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Sidney Weinberg

Sidney Weinberg machte aus einem kleinen Broker die Investmentbank Goldman Sachs – und mit ihr eines der einflussreichsten Unternehmen der Welt.





• Stephen K. Bannon, Gary D. Cohn, Steven T. Mnuchin, James Donovan und Dina Powell arbeiten als Strategieberater, Wirtschaftsberater, Finanzminister, stellvertretender Finanzminister und stellvertretender Sicherheitsberater für den US-Präsidenten Donald Trump. Sie sind Kollegen – und waren es schon früher: Sie alle kommen von Goldman Sachs. Die legendäre und umstrittene Investmentbank hat traditionell gute Beziehungen nach Washington, ganz gleich, ob im Weißen Haus ein Republikaner oder ein Demokrat regiert.

Der Demokrat Bill Clinton ernannte Robert E. Rubin zum Finanzminister, der war zuvor im Vorstand von Goldman Sachs. Der Republikaner George W. Bush machte mit Henry M. Paulson ebenfalls einen Goldman-Sachs-Manager zum Finanzminister. Unter Barack Obama war der Goldman-Sachs-Partner William C. Dudley Präsident der New Yorker Notenbank. Die engen Beziehungen zwischen den Finanzjongleuren und der Regierung gibt es schon lange.

Sie begannen mit Sidney Weinberg. Dessen Aufstieg ist eine der erstaunlichsten Karrieren an der Wall Street. Er brachte es bei Goldman Sachs vom Hausmeistergehilfen zum Chef. 39 Jahre lang leitete er die Investmentbank, sein Einfluss war so groß, dass ihn Kollegen ehrfurchtsvoll „Mr. Wall Street“ nannten. Weinberg machte aus einem kleinen Broker-Haus ein Weltunternehmen. Und er legte das Fundament dafür, dass Goldman Sachs sich eng mit den Regierungen der USA verflechten konnte.

Im Jahr 1907 war Sidney Weinberg 16 Jahre alt und suchte einen Job. Seine Eltern waren aus Polen eingewandert und hatten elf Kinder. Er verkaufte Zeitungen am Fährterminal von Brooklyn, auf seinem Rücken hatte er Narben von Messerstechereien, die Schule hatte er geschmissen, er biss sich so durch. Doch das sollte nun ein Ende haben, am liebsten wollte er in einem Büro arbeiten.

Also machte er sich auf die Suche. In Manhattan wählte er ein erhabenes Gebäude an der 43 Exchange Street, einer Parallelstraße zur Wall Street, und fing ganz oben an. Auf jeder Etage fragte er, ob sie einen Job für ihn hätten. Am Abend war er im dritten Stock angekommen, nirgendwo brauchten sie ihn. Und auch bei der Broker-Firma im dritten Stock schickten sie ihn wieder weg. Weinberg kam am folgenden Tag trotzdem wieder und behauptete einfach, er habe einen Termin. Danach wurde er tatsächlich angestellt, als Hausmeistergehilfe für drei Dollar in der Woche. Der Name der Firma: Goldman Sachs.

Bald nachdem er dort angefangen hatte, schloss er Freundschaft mit den Gründern. Henry Goldman und Samuel Sachs nannten ihn „den Jungen“. Doch es war Paul Sachs, der Sohn von Sam Sachs, der Weinberg dazu ermunterte, sich in Abendkursen fortzubilden. Sachs zahlte ihm 25 Dollar, und Weinberg schrieb sich an der New York University ein. Während des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig zur Marine, wo er es zum militärischen Geheimdienst schaffte und in Norfolk, im Bundesstaat Virginia, Frachtschiffe inspizierte.

Nach dem Krieg kehrte Weinberg 1919 zurück zu Goldman Sachs und begann als Wertpapier-Verkäufer. Er war dabei so erfolgreich, dass er 1927 zum Partner befördert wurde – Weinberg war damit erst der zweite Partner, der nicht aus den Familien Goldman oder Sachs stammte.

Was seinen Aufstieg so bemerkenswert machte, war: Weinberg machte sich nicht viel aus Zahlen oder Mathematik. Er war keiner, dem das Investmentgeschäft im Blut lag, keiner, der eine Leidenschaft dafür hatte. Aber er konnte mit Menschen.

Und er war ein Geschichtenerzähler. Der Autor Malcolm Gladwell weist im Magazin »New Yorker« darauf hin, dass Weinberg bestimmte Geschichten, die seinen Ruhm mehrten, schlicht erfunden hat. So auch diese: Weinberg sei als Gast im Haus von J. P. Morgan gewesen, wo er gefragt worden sei, ob es stimme, dass er während des Ersten Weltkrieges in der US-Marine gedient habe. Weinberg soll gesagt haben, er sei dort Koch gewesen, „Koch 2. Klasse“. Die Wahrheit ist: Weinberg kann unmöglich bei diesem Mittagessen gewesen sein, J. P. Morgan starb bereits 1913, also vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Tiefstapelei hatte bei Weinberg Methode, er wollte seinem Gegenüber immer zeigen, dass er aus einer anderen Welt kam. „Ich bin nur ein dämlicher, ungebildeter Junge aus Brooklyn“, soll Weinberg entgegnet haben, wenn ihm Kollegen in der Bank mit besonders kniffligen Erklärungen kamen. „Mach es einfacher für mich“, ermahnte er sie.

Als 1929, während der Großen Depression, der Aktienmarkt kollabierte, gelang es ihm in unermüdlicher Arbeit, Goldman Sachs vor dem Untergang zu retten, obwohl seine Vorgänger sich in der Vergangenheit heftig verspekuliert hatten. 1930 wurde er zum Chef ernannt.

Kurz darauf begann für seine Firma eine zweite Ära, die bis heute anhält: die von Government Sachs. Während des Zweiten Weltkriegs berief Präsident Franklin D. Roosevelt Weinberg in die Regierung. Der Bankier wurde stellvertretender Direktor des War Production Board, das die Rüstungsproduktion in den USA organisierte. Weinberg und Roosevelt kannten sich, da Weinberg 1932 Mitglied des Finanz-Komitees der Demokratischen Partei gewesen war und beachtliche Summen für den Wahlkampf eingetrieben hatte.

In seinem neuen Job lernte Weinberg viele junge Manager bei amerikanischen Firmen kennen, er konnte nebenbei sein Netzwerk erweitern. Das sollte ihm nach dem Krieg als Unternehmer helfen. Dass ein Wall-Street-Mann wie Sidney Weinberg Roosevelt unterstützte, war ungewöhnlich. Dessen New Deal war in Finanzkreisen nicht sonderlich beliebt. Weinberg kümmerte das nicht, er pflegte ohnehin sein Außenseiter-Image. Dem Präsidenten gefiel das, er war so angetan von dem Bankier, dass er ihn unbedingt als amerikanischen Botschafter in die Sowjetunion schicken wollte.

Weinberg lehnte ab, blieb in den USA und vertiefte seine Kontakte in die Politik. Im Laufe der Jahre beriet er die Präsidenten Harry S. Truman, Dwight D. Eisenhower und Lyndon B. Johnson. So gelang es ihm, direkten Einfluss auf das Weiße Haus zu nehmen, eine Tradition, die Mitarbeiter seiner Firma nach Weinbergs Tod 1969 bis heute fortführen. ---

„Ich bin nur ein dämlicher, ungebildeter Junge aus Brooklyn“