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Der Preis der Freiheit

Wir sind mit unserer Angst, uns falsch zu entscheiden, allein. Das ist nicht immer leicht zu ertragen.  Sagt der israelische Psychoanalytiker Carlo Strenger.




brand eins: Herr Strenger, Sie sehen Freiheit als eine Aufgabe. Was bedeutet diese in Ihrem persönlichen Leben?

Carlo Strenger: Ich bin in einer orthodoxen jüdischen Familie aufgewachsen und hatte die Möglichkeit, im Schutz dieses Glaubens mein Leben zu verbringen. Ich habe mich in einem langen Prozess dagegen entschieden. Das fing an, als ich etwa 14 Jahre alt war. Wichtig war sicher, dass ich viel Freud gelesen habe. Ich erinnere mich, wie ich mit 18 Jahren eines Morgens glasklar wusste: Es gibt keinen Gott.

Wie erlebten Sie diesen Moment?

Es war eine enorme Befreiung, aber nicht nur. Die Freiheit hat ihren Preis. Ich habe danach jahrelang unter schweren Angstanfällen gelitten. Ich weiß, was es bedeutet, den metaphysischen Schutz zu verlieren. Damals habe ich verstanden, dass philosophisches Denken nicht bedeutet, dass es zig Wahrheiten gibt, die ich nicht zu bezweifeln wage. Freiheit ist ein Abenteuer, und zum Abenteuer gehört, dass der Ausgang offen ist. In vieler Hinsicht habe ich den Gewinn der Freiheit zu meinem Beruf gemacht. Als Psychoanalytiker versuche ich Menschen zu helfen, frei zu leben. Als politischer Mensch versuche ich darüber nachzudenken, wie wir die freiheitliche Gesellschaft schützen können.

Eine Kernthese Ihres neuen Buches ist, dass wir „Furcht vor der Freiheit“ haben. Das klingt paradox – wünschen wir uns nicht alle ein Leben ohne äußeren Zwang?

Die Formulierung stammt von Erich Fromm, er hat 1941 im Exil in New York ein Buch mit diesem Titel geschrieben. Es ist klar, was das im politischen Kontext dieser Zeit bedeutet. Dass Menschen offenbar Furcht vor der Freiheit haben, muss man sehr ernst nehmen, schon weil autoritäre Rattenfänger deshalb Anziehungskraft entwickeln können.

Was ist so beängstigend an der Erkenntnis, für das eigene Leben selbst verantwortlich zu sein?

Diese Furcht gehört zu unserem psychologischen System, zu unserem Menschsein. Wir haben mit anderen Säugetieren dieselben Instinkte gemeinsam. Aber wir sind das einzige Lebewesen, das weiß, dass es stirbt. Und wir wissen, dass jede unserer Entscheidungen nicht rückgängig zu machen ist. Ein Leben lang zu wissen, dass man sterben wird, ist beängstigend. Fast genauso beängstigend ist die Tatsache, dass jede unserer Entscheidungen bedeutet, dass wir eine Unzahl von anderen Möglichkeiten nicht realisieren. Sie sind mit einer Frau verheiratet, also konnten Sie Hunderte andere Frauen nicht heiraten. Sie haben sich für einen Beruf entschieden, also können Sie Hunderte andere Berufe nicht ergreifen.

Ist das nicht banal?

Überhaupt nicht. Liebe und Arbeit sind für Freud die Grundlagen der menschlichen Existenz. Mit der Angst davor, in diesem Kernbereich Ihres Lebens falsche Entscheidungen zu treffen, sind Sie in modernen Gesellschaften allein. Das ist nicht immer leicht zu ertragen.

In vormodernen Gesellschaften hatten die Menschen weniger Wahlmöglichkeiten. War das entlastend?

Ja, sicher. Je mehr Optionen Sie haben, desto mehr falsche Entscheidungen können Sie treffen. Viele Menschen in westlichen Gesellschaften wollen für alles eine Versicherung, es soll ihnen nichts passieren. Aber niemand kann uns die Garantie geben, dass es gut ausgeht. Wir versuchen, die Risiken der Tatsache zu verdrängen, dass wir in unseren Entscheidungen frei sind. Ohne Verdrängung würden wir verrückt. Zu dieser Angst kommt in modernen Gesellschaften die vor der Bedeutungslosigkeit. Wir sind nicht wie in traditionellen Gesellschaften automatisch in einem vorgegebenen Sinnhorizont wie der Religion aufgehoben und geborgen. Wir müssen nicht nur ständig Entscheidungen mit unbekannten Folgen treffen, wir sind auch allein gelassen mit der Aufgabe, unserem Leben einen Sinn, eine Bedeutung zu geben.

Was ist so schlimm daran, dass jeder Einzelne diesen Sinn für sich herstellen muss?

Es ist eine der großen Leistungen der Moderne, dass sich der Staat von der Frage nach dem Sinn zurückgezogen hat. Das ist eine notwendige Voraussetzung liberaler Gesellschaften. Wir haben die Freiheit, den Sinn für uns selbst zu formulieren. Gleichzeitig ist das eine enorme Belastung; der Philosoph Georg Lukács nennt es transzendentale Obdachlosigkeit. Darin liegt eine Tragik der menschlichen Existenz, der man sich stellen muss.

Heidegger und Sartre, zwei der großen Denker des 20. Jahrhunderts, haben diese Freiheit, aber auch den Zwang, uns mit unserer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, zum Schlüssel ihrer Philosophie gemacht. Interessant und erschreckend ist, dass beide der Falle, vor der sie warnen, selbst nicht entgehen konnten. Sie suchten beide einen neuen Sinnhorizont. Heidegger verehrte zeitweise Hitler, Sartre wurde Kommunist. Das kann man sicher auch als Reaktion auf die Furcht vor der Freiheit verstehen.

Sie sind seit 15 Jahren Mitglied einer internationalen Forschungsgruppe, die zu ergründen versucht, weshalb Menschen zu Terroristen werden. Als eine Konsequenz dieser Forschung beschreiben Sie die „Furcht vor der Freiheit als eine der tiefsten Motivationen für unmenschliche Handlungen“. Weshalb wird diese Furcht zu einem Motiv dafür, andere Menschen zu töten?

Wir leben in einer Zeit, in der der Zugang zu Wissen leichter verfügbar ist als jemals zuvor. Jeder von uns kann sich mit zwei Klicks über chinesische Philosophie, französische Mode, Lebensverhältnisse auf anderen Kontinenten oder kalifornische Libertinage informieren. Wir sehen die unzähligen Leben, die wir nicht leben können. Um nicht ständig mit dieser Qual der nicht verwirklichten Optionen konfrontiert zu sein, neigen viele Menschen dazu, sich in ein abgeschottetes Glaubenssystem einzukapseln. Sie versuchen, das Überangebot an Optionen in freien Gesellschaften für sich selbst rückgängig zu machen.

Das ist eine der großen Tragödien unserer Zeit. Ein Glaubenssystem, das als absolut definiert wird, schützt mich davor, mich ständig mit der Freiheit, die alles entgrenzt, auseinandersetzen zu müssen. Es gibt mir das Versprechen, dass es nur eine sinnvolle Lebensform gibt. Man tauscht Optionen gegen Sinn. In einem abgeschotteten Glaubenssystem zu leben muss nicht unbedingt zum Terrorismus führen, aber es kann zum Auslöser einer Entwicklung werden, in der Menschen sich dazu entschließen, Terrorakte zu begehen.

Wird der Wunsch nach einer absoluten Wahrheit größer, wenn uns mehr Optionen offenstehen?

Ich glaube, dieser Wunsch hat immer existiert. Er war früher leichter zu verwirklichen, weil man von den anderen Lebensmöglichkeiten nicht so viel gewusst hat. Heute muss man sich sozusagen mehr Mühe geben, um sich einem absoluten Glaubenssystem anzuvertrauen, das alles erklärt und alle Ungewissheiten tilgt.

Steigt mit dieser Mühe das Aggressionspotenzial? Muss man in letzter Konsequenz andere Menschen umbringen, um die Fiktion eines absoluten Glaubenssystems aufrechtzuerhalten?

Das ist die eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist im Anstieg von Depressionen und Angststörungen und im enormen Gebrauch von Antidepressiva in den westlichen Gesellschaften zu erkennen. Das Gefühl, die Angst, irgendwelche Möglichkeiten nicht realisiert zu haben, macht krank. Dass wir in den Medien dauernd von spektakulären Erfolgsgeschichten erfahren, verstärkt diese Gefühle. Auf jeden dieser großen Sieger kommen Millionen Menschen, die gern dieser Sieger wären und es nicht sind. Das ist ein enormer Stress.

Sie schreiben über das Ressentiment von Menschen, die das Risiko eines freien Lebens nicht auf sich nehmen wollen. Dabei denkt man etwa an die Attentäter von Paris. Sind das neue Phänomene?

Sartre hat vor 80 Jahren eine kurze Erzählung geschrieben, „Herostrat“. Sie handelt von einem Menschen, der sich für völlig bedeutungslos hält und voller Ressentiments ist. Er sagt sich, eines kann ich tun, um mich in eine spektakuläre Rolle zu bringen, und das ist, eine Menge Menschen umzubringen. ---

Carlo Strenger, 59,
ist Professor für Psychologie an der Universität Tel Aviv, Psychoanalytiker und Publizist. Er ist im akademischen Beirat der Sigmund-Freud-Stiftung in Wien tätig und Senior Research Fellow am Institut für Terrorforschung an der City University of New York. Strenger schreibt regelmäßig für Israels führende liberale Zeitung »Haaretz«. Zuletzt erschien von ihm „Zivilisierte Verachtung“ und „Abenteuer Freiheit“ im Suhrkamp Verlag. Sein Buch „Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit“ ist auf Deutsch im Psychsozial-Verlag erschienen.