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Wolfgang Engler im Interview

Firmen tun so, als sei Arbeit Selbstverwirklichung. Die Angestellten tun so, als glaubten sie das. Über Risiken und Nebenwirkungen dieser Täuschung spricht Wolfgang Engler, Rektor der Schauspielschule Ernst Busch.





brand eins: Herr Engler, weshalb ist der Anspruch, sich im Beruf permanent selbst zu verwirklichen, unrealistisch?

Wolfgang Engler: Wir agieren alle in verschiedenen sozialen Rollen, als Arbeitnehmer, als Vorgesetzter, als Ehepartner, als Konsument. In jeder dieser Rollen werden verschiedene Seiten von uns abgerufen. Erst dadurch, dass wir uns in verschiedenen Funktionszusammenhängen bewegen und vor der Aufgabe stehen, sie zu integrieren, konstituiert sich so etwas wie ein Selbst. Persönlichkeit entsteht nicht in der reinen Selbstbezüglichkeit. Dass dieses Agieren in sozialen Rollen und Funktionen unter dem Anspruch, jederzeit authentisch sein zu müssen, zunehmend als Verstellung, Lüge, Entfremdung, Missbrauch der eigenen Person gilt, finde ich irritierend. Um dem zu entgehen, macht man sich die Rolle komplett zu eigen, spreizt sich und tut so, als wäre man mit ihr identisch: Ich verwalte keine Rolle, ich bin sie. Das Selbst wird von der Funktion, etwa als Arbeitnehmer, aufgesogen. Es ist keine Trennung mehr möglich. Das ist keine Befreiung von den Zwängen der Arbeit, sondern das Gegenteil davon: eine Überidentifikation mit der Funktion. Man kann kaum noch zwischen ihr und sich selbst unterscheiden. Die Grenzlinie zwischen Privat und Öffentlich zu verwischen macht das Leben nicht einfacher.

Beschädigt diese Überidentifikation den Schutzraum des Privaten?

Für mein Empfinden ja. Aber ich bin nicht sicher, ob sich die Betreffenden unglücklich fühlen, wenn sie diese Grenze nicht mehr ziehen können. Evident ist, dass das anstrengend ist und neuen sozialen Stress auslöst. Man weitet Arbeitszeiten aus und investiert mehr emotionale Ressourcen, wenn Arbeit und Privates scheinbar nahtlos ineinander übergehen. Fehlende Distanz macht auch verletzbarer. Man stellt dem Unternehmen nicht nur die Arbeitskraft, sondern die ganze Persönlichkeit zur Verfügung. Interessant ist die Frage, ob und unter welchen Umständen dieser Anspruch das Unternehmen überfordert. Diese Rhetorik der Selbstverwirklichung im Beruf kaschiert letztlich nur die realen Machtverhältnisse.

Inwiefern?

Ich unterrichte regelmäßig an der Universität St. Gallen angehende Manager. Wenn ich sie frage, wo ihrer Erfahrung nach eine moderne Unternehmenskultur den Wünschen der Individuen Grenzen setzt, alles von sich zu zeigen, kommen sehr klare Antworten: Alle starken negativen Affekte sollte man für sich behalten. Wer harte Kritik am Vorgesetzten übt, wer zeigt, was er von bestimmten Kunden oder Kollegen wirklich hält, oder der Enttäuschung über entgangene Karrierechancen freien Lauf lässt, bekommt ein Problem. Diese Affekte müssen eisern unter Verschluss gehalten werden. Je stärker die Fiktion des Authentischen ist, desto zuverlässiger muss die emotionale Selbstkontrolle funktionieren.

So richtig kompliziert wird es, wenn man diese Fiktion nicht durchschaut und sich ungefiltert privat verhält?

Mit Sicherheit. Die große Herausforderung der Arbeit in Organisationen besteht darin, Funktionsträger und gleichzeitig man selbst zu sein. Zum Problem wird das erst, wenn man sich auch in der Funktion privat verhalten will und anderen diese Privatheit aufdrängt. Dann duzen Verkäufer in einem Geschäft wildfremde Kunden, oder Schauspieler sprengen eine Probe, indem sie sie zum Schauplatz ihrer privaten Dramen machen. Der Abstand zwischen Verkäufer und Kunden in ihren jeweiligen sozialen Rollen wird zugunsten einer angemaßten, vermeintlichen Intimität aufgelöst. Man tut so, als wäre man nicht in einem Geschäft, sondern im eigenen Wohnzimmer. Das erlebt man bei Theater-Performances, wenn der ganze Abend daherkommt, als sei das kein Theater, sondern das Leben selber. Es darf auf keinen Fall wie Kunst wirken, wie etwas, das erarbeitet, hergestellt und für ein Publikum aufgeführt wird. Man kommt sich als Zuschauer vor, als wäre man zufällig Zeuge einer WG-Szene. Im Theater setzt sich fort und verstärkt sich, was man überall beobachten kann: Es gilt fast als peinlich und unangenehm, dem Standard gemäß eine Funktion auszuführen. Das wird als Zumutung empfunden, gegen die man sich mit dem Anspruch wehrt, immer und überall als ganzer Mensch aufzutreten, egal wie illusionär das ist.

Vermutlich würde es keine Firma aushalten, wenn die Mitarbeiter ihre spontanen Wünsche über ihre jeweilige Funktion stellen.

Das wissen auch alle Beteiligten. Das Kuriose ist, dass diese Fiktion dennoch so konsequent gepflegt wird. Der Soziologe Max Weber hat vor einem Jahrhundert das „stahlharte Gehäuse“ der modernen bürokratischen Organisation beschrieben: keine Handlungsspielräume, keine Entscheidungsbefugnisse, strenge Hierarchien, ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit des Einzelnen. Dagegen haben der Ökonom Peter Drucker und andere seit den Sechzigerjahren darüber nachgedacht, wie man die Leute dazu bringt, nicht mechanisch nach Vorschrift zu arbeiten, sondern eigenverantwortlich zu handeln und die Unternehmerperspektive einzunehmen. In wissensgetriebenen Branchen ist das für Firmen schlicht notwendig. Wenn das zu echten Handlungsspielräumen im eigenen Verantwortungsbereich führt, profitieren das Unternehmen und die Mitarbeiter davon. Aber oft ist es reine Rhetorik. Dann muss man zur Arbeitsdisziplin auch noch so tun, als würde sie Spaß machen und wäre ein persönliches Anliegen. Das ist eine Fake-Authentizität.

Das von der jeweiligen Funktion gesteuerte Verhalten macht das Leben unkomplizierter?

Ja, natürlich. Vor allem ermöglicht es erst komplexe Vorgänge wie die Arbeitsteilung. Der Philosoph Georg Simmel beschreibt in seinem Buch „Philosophie des Geldes“ welchen Gewinn die von den sozialen Rollen geschaffene Distanz bedeutet. Man kann Dinge nüchtern und sachorientiert klären, ohne dass die Funktionsträger auch als Individuen mit all ihren Wünschen und Affekten involviert sind. Heute gilt eine Abstandspraxis wie die Höflichkeit fast schon als ungehörig. Stattdessen erlebt man eine Zwangsvergemeinschaftung, die nur oberflächlich und scheinbar ist. In Funktionen zu agieren entlastet nicht nur das Gegenüber, sondern auch das eigene Handeln.

Haben Sie ein Beispiel für das, was Sie die Rhetorik der Selbstverwirklichung nennen?

Ich war vor einigen Jahren in einem Hotel. In jedem Zimmer lag eine Broschüre, in der sich die jungen Beschäftigten des Unternehmens vorstellten und erklärten, wie großartig es ist, dort zu arbeiten. Ein Tony oder Tom hatte geschrieben, hier müsse er sich nie verstellen, hier könne er sein, wie er wirklich ist. Was für ein Missverständnis! Der Werbetext suggeriert, dass der Mitarbeiter als ganze Person identisch mit seiner Servicefunktion im Hotel ist. Und das bei einer eher unpersönlichen Hotelkette, die Dienstleistungen industrialisiert hat.

Was ist so schlimm daran, dass sich ein Hotelmitarbeiter mit seiner Arbeit identifiziert?

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Da gab es ein Bonmot: Wir tun so, als würden wir arbeiten, und der VEB tut so, als würde er uns bezahlen. Heute tut das Unternehmen so, als sei die Arbeit ein kreativer Akt der Selbstverwirklichung und des Vergnügens, und die Mitarbeiter tun so, als würden sie das glauben. Das ist eine Art Real-Theater. Auch der Tony oder Tom aus dem Hotel weiß natürlich, dass er ein Dienstleister ist und funktionieren muss und dabei auf keinen Fall alles von sich zeigen darf. Sein Statement in der Werbebroschüre bedient einen Konsens.

Sie leiten die Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, an der Stars wie Henry Hübchen, Corinna Harfouch, Jan Josef Liefers, Nina Hoss oder Lars Eidinger ausgebildet wurden. Erleben Sie in der Ausbildung, dass Schauspielstudenten die Berufsausübung mit Selbstverwirklichung verwechseln?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Ich höre öfter von Kollegen, dass Studierende im Rollenstudium Texte nicht sprechen wollen, die sie anstößig, sexistisch, rassistisch oder anderweitig fragwürdig finden. Mit dieser Haltung kann man keine moralisch ambivalenten Figuren mehr spielen. Das ist eine moralisierende Anmaßung und ziemlich geschichtsvergessen. Man macht die eigene, aktuelle Befindlichkeit zum Maßstab, mit dem die gesamte Weltliteratur bewertet und gegebenenfalls zensiert wird. In US-amerikanischen Universitäten verschwinden als anstößig geltende Texte zum Teil aus den Bibliotheken, weil sie, so die Begründung, die Leser traumatisieren könnten. Das geht relativ weit. Mit dieser Moral- oder Befindlichkeitszensur kann man weder den „Faust“ noch Stücke von Shakespeare oder Heiner Müller aufführen. Das Sprechen auf der Bühne wird mit einer privaten Situation gleichgesetzt. Der einzige gültige Maßstab ist offenbar die eigene Person. Viele Sätze in solchen Diskussionen beginnen mit ich: ich als Frau, ich als Schwuler, ich als Vater, ich als Vegetarier, ich als Deutsche. Mit dieser ständigen Identitätsmarkierung beansprucht man, ganz besonders authentisch zu sein. Man zwingt dem Zuhörer eine Intimität auf, die überdeckt, dass man als Funktionsträger oder Interessenvertreter spricht. Das zerstört den politischen Diskurs. Es ist nur noch Zustimmung oder Ablehnung möglich. Auseinandersetzung, etwa einen Interessenkonflikt zu formulieren und auszutragen, wird schwierig, wenn es nicht mehr um Positionen, sondern immer gleich um den ganzen Menschen geht.

Was bedeutet dieser Anspruch für Theaterschauspieler?

Letztlich verabschieden sie sich von der Grundverabredung des Theaters, vor Publikum im Spiel in Rollen zu treten und jemand anderes sein zu können, in andere Erfahrungen einzutauchen, als die, die man als Privatperson hat. Dass das unter angehenden Schauspielern in Verruf gerät, ist schon bemerkenswert und irritierend. Neulich habe ich gelesen, dass die Redakteurin einer Theaterzeitschrift meint, authentisch sei ein Schauspielerauftritt erst, wenn ein Kontrollverlust eintritt und der Darsteller nicht mehr eine Figur spielt, sondern zum Beispiel echte Tränen weint. Verlangt wird, dass das Spiel durch private Gefühlsäußerungen ersetzt wird. Das ist die Forderung nach der Selbstabschaffung des Theaters im Namen des Authentischen. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen.

Wie erklären Sie sich das Verhalten der angehenden Schauspieler?

Sie bewegen sich in einem Milieu, in dem Ich-Bezogenheit selbstverständlich ist. Etwas zugespitzt könnte man sagen, dass sie die weitverbreitete Rhetorik der Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz nicht durchschauen und glauben, sie sei wörtlich gemeint. Das betrifft sicher nicht nur Schauspielstudenten. Sie formulieren daraus einen Anspruch und fühlen sich dabei im Einklang mit gesellschaftlichen Leitbildern. Das ist nicht frei von Narzissmus, wie Narzissmus überhaupt die Schwundstufe der überall verlangten Authentizität ist. ---

Wolfgang Engler, Jahrgang 1952,
leitet seit 2005 als Rektor die Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, eine der renommiertesten deutschen Theaterhochschulen. Der Professor der Kultursoziologie studierte Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er veröffentlichte unter anderem „Bürger ohne Arbeit“ (2005), ein Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Im April erscheint sein Buch „Authentizität! Von Exzentrikern, Spielverderbern und Dealern“ (Verlag Theater der Zeit).