Thiele Tee

Sie trinken so viel Tee wie niemand sonst auf der Welt. Vor allem den von Thiele – ein Marktführer im Kleinen.





• Eine Mitarbeiterin von Franz Thiele gießt die exakt abgewogenen Teeproben mit kochendem Wasser auf, sie ziehen genau fünf Minuten, kühlen etwas ab, dann beginnt der Chef in grüner Kittelschürze mit der Blindverkostung: Der 60-Jährige schnüffelt erst an den abgeseihten Teeblättern, um sich „ein Vorurteil“ zu bilden, dann geht es an die Tassen: schlürfen, schmatzend prüfen, ausspucken.

Jetzt, zur Erntezeit im indischen Assam, von wo er seine Ware vor allem bezieht, macht er das rund 500-mal am Tag. Thieles Tee-Gedächtnis ist phänomenal, er weiß genau, ob und wie er welche Charge verwenden kann. Seine echten Ostfriesenmischungen bestehen aus 30 bis 40 verschiedenen Tees. Die Zusammensetzung ändert sich dauernd, weil auch die Rohware je nach Teegarten, Witterung und Erntezeit unterschiedlich ausfällt.

Diesen Aufwand treibt die Emder Firma, seit der Vater des heutigen Inhabers in den Sechzigerjahren aus der regionalen Spezialität ein Markenprodukt machte. Seitdem sollen die verschiedenen Sorten aus dem Hause Thiele stets gleich schmecken. Die beliebteste namens Broken Silber ist für die Region so etwas wie „Jacobs Krönung“ für den Rest der Republik. Die Ostfriesen trinken pro Kopf rund 300 Liter Tee im Jahr – elfmal mehr als der Durchschnittsdeutsche – und vor allem den von Thiele, der mit deutlichem Abstand Marktführer ist. Die Firma setzte sich dank Qualität und eines guten Preis-Leistungs-Verhältnisses durch.

Der Inhaber vergleicht seine Aufgabe gern mit der eines Dirigenten: „Ich weiß, wie das Musikstück klingen soll, und welche Instrumente ich dazu brauche.“ Dementsprechend ordert er. Und wenn ihm Tee mit einer Note angeboten wird, die er schon auf Lager hat, schlägt sein Kaufmannsherz höher: „Eine weitere Geige darf natürlich mitspielen – aber zu einer angemessenen Gage.“

Bei der Lagerhaltung geht der Unternehmer auf Nummer sicher, sie ist auf Rotterdam, Bremen und Hamburg verteilt, damit nicht die Produktion ausfällt, wenn ein Lager abbrennt. Müssten seine Kunden, die er „Arbeitgeber“ nennt, auf ihr Heißgetränk verzichten, hätte Thiele ein Problem. Schließlich versorgt er die Leute mit einem identitätsstiftenden Grundnahrungsmittel, vergleichbar mit dem Bier in Bayern. Das ist neuerdings sogar hochoffiziell: Im vergangenen Dezember wurde die ostfriesische Teekultur von der Deutschen Unesco-Kommission in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Der Chef führt vor, wie sie zelebriert wird: Kandis in die Tasse, Tee, dann einen Schuss Sahne, nicht umrühren, sodass das Getränk erst cremig, dann kräftig und schließlich süß schmeckt. Außerhalb Ostfrieslands hat diese Spezialität nicht viele, dafür aber eingefleischte Fans. Franz Thieles – fürs Marketing zuständige – Frau Celine entdeckte im Netz zu ihrer Überraschung selbst bedruckte T-Shirts mit dem Firmenlogo: „Die nehmen wir gern ins Sortiment auf.“ ---

Carl Thiele und Peter Freese gründen 1873 in Emden ihre Firma, die mit „Colonialwaren en gros“ handelt. Die beiden kümmern sich persönlich um den Einkauf von Tee aus Indien, Java und Sumatra auf den damals maßgeblichen Auktionen in London und Amsterdam. Später tritt Franz Thiele senior, der Bruder des Gründers, in das Unternehmen ein und verschafft ihm einen guten Ruf dank seiner Nase für Tee. Die Familie Freese verlässt die Firma 1906. Fritz Thiele übernimmt 1934 das Geschäft vom verstorbenen Vater und führt abgepackten Tee ein. Nach der Zerstörung des Unternehmens im Jahr 1944 und dem Tod von Fritz Thiele beginnt dessen Bruder Franz an gleicher Stelle in der Emder Innenstadt neu. 1966 gibt er das Geschäft mit Lebensmitteln auf und konzentriert sich ganz auf Tee. Franz Thiele junior tritt 1986 in die Firma ein und macht sie zum Marktführer. Seit Anfang Juni darf er sich zudem als „Kulinarischer Botschafter Niedersachsens“ bezeichnen; die Urkunde überreichte ihm der Ministerpräsident Stephan Weil persönlich.

Thiele & Freese GmbH & Co. KG Mitarbeiter: 25; Umsatz: „unter 10 Millionen Euro“