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Susanne Geisler

Warum Susanne Geisler, 35, eine Karriere als Juristin aufgab, um Komponistin zu werden. Protokoll eines langsamen Abschieds.





• „Irgendwie schien das vernünftig: Jura. Das hatte natürlich auch etwas mit Stabilität und Sicherheit zu tun. Beides war bei mir in der Familie sehr wichtig, gerade nach der Wende. Ich bin die ersten Jahre noch in der DDR zur Schule gegangen, mit allem, was dazugehörte: Jungpioniere, Altstoffsammlung; wir sind mit Blumen zu den russischen Soldaten in die Kaserne gegangen. Meine Familie war Teil des Systems. Meine Großeltern waren Juristen gewesen, meine Mutter war Krankenschwester im ehemaligen Regierungskrankenhaus der DDR. Mein Vater war Elektriker, ebenfalls als Staatsangestellter.

Vor dem Mauerfall hatte jeder seinen Platz. Man wusste, wenn man sich richtig verhält, hat man in zehn Jahren ein Auto, einen Job, eine Position. All die Regeln, die meine Eltern und Großeltern befolgt hatten, waren auf einmal bedeutungslos geworden. Da war etwas aus den Fugen geraten. Und als ich dann zum Studieren nach Greifswald ging, hatte ich zehn Versicherungspakete im Gepäck: von Rentenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung, Haftpflicht, Hausrat bis Auslandskrankenversicherung. Das war etwas, das man kontrollieren konnte. Das bedeutete Sicherheit. Und Jura zu studieren war letztlich nichts anderes als die sichere Wahl. Dabei habe ich relativ früh gemerkt, dass das nichts für mich war.

Als ich dann das Referendariat angefangen habe, war für mich schon klar, dass ich das erst mal nur mache, um von meinen Eltern finanziell unabhängig zu werden, aber nie als Anwältin arbeiten werde. Das zweite Staatsexamen habe ich als Zweitbeste in Berlin abgeschlossen. Ich hatte Angebote von Kanzleien. Alle meine Freunde haben tolle Stellen bekommen. Ich bewarb mich auf Jobs als Bedienung und als Aushilfe in Bio-Supermärkten, um Geld zu verdienen und eine Komponisten-Ausbildung machen zu können. Das hat aber alles hinten und vorne nicht gereicht. Stattdessen habe ich dann doch noch ein Dreivierteljahr für eine große Kanzlei gearbeitet, für 90 Euro die Stunde, und mir damit meinen Start in die Musikbranche finanziert.

Musik ist während meiner Schulzeit immer mein Rückzugsort gewesen. Das Einzige, wo ich wirklich ich sein konnte.

Mit 14 haben meine Eltern mir ein Keyboard besorgt, und ich habe mir das Spielen selbst beigebracht. Ich hatte ein Buch, und das habe ich dann in zwei Tagen durchgespielt. Irgendwann habe ich begonnen, Songs aus dem Radio nach Gehör nachzuspielen. Ich konnte mir Klänge, Töne, Akkorde schon immer besser merken als andere. Ich habe eine sogenannte graphemische Farb-Synästhesie: Ich nehme Buchstaben und Zahlen in Farbnuancen wahr. Ich sehe Musik auch als Farbtöne. Das nennt man auch „Farbenhören“. Das hat mir da sehr geholfen.

Wenn es irgendwann einfach nicht mehr geht

Aber nach dem Abitur kam Musik überhaupt nicht infrage. Alle meine Freunde, mit denen ich in Ost-Berlin aufgewachsen bin, haben solide Ausbildungen angefangen. Ich wusste eigentlich nicht so richtig, wo ich hinwollte. Später bestand mein ganzes Umfeld aus Juristen, mein Freund war Jurist, meine besten Freunde auch, und wenn wir zusammen Mittagessen waren, unterhielten wir uns über die neuesten Entscheidungen des Bundesgerichtshofs. Mein Klavier habe ich vier Jahre lang nicht angerührt.

Irgendwann bin ich dann zusammengebrochen. Ich hatte Panikattacken in den Vorlesungen. Mir war ständig schwindelig, ich habe schlecht geschlafen. Ich hatte das Gefühl, ich muss mein Leben kontrollieren und habe es nicht geschafft. Gleichzeitig kam das erste Staatsexamen auf mich zu, das wahrscheinlich eine der schwersten Prüfungen ist, die man in Deutschland absolvieren kann. Und ich habe mich so gefangen gefühlt, obwohl ich mir dieses Umfeld ja selber geschaffen hatte.

Kurz vor dem Examen habe ich angefangen, das alles aufzubrechen. Ich habe wieder angefangen, Klavier zu spielen, habe verstanden, was ich mir selbst genommen hatte. Endlich war da wieder etwas, das sich total lebendig anfühlte.

Das Loslassen von Jura war dann ein Abschied auf Raten. Ich habe keinen klaren Cut gemacht, sondern habe mich herangetastet. Ich bin kein Risikotyp. Ich muss erst ein Gefühl dafür bekommen, worauf ich mich einlasse.

Ich habe erst für eine Filmmusik-Agentur gearbeitet und war drei Jahre die Assistentin von Max Richter, der unter anderem die Filmmusik für „Waltz with Bashir“, „Paradise Lost“ und „The Last Days on Mars“ geschrieben hat. Ich habe das Orchester organisiert, habe dafür gesorgt, dass die Verträge ausgefüllt und alle zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Das war keine kreative Arbeit. Aber ich konnte so gleichzeitig meine Komponisten-Ausbildung an der Akademie Deutsche Pop in Berlin beenden. Als Richter dann nach Großbritannien umgezogen ist, habe ich beschlossen, endlich selbst den Schritt zu wagen, Musikerin zu werden. Das war vor anderthalb Jahren, da war ich 34.

Die Frage war nur: wie? Filmmusik zu komponieren ist sehr schwer, und man braucht lang, um in der Branche Fuß zu fassen. Und ich war sehr spät dran. Nach der Arbeit für Max Richter hatte ich zum Glück ein realistisches Bild von der Branche.

Ich musste etwas anderes finden. Die Hochzeit meiner Cousine brachte mich auf eine Idee. Sie brauchte jemanden, der Songs für ihre Feier arrangierte. Ich habe ihr einige Stücke geschrieben. Das hat mir total Spaß gemacht. Da habe ich mir gedacht: Wieso mache ich daraus nicht ein Geschäft?

Ich habe jetzt eine eigene Firma, die Wedding Song heißt. Meine Auftraggeber sind meistens Hochzeitsplaner und Brautpaare, ich gehe auch auf Hochzeitsmessen. Manchmal arrangiere ich Songs so, dass man sie zum Beispiel mit Streichern spielen kann. Und ich komponiere meine eigenen Songs unter meinem Künstlernamen „Kaleidoscope of Colours“. Außerdem trete ich in Bars und Cafés auf. Pro Abend gibt’s dann zwischen 100 und 250 Euro. Ich komponiere immer noch wie damals als Jugendliche mithilfe der Farben, die ich dabei sehe, wenn ich Töne oder Akkorde höre. Das ist immer noch sehr intuitiv für mich, auch nach der Komponisten-Ausbildung.

So richtig leben kann ich von all dem noch nicht und gebe daher nebenher auch Klavierunterricht. Man muss eben verschiedene Einnahmequellen haben. Das ist zum Beispiel für meine Eltern schwer zu verstehen. Ich merke, wie meine Mutter im Gespräch irgendwann abschaltet und nur sagt: „Hauptsache, du kommst über die Runden.“

Als Anwältin möchte ich nicht mehr arbeiten, auch wenn ich als Juristin deutlich mehr Geld verdienen würde. Das Schöne ist, dass sich meine Eltern mit mir entwickelt haben. Mein Vater ist inzwischen so überzeugt von meinen Stücken, dass er sauer ist, wenn er an Weihnachten nicht eine neue CD mit Kompositionen von mir bekommt.

Meine Familie war früher so ängstlich. Ich bin die Erste, die sich dieser Angst gestellt hat. Und das fühlt sich jetzt endlich richtig an.“ ---