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Goldman Sachs Moritz Baier im Interview

Die Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle und Arbeitswelten. Und so findet sich ein Top-Talent aus der IT-Branche nicht im Silicon Valley, sondern bei Goldman Sachs in New York wieder. Ein Gespräch über die Frage, ob man auch als Investmentbanker die Welt verbessern kann – und wenn ja, wie.





• Moritz Baier, 29, deutscher Informatiker mit zwei Abschlüssen von der Stanford University, hätte sich viele Jobs aussuchen können, nachdem er 2015 sein Master-Studium beendet hatte. Eine politische Karriere wäre denkbar gewesen, fürs Weiße Haus hatte er als Assistent von Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice schon einmal gearbeitet; die Unternehmensberatung McKinsey rief und das Silicon Valley sowieso.
Doch Baier entschied sich für die Investmentbank Goldman Sachs. Ausgerechnet.

„Vampire Squid“, so nannte das US-Magazin »Rolling Stone« das Finanzhaus – eine Institution, die sich „über das Antlitz der Menschheit“ gelegt habe und deren Blut aussauge. Das war 2009, und der »Rolling-Stone«-Artikel war nur einer von vielen, die sich kritisch mit dem Geldhaus auseinandersetzten. Auch brand eins berichtete von der Parallelwelt, die die Goldman-Banker offenbarten, als sie vor einem US-Untersuchungsausschuss zu unsauberen Geschäften mit Kunden Stellung nehmen mussten (siehe brand eins 06/2010, „Die Schrott-Händler“), von der Gier, von den zahllosen Interessenkonflikten, in die die Bank immer wieder geriet (siehe brand eins 01/2012, „Bohren ohne Betäubung“).

Goldman Sachs hat die Quittung bekommen, das Geschäftsmodell ist bedroht. Zum Beispiel durch die Bankenregulierung, die einen Riegel vor viele lukrative Geschäfte, vor allem den Eigenhandel, schob und damit die Profitabilität der gesamten Branche und auch Goldmans drastisch reduzierte (siehe Grafik auf Seite 81). Zwar plant der neue US-Finanzminister Steven Mnuchin, einer von mehreren Ex-Goldman-Bankern in Diensten der Trump-Regierung, Erleichterungen. Doch ist ihr Umfang ungewiss, und die Umsetzung kann dauern. Zudem zwingt aber auch die Digitalisierung die einst so verschlossenen Banken zu mehr Offenheit – eröffnet ihnen allerdings auch neue Geschäftschancen und versetzt sie in die Lage, durch Automatisierung in großem Stil Kosten zu sparen.

Goldman Sachs hat auf diese Entwicklungen entschlossener reagiert als so mancher Wettbewerber – und das hat sich herumgesprochen. Nach der Finanzkrise war die Zahl der Bewerber von Elite-Universitäten deutlich zurückgegangen, sei aber, so die Verantwortlichen von Goldman, mittlerweile „mehr als überkompensiert“. Knapp 40 Prozent der Berufsanfänger bei Goldman Sachs haben mittlerweile einen naturwissenschaftlichen oder technischen Universitätsabschluss.

Moritz Baier berät bei Goldman in New York das Top-Management von IT-Konzernen wie Dell Technologies und IBM bei Fusionen, Übernahmen und Kapitalmaßnahmen, aber auch Unternehmen wie den Elektroauto-Hersteller Tesla und das Raumfahrtunternehmen SpaceX mitsamt ihrem schillernden Gründer Elon Musk. Im Doppelinterview mit Wolfgang Fink, 50, Co-Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs in Deutschland, erklärt Baier, wie die Arbeitswelt bei der Bank heute aussieht – und warum er sich am richtigen Platz glaubt.

brand eins: Herr Baier, junge Menschen haben Träume. Welcher ist Ihrer?

Moritz Baier: Meine große Leidenschaft ist die Technologie-Branche, deswegen habe ich Wirtschaftsinformatik studiert und vor meinem MBA in Stanford für IBM gearbeitet. Ich will die Industrie mit verändern.

Inwiefern?

Baier: Ich bin überzeugt davon, dass neue Technologien den Wohlstand mehren, ihn besser verteilen, die Menschheit insgesamt voranbringen. Sie stellen uns als Gesellschaft auch vor eine Neubewertung unserer Grenzen und Wertvorstellungen. Ich berate Firmen, die den Mars besiedeln wollen, das würde für die Menschheit einen ungeheuren Sprung nach vorn bedeuten.

Warum haben Sie nicht direkt bei SpaceX angeheuert, die genau das beabsichtigen?

Baier: Dort dürfen nur Amerikaner arbeiten, weil das Unternehmen unter die Regelungen für internationalen Waffenhandel fällt, die für alle Firmen gelten, die Militärgüter herstellen oder es zumindest könnten. Das wäre sonst vielleicht wirklich eine Alternative gewesen. Immerhin haben wir Elon Musk vergangenes Jahr bei der Kapitalerhöhung von Tesla beraten. Das Spannende ist: Wir unterstützen Firmen in Momenten, in denen sie vor wichtigen Ereignissen stehen, einem Börsengang oder einer großen Übernahme. Wenn solche Transaktionen erfolgreich verlaufen, haben wir tatsächlich dabei geholfen, dass es vorangeht.

Goldman berät Firmen in komplexen Finanzfragen. Haben IT-ler dafür das nötige Wissen?

Wolfgang Fink: Technologie und vor allem die Veränderungen, die sie bewirkt, also die berühmte Disruption, spiegeln sich in den Zahlen wider, in internen Kennziffern und Marktpreisen. Warum sind beispielsweise die klassischen Automobilhersteller mit ihren immer noch hohen Absatzzahlen schlechter bewertet als Tesla? Solche Fragen müssen wir als Bank erklären können, sowohl Firmen gegenüber, die frisches Kapital benötigen, als auch bei Investoren, die Geld anlegen wollen. Ein Verständnis dieser Zusammenhänge ist eine der Bedingungen für funktionierende Kapitalmärkte.

Baier: Viele Tech-Firmen machen heute noch keinen Gewinn. Trotzdem gehen sie an die Börse, was gut ist, denn sie brauchen Kapital, um zu wachsen. Aber wie bewertet man sie? Eigentlich müsste man Geld bekommen, wenn man ihre Aktien kauft. Sie sind ja, negativ formuliert, Geldverbrennungsanlagen. Und doch können sie einen Wert haben. Um den einschätzen zu können, muss man das Potenzial der Technologie verstehen.

Beraten IT-ler von Goldman Sachs ihre Kunden auch in technischen Fragen?

Baier: Das kommt immer häufiger vor. Mit vielen unserer Kunden, auch namhaften Tech-Konzernen, stehen wir mittlerweile im regelmäßigen Austausch zu Trends: Wir teilen unsere firmeneigenen Entwicklungen für die Blockchain und Cybersecurity oder diskutieren unsere Sicht auf bevorstehende Durchbrüche in Feldern wie künstliche Intelligenz, Drohnen und Virtual Reality.

Die IT-Industrie boomt, das Investmentbanking schrumpft. Wären Sie nicht doch lieber in einer Wachstumsbranche tätig?

Baier: Ich bin in Tech! Goldman ist für mich ein Technologie-Unternehmen.

Richtig ist, dass Sie überdurchschnittlich viel in Technologie investieren. Sie sind an Start-ups wie Uber, Spotify oder Pinterest beteiligt. Daneben geben Sie in Ihrem Kerngeschäft mehr als 800 Millionen Dollar jährlich für neue Soft- und Hardware aus. Ein Viertel Ihrer Mitarbeiter arbeitet im IT-Bereich. Was treibt Sie an?

Fink: Technologie war schon immer ein großes Thema für uns, weil wir ja ständig Informationen verarbeiten. In dem Bereich ist auch die Automatisierung schon sehr weit gediehen. Das Gleiche gilt für das Börsengeschäft. Dort brauchen wir immer weniger Händler und immer mehr Software-Experten. Die technische Entwicklung eröffnet uns außerdem neue Geschäftsfelder, die Kreditvergabe an Verbraucher etwa, die für uns früher uninteressant war. Da man das jetzt online über eine Plattform anbieten kann …

… und solche Plattformen in den USA eine deutlich höhere Eigenkapitalrendite erwirtschaften als Ihre Bank …

Fink: … sind wir mit dem Aufbau der Online-Kreditplattform Marcus in dieses Geschäft eingestiegen. Wir versuchen, kontinuierlich das Feedback der Kunden einzuholen.

Noch verdienen Sie mit Marcus und Ihren anderen Investments offenbar kein Geld. Ihr Umsatz im vergangenen Jahr sank um 9 Prozent, Ihr Gewinn ist nur deshalb gestiegen, weil Sie die operativen Kosten um fast 20 Prozent gesenkt haben. Hilft die Automatisierung beim Sparen?

Fink: Ja, dabei spielt die Technologie eine wesentliche Rolle.

 

Nimmt Sie Ihnen auch unliebsame Arbeit ab?

Baier: Der Großteil unserer Analysen ist automatisiert. Historische Marktdaten und Berechnungen, für die man früher tagelang Informationen zusammentragen musste, gibt es heute auf Knopfdruck und dann auch gleich im richtigen Format für die Präsentation. Ich kann mich auf die Fragen konzentrieren, die mich wirklich herausfordern, kann mich mit den komplexen Themen beschäftigen, deren Lösung für den Kunden dann auch den größten Mehrwert bringt: Einschätzungen liefern, gewichten, bewerten, interpretieren. Das macht natürlich auch am meisten Spaß.

Kommen denn Top-Programmierer zu Ihnen? Gehen die nicht lieber ins Silicon Valley?

Baier: Ich höre von ehemaligen Kommilitonen und Bekannten, dass viele es mittlerweile spannender finden, bei der Transformation eines Konzerns zum Technologie-Unternehmen mitzuwirken, als bei einem Social-Media-Anbieter noch die letzte Anwendung zu optimieren.

Fink: Bei uns sind die Entwickler mitten drin im Geschehen. Wenn wir mit Start-ups zusammensitzen, was wir regelmäßig tun, dann berichten wir von den Problemen in der Praxis, die relevant sind – und die Start-ups denken über Lösungen nach. Sie fragen uns: Wo ist denn mal ein Anwendungsfall, bei dem wir zeigen könnten, was unsere App alles bewerkstelligt?

Im Jahr 2016 hat Goldman Sachs einen Teil seines Geschäftsgeheimnisses preisgegeben: Sie haben Ihre Datenbank SecuritiesDB, um die Sie von Konkurrenten beneidet wurden, für Kunden zur direkten Nutzung geöffnet. SecuritiesDB erlaubt die Analyse von Milliarden von Marktdaten, das Durchspielen von Szenarien, das Kalkulieren von Risiken und soll Goldman in der Finanzkrise rechtzeitig vor dem Kollaps der Börsen gewarnt haben. Haben Sie nicht früher Geld damit verdient, dass Sie mehr wussten als Ihre Kunden?

Fink: Unsere Systeme sind nur zum Teil zugänglich. Natürlich gibt es immer auch Daten, die Dritte aus Gründen der Vertraulichkeit nicht bekommen können. Aber der Gedanke der offenen Architektur, des Teilens, setzt sich auch im Banking durch. Wir geben den Kunden mehr Informationen, und sie geben uns dafür Börsenaufträge, handeln also über uns, was enorm wichtig ist. Man braucht Liquidität, um gute Preise stellen zu können.

Und Sie verdienen daran, wenn Kunden Ihnen Kauf- oder Verkaufaufträge für Wertpapiere geben.

Fink: Ja, das ist das traditionelle Modell. Der Kunde honoriert den Service, indem er Transaktionen über uns abwickelt, für die wir dann Gebühren erheben.

Der Kunde könnte die Informationen auch einfach so mitnehmen, ohne Ihnen später im Gegenzug Aufträge zu erteilen. Zumal Sie mittlerweile Apps kostenlos anbieten, mit denen er vieles selbst erledigen kann. Es gibt zum Beispiel ein Programm, mit dem Firmen Rückkaufprogramme für eigene Aktien abwickeln können. Dazu brauchten sie früher die Hilfe einer Bank. Geht Ihnen dadurch nicht Geschäft verloren?

Fink: Die Disruption kommt so oder so. Die Frage ist nur: Verändern wir uns selbst, oder warten wir, bis ein Dritter von außen es tut? Wir machen es lieber selbst und setzen darauf, dass die Kunden uns für andere, komplexere Vorgänge Mandate erteilen.

Es ist keine zehn Jahre her, dass die Bank wesentlich dazu beitrug, weite Teile der Welt an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu führen. Ist ein junger Mann wie Moritz Baier, der die Welt besser machen will, richtig bei Ihnen?

Fink: Das ist er. Die Menschheit voranzubringen ist zwar ein hohes Ziel, man darf nicht zu viel erwarten – aber doch einiges. Im klassischen Investmentbanking, also der Beratung und Finanzierung von Firmen mithilfe der Kapitalmärkte, geht es ja im Grundsatz immer darum, die Umsetzung von Ideen möglich zu machen, Vertrauen und Kapital für unternehmerische Vorhaben zu mobilisieren. Dass dabei vieles schiefgehen kann und gegangen ist, ist keine Frage. Das ist die einschneidendste und schlimmste Erfahrung in meiner Karriere gewesen. Aber seither haben wir neue Rahmenbedingungen geschaffen. Wir haben auf die Regulierung reagiert und auch intern sichergestellt, dass dieses Ziel, gute Dinge voranzubringen, nicht so leicht in Gefahr gerät.

Ein firmeninterner Ausschuss in New York soll nein gesagt haben, als es um die Beteiligung von Goldman Sachs Deutschland am Börsengang von Rocket Internet ging, dem Beteiligungsunternehmen der Gebrüder Samwer. Eine gute Entscheidung, Rocket Internet entpuppte sich für die Anleger als herbe Enttäuschung.

Fink: Zu konkreten Fällen kann ich nichts sagen. Aber grundsätzlich kann es vorkommen, dass ein unabhängiges Gremium gegen eine Transaktion entscheidet, und das ist dann auch endgültig. Als Geschäftsführer in Russland vor einigen Jahren war ich im Wesentlichen damit beschäftigt, Deals zu verhindern, weil das Risiko zu hoch war und unser Ruf gefährdet gewesen wäre. Frustrierend für manche Kollegen, aber nötig. Man muss allerdings sorgfältig abwägen. Der Rückzug der Banken darf insgesamt nicht zu weit gehen, wir müssen unsere Aufgabe weiter erfüllen, an den Märkten als Vermittler Risiken zu übernehmen.

Genau so argumentiert Ihr ehemaliger Kollege, der neue US-Finanzminister Steven Mnuchin. Er will, um für mehr Liquidität an den Märkten zu sorgen, unter anderem die sogenannte Volcker-Regel lockern, also wieder vermehrt Eigenhandel durch die Banken zulassen. Gab es denn schon Situationen, in denen zu wenig Geldhäuser präsent waren?

Fink: In einzelnen Bereichen war das zeitweise der Fall. Da wurde die Absicherung gegen Preisschwankungen sehr schwierig.

Sind lockerere Regeln sinnvoll? Keine Angst vor neuen Exzessen?

Fink: Wenn es in erster Linie darum geht, die Prozesse innerhalb des in den vergangenen Jahren entwickelten regulatorischen Rahmens für Banken effizienter zu gestalten, habe ich keinerlei Bedenken.

Herr Baier, haben Sie versucht, sich ein Bild von der Bank zu machen, bevor Sie den Job annahmen?

Baier: Ich habe ein Praktikum gemacht, ich wollte mich nicht auf Medienberichte und Drittmeinungen verlassen. Und ich war ziemlich beeindruckt von der Strenge, mit der Transaktionen kontrolliert werden.

Rechnet man das Praktikum mit, sind Sie seit gut zwei Jahren dabei. Haben Sie schon zum technischen Fortschritt beitragen können?

Baier: Ich war als Projektkoordinator mitverantwortlich bei der Beratung des Technologie-Konzerns Dell, als er den Konkurrenten EMC für 67 Milliarden Dollar übernahm, das war der bislang größte Tech-Deal der Welt. Er hat die Landschaft für alle großen Anbieter von Hardware, Software und Dienstleistungen grundlegend verändert, den Markt deutlich kompetitiver gemacht. Unternehmenskunden profitieren heute nicht nur von den günstigeren Preisen und besseren Angeboten für Server- und Speicherlösungen als Folge des verstärkten Wettbewerbs, sondern auch von beschleunigten Forschungs- und Entwicklungsausgaben der großen Anbieter, die sich in dem veränderten Umfeld neu auszurichten versuchen.

Sie haben bei Goldman angeblich den Ablauf eines Börsengangs in 146 Schritte zerlegt und prüfen nun, an welchen Stellen Technik den Menschen ersetzen kann. Wird es irgendwann vollautomatische Emissionen geben?

Fink: Die Fakten, die dabei eine Rolle spielen, können durch Computer zusammengetragen werden – aber die Entscheidungen müssen am Ende Menschen treffen.

Ist es nicht fraglich, ob Menschen, gerade bei der Preisfindung, immer einen guten Job machen? Beim Facebook-Börsengang wurde Goldman vorgeworfen, die Aktie zu teuer an den Markt gebracht zu haben. Jetzt geht mit dem Snapchat-Betreiber Snap wieder ein Social-Media-Unternehmen mit Ihrer Begleitung an die Börse, das noch dazu tief in den roten Zahlen steckt.

Baier: Ganz allgemein gesprochen sind solche Bewertungen sehr anspruchsvoll. Man muss sehr genau gucken, wofür ein Unternehmen steht und was aus ihm noch werden könnte. In jedem Fall müssen wir uns in diese Themen tief einarbeiten, sehr sorgfältig alle Faktoren prüfen. Darauf kommt es an, das ist es auch, was ich beitragen kann. ---

Nachtrag:
Herr Baier hat im Februar 2019 geheiratet und heißt jetzt Moritz Baier-Lentz.Wir gratulieren herzlich!