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Learning Journey

Um das herauszufinden, machten sich fünf Uni-Absolventen auf eine Reise, um die Zukunft der Arbeit zu erkunden.





• An einem Frühlingsabend treffen sich fünf Freunde zum Kochen, alle kurz vor dem Abschluss im Studiengang Philosophie, Politik und Ökonomik an der Universität Witten /Herdecke, alle besorgt: Sie wissen nicht, wie es demnächst weitergeht.

Lia Meißner, 27 Jahre alt, Julian Römer, 28, Valentin Ihßen, 25, Anna-Lena Hahn, 24, und Jonas Friedrich, 26, entschließen sich, das Problem gemeinsam anzugehen und begeben sich auf eine Bildungsreise: Drei Tage lang fahren sie quer durch Deutschland und sprechen mit verschiedenen Menschen, vom Solo-Selbstständigen bis zum Konzernmanager. Ihre Idee: zu lernen, wie Arbeit in Zukunft sein kann. Auf ihrer Reise finden die Studenten dann, fast zufällig, auch einen Plan für die eigene Zukunft.

Sie haben mit Bauchschmerzen an Ihren Einstieg in die Arbeitswelt gedacht. Was genau hat Ihnen Sorge bereitet?

Valentin Ihßen: Wir hatten den Eindruck, es gibt nur die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit: die klassische Festanstellung von neun bis fünf Uhr im Büro, jeden Tag, sodass man nicht mehr über die Dinge nachdenkt, die einen berühren. Und auf der anderen Seite Netzwerke, in denen man zwar frei arbeiten kann, aber – so zumindest unser Vorurteil – eigentlich ständig arbeitet, unter prekären Umständen. Wir wollten beides nicht.

Waren Ihre bisherigen Arbeitserfahrungen denn negativ?

Anna-Lena Hahn: Gar nicht. Ich hatte bei meinen Praktika immer Spaß an der Arbeit und habe sie als sehr erfüllend empfunden. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mit Haut und Haar in der jeweiligen Organisation zu sein. In meinem Privatleben war während dieser Phasen die Pausetaste gedrückt, weil alles an Zeit, Energie und Aufmerksamkeit in den Job geflossen ist. Das hat mich stutzig gemacht, und ich habe mir gedacht, so möchte ich nicht die nächsten 40 Jahre meines Lebens verbringen.

Was wollten Sie bei Ihrer Lernreise herausfinden?

Jonas Friedrich: Wir haben uns gefragt, wie wir in verantwortungsvollen Positionen Projekte und Ideen voranbringen und dabei trotzdem gut arbeiten und gesund bleiben können. Denn natürlich bekommt man ja überall mit: Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung, viele haben mit 30 oder 40 ein Burn-out.

Sie würden sich also ein Arbeitsleben mit besserer Work-Life-Balance wünschen?

Valentin Ihßen: Meine Vorstellung ist gar nicht, eine möglichst klare Linie zwischen Beruf und Freizeit zu ziehen. Mir geht es mehr darum, den Sinn in meiner Arbeit zu sehen und es andererseits zu schaffen, dass sie nicht zu übergriffig wird.

Wie kamen Sie auf die Idee zu der Bildungsreise?

Lia Meißner: Uns war klar, dass wir eine so komplexe Frage wie die nach der Zukunft der Arbeit nicht beantworten können, indem wir allein am Schreibtisch herumphilosophieren, Bücher wälzen oder Theorien studieren, sondern dass wir etwas unternehmen müssen. So kannten wir es auch aus dem Studium.

Valentin Ihßen: An unserer Uni wird der Unternehmerbegriff sehr weit gefasst, er meint nicht unbedingt, eine Firma zu gründen oder einer vorzustehen, sondern Bildung zu unternehmen. Menschen, die man spannend findet, als Dozenten an die Uni zu holen, mit dem Dekan über Veränderungen in der Lehre zu sprechen. Und in den Seminaren haben wir uns viel mit Selbstorganisation und dem Lernen in Organisationen beschäftigt.

Anna-Lena Hahn: So entstand die Idee, zu gucken, was es an neuen Ansätzen schon gibt. Wer traut sich was? Wo wird ausprobiert? Genau so, wie wir sonst reisen, um Neues zu entdecken, wollten wir das zur Zukunft der Arbeit machen. Toll war dabei, dass wir einerseits über das Thema sprechen und andererseits gleich die Leute beobachten konnten: Wie kommen sie ins Gespräch rein? Total gestresst oder entspannt? Nehmen sie zwischendurch Anrufe entgegen? Wie gehen die Mitarbeiter mit der Person um?

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Gesprächspartner ausgewählt?

Valentin Ihßen: Wir haben versucht, möglichst unterschiedliche Stationen zu besuchen. Vom jungen Start-up bis hin zu einem Konzern wie Daimler. Bei einem Familienunternehmen wie Vaude wird über die Zukunft der Arbeit natürlich anders diskutiert als bei einem losen Netzwerk wie der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin; ein Manager wie Thomas Sattelberger hat eine andere Perspektive als ein Zukunftsforscher wie Franz Kühmayer. Alle zeigten sich auch daran interessiert, was wir auf unserer Reise lernten, und wollten, dass wir ihnen davon erzählen.

Ging es Ihnen auch darum, sich persönlich vorzustellen, ohne sich aufwendig bewerben zu müssen?

Julian Römer: Dafür haben wir die Leute viel zu unspezifisch ausgewählt. Und keiner von uns läuft Gefahr, in einem Konzern anzufangen.

Was hat Sie auf Ihrer Reise besonders inspiriert?

Valentin Ihßen: Anna Kaiser von Tandemploy zum Beispiel, die das Problem hatte, dass die Arbeitswelt nicht so richtig zu ihrer Vorstellung passte. Sie hat dann genau das einfach zum Start-up gemacht: Jobsharing zu organisieren.

Anna-Lena Hahn: Auch die Frage: Muss Arbeit überhaupt noch nach dem klassischen Entlohnungsmodell funktionieren, also ich gebe meine Arbeitszeit und kriege Geld dafür? Wäre es für uns nicht viel inspirierender, wenn man ein kleines Grundeinkommen und dadurch einen ganz anderen Spielraum für Projekte hätte?

Jonas Friedrich: Ich fand auch den Ansatz von Thomas Sattelberger interessant, der uns riet: „Wenn Sie in Projekten arbeiten und das Gefühl haben, es könnte prekär werden, dann schließen Sie mit Freunden in ähnlicher Situation eine Peer-to-Peer-Versicherung ab. Tun Sie sich mit 25 Leuten zusammen, jeder zahlt im Monat 100 oder 200 Euro ein und kann so diejenigen mittragen, die mal ohne Projekte dastehen.“

Das klingt, als ob Sie vor allem von Start-ups und Beratern gelernt haben – und weniger von großen Unternehmen.

Lia Meißner: Nicht nur. Bei Daimler haben wir in der Innovationswerkstatt begeisterte Ingenieure getroffen. Die haben ein weltweites Netz von Kollegen mit großer Expertise hinter sich. Für jedes Problem gibt es Menschen, mit denen sie sich zusammenschalten können – und dafür gibt es eben auch die entsprechenden Ressourcen.

Julian Römer: Und ein Unternehmen wie Vaude, das von den Rahmendaten her erst mal konservativ klingt, ein Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, schafft es, die neue Arbeitswelt in klassischen Strukturen zu verankern. Mit dem Resultat, dass dort mehr Frauen als Männer arbeiten, dass viele Männer Elternzeit nehmen und dass die Unterschiede in der Bezahlung von der Chefetage bis nach unten relativ gering sind.

Valentin Ihßen: Interessant war auch, dass erst bei Daimler, einer unserer letzten Stationen, das Stichwort Arbeitszeitgesetz fiel – als wir gefragt hatten, welche Arbeitszeitmodelle möglich seien. Dass ja auch gesetzlich verankert ist, unter welchen Bedingungen gearbeitet werden darf, war vorher nirgends Thema gewesen – dabei hatten wir auf der ganzen Reise über Arbeitszeitmodelle gesprochen.

Eine Ihrer Fragen zielte auf das gesunde Arbeiten. Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Anna-Lena Hahn: Mehrere, ganz unterschiedliche. Wir haben jemanden getroffen, der jeden Tag genau sechs Stunden arbeitete. Ein anderer sagte: Ich mache einfach meine Projekte fertig. Das kann auch mal heißen, dass ich acht Wochen lang jeden Tag bis in die Nacht arbeite, und dann mache ich aber auch mal wieder drei Monate frei.

Valentin Ihßen: Mir ist klar geworden, dass die Verantwortung für das gesunde Arbeiten bei einem selbst liegt. Man muss sich selbst Grenzen setzen oder genau den Kontext suchen, der zu den eigenen Bedürfnissen passt. Wenn ich um neun Uhr morgens einfach nicht produktiv sein, dafür aber bis Mitternacht wunderbar arbeiten kann, dann muss ich mir Strukturen suchen, in denen das geht. Das wird zunehmend eine Kompetenz: zu wissen, was man braucht, und sich das selbst zu holen.

Was machen Sie aus den unterschiedlichen Eindrücken und Erkenntnissen Ihrer Reise?

Jonas Friedrich: Wir haben nach jedem Gespräch, wir mussten ja immer sofort weiterfahren, im Auto erst mal eine halbe Stunde gar nicht gesprochen, jeder hat für sich nachgedacht. Und erst dann haben wir geschaut: Was haben wir jeweils als Lernerfahrung mitgenommen? Wo sind Überschneidungen?

Lia Meißner: Wir haben darauf geachtet, dass keiner die Eindrücke der anderen kleinredet. Wir waren gar nicht darauf aus, die einzelnen Standpunkte auf einen Nenner zu bringen.

Anna-Lena Hahn: Wir haben uns dann sechs und zwölf Wochen später noch einmal getroffen, um zu schauen, was hängen geblieben ist. Dabei haben wir auch gemerkt, wie gut wir miteinander arbeiten konnten. Denn letztlich war es Arbeit: Wir haben die Reise organisiert, haben die Ergebnisse reflektiert und festgehalten. Und ich habe für mich relativ schnell gemerkt: Genau so will ich arbeiten. Das inspiriert mich, gibt mir Energie.

Was folgt daraus für Ihre persönliche berufliche Zukunft?

Valentin Ihßen: Wir wollen weiter zusammenarbeiten. Das Format dieser Bildungsreise könnten wir uns an der Uni vorstellen, um in Seminaren mehr in die Praxis zu gehen, aber auch für Absolventen.

Also eine Bildungsreise als Mittel zur beruflichen Orientierung.

Lia Meißner: Ja, aber nicht nur. Eigentlich ist das Prinzip überall da anwendbar, wo Menschen Entscheidungen treffen. Das kann eine persönliche Entscheidung sein wie: Was mache ich nach der Uni? Es könnte aber auch für Politiker interessant sein, die sich an verschiedenen Orten zu einem Thema informieren, oder für Unternehmen, denen es um Strategieentwicklung geht.

Jonas Friedrich: Franz Kühmayer sagte, dass es oft leicht sei, sich die perfekte Welt von übermorgen vorzustellen. Doch die Herausforderung bestehe darin, diesen Übergang zu gestalten: vom Status quo zum Ideal. Und ich glaube, auch dafür sind solche Reisen gut geeignet.

Julian Römer: Wobei das langfristig nicht die einzige Methode wäre, die wir anbieten wollen. Jetzt geht es darum, eine Infrastruktur und Rechtsform für unser Netzwerk zu finden und eben nicht eine Firma zu gründen, um dann von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags zusammenzusitzen.

Sondern?

Anna-Lena Hahn: Wir machen ja alle schon Projekte, jeder für sich, dabei wollen wir uns in Zukunft gegenseitig unterstützen, uns Aufträge vermitteln und voneinander fachlichen Rat einholen. Andererseits wollen wir auch gemeinsam etwas Neues ausprobieren. Dafür gründen wir eine Agentur.

Lia Meißner: Wir sammeln gerade Ideen und mögliche Projekte. Welche wir dann wirklich umsetzen, ist dabei zweitrangig. Es ist ein Rantasten. Und wenn die Idee gut ist und andere Leute begeistert, wird sie auch bestehen.

Und wenn nicht? Landen Sie dann doch womöglich alle in Angestelltenverhältnissen?

Julian Römer: Ich kann mir schon vorstellen, phasenweise fest angestellt zu arbeiten, als Überbrückung, wenn ich nicht genug andere Projekte habe.

Lia Meißner: Auf der Bildungsreise haben mehrere Leute erzählt, dass sie so eine Art Graubrot-Job haben, mit dem sie die Miete zahlen. Der macht vielleicht nicht immer Spaß, aber so haben sie Zeit für ihre Herzensprojekte. Die am Leben zu halten kann auch sehr sinnstiftend sein.

Gibt es etwas, das Sie bei einer zweiten Reise zum Thema Zukunft der Arbeit anders machen würden?

Julian Römer: Wir haben, ohne groß nachzudenken, nur Menschen ausgewählt, die hauptsächlich mit dem Kopf arbeiten. Es ist uns gar nicht eingefallen zu schauen, wie denken eigentlich Menschen über die Zukunft der Arbeit, die an Tor 17 bei Daimler acht Stunden lang gucken, wer da rein- und rausgeht? Wir hätten uns ruhig auch mal einen ganz anderen Kontext ansehen können, ein Krankenhaus zum Beispiel oder eine Fabrik.

Valentin Ihßen: Wir haben den Wandel in der Arbeitswelt vor allem durch die Brille von Leuten erlebt, für die sie gut funktioniert. Die erfolgreich sind.

Am Anfang stand eine Sorge. Was hat sich durch Ihre Erfahrungen geändert?

Julian Römer: Für mich ist der Gegensatz zwischen Sicherheit und Flexibilität weggefallen. Dass man sich seine Arbeitswelt selbst so zusammenstellen kann, dass es passt. Das hat mich sehr erleichtert.

Lia Meißner: Und dass ich berufliche Entscheidungen immer wieder neu treffen kann, je nachdem, in welcher Lebensphase ich gerade bin.

Jonas Friedrich: Überhaupt hat sich bei uns allen eine Ruhe ausgebreitet, was unsere Zukunft angeht. Das war auch eine wichtige Lernerfahrung, dass diese paar Tage Vorbereitung und nur drei Tage Reise für uns alle so einen Unterschied gemacht haben, wie motiviert, sicher und optimistisch wir sind.

Valentin Ihßen: Wir hatten uns die Zukunft der Arbeit vorher als Dystopie vorgestellt, haben auf unserer Reise dann aber Menschen kennengelernt, die glücklich mit ihrer Arbeit sind und die ihre Arbeit inspiriert. Auf ganz unterschiedliche Arten. Und das war eigentlich die wichtigste Erkenntnis. ---

Die Reise im Überblick:

In Berlin besuchten die Studenten Philipp Albers und Mads Pankow von der Zentralen Intelligenz Agentur, sprachen mit Anna Kaiser von Tandemploy über Jobsharing. Danach trafen sie sich mit Franz Kühmayer vom Frankfurter Zukunftsinstitut im Berliner Café „Gorki Park“ und sprachen über Arbeit 4.0. In Darmstadt trafen sie den Markenberater Kurt Friedrich von Dialog-Plan und anschließend den Moderator Peter Fischer von Eurosysteam, die gemeinsam Tingtool, ein Profi-Werkzeug für Moderatoren, entwickelt haben. Von dort reisten sie weiter nach Sindelfingen zur Innovationswerkstatt von Daimler und nach Tettnang zum Outdoor-Ausrüster Vaude, mit dem sie über Vertrauensarbeitszeit sprachen. Der Abschluss ihrer Lernreise führte sie zum Frankfurter Flughafen, wo die Studenten mit Thomas Sattelberger über die digitale soziale Marktwirtschaft diskutierten.