BRACERO-Programm

• Das, was Manuel Ávila Camacho im April 1943 vor dem Parlament verkündete, war eine kleine Sensation: das erste Einwanderungsabkommen zwischen Mexiko und den USA. In den Worten des mexikanischen Präsidenten klang das so: „Mittels eines Vertrages zwischen beiden Regierungen können mexikanische Arbeiter in den Vereinigten Staaten von Amerika angestellt werden.“




Es war für beide Länder eine schwie-rige Zeit, und man konnte sich gegenseitig helfen. Mexiko war in der Krise, die Arbeitslosigkeit dramatisch hoch, die Staatsfinanzen prekär. Es kam Ávila also gut zupass, wenn seine Landsleute im reichen Nachbarland arbeiten und Geld nach Hause schicken würden.

Die USA hingegen brauchten dringend Arbeitskräfte. Präsident Franklin D. Roosevelt warb für das Abkommen mit den Worten. „Die mexikanischen Landarbeiter helfen mit ihren Fähigkeiten und ihrem Fleiß bei der Produktion von dringend benötigten Lebensmitteln.“ Die USA waren Ende 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, Tausende junger Männer waren von den Farmen in Kalifornien und Texas an die Front gezogen. Vor allem in der damals arbeitsintensiven Landwirtschaft fehlte es an Arbeitern.

Mit dem Anwerbeabkommen wollte Roosevelt dieses Problem lösen. Bald setzte sich dafür der Begriff Bracero-Programm durch, in Anlehnung an das spanische Wort Brazo, Arm. Es begann ein Experiment der geordneten Masseneinwanderung. In den folgenden 22 Jahren erhielten 4,5 Millionen Mexikaner ein vorübergehendes Arbeitsvisum in den USA.

Um zu verhindern, dass seine Landsleute von den Farmern ausgebeutet werden, hatte der mexikanische Präsident Ávila seinem Kollegen Roosevelt einige Mindeststandards abgerungen. So sollten Mexikaner in den USA in keiner Weise diskriminiert werden, Kosten für Unterkunft, Essen, Kleidung und die Reise von und nach Mexiko hatte der Arbeitgeber zu bezahlen. Arbeitsverträge waren auf Spanisch abzufassen. Es wurde ein Mindestlohn vereinbart, zumindest auf dem Papier.

Gebraucht wurden Männer mit Erfahrung in der Landwirtschaft. Sie mussten Mais-Felder pflügen, Baumwollbüsche pflegen, Zitronen, Orangen, Mandarinen, Datteln und Erdbeeren ernten. Damit nicht jeder kam, der kommen wollte, wurden Anwerbestationen eingerichtet. Zunächst nur in der Kapitale Mexiko-Stadt, dann auch in den Grenzorten Ciudad Juárez und Chihuahua.

Schnell waren diese Stationen überlaufen. Tausende arbeitsloser Mexikaner standen in den Schlangen, um einen der begehrten Jobs im Norden zu kriegen. Bald schon schaffte man es nur mit Schmiergeld in einen der Busse, die die Arbeiter zur Grenze brachten.

Und auch dort hatten die Einwanderer Schikanen zu überstehen. „Wir kamen arm, aber wir kamen sauber“, sagte ein Bracero, als er 50 Jahre später von Historikern befragt wurde. An der Grenze wurden die Mexikaner von US-Beamten mit dem Insektizid DDT besprüht, um mögliche Krankheitserreger abzutöten. Sie wurden von Ärzten untersucht, ihr Gepäck wurde nach Waffen, Marihuana oder Obst und Gemüse durchsucht. Wen die Ärzte für die Feldarbeit für untauglich hielten, der wurde zurückgeschickt. Wer all das überstand, der konnte auf der anderen Seite der Grenze gleich seinen künftigen Arbeitgeber kennenlernen und zu dessen Farm mitkommen.

Womit viele aber nicht gerechnet hatten: Die Farm konnte Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt liegen. Viele der Gastarbeiter fanden sich in Gegenden wieder, die ihnen fremd waren. Nicht selten wurden sie von den Einheimischen diskriminiert, sie durften keine Restaurants betreten oder mussten dort in der Küche essen.

Schlimmer noch war, dass die amerikanischen Großgrundbesitzer die Mexikaner oft schamlos ausbeuteten: Viele mussten in heruntergekommenen Absteigen hausen und für einen Hungerlohn schuften. Daraus folgte, dass viele amerikanische Arbeiter keine Jobs mehr auf den Farmen bekamen, weil sie zu teuer waren.

Anfang der Sechzigerjahre löste US-Präsident John F. Kennedy das Problem auf seine Weise – er beendete das Bracero-Programm und schickte die Mexikaner zurück. Dies führte tatsächlich dazu, dass es in der Landwirtschaft wieder Arbeitsplätze gab. Aber nur kurzfristig. Denn schon nach wenigen Jahren wurden viele Tätigkeiten automatisiert, etwa die Ernte von Tomaten, Zuckerrüben und Baumwolle. Die Landarbeiter wurden nun nicht von Mexikanern ersetzt, sondern von Maschinen. ---

„Wir kamen arm, aber wir kamen sauber “, so ein Erntearbeiter