Langnese: Brauner Bär

Menschen, die mit einem Produkt Glücksmomente ihrer Kindheit verbinden, sind ein Segen für den Hersteller. Könnte man meinen.





• Es wird jetzt wieder viel über den Braunen Bären geredet. Falls Ihnen das nichts sagen sollte: Das ist ein Milcheis mit Schokoladenüberzug und Karamellkern sowie einem reitenden Indianer-Häuptling auf der Verpackung. Es wurde 1974 auf den Markt gebracht. 1986 verschwand es, erlebte ein kurzes Comeback Mitte der Neunzigerjahre und ein längeres von 2001 bis 2008. Im Februar 2017 nahm Langnese es erneut ins Sortiment. Seitdem liegen die Emotionen bei so manchem Erwachsenen jenseits der 40 blank.

Genau genommen taten sie das bereits vor Jahren. So gibt es seit 2009 die Facebook-Fangruppe „Wir wollen Brauner Bär zurück“. Mehr als 3500 Menschen gehören ihr an. Im Sommer 2013 postete eine Frau: „Als ich noch ein Kleinkind war, hab’ ich das Eis ständig gegessen! Es ist das beste! Es gibt mittlerweile ,Plagiate‘ in Supermärkten und Discountern … aber keiner kommt auch nur ansatzweise an Brauner Bär heran. Ich will es zurück!! :D <3“ Es folgten viele ähnlich lautende Petitionen. Im Dezember 2016 dann die frohe Botschaft des Gruppeninitiators: „Schön, dass diese Seite langsam ,nutzlos‘ werden könnte ;))) Denn 2017 ist er wieder da: BRAUNER BÄR!!!!! Juchuuuuu….“

Bei der Langnese-Mutter Unilever hatte man die Sehnsucht erfreut zur Kenntnis genommen und sich für ein drittes Revival entschieden. Kunden, die nicht loslassen wollen – was will man mehr? Der Braune Bär sei schon bei seinem Debüt ein sehr starkes Produkt gewesen, sagt die Marketingleiterin Christiane Haasis. Eigentlich lebe das Eisgeschäft von Neuheiten. Der Braune Bär aber habe sich ungewöhnlich lange behauptet, was einerseits am damals innovativen Karamellkern gelegen habe, andererseits am Indianer-Thema, welches das 68er-Gefühl, Mut, Aufbruch und Brüderlichkeit, sehr clever in kindliche Form verpackt habe. Der Braune Bär habe eine ganze Generation begleitet, bei Sommergefühlen, im Freibad, beim ersten Kuss. „Das stellt natürlich eine starke emotionale Bindung her“, so Haasis.

Diese Bindung ist bei den Mitgliedern der erwähnten Face-book-Gruppe unzweifelhaft vorhanden. Doch die Sache hat einen Haken. Glücksgefühle der Kindheit lassen sich nicht so einfach revitalisieren. Wer seinen alten Schulweg abläuft oder den Sandkasten-Freund trifft, wird das feststellen. Die Hoffnung, dass sich das Lebensgefühl von damals wieder einstellt, wird enttäuscht.

Marcel Proust hat sich dem Thema in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gewidmet. Mehrere Versuche des Protagonisten, die eigene Kindheit und Jugend wachzurufen, misslingen. Als er aber eines Tages durchgefroren nach Hause kommt und, trübe gestimmt, gegen die eigene Gewohnheit eine Tasse Tee und dazu ein Sandtörtchen, eine „Petite Madeleine“, zu sich nimmt, ruft der Geschmack plötzlich eine Fülle von Bildern, Klängen und Gerüchen der Kindheit hervor.

Führt die Wiederbelebung der verlorenen Zeit über den Gaumen? Das ist nicht der Punkt. Die Vergangenheit, so die Botschaft, offenbart sich nur unwillkürlich, durch zufällige Sinnesassoziationen in einem unvorhergesehenen Moment. Sie willentlich heraufzubeschwören ist vergebliche Mühe.

Das mussten auch viele Brauner-Bär-Fans erfahren. So sehr sie dessen Comeback herbeisehnten, so groß ist nun die Enttäuschung, dass das Eis nicht dem erinnerten Geschmack entspricht. Die Facebook-Fanseite ist in den vergangenen Monaten zum Kummerkasten geworden. Ein Fan postete: „Es wäre schön gewesen, wenn Langnese auch das alte Rezept genommen hätte, denn so entfällt die Kindheitserinnerung beim Genuss. Schade …“

Ein anderer schlägt in die gleiche Kerbe: „Hab’ mich so gefreut, hab’ es als Kind geliebt. Leider bin ich total enttäuscht, es schmeckt überhaupt nicht wie früher. Das Eis ist wässrig und schmeckt nach nichts, cremig ist es auch nicht, und der Karamellkern ist auch nicht wie früher. Echt schade ;)“

Der Frust war vorhersehbar – und zwar ganz unabhängig vom Rezept. Bei Unilever aber hat man noch immer die Hoffnung, den wehmütigen Brauner-Bär-Fans bei der Suche nach dem Kindheitsgefühl behilflich sein zu können. Produktionsstandards und Lebensmittelrichtlinien seien heute andere als vor 43 Jahren, darum könne man sich nicht exakt an das Original halten, sagt Haasis. „Wir haben uns aber die Kritik zu Herzen genommen und das Eis geschmacklich nachjustiert.“ ---