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Kautschuk Weltmarkt

Lange hatte Brasilien das Monopol auf Kautschuk. Bis ein britischer Abenteurer in den Amazonas kam und den Weltmarkt für immer veränderte.





• Alles begann mit Charles Goodyear. Der ließ 1844 ein Verfahren patentieren, mit dem er Gummi vulkanisieren konnte. Das Material wurde dadurch härter, haltbarer, und es beschleunigte die industrielle Revolution. Es wurde bald für Dichtungen in Dampfmaschinen eingebaut, zur Isolierung von Telegrafenkabeln verwendet und für Fahrradreifen. Dadurch schuf Goodyear einen Weltmarkt für Kautschuk, machte aus den Briten Monopolisten – und Henry Wickham zum Ritter.

Bis dahin sollte es allerdings noch einige Zeit dauern, denn Wickham wurde erst 1846 geboren. Mit 20 Jahren wollte er raus aus London und schiffte sich 1866 nach Nicaragua ein. Weil er Geld für sein Abenteuer brauchte, jagte er nach seiner Ankunft im Urwald Vögel. Deren bunte Federn schickte er seiner Mutter, die in London ein Hutgeschäft betrieb. Aber sie kaufte nicht genug, damit er einigermaßen über die Runden hätte kommen können. Als er dann noch an Malaria erkrankte, kehrte er entkräftet und entmutigt zurück nach Hause.

Doch genug von den Tropen hatte er da noch nicht. Im Sommer 1872 beschloss er, London für immer zu verlassen. Mit seiner Familie ließ er sich in Brasilien nieder. Er kaufte ein Stück Land im Regenwald, nahe der Stadt Santarém, etwa dort, wo der Tapajós-Fluss in den Amazonas mündet.

Dort machten ihm Hitze, extreme Luftfeuchtigkeit, Krankheiten und Ungeziefer zu schaffen. Zudem brachte die Landwirtschaft Wickham kein Glück: Er schaffte es nicht, die kleine Farm so zu bestellen, dass er seine Familie davon hätte ernähren können. 1873 war er finanziell ruiniert.

Ein ebenfalls ausgewanderter Amerikaner hatte Mitleid. Er nahm die Familie bei sich auf, weil der erfolglose Farmer so „aristokratisch aussah“ und „einsam und melancholisch“ auf den Retter gewirkt habe. Langsam kam Wickham wieder zu Kräften. Er wusste, dass ihm etwas einfallen musste, um zu überleben. Da kam ihm eine Idee.

Er schrieb an Joseph Hooker, den Direktor des Königlichen Botanischen Gartens in Kew bei London, und bot ihm an, seltene botanische Arten zu sammeln und zu schicken. Es kam tatsächlich eine Antwort, das britische Außenministerium ließ anfragen, ob Wickham Samen der Sorte Hevea brasiliensis, der Kautschukpflanze, beschaffen könne, deren Saft gerade teuer gehandelt wurde.

Klar konnte er. Brasilien kontrollierte zu jener Zeit den immer größer werdenden Weltmarkt für Kautschuk, hatte quasi das Monopol auf die Produktion. Und Wickham kannte sich mit der Pflanze aus. Er wusste, wie die Sammler im Amazonas den Bäumen die Flüssigkeit entnahmen, wo die großen Kautschukbäume standen und kannte die Gefahren des Urwalds. Also handelte er mit Hooker ein Geschäft aus. Sollte es ihm gelingen, 1000 Samen zu finden und nach Kew zu schicken, würde er dafür zehn Pfund Lohn erhalten (nach heutigem Wert 1150 Euro).

Im Königlichen Botanischen Garten glaubte Hooker nicht eine Sekunde daran, dass Wickham das schaffen würde. Erfahrene Sammler waren an dieser Aufgabe gescheitert. Selbst wenn sie etwas geliefert hatten, keimten die Samen nicht.

Im Januar 1876 machte sich Wickham mit seiner Frau Violet an das Abenteuer. Sie fuhren den Tapajós-Fluss hoch, und im März begannen sie Samen zu sammeln. Es war eine gefährliche Expedition, in der Gegend gab es Anakondas und Kaimane, unter den Menschen herrschte das Gesetz des Dschungels. Doch die beiden ließen sich nicht beirren. Im Mai war ihnen schließlich eine Sensation gelungen: Sie hatten 70 000 Samen von Hevea brasiliensis gefunden. Sie wuschen und trockneten sie sorgfältig.

Wie es Wickham gelang, die Samen außer Landes zu bringen, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Er selbst schilderte es folgendermaßen: Die brasilianischen Behörden hätten ihn gewarnt, er dürfe die Waren auf keinen Fall ins Ausland verschiffen. Als er die Säcke verladen habe, habe ein Kanonenboot der brasilianischen Marine neben ihrem Schiff gelegen, „das uns aus dem Wasser geschossen hätte, hätte der Kommandant geahnt, was wir taten“. Daher habe sich Wickham für die Frachtpapiere etwas einfallen lassen und die Ware als „äußerst empfindliche botanische Proben“ deklariert, „die dafür vorgesehen sind, an den Königlichen Garten Ihrer Britischen Majestät in Kew geliefert zu werden“.

Die Autoren Toby und Will Musgrave wenden dagegen ein, dass der Export von Samen aus Brasilien zu jener Zeit nicht verboten war, der Sammler habe die Ware also nicht geschmuggelt. Aber das sind juristische Details.

Was folgte, war die Rache des britischen Imperiums an den brasilianischen Kautschukmonopolisten. Zwar wunderte man sich in Kew zunächst ob der unfassbaren Menge, die da geliefert wurde. Das hatte noch niemand vor Wickham geschafft. Darüber hinaus waren die Samen von bester Qualität. Schon in den ersten Tagen keimten einige von ihnen, einen Monat später waren 2700 aufgegangen. Das war ein außerordentliches Ergebnis.

Schnell wurden spezielle Transportboxen gefertigt. Die Briten hatten nämlich einen Hintergedanken gehabt, als sie um die Samen gebeten hatten. Sie verschifften die Ware in die Kolonien, ins heutige Sri Lanka, nach Burma und nach Singapur. Hevea brasiliensis konnte in Asien und später auch in Afrika mit geringerem Abstand in die Erde gesetzt werden als in Brasilien, da es dort nicht die Insekten und Pilze gab, die den Pflanzen in ihrer Heimat zu schaffen machten. Dank der besseren Bedingungen entstanden in Asien und Afrika große Plantagen, was die Kosten für die Produktion deutlich senkte.

Bald wurden in den britischen Kolonien große Mengen an preiswertem Kautschuk produziert. Das war das Ende des brasilianischen Monopols. Fortan waren die Briten die wichtigsten Hersteller. Ihre Marktmacht war so groß, dass Henry Ford 1920 im Amazonas seinen eigenen Kautschuk anbauen wollte, um nicht von ihnen abhängig zu sein. Aber er scheiterte grandios (siehe brand eins 11/2010, „Die Industrialisierung des Dschungels“ )*.

Als Dank für seine Dienste wurde Henry Wickham im Jahr 1920 von König George V. zum Ritter geschlagen und durfte fortan den Titel Sir tragen. Als er im Jahr 1928 starb, wuchsen 80 Millionen Kautschukbäume in den britischen Kolonien.

Die Folgen von Wickhams Abenteuer konnte man im Mai 1951 im Hafen von Santos bei São Paulo beobachten. Hafenarbeiter entluden das erste Schiff, das Latex aus Singapur lieferte. Die Ware hatte eine Besonderheit: Sie war aus genau jenen Pflanzen hergestellt worden, deren Samen Wickham exakt 75 Jahre zuvor in Brasilien gesammelt hatte. Seither muss Brasilien Latex importieren. Die Ausfuhr derartiger Samen ist inzwischen verboten. ---