Partner von
Partner von

Wolf Lotter über Mut

In Zeiten der Empörung ist der wahre Mut auf der Seite der Coolen und Nüchternen. Wir brauchen keine Helden. Wir brauchen mehr Sachverstand.





1. Yes it can

Um zu wissen, was kommt, braucht man nicht immer die hellsten Köpfe. Manchmal tut’s auch ein DVD-Player, vorausgesetzt, man lässt darin eine Folge der amerikanischen Serie „The West Wing“ laufen.

Darin spielt Martin Sheen den fiktiven US-Präsidenten Josiah Bartlet. In der Episode „Gaza“ hat der, was wir alle auch gelegentlich haben, einen ganz schlechten Tag mit vielen bösen Überraschungen.

Als ihm zwischendrin ein Mitarbeiter seines Stabes – eher beiläufig – noch eine Hiobsbotschaft serviert, lächelt der Präsident angestrengt und sagt: „Das erinnert mich an den alten Witz mit dem Optimisten und dem Pessimisten. Der Pessimist sagt: ,Alles ist schrecklich. Es kann gar nicht schlimmer werden.‘ – Darauf antwortet der Optimist: ,Doch. Kann es.‘ “
Yes it can.
Wie wahr.

Es ist nicht so, dass es „The West Wing“ nun an glühendem Optimismus, Eifer, am festen Glauben an die eigene und damit naturgemäß gerechte Sache fehlte. Doch meist enden die 156 Episoden nicht im Pathos, den Hollywood, Medien und Politik gleichermaßen lieben, sondern in nüchterner Einsicht oder, wie wir auch sagen, in der Realität. In der kann man sich natürlich auch mal aufregen. Klüger aber ist es, das Beste aus der Situation zu machen. Ruhig Blut. Wird alles wieder gut. Wem das nicht reicht, der denke an die goldenen Worte des Fernsehpräsidenten: Es kann immer noch schlimmer kommen. Wenn man nur jammert – und nichts besser macht.

Widerständig ist gut. Gegenständlich ist besser. Oder anders gesagt: Wer ein Problem benennt, sollte sich auch darum bemühen, es lösen zu können. Einfach dagegen zu sein ist nicht genug. Das ist der ganze Witz. Dass der in der 109.Folge einer Fernsehserie aus dem Jahr 2004, die noch dazu im Weißen Haus spielt, gemacht wird, ist eine tolle Pointe. Man kann viel lernen. Vor allen Dingen, wie man auf etwas nicht reagiert und sich dadurch auch nicht davon treiben lässt: Wer bestimmt die Agenda? Die, die etwas besser machen? Oder die, die sich beständig über das Schlechtere aufregen?

Die dauernde Empörung ist nicht nur wohlfeil, weil ohnehin kaum jemand anderer Meinung ist, sie führt auch zur Abstumpfung. Die rituelle Aufregung ist eine Sonderform des geistigen Tiefschlafs.

Auf den ist man angewiesen, weil man eh nichts machen kann – und vor allen Dingen: will. Man hält dieses aufgeregte Nichtstun mit immer neuen Skandälchen am Leben, die die zahlreichen wirklichen Skandale in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag überstrahlen. Empörung macht alles gleich, das Falsche und das Gefährliche, die Existenzbedrohung und die Geschmacksfrage.

All das führt zu jener Überreizung, die die Grenzen immer mehr ins Irrationale verschiebt. Immer wenn die Empörungswelle abzuebben beginnt, kommt ein neuer Schub, ein neuer Anlass. Wie heißt es so schön: Nur weil ich paranoid bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht verfolgt werde.
Alarm. Alarm.

Alle klingeln wie verrückt. Aber wer macht eigentlich die Feuerwehr?
Was? Ich kann nichts hören. Ist so laut hier.

2. Die Protestanten

Auch wenn es leiser wird, wird es kaum besser. Wer nur den Mut hat, dagegen zu sein und nicht dafür, demonstriert lediglich sein Glaubensbekenntnis. Der Freiburger Agenturchef Florian Städtler stellte auf Twitter eine Frage, die dieses Dilemma bestens beschreibt: Wenn es „PROtestieren heißt, warum CONTRAtestieren eigentlich fast alle nur gegen etwas?“ Das Wort Protest bedeutet, dass man öffentlich seinen Standpunkt bezeugt, also beweisen kann, dass etwas falsch ist und man selbst richtig liegt. Dazu gehört, dass man sachlich beweisen kann, dass „die anderen“ faktisch falsch liegen und man dagegen eine Alternative stellt, die tatsächlich besser ist. Historiker wissen, dass darin das Elend aller Revolutionäre liegt. Selbst für kleine Sekten bietet sich unter für sie glücklichen Umständen die Möglichkeit, an die Macht zu kommen. Aber was machen Berufsempörer dann, die nur dagegen sein können? Die häufigste Antwort in der Geschichte lautet: Sie üben Gewalt aus.

Das kann man in der jüngeren Geschichte von der Französischen Revolution über die russischen Bolschewiki und der Machtergreifung Hitlers immer wieder beobachten, um nur mal die bekanntesten Beispiele zu nennen. Es gilt in alle politischen Richtungen, und es gilt genauso in Unternehmen, Organisationen und menschlichen Gemeinschaften aller Art. Der Königsmord ist eine Sache, die Verbesserung der Zustände eine andere. Mut und Wut, das reicht nicht aus. Man muss auch liefern.

Ab hier herrscht bei den meisten Aufgeregten in der Regel Sendepause.

Sie könnten sich, zumal im Luther-Jahr, am Reformator ein Beispiel nehmen. Dessen Protest erschöpfte sich eben nicht darin, die Korruption des Römischen Papstes anzuklagen, sondern ein Gegenmodell zu entwickeln, in dem das Kind (der christliche Glaube) nicht mit dem Bade (der katholischen Kirche) ausgeschüttet wurde. Martin Luther war nicht der einzige Widerständler in der Kirchengeschichte. Aber dass er erfolgreich war, verdankte er dem Umstand, dass er ein gutes Angebot machen konnte.

Wettbewerb ist eine coole Sache. Der aktuellen Diskussion über Widerstand, Mut und Protest würde diese protestantische Ethik nicht so schlecht stehen – nicht nur in der Politik, sondern überall, wo es um Konkurrenz geht. Wettbewerb statt Wut. Mutter Courage macht kein Theater. Sie ist gelassen.

3. Calm Down

Im äußersten Nordosten Englands, im County Northumberland, liegt die kleine Stadt Alnwick. Dort führen Stuart und Mary Manley das Antiquariat Barter Books Ltd. Vor 17 Jahren fand Stuart Manley dort eines der heute berühmtesten Plakate des 20. Jahrhunderts, ein in Rot gehaltenes Poster, das die englische Krone und darunter, in einer nüchternen weißen Typo, den Satz „Keep calm and carry on“ zeigt. Manley fand dieses alte Plakat am Grund einer Wühlkiste voll mit alten, wertlosen Büchern. Er hat es herausgeholt und der Welt wiedergeschenkt. Es ist heute millionenfach verbreitet, auf Plaketten, Kaffeetassen und Tellern, Servietten und Handtüchern. „Keep calm and carry on“ ist einer der bekanntesten Slogans unserer Zeit geworden. Daraus wiederum kann man lernen, dass nicht alles, was populär ist, auch allgemein nachvollzogen werden kann. Das wäre auch zu schön.

Der Wühlkistenfund war 1939, im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs, von der britischen Regierung gedruckt worden. Bleibt ruhig. Macht weiter. Auch wenn dieses Plakat im Verlauf des Krieges nicht mehr verbreitet wurde, drückt es eine beachtliche Einsicht aus: Wer den großen Konflikt gewinnen will, wird das nicht mit Gefühlen tun, mit Empörung und Aufregung. Dazu passten die späteren Ansprachen und Reden des britischen Kriegspremierministers Winston Churchill, der nicht nur zum wichtigsten Gegenspieler Hitlers und der Nazi-Aggressoren wurde, sondern auch zum Inbegriff des verlässlichen Staatsmannes. Ein Fels in der Brandung. Unverrückbar.

Churchills Besonnenheit war voller Leidenschaft, nicht brüllend, sondern deutlich. Damit aktivierte er in Großbritanniens schwärzesten Stunden Herz und Verstand seiner Mitbürger, während in Berlin der Diktator des Nazi-Reichs in sein Mikrofon schrie und geiferte. In London redete Winston Churchill mit seinen Leuten. Wir geben nicht auf. Wer die alten Radioreden Churchills hört, erkennt die Klarheit, mit der echter Widerstand gegen den Furor angeht. Das wirkte Wunder.

Zu lernen ist dies: Es braucht Nüchternheit, Pragmatismus, um das Schlechtere mit Besserem zu überwinden. Das ist Gleichmut. Man darf ihn nicht mit der Gleichgültigkeit verwechseln, die nichts weiter ist als Desinteresse, Abgestumpftheit und Fatalismus. Nichts davon dient der Orientierung und dem Neuanfang.
Gleichmut hingegen ist Gelassenheit.

Das Wort, so kann man bei Wikipedia nachlesen, hat eine ungeheure Bandbreite und ist dennoch klar und deutlich: Gelassenheit alias Gleichmut, das steht, so zählt die Online-Enzyklopädie auf, für „Abgeklärtheit, Bedacht, Bedachtsamkeit, Beherrschung, Beschaulichkeit, Besinnlichkeit, Besonnenheit, Contenance, Dickfelligkeit, Fassung, Gemessenheit, Geduld, Gefasstheit, Gemütsruhe, Gleichgewicht, Gleichmut, Kaltblütigkeit, Kühle, Langmut, Mäßigung, Muße, Ruhe, Seelenruhe, Selbstbeherrschung, Stille, Stoizismus, Überlegenheit, Umsicht, Zurückhaltung“.

Das liest sich wie die Liste der Gegengifte zu Populismus, Fanatismus, Arroganz, Terror und Extremismus. Gelassenheit, Gleichmut – das ist reine Coolness. Es ist der Stoff, aus dem die Vernunft gemacht ist. Und ein unschlagbarer Mix gegen die Angst.

Das wussten die klugen Alten der Antike, Platon und seine römischen Kollegen Horaz und Seneca, ganz genau. Sie sind die großen Vordenker der Gelassenheit, die ihnen gleichzeitig Weisheit, Vernunft und Handlungsfähigkeit ist. Wer entscheiden will, muss Gleichmut leben. Wer richtig handeln will, muss Gelassenheit in sich tragen. „Selbst wenn die zerborstene Welt einstürzt, werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen“, schreibt Horaz.

Das ist die Gegenthese zur Wut und zum Widerstand gegen alles, was man nicht leiden kann, der sich heute so wohlfeil in allen politischen Lagern und Lebenslagen aneignen lässt. Wer glaubt, Probleme dadurch lösen zu können, indem er sich – ohne großen Aufwand – zu den moralisch Bessergestellten gesellt und dort dann mit den Wölfen heult, handelt fahrlässig und falsch.

Es ist heute weitaus mutiger, zu den Gelassenen zu gehören als zu den Empörten. Es gehört keine Courage dazu, sich aufzuregen und „Nein!“ zu rufen – und dann nichts mehr zu tun. Furchtlos sind diejenigen, die sagen: Es muss uns was Besseres einfallen. Lasst uns nachdenken. Vor allen Dingen dann, wenn die Alternative, wie heute, keineswegs so klar ist. Nüchterner Optimismus verzagt nicht an der Zukunft.

Der liegt heute im Trend. Und es gibt politische Reden und Appelle zum Mutmachen, aber sie haben alle einen Haken: Sie passen nur an den Sonntagvormittagen, für die sie geschrieben wurden, doch sie passen nicht zu dem Leben, das wir führen.

Unsere Kultur belohnt immer noch die unreflektierten Helden, deren Mut wenig mehr ist als ein unkontrollierter, voraufgeklärter Reflex. Aktionismus gilt als Tugend. Aber er ist immer öfter abgetrennt vom Tun und Handeln, vom praktischen Problemlösen. Keep calm and carry on? Das reicht den meisten nicht. Dabei ist das die einzige Möglichkeit, die Welt zu verbessern. Aktionismus hat das noch nie geschafft, aber oft das Gegenteil erreicht.

Gelassenheit kann man lernen, und es wäre nicht schlecht, wenn das nicht nur Yoga-Kursen und anderen fernöstlichen Weisheitsseminaren vorbehalten wäre. Warum ist Gelassenheit keine gesellschaftliche Tugend? Vielleicht weil sie leicht mit Desinteresse verwechselt werden kann. Man muss genau hinsehen.

Gelassenheit ist die Voraussetzung guter Entscheidungen. Das Gegengift kann nur wirken, wenn es frühzeitig und in ausreichenden Dosen verabreicht wird. Gegen Gefühlswallungen, Wut, Zorn ist niemand immun. Aber wir müssen aufhören, im Affekt zu leben und zu denken.

4. Contenance

Wer selbstständig entscheiden will und sich nicht von seinen Gefühlen treiben lässt, der braucht Selbstbeherrschung.

Die alten Lateiner nannten das continentia, die Franzosen contenance. Wer in der besseren Gesellschaft von früher seine Contenance verlor, war unglaubwürdig geworden, als Führungskraft gescheitert. Die alte Tugend der antiken Gelassenheit und des Gleichmuts, der in der Contenance steckt, ist die Grundlage der modernen Coolness. Sie strahlt ein ungeheures Selbstbewusstsein aus. Ein Kapitän steht umso ruhiger an Deck, je rauer die See ist.

Contenance ist nicht arrogant, abgehoben, nicht bloß teilnahmslose Kälte, die sich nicht um die Welt schert. Contenance ist, wie der Gleichmut, eine Sozialtechnik, die nur bei Leuten funktioniert, denen man auch inhaltlich einiges zutraut. Ein lethargischer Trottel, dem alles egal ist, hat keine Contenance. Er ist nicht in der Lage, in einer schwierigen Situation nachzudenken. Die Emotionen dem Verstand unterzuordnen, darum geht es. Genug geistige Reserven zu haben, um sich nicht vom Konkurrenten, vom Gegner, von Konzepten treiben zu lassen, auch wenn die Lage schwierig zu sein scheint. Wer die Fassung bewahrt, ist imstande, die Richtung zu ändern. Vordenker stammeln nicht irgendeinen faktenlosen Unsinn vor sich hin. Sie formulieren überlegt.

Die coolen Anführer mögen selten geworden sein. Aber der Geist der Gelassenheit ist keineswegs ganz verschwunden, er wird nur gelegentlich unterschätzt. Er macht eben nicht so ein Theater.

Wahre Gelassenheit ist – systemisch – eingewoben in ein Rechtssystem, das sich keine schnellen Urteile erlaubt, sondern unterschiedliche Interessen und Positionen abwägt. Gelassenheit ist eine der Hauptzutaten funktionierender Demokratien. Das hat nichts mit bürokratischem Schlendrian zu tun. Gut Ding braucht Weile. Abwägen, unterschiedliche Standpunkte hören, mehr Dimensionen erkennen. Das braucht man, um etwas richtig zu machen und nicht bloß: anders.

Gelassenes Handeln ist cool und professionell. Schnelles, impulsives Handeln mag gut sein, um sein Mütchen zu kühlen, seine Wut rauszulassen also. Doch Heldenmut tut selten gut, das gilt für die Helden und die, für die sie vermeintlich eintreten. Die Opferstatistiken sprechen eine deutliche Sprache.

5. Reflexionen

Es geht hier weder um Appeasement noch um Harmonielehre. Es geht um den Sinn von „Keep calm and carry on“. Komm runter. Schärfe deinen Blick. Arbeite an der Problemlösung. Handle reflektiert. Man könnte das auch durchdacht nennen, solide, überzeugend. Wenn jemand andere Positionen nicht gleich als Unfug abtut, sondern darüber nachdenkt, was sie bedeuten und wen sie warum bewegen, dann ist das reflektiertes Denken, und das ist etwas für Erwachsene. Wäre diese Einstellung heute etwas populärer, dann gäbe es weniger Worthülsen wie Disruption. Gut zwei Drittel der Inhalte in den sozialen Medien wären überflüssig. Politische Propaganda, aber auch ein gewaltiger Teil der täglichen Empörungsnachrichten wären zwecklos und würden verhallen. Das Lagerdenken, das Trennen der Welt in starke Kontraste, in Freund und Feind, wäre verpönt. Kurz: Es gäbe mehr Wettbewerb, mehr Vielfalt, weniger Konkurrenz.

Konkurrenz ist, wenn man nicht aufeinander zugeht, sondern aufeinander zurennt – bis zur Kollision. Das bedeutet concurrere nämlich auf Lateinisch: aufeinander zurennen.

Es kann nur einen geben. Alles andere kann man sich nicht vorstellen. Dann laufen die Böcke los und knallen mit den Geweihen aufeinander. In vielen Fällen gibt es dabei keine Sieger, weil sich beide beim Aufprall das Genick brechen. Konkurrenz ist, wenn es irgendwann kracht.

Im Deutschen wird Konkurrenz gern mit Wettbewerb verwechselt. Aber Wettbewerb ist kein Krieg und kein Rennen auf Leben und Tod, kein Entweder-oder. Es ist die gelassene, die kluge Variante von Konkurrenz. Wettbewerb ist, wenn man sich nicht nur aufregt und empört, sondern sich und das, was man kann, präsentiert. Dabei schadet es nicht, wenn man einräumt, was andere können. Im Gegenteil. Coole Wettbewerber machen die anderen nicht schlecht, weil sie das nicht nötig haben. Wettbewerb ist Konkurrenz im Zeitalter der Aufklärung und Vernunft.

Die Wissensgesellschaft braucht Wettbewerb und einen Abschied vom Konkurrenzdenken. Wissen braucht keine Dogmen und keine Heldenmutigen, die anderen eins reinwürgen, damit sie sich ihrer Sache – oder ihrer Illusion – umso sicherer sein können.

Wissen verlangt einen reflektierten Wettbewerb, bei dem das Wort Respekt eine zentrale Rolle spielt. Respekt bedeutet ursprünglich, sich selbst in dem, was andere tun, wiederzuerkennen. Reflektiertes Verhalten bedeutet nicht, dass man so werden will wie andere. Es bedeutet, dass man vernünftig handelt. Was können die, was wir nicht können? Warum haben sie wirklich Erfolg? Wer nicht hinsieht, blickt auch nicht durch.

Damit kann Konkurrenz, die von Emotionen lebt, aber nichts anfangen. Da geht es nicht um bessere Lösungen, sondern um vollständige Siege. In der Welt des Wettbewerbs will man schlauer und besser werden. In der Welt der Konkurrenz will man den anderen vernichten – koste es, was es wolle.

6. Eskalationen

Die Konfliktforschung nennt das Eskalation, nach escalier, dem französischen Wort für Treppe. Konkurrenzdenken eskaliert immer, man läuft immer nach oben, wo es noch heißer wird.

Im Modell des österreichischen Konfliktforschers Friedrich Glasl gibt es drei Stufen der Eskalation: Stufe eins, die er „Win-Win“ nannte, Stufe zwei oder „Win-Lose“ und schließlich Stufe drei, bei der die Konkurrenten beide verlieren. Interessant an diesem Modell ist die Herleitung. Denn sie beginnt auf Stufe eins mit Unachtsamkeit, mit Lagerdenken, mit dem Schlendrian. Wir haben recht. Die anderen natürlich nicht. Man polemisiert und polarisiert. Meine Ideologie ist besser als deine. Mein Auto ist größer als deins. Mein Computer ist schneller. Wir sind die Guten. Ihr seid die Doofen. Man macht den anderen lächerlich. Aber irgendwann ist das nicht mehr genug. Es müssen Taten folgen.

Auf Stufe zwei geht es schon nicht mehr um die Sache selbst, sondern nur mehr darum zu gewinnen. Man stellt den Gegner bloß, wo man nur kann. Es ist die Stunde der Gerüchte, der Propaganda und der massiven Lagerbildung. Bekenntnisse werden abverlangt: „Auf welcher Seite stehst du?“ Damit ist der Krieg vorbereitet. Niemand kommt ungeschoren davon. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß – und die ersten Gewaltakte beginnen.

Auf Stufe drei schließlich ist Gewalt normal, sie ist der einzige Zweck der Konkurrenz. Es geht um die Vernichtung des Gegners. Ab hier herrscht Steinzeit. Totaler Krieg. Und es gibt keine Möglichkeit mehr, die Treppe der Zuspitzung nach unten zu gehen. Am Ende stürzen beide Parteien ins Bodenlose.

Das ist nicht cool.

Was sich aus diesem Modell für die Praxis heute ergibt, ist logisch. Auf Stufe drei kann man nichts mehr gegen den Wahnsinn tun. Auf Stufe zwei ist es schon verdammt schwierig. Erfolg versprechend ist die Deeskalation zu Beginn, im Erdgeschoss der Auseinandersetzung, am untersten Treppenabsatz. Hier kann man dafür sorgen, dass Wettbewerb und Differenzierung herrschen. Hier muss man auf Gelassenheit und Toleranz bestehen, damit die Eskalation nicht zu immer härterem Konkurrenzdenken und dem damit verbundenen unvermeidlichen Kriegsgeheul führt. Wehret den Anfängen – das ist ein guter Rat, gilt aber für alle und insbesondere auch für den eigenen Aufbruch zur Eskalation.

Der große englische Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes hat das in seinem „Leviathan“, einer der wichtigsten Schriften der Aufklärung, schon vor gut 400 Jahren festgehalten: „Wir finden drei Gründe für Streit in der menschlichen Natur: Konkurrenz, Mangel an Selbstvertrauen, Ruhmsucht.“ Alles, was daraus folgt, trägt nur unterschiedliche Bezeichnungen: national, links, rechts, Patriotismus, wir, die anderen. Es sind nur die Schublädchen, in denen Hobbes’ Formel rappelt. Da rennen sie aufeinander los, bis es kracht.

7. Ausweichmanöver

Gelassenheit differenziert. Sie macht einen Unterschied, und zwar einen positiven. Cool ist, wer was wissen will. Uncool sind die, die schon alles kennen.

Das ist so wie der Unterschied zwischen reflektiertem Denken, also gelassener Vernunft, und reflexhaftem Verhalten. Wenn ein Arzt seinem Patienten mit dem Hämmerchen aufs Knie klopft und der Unterschenkel vorspringt, haben sich Knie, Bein und wahrscheinlich Patient nichts groß dabei gedacht. Sie haben reagiert, und zwar auf den Aufprall des Hammers. Diese Form des Kniesehnenreflexes ist die Form der Reaktion, die heute so üblich ist. Jemand sagt A, der andere B. He said. She said. Ohne groß nachzudenken, wozu auch? Man braucht nun weder Mediziner noch Verhaltensforscher, um zu verstehen, was dabei passiert. Um den Unterschied zwischen reflektiertem, vernünftigem, coolem Verhalten und einem Reflex zu lernen, geht man am besten in ein Fahrsicherheitstraining.

Dort lernt man, wie man sich als Fahrer verhält, wenn einem etwas entgegenkommt – zum Beispiel ein Auto oder ein anderer Gegenstand. Das ist eine Bedrohung, gewiss, es geht um Leben und Tod. Wer klug ist, guckt nicht hin. Unwillkürlich „lenkt“ unser Gehirn uns dorthin, worauf wir unseren Blick fixieren. Wer also in der Gefahr, in der Auseinandersetzung, auf das starrt, sich nur immer wieder ansieht, anhört, liest, was sein Feindbild zu sagen hat, kracht unwillkürlich damit zusammen. Natürlich kann man das, was einem entgegenkommt, auch nicht ignorieren. Fahrtrainer wissen: Nachdem man das Hindernis erkannt hat, blickt man konzentriert in die Richtung, in die man ausweichen kann. Das Ziel ist eine Alternative zum Crash. Nicht die genaue Beobachtung des eigenen Aufpralls.

Man kann gar nicht anders als hingucken? Doch. Im Fahrtraining lernt man, wie man sich auf die Ausweichroute konzentriert. Auch Gelassenheit ist trainierbar. Eine Nacht drüber schlafen, wenigstens. Nachdenken statt abdrücken. Nichts muss so kommen, wie es kommt. Das tut es nur, wenn wir es lassen. Man fragt sich: Wo haben die Leute fahren gelernt? Schauen wir woanders hin. Denken in Alternativen. Es ist ein Privileg unserer Zeit, auch anders zu können.

8. Zutrauen

Ruhe bewahren, gelassen sein, das heißt nicht: Ruhe geben. Im Gegenteil. Es bedeutet aber die Verpflichtung, selbst zu denken. Und weiter, als es die ganz einfachen Reflexe zulassen. Das gilt auch für jene Reflexe, die moralisch bedingt sind. Wenn man also denkt, was man denken soll. Oder anfängt, für andere zu denken.

Der deutsche Philosoph und Wirtschaftsethiker Hartmut Kliemt, emeritierter Professor an der Frankfurt School of Finance and Management, hat das mitten in der Aufregung über die Amtsführung und das Amtsverständnis des US-Präsidenten Donald Trump kritisiert. Kliemt bezeichnet sich selbst als „Bewunderer der amerikanischen Verfassung“ und ist kein Verehrer des neuen Mannes im Weißen Haus.

Als aber gefordert wurde, dass Vorstände deutscher Unternehmen sich gegen den gewählten Präsidenten aussprechen sollten, fand Kliemt das falsch. Manager hätten keinen Auftrag, moralisch Partei zu ergreifen. Schon gar nicht gehöre es zu ihren Aufgaben, ihren Eigentümern, den Aktionären, das Denken und die politisch ethische Verantwortung abzunehmen. „Was ein Eigentümer tun darf, dem der Laden gehört, darf der Manager noch lange nicht. Die moralische Enteignung andersdenkender Trump-Anhänger unter den Aktionären ist moralisch unzulässig“, so der Wirtschaftsethiker.

Hier geht es ums Prinzip. Bevormundung ist kein Kavaliersdelikt, auch wenn sie aus der jeweils edelsten Perspektive erfolgt. Wer anderen die eigenen Wertvorstellungen aufdrücken will, handelt nicht gelassen, nicht cool, sondern fahrlässig, nicht selten gegen die eigenen Prinzipien. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Das permanente Moralisieren der Politik ist uncool, weil es auch davon ablenkt, dass man liefern muss. Oder sein Angebot gründlich überdenkt. Nur wer andere selbst denken lässt, ist cool. Auch wenn das, was dabei herauskommt, einem nicht gefällt. Keep calm. Carry on.

9. Weniger Drama 

Einst stand das deutsche Wort „muot“ für das, was man „tollkühn“ nannte. Das Wort „toll“ ist ein Synonym für „irre“, und da hilft einem das Kühne und Furchtlose auch nichts. Der Mut hat sich weiterentwickelt, er ist erwachsen geworden, eine Ermutigung, die Erfahrung, dass man etwas schaffen und ändern kann. Dieser Mut muss das Lagerdenken, die Konkurrenz und den Extremismus überwinden. Das ist nicht einfach, aber das war es nie. Der coole Mut, der zur Aktivierung statt zum Reagieren führt, heißt Großmut. Gelassenheit ist ohne Großzügigkeit nicht viel wert. Echte Zivilcourage traut den anderen etwas zu. Irgendetwas läuft schief mit dieser Ermutigung, und wir sollten uns die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, was das ist, bevor wir wütend gegen alles protestieren, was uns nicht passt. Nur Unmut zeigen ist nicht mutig genug. Coolness hat ein Ziel: den Ausgleich, die Balance. Das ist die eigene Mitte zwischen den Extremen, den ganzen Kontrastmittelverkäufern, die heute in Amt und Würden sind mit ihrer großen Klappe – und zwar nicht nur im Oval Office.

Coolness braucht die Mitte.

Doch gibt’s die noch? Ist die nicht längst in unzählige Milieus zerfallen? Oder hört man sie nur nicht mehr im Gemetzel der Extremen, die die Lufthoheit für sich beanspruchen, links und rechts von denen, die sich kopfschüttelnd abgewandt haben. Die Mitte ist sprachlos geworden, bedrängt. Sie redet meist nicht selbst, sie wird von Aufmerksamkeitsextremisten interpretiert, die ihr sagen, was sie zu denken hat. Die Mitte zahlt dann, sie liefert, sprachlos und ohne zu murren. Dabei wäre es hier angebracht, Widerstand zu leisten.

„Die erschöpfte Mitte“ nennt der Bochumer Soziologe Rolf Heinze diese Mehrheit. Erschöpft, aber nicht von gestern. „Die Mitte lebt“, sagt Heinze, „sie ist der Ruhepol, der alles noch zusammenhält. Wir verwechseln heute Extreme mit der Vielfalt.“ Es sei gerade nicht cool, zur Mitte zu gehören, sogar die Volksparteien, die dem Mainstream ihre Existenz verdanken, machten einen großen Bogen um sie. Lieber halte man es exklusiv. Normal ist nicht normal, das will keiner. Doch das Überspannte nervt auch. Es ist ja gut und schön, wenn man anders ist als die anderen, für Unterschied, Eigenheit, Originalität muss sich niemand schämen. Aber wie wäre es, wenn man damit mal ein wenig gelassener umginge? Das wäre auch glaubwürdiger. Wer ständig betonen muss, dass er cool ist, war es nämlich nie. Extremismus ist Überhitzung. Heinze hat einen Tipp: „Geht doch mal mit allem ein wenig freundlicher um, das nicht polarisiert.“

Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat das mal so formuliert: „Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleine Verbesserung gegenüber der großen Infragestellung.“ Der liberale Schweizer Rechtsgelehrte René Rhinow ging darauf in einem Interview im Züricher »Tagesanzeiger« ein: „Polarisierung ist nicht bürgerlich. Jedes Mal, wenn in der Geschichte die Politik heroische Züge annahm, ging es nicht gut aus.“ Wer ständig von der Misere spreche, so Rhinow, rede sie herbei, um dann „zu versprechen, das Land eigenhändig aus dem Elend zu hieven“. Ein alter politischer Trick. Er führt zu nichts Gutem.

Kann es noch schlechter werden? Aber sicher.

Dagegen hilft nur Nüchternheit, die den Demagogen und Populisten aller Lager die Praxis entgegensetzt, die Nüchternheit des aufgeklärten Bürgers. René Rhinow sagt das so: „Die Mehrheit der Menschen will nicht Drama und Skandal. Die Mehrheit der Menschen will Lösungen.“

Dafür gibt es gerade wenig Applaus. Aber darum geht es auch nicht. Es geht nicht darum, sein Mütchen zu kühlen. Es geht um den Mut zu mehr kühlem Verstand.
Calm down. Stay cool. And carry on. ---