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Kibbuzim

Die Kibbuzim waren die sozialistischen Keimzellen Israels. Und sind heute attraktiver denn je. Zuvor mussten sie sich allerdings von einigen Idealen verabschieden.





• Ohne Idealismus, sagt Amotz Peleg, hätten seine Eltern nicht durchgehalten. Wären die beiden nicht beseelt gewesen von der Überzeugung, mit ihren Händen eine bessere Welt zu schaffen, hätten sie das Kibbuz Hulda wohl nie mit aufgebaut. Er selbst wurde hier geboren, und bis heute lebt der 74-Jährige hier. Idealisten wie seine Eltern riefen die Kibbuzim ins Leben; ihre Töchter und Söhne, Menschen wie Peleg, retteten sie vor dem Untergang, indem sie die alten Ideale begruben.

Wer Hulda heute besucht, gelegen zwischen Jerusalem und Tel Aviv, findet eine ansehnliche Siedlung vor, mit frisch gemähten Rasenflächen, Zierbüschen und freundlichen weißen Häuschen, großzügig in der Landschaft verstreut. Fast tausend Menschen leben hier, und das offenbar gut. Wenig erinnert heute an das karge, harte Kibbuz-Leben von einst. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts errichteten Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa wie Pelegs Eltern landwirtschaftliche Kommunen im damaligen britischen Mandatsgebiet. Hier sollte der „Neue Jude“ geboren werden: ein robuster Arbeiter, naturverbunden, braungebrannt, die Muskeln gestählt von der Feldarbeit, geschult im Umgang mit dem Rechen ebenso wie dem Gewehr. Denn in jenen Jahren vor der israelischen Staatsgründung galten die Kibbuzim als Außenposten: „Die Grenze ist dort, wo der letzte Pflug steht“, hieß es. Zugleich wollten die Pioniere eine sozialistische Gemeinschaft schaffen, als Vorbild für den künftigen Staat: Persönlicher Besitz galt als verpönt, statt Gehalt gab es nur Taschengeld, gleich viel für Baggerfahrer und Buchführer, Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Wollte jemand das kibbuzeigene Auto benutzen, musste er die Mitgliederversammlung um Erlaubnis bitten.

„Was gab es denn hier schon?“, schrieb der israelische Autor Amos Oz, der 1954 als 15-Jähriger nach Hulda zog und 31 Jahre blieb. „Hühner- und Kuhställe? Kinderhäuser? Ausschüsse und Arbeitspläne und die Ausgabestelle für Dinge des täglichen Bedarfs?“ Es war ein karges, aber, sofern man Oz’ frühen Romanen glaubt, ein erfülltes Leben. „Meine Kindheit war wunderbar“, sagt auch Amotz Peleg, der wenige Jahre jünger ist als Oz und schmunzelnd bekennt, einige von dessen Romanfiguren wiederzuerkennen. „Es tut mir leid, dass meine Kinder viele Dinge nicht erleben: die gemeinsamen Feste, die kollektive Erziehung oder die Kinderfarm, die Teil der Schule war.“

Es ist schwer, den Zeitpunkt zu bestimmen, in dem eine Krise beginnt. Die Historikerin Aviva Halamish datiert den Beginn des Niedergangs der Kibbuz-Bewegung schon auf das Gründungsjahr des israelischen Staates 1948; denn hatten sich bis dahin die Kibbuzim bei der Aufnahme jüdischer Einwanderer und bei der Verteidigung hervorgetan, gingen diese Aufgaben nun an den Staat über. Die Kibbuzniks genossen jedoch weiter hohes Ansehen, und viele von ihnen machten Karriere in Militär und Politik. „Sie waren eine Elite“, sagt Eytan Sheshinski, ein Ökonom, der selbst im Kibbuz aufwuchs, „aber eine, die durch Selbstselektion entstand. Nur Idealisten, die bereit waren, sich einem sehr harten Leben auszusetzen, zogen ins Kibbuz.“

Diese privilegierte Stellung rief auch Unmut hervor. Fast alle Kibbuzniks waren europäischen Ursprungs, und die regierende Arbeiterpartei unterstützte sie ideell und finanziell. Viele orientalischstämmige Juden fühlten sich ausgegrenzt. Als 1977 die rechte Likud-Partei an die Macht kam, änderte sich die Stimmung. Bald wetterte der neue Ministerpräsident Menachem Begin gegen Kibbuzniks, die sich angeblich „wie Millionäre an ihren Swimmingpools räkeln“.

Selbstbewusster Wohlstand statt stolzer Askese

Die Kritik traf die Kommunen in einer schwierigen Lage. In den Sechziger- und Siebzigerjahren hatten viele von ihnen industrielle Betriebe gegründet, weil die Landwirtschaft nicht genug abwarf; dazu zählte seit 1975 der Betrieb Hulda Transformers. In den Achtzigerjahren geriet die israelische Wirtschaft in eine Krise, die Inflation stieg 1984 auf 450 Prozent. Regierung, Zentralbank und Gewerkschaften einigten sich auf Maßnahmen, um die Preise innerhalb von zwei Jahren auf unter 20 Prozent zu senken. Viele Kibbuzim hatten allerdings zwischenzeitlich Kredite mit extrem hohen Zinsen aufnehmen müssen, die sie nun nicht zurückzahlen konnten. In der Not einigten sie sich mit der Regierung auf einen Restrukturierungsplan: Sie mussten Land verkaufen, Kosten senken und neue Einnahmequellen finden, also: nicht weitermachen wie bisher.

„Wir hatten viele schwere Jahre“, erinnert sich Amotz Peleg. „Die monatlichen Zahlungen an die Familien fielen immer niedriger aus.“ Inzwischen wuchs die dritte Generation heran, darunter Pelegs Kinder. „Diesen Jungen reichte der niedrige Lebensstandard nicht mehr. Viele kamen nach dem Wehrdienst nicht zurück, wir sahen für das Kibbuz keine Zukunft.“

Wie Hulda verloren die meisten Kommunen in den Achtziger- und Neunzigerjahren Mitglieder. Als Reaktion begannen die Kibbuzim ihren langen Marsch Richtung Kapitalismus: Schritt für Schritt, jeder in seinem Tempo und mit Kompromissen, ausgehandelt in vielen nächtelangen Versammlungen. Nach und nach führten sie Privatbesitz ein, erlaubten den Bewohnern, sich außerhalb Arbeit zu suchen, kippten das Verbot, fremde Arbeitskräfte einzustellen, und schafften den Einheitslohn ab. „Es war kein leichter Prozess“, sagt Peleg, „er dauerte viele Jahre, und wir hatten viele bittere Diskussionen.“ Seine Eltern erlebten die meisten Änderungen nicht mehr. Er selbst gehörte zu den Reformern: „Die Realität ließ uns keine Wahl.“

Der Großteil der heute 273 Kibbuzim zählt wie Hulda zu den sogenannten erneuerten, die sich weitgehend von ihren sozialistischen Idealen verabschiedet haben. Die Mitglieder müssen nur noch einen geringen Prozentsatz ihres Gehalts für die Sozialhilfe der Gemeinschaft abgeben, der von Ort zu Ort variiert. Und selbst das ist nicht mehr überall Voraussetzung: In Hulda wurde vor wenigen Jahren ein neues Viertel gebaut, für Menschen, die zwar das Idyll genießen, aber keine Mitglieder mit dazugehörigen Rechten und Pflichten werden möchten. Die neuen Häuser überragen die klassischen Kibbuz-Häuschen, große Fensterfronten erlauben einen Blick in elegant eingerichtete Wohnzimmer. Selbstbewusster Wohlstand hat stolze Askese verdrängt. „Diese Leute kommen meist aus der oberen Mittelklasse, sie stärken uns finanziell“, sagt Peleg nüchtern. „Nun leben im Kibbuz drei Gruppen: Veteranen wie ich, die Jüngeren und die Bewohner der neuen Nachbarschaft. Unsere Aufgabe ist es jetzt, gemeinsam eine gute Zukunft für uns alle zu schaffen.“

Einen ähnlichen Kulturwandel durchlebten die kibbuzeigenen Firmen. Äußerlich hat sich Hulda Transformers einen improvisiert-familiären Charme erhalten: Der Betrieb ist in einem kleinen Industriegebiet abseits der Wohnviertel in einem unscheinbaren Gebäude untergebracht; die Werkstatt im Untergeschoss erinnert an den Keller eines Heimwerkers. Doch die Transformatoren, die hier zwischen allerlei Kabelgewirr entstehen, finden Kunden in einem Dutzend Länder, auch in Deutschland, vor allem in der Kabel-TV-Branche, aber auch im Medizin- und Militärsektor. Moshe Samuel, der 58-jährige Geschäftsführer, lebt nicht in Hulda, arbeitet aber seit 27 Jahren hier. „Am Anfang war der Betrieb immer offen“, sagt er. „Wenn jemand aus dem Kibbuz eine Schraube brauchte, spazierte er in die Werkstatt und nahm sie sich. Und wenn einer der Arbeiter zum Friseur gehen wollte, dann ging er eben während der Arbeitszeit.“ Damals gehörten die Mitarbeiter zum Kibbuz. Inzwischen kommen 45 der 50 Angestellten aus Städten der Umgebung.

Die jährlichen Einnahmen belaufen sich laut Samuel auf rund zehn Millionen US-Dollar. Zwar gehört die Fabrik noch immer dem Kibbuz; die Mitglieder erhalten Dividenden, das Kibbuz-Direktorium bestimmt die geschäftliche Linie. Doch heute lässt man sich von externen Fachleuten beraten. Eytan Sheshinski, der Ökonom, sagt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Kibbuzim auch ihre Betriebe privatisieren und die Anteile der Kibbuzniks in Aktien umwandeln.

Die Kibbuzim betreiben heute Hotels und Spas oder bieten Hebräischkurse für Touristen an. Das meiste Geld, rund 70 Prozent, erwirtschaften sie jedoch mit ihren rund 250 Firmen. Sie sorgen für 9,2 Prozent der industriellen Wertschöpfung des Landes. Dank ihnen gelang es vielen Kommunen, sich zu sanieren. Etwa der Kibbuz Nachshon, eine Viertelstunde Autofahrt von Hulda entfernt: 1983 gründeten seine Mitglieder die Firma Aran zur Produktion steriler Plastiksäcke für den Lebensmitteltransport. Nach 13 Jahren konnten sie sämtliche Schulden tilgen.

Auch Nachshon hat sein Erbe abgestreift. Der Saal, in dem früher alle gemeinsam gegessen haben, beherbergt heute Büros der Verwaltung. Ofer Naor, der 57-jährige Direktor, hat hier seinen Arbeitsplatz. Als 18-Jähriger hatte er sich der Kibbuz-Bewegung angeschlossen, pflügte Felder, mistete Ställe aus. Heute sitzt er in einem klimatisierten Büro und zeigt eine Power-Point-Präsentation, die die Entwicklung des Kibbuz zeigt. Alle Graphen weisen nach oben. „In den Neunzigern ist die Infrastruktur hier fast zusammengebrochen“, sagt Naor. „Ich sehne mich nicht nach den alten Tagen zurück.“ Heute lebt er mit seiner Familie in einem schicken Haus; ein junger Pudel schlittert über die weißen Fliesen.

Keine Alternative: der Kibbuz als Altersheim

Mit dem wachsenden Wohlstand kamen die Menschen zurück: Mitte der Neunzigerjahre hatten die Kibbuzim 119 000 Bewohner, heute sind es 166 000. Viele Kommunen führen Wartelisten mit Interessenten. Oft sind es die Kinder von Bewohnern, die nun zurückkehren, angelockt von der Ruhe, dem hohen Lebensstandard und der sozialen Absicherung: Im Kibbuz gibt es trotz der Privatisierungsmaßnahmen mehr Sozialhilfe und Rente als anderswo, Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Wäscherei werden subventioniert. Auch die drei Kinder von Amotz Peleg leben heute wieder in Hulda.

Man kann die Geschichte der Bewegung als eine des Scheiterns oder des Erfolgs lesen. Amotz Peleg scheint sich seines Urteils manchmal selbst nicht sicher zu sein. Viele Jahre hat er in der Kibbuz-Verwaltung gearbeitet, heute verwaltet er das Archiv, er kennt die Geschichte Huldas so gut wie wenige andere. „Die Kibbuz-Bewegung ist korrumpiert worden“, sagt er, und man meint, eine Spur von Bitterkeit aus seinen Worten herauszuhören, „ein Auto, ein Bankkonto, diese Dinge sind den jungen Leuten heute wichtiger.“

Im Nebenzimmer erklingt das quietschende Lachen seiner Enkelin. Auch die vierte Generation wächst im Kibbuz auf. Und Peleg hält inne und sagt: „In der Krise haben wir begriffen, dass es keine Alternative gibt: Entweder wir werden zum Altersheim, oder wir machen den Kibbuz attraktiv für junge Leute. Ich glaube, das ist uns außerordentlich gut gelungen.“ ---