Theater als Widerstand

Theater als Widerstand – Regisseure aus Syrien, Ägypten, Kroatien, der Türkei, der Ukraine und Ungarn berichten über ihre Arbeit unter schwierigen Bedingungen.






Ohne offizielle Erlaubnis ist es in Syrien völlig unmöglich, Theater zu spielen
Ayham Majid Agha

Ayham Majid Agha, 36,

ist Schauspieler und Regisseur; der Syrer war bis 2012 Junior-Professor für Schauspiel an der Hochschule für Darstellende Künste in Damaskus. Seit 2013 lebt er im Exil in Deutschland; er ist am Berliner Maxim Gorki Theater engagiert.

„Ich habe acht Jahre lang interaktives Theater gemacht, zusammen mit einer Theatergruppe; von 2003 bis 2011 haben wir in mehr als 200 Dörfern in ganz Syrien gespielt. Das fanden wir wichtiger und interessanter, als im Nationaltheater in Damaskus aufzutreten. Der Abstand zwischen den Verhältnissen in Damaskus und dem Leben der Bauern auf dem Land ist sehr groß. In den Dörfern gibt es oft keine Elektrizität oder Telefonanschlüsse, viele Menschen können kaum lesen. Zuerst sind wir nur in einem Bus durch das Land gefahren, um die Lage in den Dörfern besser zu verstehen. Das Wichtigste war der Kontakt mit den Menschen dort. Wir wollten mit dem Straßentheater Situationen schaffen, in denen sie sich öffnen und über ihre Probleme reden können. In den Stücken ging es um ihr Leben, um Familien mit vielen Kindern, um 14-jährige Mädchen, die verheiratet werden, um die Lage der Frauen oder um junge Männer, die nicht zur Armee wollen und sich 20 Jahre lang in einem Zimmer verstecken. Weil wir auf der Straße spielten, wussten die Leute zuerst oft gar nicht, dass wir gerade Theater machen. Nach spätestens 20 Minuten waren die Zuschauer Teil des Spiels, wir konnten mit ihnen in einen Dialog treten.

Die Entscheidung, auf der Straße Theater zu spielen, war nicht ungefährlich. Wir haben über Tabuthemen gesprochen, Sexualität und Religion zum Beispiel. Syrer sind konservativ, oft haben die Zuschauer wütend reagiert. Manchmal haben die Leute Steine auf uns geworfen oder das Spiel aggressiv unterbrochen, zum Beispiel indem sie mit Motorrädern so laut um uns herumgefahren sind, dass man nichts mehr verstanden hat, oder sie haben uns Prügel angedroht. Manchmal haben sie sich bei der Polizei oder bei einflussreichen Leuten in Damaskus über uns beschwert. Oder sie waren empört und haben gesagt, was wir spielten, stimme nicht, es würden keine 14-jährigen Mädchen verheiratet oder wenn doch, sei das kein Problem. Das war gut für uns, darauf konnten wir reagieren, das war Teil unseres Theaters. Wir haben solche Situationen regelrecht trainiert.

Syrien ist eine Diktatur, überall ist Polizei. Ohne offizielle Erlaubnis ist es in Syrien völlig unmöglich, Theater zu spielen, erst recht Straßentheater auf dem Land. Es gab nur einen Weg, so etwas zu machen: mit der Unterstützung der einzigen Nichtregierungsorganisation des Landes, die der Frau des Präsidenten gehörte. 2011 habe ich das Projekt aufgegeben, weil klar war, dass wir nicht mehr weiterarbeiten konnten. Heute gibt es in Syrien nur noch die Propaganda des Regimes. Die meisten meiner Freunde sitzen im Gefängnis, oder sie sind emigriert. An einem einzigen Tag wurden elf meiner engsten Freunde verhaftet. Ich habe mich immer wieder wochenlang versteckt. Irgendwann war klar, dass ich nicht in Syrien bleiben konnte. Wenn es die Garantie gibt, dass ich nicht verhaftet werde, und wenn die politischen Gefangenen freikommen, fahre ich sofort zurück nach Syrien und mache dort wieder Theater. Ich bin kein Held der Opposition, ich will nur meine Rechte als Bürger verteidigen und Theater zu den Themen machen, die mich interessieren.“


Alle Texte müssen vom Zensurbüro genehmigt werden; niemand darf ohne Erlaubnis des staatlich gesteuerten Schauspielerverbands auftreten
Laila Soliman

Laila Soliman, 36,

macht politisches Dokumentartheater in Kairo. Die ägyptische Regisseurin und Autorin war Aktivistin im Arabischen Frühling. Ihre Inszenierungen wurden in ihrer Heimat sowie in Syrien, im Libanon und auf europäischen Bühnen gezeigt, zum Beispiel im Berliner Theater Hebbel am Ufer.

„Wer in Ägypten im Staatstheater arbeiten will, muss beim Kulturministerium angestellt sein und eine bestimmte politische Einstellung haben. Das kommerzielle Theater, also Komödien und Musicals, ist seit 2011 praktisch tot. Leute wie ich, die unabhängiges Theater machen, müssen ihre Stücke von Projekt zu Projekt über Stiftungen finanzieren. Die Darsteller in meinen Stücken arbeiten nebenbei in vielen anderen Jobs, viele sind keine Vollzeitschauspieler oder -tänzer. Alle Texte müssen vom Zensurbüro genehmigt werden; niemand darf ohne Erlaubnis des staatlich gesteuerten Schauspielerverbands auftreten. Das ist ein Kontrollinstrument, aber auch ein Weg, um Geld zu kassieren, auch von Non-Profit-Theaterproduktionen, die kleine Budgets haben und kaum Geld einspielen. Man braucht viele Genehmigungen, um überhaupt Theater machen zu können, einige kosten Geld, andere nicht. Es ist sehr schwierig, etwas zu machen, das nicht vom Staat kontrolliert wird.

Seit der Revolution versuche ich es zu vermeiden, meine Stücke der Zensur vorzulegen und für Genehmigungen zu bezahlen. Rechtsanwälte helfen mir; wir arbeiten mit juristischen Tricks. Zum Beispiel spielen wir nicht nur in Theatern, sondern manchmal auch an anderen Orten. Und auf keinen Fall dürfen wir offiziell Eintrittsgeld verlangen. Wir bewegen uns in einer Grauzone. Die politische Kontrolle wurde in jüngster Zeit verschärft. Blogger und Aktivisten werden härter unter Druck gesetzt als Künstler. Schriftsteller wurden wegen ihrer Texte bestraft, aber so viel ich weiß, ist bisher kein Regisseur wegen seiner Arbeit verhaftet worden. Der Druck ist indirekt. Wir bekommen immer wieder deutliche Warnungen. Die Leute, die uns einladen, bekommen einen Anruf, dass die Aufführung heute nicht stattfinden könne, oder jemand von den Behörden fragt, ob es dafür eine Erlaubnis gebe. Nach solchen Anrufen werden Aufführungen abgesagt. Das sind natürlich Dinge, die einen nicht kaltlassen. Man denkt sehr genau darüber nach, was man auf der Bühne sagen will.

Wir haben 2011, während der Revolution, ein Stück über Militärgewalt und Folter gemacht, „No Time for Art“. Das wäre heute völlig unmöglich, es wäre zu gefährlich für alle Beteiligten. Uns wurde nach diesem Stück auf unterschiedlichen Wegen sehr klar gesagt, dass wir unter Beobachtung der Geheimpolizei stünden. Wir waren auf Listen und wurden zum Beispiel am Flughafen immer äußerst genau kontrolliert und befragt. Die Zeit ohne Zensur während der Revolution war sehr kurz.

Ich mache seit zwölf Jahren Theater in Ägypten, so lange habe ich Erfahrung mit der Zensur. Ich habe mich trotzdem entschieden, hier zu bleiben. Ich hatte Möglichkeiten, in Europa zu arbeiten, aber hier ist meine Arbeit wichtiger. Trotz der Zensur Wege zu finden, um zu sagen, was mir wichtig ist, gehört zu meiner künstlerischen Arbeit. Es ist immer schwierig, über Tabuthemen wie Politik, Sexualität, Religion zu sprechen, nicht nur wegen der Behörden, sondern auch wegen des Publikums. Islamisten kommen sowieso nicht ins Theater, aber ich muss darüber nachdenken, was ich einem durchschnittlichen Ägypter zeigen kann. Das ist schon kompliziert genug. Ich versuche trotzdem, die Themen zu behandeln, die mich interessieren. Man muss möglichst nah an die Grenze dessen gehen, was man noch zeigen kann. Das ist eine feine Linie.

In meinem letzten Stück, „Zig Zig“, geht es um die ägyptische Revolution gegen die Briten 1919, natürlich hat das Bezüge zur Gegenwart. Bei der Recherche bin ich auf Dokumente über die Vergewaltigungen von Bäuerinnen durch britische Soldaten gestoßen. Diese Berichte benutze ich in meiner Inszenierung. Über solche Themen öffentlich zu sprechen ist in Ägypten nicht einfach. Zu diesen Aufführungen kamen viele Zuschauer, die sonst vielleicht nicht ins Theater gehen, viele Frauen. Nach der Revolution hat das Theater ein neues Publikum gefunden. Wenn ich ein Stück über Vergewaltigungen mache, kommen andere Zuschauer als bei einem Stück über Militärgewalt. Die Freiheit ist nicht das einzige Problem in Ägypten. Es gibt Leute, die kaum genug zu essen haben. Wir erleben eine Verarmung der Bevölkerung. Trotzdem kommen eher mehr Leute in unsere Vorstellungen. Ich finde nicht, dass Theater Luxus ist. In einer Lage wie unserer ist es eine wichtige Aufgabe der Kunst, zu vermeiden, dass es nur noch absolutes Schweigen und Propaganda gibt. Kunst macht Mehrstimmigkeit möglich. Sie schafft andere Möglichkeiten, über das eigene Leben nachzudenken und zu sprechen, auch wenn es nicht direkt um Politik geht. Im Theater kann man mit anderen diese Erfahrung teilen. Kunst ist etwas anderes als Aktivismus, aber ich glaube, dass das Theater auch unter Bedingungen wie heute in Ägypten ein Ort der Freiheit ist.“


Sie riefen: ,Frljić, wir werden dein Blut trinken!‘ 
Oliver Frljić

Oliver Frlji´c, Kroatien, 41,

leitete das Kroatische Nationaltheater in Rijeka; der Regisseur trat 2016 aus Protest gegen die Kulturpolitik von diesem Posten zurück. In Deutschland hat Frljić unter anderem am Residenztheater München inszeniert.

„Ich habe das Kroatische Nationaltheater in Rijeka verlassen, weil ich dort nicht mehr sinnvoll arbeiten konnte. Für mich geht es im Theater nicht darum, schöne Shows zu zeigen, sondern um eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung und den Widerstand gegen die rapide Entwicklung hin zum Faschismus in der kroatischen Gesellschaft. Natürlich mochten das die Kulturpolitiker nicht, die das Haus am liebsten als Ort der nationalen Selbstfeier sehen wollten.

Meine letzten Arbeiten in Kroatien handelten von den Kriegsverbrechen in den Neunzigerjahren und der anhaltenden Diskriminierung unterschiedlicher Minderheiten. In meinem Verständnis war das Theater eine Art Zufluchtsort für diese diskriminierten Gruppen und eine Möglichkeit, ihnen öffentliche Sichtbarkeit zu geben. Bei einer Vorstellung im Nationaltheater in Rijeka am 5. August 2015 wurde das Haus von Kriegsveteranen und Fußball-Hooligans regelrecht belagert. Wir konnten das Theater nicht verlassen, die Polizei musste uns beschützen. Die Meute versuchte, gewaltsam in das Gebäude einzudringen, griff einen Journalisten an und rief: „Frljić, wir werden dein Blut trinken!“ Die Polizei hat nicht gewagt, diese Leute zu verhaften.

In Kroatien sind Veteranen sakrosant. Weil sie im Krieg gekämpft haben, schauen Polizei und Justiz meist weg, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen. Vergangenes Jahr gab es vor unserer Inszenierung „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ bei einem Festival in Sarajevo in katholischen Medien in Bosnien und Herzegowina eine Kampagne gegen die Inszenierung und gegen mich. Zugleich erhielt das Festival Drohungen von verschiedenen fundamentalistisch-islamistischen Gruppen.

Im Augenblick arbeite ich nicht mehr in Kroatien. Nach der rechten Kulturrevolution, die das Land unter Kulturminister Zlatko Hasanbegović erlebt hat, ist es fast unmöglich geworden, nationale Tabus anzusprechen. Hasanbegović hat die unabhängige Kulturszene zerstört. Die meisten Intendanten der staatlichen und städtischen Theater akzeptieren seine Vorgaben, um ihre Stellung nicht zu gefährden. Ich wurde von der früheren Regierung als jemand beschimpft, der Kroatien hasse, und zu einer Persona non grata gemacht. Das führte zu unterschiedlichen Formen von Gewalt. Ich erhielt Morddrohungen und wurde körperlich angegriffen. Es wurde gleichzeitig in die Wohnung meiner Freundin und in meine Wohnung eingebrochen, um uns einzuschüchtern. Leute spuckten mich auf der Straße an. Über die Drohungen und Angriffe, denen ich ausgesetzt bin, hat die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović gesagt, sie seien verständlich, weil meine Aktivitäten die Mehrheit der Bevölkerung in der kroatischen Republik provozierten und beleidigten. Wenn die Staatspräsidentin so etwas öffentlich sagt, ist das wie eine Einladung zur Hetzjagd.

Derzeit arbeite ich in Polen, doch dort ist die Situation nicht viel besser. Wir lassen uns bei den Theaterproben von einem Anwalt beraten. Er sagt uns, dass künstlerische Freiheit im polnischen Recht keine große Rolle spiele und dass wir im Gefängnis landen könnten, wenn wir einige Passagen unserer Inszenierung nicht streichen oder ändern. Weil ich in verschiedenen europäischen Ländern arbeite, kann ich von meinen Inszenierungen leben. Würde ich nur in Kroatien arbeiten, wäre das wahrscheinlich sehr schwierig. Ich habe darüber nachgedacht, Kroatien zu verlassen, aber nicht, weil ich Angst habe, damit kann ich umgehen. Kroatien ist ein Land, das ein Erstarken faschistischer Bewegungen toleriert und in dem die ethnische Mehrheit die staatlichen Institutionen benutzt, um die Bürgerrechte von Minderheiten zu verletzen, egal ob es ethnische, sexuelle, religiöse oder sonstige Minderheiten sind. Ich fühle mich, als wäre ich jetzt schon in einer Art von Exil.“


Wir erhalten Drohungen in den sozialen Medien.
Yeşim Özsoy

Yesim Özsoy, 45,

ist eine türkische Schauspielerin, Dramatikerin und Leiterin des 2003 gegründeten Theaters GalataPerform in Istanbul. Ihre Theatercompagnie gastierte unter anderem in New York, Berlin, Antwerpen und Köln. 

„Wir sind eine unabhängige Theatergruppe, die mit neuen Texten arbeitet. Wir bekamen staatliche Zuschüsse, aber das änderte sich nach den Gezi-Park-Protesten 2013. Die Situation wurde schon vor dem Putschversuch im vergangenen Jahr immer schwieriger. Es gab nie viel Geld, aber es war wichtig für uns. Derzeit bekommen wir nichts mehr vom Staat.

Mein jüngstes Stück „Altes Kind“ handelt von vier Kindern, die durch Terrorismus und Krieg im Nahen Osten und in der Türkei ihr Leben verloren haben. In der Inszenierung stelle ich mir vor, wie ihr Leben weitergegangen wäre. Bisher habe ich wegen dieser Produktion noch keine Schwierigkeiten bekommen, außer dass es manchmal schwierig ist, einen Aufführungsort zu finden und man nie weiß, was als Nächstes kommt. Wir erhalten Drohungen in den sozialen Medien. Natürlich stehen wir unter Druck, aber wir erleben auch viel Solidarität.

Ich habe darüber nachgedacht, ins Exil zu gehen. Aber woanders gibt es ähnliche Krisen. Wenn man schon kämpfen muss, dann kämpfe ich lieber hier. Ich glaube, dass Kunst in solchen Zeiten wichtiger wird. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 sitzen viele Menschen im Gefängnis, werden bedroht oder haben ihren Job verloren. Wir haben Angst, aber wir machen weiter unsere Arbeit.“


Theater ist ein sehr gutes Instrument, um zu verarbeiten, was mit Menschen in einem Krieg geschieht
Georg Genoux

Georg Genoux, 40,

ist Mitbegründer des Theatre of Displaced People in Kiew. Der deutsche Regisseur und die ukrainische Filmemacherin Yelizaveta Smith erhielten für ihren Film „Shkola nomer 3“ auf der Berlinale einen Preis der Sektion „Generation“. 

„Unser Theater ist eine Initiative von Menschen, die bei den Demonstrationen für eine demokratische Ukraine auf dem Maidan dabei waren. Getragen wird es von einer Gruppe von etwa 50 Freunden. Keiner von uns verdient sein Geld am Theater, der Beleuchter zum Beispiel arbeitet tagsüber als Apotheker. Wir reisen als Freiwillige in die Kriegsgebiete im Osten der Ukraine, um dort mit Kulturprojekten zu helfen.

Die Ukraine ist ein Land im Kriegszustand. Theater ist ein sehr gutes Instrument, um zu verarbeiten, was mit Menschen in einem Krieg geschieht. In Mykolaivka, einer Stadt im Donbass mit 15 000 Einwohnern, haben wir zwei Jahre lang mit Jugendlichen gearbeitet. Dort gab es über mehrere Tage Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten. Es hilft den Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, dass ihre Gefühle ernst genommen werden und sie mit ihrer Situation nicht allein sind. Im Alltag ist es schwieriger, über solche Erfahrungen zu sprechen. In dem Theaterstück berichten sie, was sie im Krieg erlebt haben. In den Aufführungen machen sie die Erfahrung, dass sie etwas aussprechen, was Menschen im Saal fühlen, und dass sie damit anderen helfen. Es ist ihr Abend, nicht unserer.
Jeder Jugendliche kann jederzeit sagen, dass er bestimmte Dinge lieber nicht auf der Bühne sagen will, auch noch zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung.

Wir wurden in Mykolaivka zunächst relativ feindselig aufgenommen, weil wir aus dem Westen der Ukraine gekommen sind. Es dauerte, bis wir Vertrauen aufbauen konnten. Ich war erstaunt darüber, wie klar diese 14- bis 17-Jährigen über ihre Gefühle gesprochen haben. Ein Mädchen, Katja, hat eine Kette mitgebracht, die ihr ihr erster Freund geschenkt hatte. Ein paar Tage nachdem sie zusammengekommen waren, wurde er als Soldat an einem gefährlichen Ort stationiert, ohne ihr etwas davon gesagt zu haben. Er ist im Krieg umgekommen.

Doch das Leben der Jugendlichen besteht nicht nur aus Krieg, sie haben einen ungeheuren Lebenswillen. Es gibt auch ein Recht darauf, einfach nur jung zu sein, Spaß zu haben. Zu den Jugendlichen entstehen Freundschaften, die nicht mit der Premiere plötzlich vorbei sind. Das Theater hilft ihnen, sich nicht mehr als Opfer zu fühlen, sondern als Helden ihrer Biografie. Sie merken, dass sie in diesem Raum frei sprechen können. In so einer Krisensituation ändern sich die Aufgaben von Kunst und Theater, sie können in unseren Projekten auch etwas Therapeutisches bekommen. Am Theater in Kiew arbeite ich eng mit zwei Therapeuten zusammen. Das sind langfristige Prozesse. Diese Arbeit wird viele Jahre lang dauern. Auch ich selbst habe einen sehr guten Therapeuten, um mit den Dingen zurechtzukommen, die ich bei den Theaterprojekten in den Kriegsgebieten erlebe.

Ich habe vorher 17 Jahre lang in Moskau gearbeitet. 2012 hat sich die Situation dort so verändert, dass ich kein unabhängiges politisches Theater mehr machen konnte. Die Finanzierung wurde unmöglich. Irgendwann wird es schwierig und auch gefährlich. Ich habe 2010 in Moskau am Teatr.doc das Stück „Eine Stunde, 18 Minuten“ produziert und als Co-Regisseur von Michael Ugarow mitgearbeitet. Es ging um den Anwalt Sergej Magnitski, der im Gefängnis gefoltert und ermordet worden war. Er war der Anwalt eines britischen Investmentfonds, der mit Putin im Clinch lag. Wir haben in der Inszenierung die Namen der Täter genannt und sie vor ein imaginäres Gericht gestellt. Heute wäre so eine Aufführung nicht mehr möglich.

Nach dem Einmarsch russischer Soldaten hat das Teatr.doc 2014 ukrainische Filme gezeigt. Am selben Abend wurde es von der Polizei geräumt, mit der Begründung, es habe eine Bombendrohung gegeben. Aber die Zeit reichte, um die Personalien der Theaterbesucher aufzunehmen. Drei Kollegen verbrachten die Nacht im Gefängnis. Trotz der angeblichen Bombendrohung wurde das Wohnhaus über dem Theater nicht geräumt. Meine Freunde im Teatr.doc machen weiter. Vor Kurzem sind sie unter fadenscheinigen Begründungen zum zweiten Mal aus ihrem Gebäude geflogen. Ganz in der Nähe meiner ehemaligen Wohnung sind auf offener Straße ein Menschenrechtsaktivist und ein Anwalt erschossen worden. Irgendwann wollte ich nicht mehr in dieser Stadt leben, auch wenn Moskau meine eigentliche Heimat war. Die Ukraine kann eine neue Heimat für mich werden.“


In Ungarn bekommst du Ärger, wenn du das kritische Denken nicht aufgibst
Árpád Schilling

Árpád Schilling, 42,

ist einer der wichtigsten ungarischen Theaterregisseure. Er gründete im Jahr 1995 in Budapest das Ensemble Krétakör. Heute ist Krétakör eine Produktionsplattform für unabhängige Kunst. Schilling inszeniert unter anderem am Wiener Burgtheater, an der Bayerischen Staatsoper München und am Theater Basel.

„Das Ensemble Krétakör hat in den vergangenen Jahren verschiedene Kampagnen gegen den Premierminister und die jetzige Regierungspartei organisiert. Eine Folge waren extrem lange Untersuchungen durch die Finanzbehörde, von 2014 bis 2016. Sie haben von Anfang an betont, dass es ihnen vor allem darum gehe, die Verwendung von Mitteln zu kontrollieren, die wir aus dem Ausland erhalten.

Seit 2014 geht die Regierung systematisch gegen kritische Nichtregierungsorganisationen vor, unabhängig davon, auf welchem Feld sie sich engagieren. George Soros (dessen Open Society Foundation viele demokratische Initiativen in Osteuropa unterstützt; Anm. d. Red.) gilt als Staatsfeind Nummer eins, genau wie die mutigen Bürgerrechtsorganisationen.

Die Theater gehören heute, anders als früher, nicht mehr zur kritischen Öffentlichkeit, sie sind nicht der Ort, an dem sich die fortschrittlichen und wachen Intellektuellen treffen. Die Bürgerrechtsaktivisten haben andere Plattformen und Foren. Die Künstler sind nicht mutig genug. Was wir in Ungarn erleben, ist ein moralischer Bankrott. Viele Künstler lassen sich auf Kompromisse mit der Macht ein. Ihre Ausrede ist immer die gleiche: ,Wenn ich das nicht mache, finden sie jemanden anderen, der es nicht so gut kann wie ich. Besser, ich mache es.‘ Wie sich die ungarischen Intellektuellen verhalten, besonders die Künstler, ist eine Schande.

Die Zensur, wie wir sie zur Zeit der Kommunisten kannten, gibt es nicht mehr. Autoritäre und illiberale Demokratien verwenden raffiniertere Methoden. Die Institutionen, die staatliche Zuwendungen und Subventionen verteilen, wurden umgebaut. Jetzt sind sie in der Hand von Leuten der Regierungspartei, sodass sie Künstlern, die Ärger machen, jederzeit das Geld entziehen können. Krétakör wurde 2014 ohne jede Begründung ein Drittel der Zuwendungen gestrichen.

Die stärkste Waffe der Regierung sind die Medien. Seit Viktor Orbán 2010 die Regierung übernommen hat, gab es in den staatlichen Radio- oder Fernsehsendern keinen einzigen Bericht über die Aktivitäten von Kréatör. In derselben Zeit verbreiteten die Medien systematisch Falschmeldungen über Bürgerrechtsgruppen oder Leute wie mich. Themen wie Korruption, Migranten, demokratische Rechte, Missmanagement der Behörden, Probleme im Gesundheits- und Erziehungssystem kommen in den staatlichen Medien nicht vor. Oder sie werden komplett verzerrt behandelt, wenn etwa über Flüchtlinge als Terroristen berichtet wird oder über eine abgewirtschaftete Europäische Union, über ausländische Agenten, die die Nichtregierungsorganisationen angeblich infiltrieren.

Ungarn ähnelt immer mehr Putins Russland. In Ungarn bekommst du Ärger, wenn du das kritische Denken nicht aufgibst. Viktor Orbáns zynische Botschaft ist unmissverständlich: Wenn dir das System nicht gefällt, kannst du das Land ja verlassen.

Ich arbeite nicht mehr in Ungarn, ich habe genug Angebote aus dem Ausland. Natürlich wäre ich glücklich, wenn ich auch in Ungarn arbeiten könnte. Aber nach 23 Jahren als Regisseur bekomme ich dort allein schon aus politischen Gründen keine Arbeitsmöglichkeiten mehr, jedenfalls keine, die meiner Erfahrung und dem, was ich bisher gemacht habe, angemessen sind. Meine Chancen, ein Theater zu leiten, sind gleich null. Es ist sinnlos, an Ausschreibungen teilzunehmen. Ich werde in Ungarn nicht mehr Regie führen, bis sich die Theater und die politische Situation so verändert haben, dass ich guten Gewissens und ohne mein kritisches Denken aufzugeben dort arbeiten kann.

Es sieht so aus, als ob Orbán und die politische Atmosphäre, für die er sorgt, die ungarische Wirklichkeit für die kommenden 20 Jahre prägen könnte. Wenn ich darüber nachdenke, ist die wichtigste Frage für mich, wie ich meine Kinder vor einer gesellschaftlichen Umgebung beschützen kann, die immer und immer wieder Hass, Diskriminierung, Dummheit und Aggression produziert.“ --