks. Es steht in Cisnădie, eine halbe Stunde entfernt von Hermannstadt, dem Zentrum Siebenbürgens. Den schlammverschmierten Geländewagen hat er an der Laderampe geparkt, über eine Treppe geht er hinein in die Halle. Wenn Aigner die Tür öffnet, dringt das laute Schlagen der Webstühle nach draußen. Die ganze Halle ist voll von ihnen, kleinere und größere, ältere und neuere sind hier aufgebaut, vor jedem steht eine Frau und webt.

Durch die aufgespannten Fäden, die Kettfäden, schiebt die Weberin das Schiffchen mit dem Garn. Drückt sie auf eine Fußtaste, schlägt die schwere Weblade mit einem gewaltigen Rumms nach vorn und presst das Garn an das bereits entstandene Gewebe. Dann schiebt die Weberin das Schiffchen in die andere Richtung. Fußtaste, rumms. Und wieder hin. Fußtaste, rumms. Und wieder her. Fußtaste, rumms. Und wieder hin. Von morgens bis abends geht es so, Garnreihe um Garnreihe entsteht der Teppich, auf jedem Webstuhl einer.

Aus ganz Europa kauft Aigner systematisch alle Webstühle auf, die er bekommen kann, meist sind es museale Stücke aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Einige von ihnen lagern am Rand der Fabrikhalle. Eines Tages wird er sie schon brauchen können, da ist der Chef zuversichtlich.

Lowtech macht den Unterschied

Gibt es wirklich keine Maschine, die vollautomatisch die Teppiche weben könnte? „Natürlich gibt es die“, sagt Aigner. Aber die Teppiche wären dann andere. „Wie wir arbeiten, ist jeder von ihnen ein Unikat. Und vor allem: Schauen Sie sich mal die Strukturen an.“ Er geht ein paar Schritte, eine Weberin hat gerade einen Musterstreifen fertig gemacht für eine Boutique irgendwo in Deutschland. Der eine Teppich ist aus dünnem Garn gewebt, der nächste aus dickem. Einer hat unregelmäßig verteilte Knubbel, die hervorstehen, der nächste hat einen schweren Flor, der nach oben steht wie zentimeterdicke Grashalme. 26 verschiedene Strukturen sind im Angebot, dazu 96 Farben und kein einziges Standardmaß: Jeder Teppich wird zentimetergenau auf Bestellung gewebt. Was soll man da mit vollautomatischen Maschinen?

Die Geschäfte laufen blendend. Wie es aussieht, hat Tisca die Talsohle durchschritten: Die Firma hat ihren Umsatz seit dem Tiefstand schon wieder auf sieben Millionen Euro mehr als verdoppelt, Tendenz steigend.

Hier kreuzt sich die Erfolgsgeschichte des Unternehmers mit dessen Engagement für die rumänischen Dörfer. Ungefähr 130 Mitarbeiter beschäftigt Aigner im Stammwerk in Cisnădie, die meisten waren früher beim Staatsunternehmen Covtex. Als der Koloss mit seinen 5000 Angestellten zusammenbrach, gab es qualifizierte Textilarbeiter im Überfluss. Mittlerweile aber boomt die Wirtschaft im nahe gelegenen Hermannstadt, westeuro- päische Firmen haben dort Produktionsstätten eröffnet, die Arbeitskräfte benötigen: Automobilzulieferer, Elektrohersteller und Großdruckereien lassen täglich zum Schichtbeginn eigene Charterbusse durch die Dörfer fahren und karren so ihre Mitarbeiter an die Fließbänder.

Jeder Ort, der auch nur einigermaßen gut erreichbar ist, wird von den Bussen angesteuert. Für Aigner ist das ein Problem, denn das rumänische Wirtschaftswunder nimmt ihm seine potenziellen Mitarbeiter – der Markt ist leer, und jetzt, da die Weberinnen kaum noch Schritt halten können mit den Teppichbestellungen aus den Boutiquen in Westeuropa, braucht er jede verfügbare Hand. Nun ist das, was er als Sozialprojekt begonnen hatte – die Beschäftigung der Roma aus Ziegental –, zu einem Standbein für die Firma geworden, das immer wichtiger wird.

Aigner schaut bereits weiter. „Haben Sie am Straßenrand die ältere Dame gesehen, gleich am Ortsausgang?“, fragt er, als er seinen Geländewagen wieder über die rumänischen Straßen steuert, auf dem Weg zum nächsten Termin. „Das ist eine Prostituierte, eine Frau hier aus dem Ort, die seit Jahren da an der Straße steht.“ Eines Tages fragte er Adrian, seinen rumänischen Produktionsleiter, ob man der Frau nicht eine Chance geben sollte in der Weberei, Arbeit gebe es schließlich genug. Der Produktionsleiter schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Auf keinen Fall, rief er, das sei den Mitarbeiterinnen nicht zuzumuten, die würden geschlossen dagegen aufbegehren. Ein bisschen Zeit, sagt Aigner, wolle er seinen Leuten noch geben. „Und dann, wenn der richtige Moment kommt, spreche ich sie noch mal darauf an.“

Der Unternehmer kennt solche Reaktionen schon. Als er die Idee hatte, einige Webstühle in Ziegental aufzustellen und Roma-Frauen zu beschäftigen, war er auf Ablehnung gestoßen. „Sie glauben gar nicht, was ich mir da anhören musste“, sagt Aigner. Der Produktionsleiter fürchtete zudem um die guten alten Webstühle und wollte die gelieferten Garne am liebsten gleich abschreiben. Ohne Männer, die auf Zucht und Ordnung achteten, kämen die Frauen sowieso nicht zur Arbeit, sagten wiederum andere.

Damals ließ sich der Chef nicht beirren, er schickte seine Techniker nach Ziegental und ließ sie dort die tonnenschweren Webstühle aufbauen; sie sind manuell bedienbar, es gibt weit und breit keinen Starkstrom. Die Skepsis war falsch: Die Frauen kommen pünktlich zur Arbeit, die Teppiche sind von bester Qualität. Und Walter Aigner will die kleine Außenstelle am liebsten erweitern, ein paar Frauen zusätzlich fänden im Stall noch Platz.

Eine ähnliche Strategie stand dahinter, als er seine zweite Außenstelle eröffnet hatte. Sie liegt im Ort Bogatu Roman, ganz in der Nähe der Hügelkuppe, die er gerade kaufen will. Als Aigner zum ersten Mal herkam, führte noch keine asphaltierte Straße zu den paar Häusern, und auch heute noch ist die kleine Gemeinde trotz einer neuen Fahrbahn so weit weg von Hermannstadt, dass es sich für Investoren nicht lohnt, einen Shuttle-Bus dorthin zu schicken, um Fabrikarbeiter zu ihrer Schicht abzuholen.

Aigner baute ein paar seiner Webstühle in einer leer stehenden Schule an der Hauptstraße des Dorfes auf und stellte ein gutes Dutzend Frauen ein. Ab und zu schickt er einen Lastwagen zur alten Schule, der die fertigen Teppiche abholt und neues Garn liefert. Es sind Reste aus dem Hauptwerk, die hier verarbeitet werden: kurze Stückchen Garn, jedes in einer anderen Farbe. Und weil sich von der Zentrale aus die Arbeit hier in der Außenstelle ohnehin nicht kontrollieren lässt, hat die Firma Tisca die Selbstständigkeit zum Prinzip erhoben: Die Frauen teilen sich Arbeits- und Urlaubszeiten selbst ein, sie schmeißen den Laden – Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Und es stimmt: Pro Jahr stellen die Frauen aus Bogatu Roman 3000 Teppiche her.

Aigner ist mit seinem Wagen an einer Straße angekommen, die sich über Serpentinen hinaufzieht in das Dorf Vurpăr. Neulich hatte ihm der Bürgermeister von einem leer stehenden Gebäude im Ort erzählt. Aigner dachte sofort an seine eingemotteten Webstühle – könnte man die da nicht aufbauen? Genügend Arbeiterinnen, versicherte der Bürgermeister, würde man gewiss finden. „Jetzt schauen wir uns mal an, ob da was draus wird“, sagt Aigner, als er vor dem Rathaus seinen Wagen parkt.

Der Bürgermeister kommt ihm entgegen, einer der letzten Deutschsprachigen aus dem Ort, die in Rumänien geblieben sind. Er führt Aigner zum Gebäude, ein schmuckloser Zweckbau. Hier, im ersten Obergeschoss, wäre der freie Raum. Zwei Vorhängeschlösser werden geöffnet, dann stehen die beiden Männer im Saal, der derzeit für die Dorffeste genutzt wird. Fünf große Fenster gehen zur Straße, verhängt mit blauen Gardinen, der Boden ist eine stabile Stahlbetonkonstruktion. Aigner nickt zufrieden. „Ich schicke mal unseren Baumeister. Der prüft, was es kostet, das hier als Betriebsstätte herzurichten.“ Es müssten Toiletten eingebaut und Brandschutzvorrichtungen auf den neuesten Stand gebracht werden. Dann könnten die Webstühle kommen.

Ist das ein Hilfsprojekt oder ein kluger strategischer Schachzug? Walter Aigner schüttelt den Kopf. Denn die Antwort lautet: beides. ---