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Mario Goldstein

Das Leben als permanenter Neuanfang. Porträt eines Rastlosen.





• Ein Bus nach dem anderen kommt von Bad Kissingen den Hügel hinauf auf das ehemalige Militärgelände zur Messe „Abenteuer und Allrad“. Der Hit hier sind die Geländewagen, die röhrend über Teststrecken fahren. Bei einigen darf man sogar mal ans Steuer. Ob sich da jemand auf Plastikstühle setzen will, mit denen eine Vortragshalle neben der Strecke bestückt ist? Das wird schon, sagt Mario Goldstein. Er rückt die DVDs und Bücher zurecht, die er am Eingang auf einem Tisch drapiert hat. Auf der Leinwand läuft sein Werbefilmchen: „Einfach raus aus dem Rad“, sagt eine sonore Stimme, „erfahren Sie, wie Mario Goldstein …“

Tatsächlich kommen die Leute. Sie wollen den Mann hören, der fünf Jahre mit dem Katamaran „Goodlife“ über die Meere segelte. Im Vortrags-Flyer steht: „Es beginnt mit einem Traum. Alles verkaufen, sein bisheriges Leben hinter sich lassen und nach dem Glück suchen.“ Dazu Bilder, auf denen Goldsteins Bart noch nicht grau ist. Eine Kokosnuss auf der einsamen Insel. Das gemeinsame Kind, das seine damalige Lebensgefährtin bekam und das selbst bei der Atlantiküberquerung an Bord war.

Immer wieder loslassen zu müssen, raunt Goldstein beim Vortrag ins Mikro, das sei das „Schicksal des Seglers“. Damit meint er nicht nur die Zeit an Bord, sondern seine Art zu leben. Goldstein ist keiner von denen, die einmal aus dem Alltag ausbrechen und danach geläutert zurückkehren. „Er ist ein Rastloser“, sagt Yvonne, die Frau, die mit ihm bei dem großen Törn liiert war. „Ein Getriebener. Ein Suchender.“ Sie habe sich lange gefragt, „warum er immer weiterwill und was er eigentlich sucht“. Eine Antwort bekam sie nicht, weil es auf solche Fragen keine wirklichen Antworten gibt.

Goldstein bevorzugt den Titel „Freiträumer“. So heißt auch ein schmales Buch, das er vor der Abfahrt mit der Goodlife im Selbstverlag veröffentlichte. Ein einnehmender Mensch. Dass er aus Sachsen kommt, hört man ihm an und ist ein wichtiger Teil seiner Geschichte. Er wurde 1969 im Vogtland geboren und wuchs ohne Vater auf. „Ich hatte trotzdem eine glückliche Kindheit“, sagt Goldstein. „Meine Mutter war wie ein Kumpel. Sie erzog meinen Bruder und mich recht frei.“ Als er älter wurde, hatte er gute Freunde, mit denen er sich in einem alten Wohnwagen traf und Westmusik hörte: Bob Dylan, Neil Young, Johnny Cash.

Ihre Freiheit war dennoch begrenzt. Oelsnitz lag nur wenige Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt – auf DDR-Seite. Als Goldstein 15 war, führte das bei ihm zu „einer Art Platzangst“ – und einem Gedankenspiel, das mit dem starken Selbstbewusstsein zu tun hat, mit dem er gesegnet ist: „Ich habe schnell das Gefühl, alles zu können, wenn ich’s nur will.“ Er sah ein Agrarflugzeug, das zum Düngen eingesetzt wurde, und malte sich aus, wie man mit der Propellermaschine über die Grenze fliegen könnte. Dummerweise begann er darüber zu reden.

Kurz darauf zerrte ihn das Regime aus der Schule. Zwölf Stunden Verhör, zweieinhalb Monate Untersuchungsgefängnis: „Ich war am Boden zerstört.“ Er versuchte sich die Pulsadern aufzuschneiden, wurde zwei Tage rücklings fixiert. Man warf ihm versuchte Republikflucht vor, suchte nach anderen Dingen, die man ihm anhängen konnte. Und ließ ihn ohne irgendwelche Erklärungen plötzlich wieder frei. Lektion vorbei.

Im Sommer 1988, als Bruce Springsteen vor Hunderttausenden, darunter auch Goldstein, in Ost-Berlin auftrat, wurden seine Fluchtgedanken konkreter. Er hatte mittlerweile eine Lehre als Maurer absolviert, einen Ausreiseantrag gestellt – und die Arbeit, die man ihm nach der Lehre anbot, trotzig verweigert. Das verbesserte seine Chancen nicht gerade; ein Beamter sagte ihm: „Sie kommen hier nie raus.“

Zwei Freunde versuchten damals, über Ungarn nach Österreich zu fliehen – so wie die vielen, die ein Jahr später in die Geschichtsbücher eingehen würden. Die Freunde weihten ihn ein und überließen ihm sogar ein Motorrad. „Sie waren mein letzter Strohhalm“, sagt er. „Ich hoffte, dass sie mich vom Westen aus irgendwie rausholen würden.“ Als sie gefasst wurden, entschloss sich auch Goldstein zur Flucht. Mit dunkler Kleidung getarnt und einer Drahtschere ausgerüstet, versuchte er die Grenze von der Tschechoslowakei nach Österreich zu überwinden – und wurde geschnappt. Das Urteil: knapp zwei Jahre Haft im Stasi-Gefängnis Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz).

Man muss nicht in der DDR aufgewachsen sein, um das Bedürfnis zu entwickeln auszubrechen. Doch Goldstein denkt, „dass sich in jenen Jahren eine Sehnsucht nach der Welt entwickelt hat, die ich bis jetzt noch nicht stillen konnte“.

Er traut sich, wovon viele nur träumen

Im Februar 1989, ein Dreivierteljahr vor dem Fall der Mauer, kaufte die Bundesrepublik ihn frei. Und Goldstein legte los, sobald er dort ankam und das bunte Warenangebot sah: „Im Westen ist alles zu haben“, dachte er, „aber der Schlüssel dazu ist das Geld.“ Er wurde Lastwagenfahrer, später verkaufte er Versicherungen im Strukturvertrieb: „Ich fiel mit einem Dutzend Mitarbeitern in meiner alten Ostheimat ein.“ Als es nicht mehr gut lief, vertrieb er Timesharing-Urlaube. Dann gründete er eine Werbeagentur und verkaufte Fensterwischer auf Wochenmärkten. Er machte eine Druckerei auf, weil ihm irgendwer eine Druckmaschine für Endlosformulare anbot, importierte Glas aus Polen, um es auf Weihnachtsmärkten zu verkaufen. Außerdem war er Teilhaber einer Firma, die Eigenheime baute und verkaufte. „Ich machte vier, fünf Sachen auf einmal. Ich habe nur noch gearbeitet, aber gut verdient.“ Dass sich alles nur ums Geld drehte, um die „Gier“, wie Goldstein sagt, fiel ihm damals nicht auf.

Dann ging die Baufirma pleite. „Finanziell keine Katastrophe. Ich hatte noch die Fensterwischer und meine Frau einen sicheren Job bei der Sparkasse.“ Aber die Reaktionen auf das Scheitern ärgerten ihn: „In Deutschland bist du nur etwas wert, wenn es läuft.“ Und bis ans Lebensende Fensterwischer verkaufen wollte Goldstein auch nicht. Er dachte immer häufiger, dass dieses Leben „auch nur eine andere Form des Eingesperrtseins“ sei.

Während eines Mallorca-Urlaubs im Sommer 2002 las er eine Zeitungsanzeige. „Kleine Bar am Meer zu vermieten. 900 Euro im Monat plus Inventar.“ Das war seine Chance, Goldstein griff zu. Wahrscheinlich glaubte er damals wirklich, dass Frau und Sohn nachkämen. Aber die Familie wollte Deutschland nicht verlassen und er nicht zurück. Sie weinten, er weinte. Scheidung.

Der andere Traum war halt stärker, sagt er. Ein Jahr später verkaufte er seinen Besitz in Deutschland und auch das Inventar der Bar an der Playa de Palma. Er hatte eine deutlich ältere Frau aus den USA kennengelernt, die einen Partner für eine Weltumsegelung suchte. Sie kauften einen zwölf Meter langen Katamaran, der in Thailand vor Anker lag, und Goldstein lernte segeln. Als die Amerikanerin einen Rückzieher machte, weil das offene Meer vielleicht doch ein bisschen zu wild war, lernte er eine Deutsche kennen, die von dem Plan fasziniert war. Anfang 2005 stießen Mario und Yvonne mit der Goodlife von Thailand aus in See.

Das verliebte Paar genoss die Zeit auf dem Meer. Sie legten auf einsamen Inseln an, fingen Fische, streichelten Riesenschildkröten. Sie lernten interessante Leute kennen wie Pavel Rezvoy, der allein über den Indischen Ozean gerudert war, und bauten die Geburt der Tochter in einem deutschen Krankenhaus in den Reiseplan ein, sodass sie bald zu dritt auf der Goodlife herumschippern konnten.

Nach der Atlantiküberquerung war Goldstein trotzdem „kurz davor, über Bord zu springen“. Die Euphorie war vorbei, der Katamaran zu klein. Seine Freundin sehnte sich nach einer festen Basis, außerdem war die Reisekasse fast leer. Nach einer Weile hatte er eine Idee: „Ich hatte früher mal einen Vortrag besucht, in dem ein Weltumsegler von seiner Reise erzählte. Da hatte ich zwölf Euro bezahlt. Ich rechnete sofort aus, was ihm das wohl an jenem Abend einbracht hatte.“ Wieso nicht selbst so etwas versuchen? Goldstein arbeitete einen Vortrag aus, mietete Räume, klebte Plakate. „Aber ganz so einfach war das dann doch nicht.“ Es gab Abende, an denen gerade mal seine Kosten reinkamen.

„In Deutschland können etwa 100 Fotografen und Abenteurer von Vorträgen leben“, sagt Michael Martin, der zu den Erfolgreichsten der Branche zählt und der „Gesellschaft für Bild und Vortrag“ vorsteht, in der sich zwei Drittel der Referenten organisiert haben. „Aber es ist schon heftig, da findet viel Selbstausbeutung statt. Die meisten Referenten kommen nur auf 500 bis 1000 Euro am Abend. Abzüglich Reise und Technik.“

Andererseits sind Geschichten von Aussteigern und Weltenbummlern in. Tausende besuchen Live-Reportage-Festivals, sie suchen dort den Kontakt zu Menschen, die sich etwas getraut haben, wovon die meisten nur träumen. Goldstein begann Ende 2010 mit seiner Vortragsreihe „Fünf Jahre, fünf Meere“ – obwohl die Qualität vieler Fotos mäßig war und seine Tour nicht so abenteuerlich wie etwa eine Expedition ins Eismeer von Arved Fuchs. Egal, einfach mal machen. Gleichzeitig zog es ihn wieder in die Ferne, während seine Freundin die Rückkehr in die Heimat genoss. Goldstein ersteigerte einen ausrangierten Wasserwerfer, baute ihn zum Expeditionsmobil um und hoffte wieder, dass seine Familie mitfahren werde. Man ahnt es: Sie blieb daheim. Stattdessen begleitete ihn sein Bruder auf die 12 000 Kilometer lange „Friedensmission“ durch Iran und Pakistan bis Indien – mit einem „Friedensbuch“ voller Botschaften aus Sachsen im Gepäck. „Mit dem Wasserwerfer zum Dalai Lama“, heißt der Vortrag zum Thema; es gelang Goldstein tatsächlich, das geistige Oberhaupt der Tibeter zu treffen. Die Beziehung zu Yvonne überstand die Reise nicht.

Nur eines kann er nicht: warten

Und es trieb ihn weiter. In Bad Kissingen muss das Publikum nur auf den Plastikstühlen ausharren, um nach zwei einstündigen Vorträgen auch den dritten zu hören, den er mittlerweile auf Lager hat: „Erleben Sie, wie Mario und Ramona (seine neue Freundin) auf einem selbst gebauten Floß den Yukon herunterfuhren.“ Ein Jahr Kanada und Alaska! Applaus. Mario Goldstein genießt ihn sichtlich.

Er tourt unentwegt durchs Land. Geschäfte für Outdoor-Bedarf und Reisebüros laden ihn ein. Er spricht in Volkshochschulen, Rathäusern und Gemeindesälen. Er findet es großartig, mittlerweile gebucht zu werden, statt sich selbst um Engagements bemühen zu müssen. „Ich glaube, ich kann den Leuten jetzt etwas geben“, sagt er. „Ein Teil der Sehnsucht, die ich habe, dieser Freiheitsdrang, steckt doch in jedem.“ Er schmückt seine Vorträge mit Zitaten zum Thema Freiheit und Glück wie ein Poesiealbum.

Nebenbei begründete er ein Festival für Reisevorträge. Beim „Freiträumer-Festival“ in Plauen können die Besucher dann zum Beispiel Grönland-Vorträge von dem Moderator Markus Lanz sehen. Oder Willi Weitzel, ein Reporter des Kinderfernsehens, der ebenfalls vom Abenteuerdasein lebt. Er war von Goldsteins Ausstrahlung so angetan, dass er ihn fragte, ob er nicht sein Agent werden möchte. Der sagte nicht Nein.

Fast könnte man meinen, Goldstein habe nun endlich das richtige Lebensmodell für sich gefunden: Er ist angekommen, weil er jederzeit wieder losfahren darf. Er lebt in Plauen, baut ein Blockhaus und ist nah bei seiner Mutter. Auch die Kinder leben in der Nähe.

Er hat viele Pläne. So soll er für einen Verlag ein Buch über die Yukon-Tour schreiben. Will ins Business-Speaker-Geschäft. Und sein neuestes Abenteuer ist noch zu verarbeiten: eine Wanderung entlang der einstigen deutsch-deutschen Grenze. Er habe nur ein Leben, sagt Goldstein, und das wolle er bestmöglich nutzen: „Man stolpert immer wieder über Dinge, die einen neugierig machen, und ich habe einfach das Gefühl, dass ich keine Zeit habe zu warten.“ ---