Wirtschaftsgeschichte: Bankenkrise 2008

Die Staaten Europas und die USA retteten während der Finanzkrise 2008 mit Milliardensummen die Banken. Ein Land hat dabei sogar Gewinn gemacht.





• Nur wenige Menschen dürfen darauf hoffen, dass sie den Finanzminister sofort ans Telefon kriegen, wenn sie ihn anrufen. Erst recht dann, wenn der Minister, wie der Brite Alistair Darling an jenem 7. Oktober 2008, an einer Sitzung mit seinen EU-Kollegen teilnimmt. Aber Tom McKillop war nicht irgendein Anrufer, sondern der Vorstand der Royal Bank of Scotland (RBS), einer der damals größten Banken der Welt. Und schließlich war jener 7. Oktober 2008 kein gewöhnlicher Herbsttag, die Welt steckte mitten in der Finanzkrise, keiner wusste, was noch alles passieren würde, nachdem die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleitegegangen war.

Als Darlings Mitarbeiter dem Minister ein Zeichen gaben, verließ er zügig die Sitzung. Das folgende Telefonat beschrieb er später als den „erschreckendsten Moment“ der Finanzkrise.

McKillop überbrachte eine dramatische Nachricht: Vor den Schaltern und Geldautomaten der RBS im Königreich stünden die Kunden Schlange, um ihre Konten zu leeren. Die Bank werde „ausbluten“, warnte er. Darling versuchte ihn zu beruhigen. „Selbstverständlich haben wir einen Plan für solche Fälle, wie lange halten Sie durch?“ – „Am frühen Nachmittag werden wir kein Geld mehr haben.“

Darling war schockiert. Er wusste, was dann passieren würde: Leere Geldautomaten, die Türen der Bank verschlossen – Panik würde ausbrechen, nicht nur unter den Kunden der Bank, nicht nur in Großbritannien, sondern überall in Europa und in den USA. Dem Minister war klar: Das Finanzsystem stand vor dem Kollaps.

Er handelte schnell. Am 13. Oktober 2008 übernahm die britische Regierung Anteile von RBS, Lloyds und HBOS. Insgesamt kostete das den Steuerzahler 46 Milliarden Pfund. Am selben Tag beschloss Deutschland, mit bis zu 400 Milliarden Euro für Kredite der Banken untereinander zu bürgen, mit weiteren 80 Milliarden Euro sollte sich der Staat am Eigenkapital der Banken beteiligen. Allein 18 Milliarden Euro davon wurden später für Anteile an der Commerzbank ausgegeben.

Auch Frankreich, die Niederlande, Österreich und Spanien stellten Milliarden für die Rettung der Geldinstitute zur Verfügung. Schon einen Tag später zogen die USA nach. Bis zu 250 Milliarden Dollar steckte der Staat in die Banken. Das Geld floss unter anderem an Wells Fargo, JP Morgan Chase, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Citigroup. Der Staat übernahm die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac.

Damit war eine Panik fürs Erste verhindert. „Ich glaube, es hat funktioniert, weil wir deutlich mehr getan und deutlich schneller gehandelt haben, als die meisten dachten“, sagte Darling später. Was aber wäre passiert, wenn die Übernahme von RBS die Lage nicht beruhigt hätte? „Das weiß ich auch nicht. Wir hatten keinen Plan B. Selbst der Internationale Währungsfonds wäre nicht groß genug gewesen, um zu helfen.“

Zehn Jahre nach Ausbruch der Krise lasten die Verbindlichkeiten noch immer auf den Staatshaushalten. Der Internationale Währungsfonds hat errechnet, wie viel die Regierungen der einzelnen Länder inzwischen zurückbekommen haben: wenig. Irland und Griechenland werden wohl nie die ganze Summe wiedersehen, die sie in die Banken gesteckt haben. Die britische Regierung hat zwar Lloyds verkaufen können, hält aber noch immer Anteile an RBS und wird die Bank wohl mit Verlusten abstoßen. Dem Staat droht durch die Krise ein Minus von rund 27 Milliarden Pfund. In Deutschland ist der Bund nach wie vor Aktionär der Commerzbank und hält derzeit 15,6 Prozent. Verkauft werden soll die Bank erst, wenn die Aktie so weit gestiegen ist, dass der Steuerzahler plus /minus null rauskommt.

Anders ist das in den USA. „Wir haben jeden Dime zurückgekriegt, den wir investiert haben“, sagte der ehemalige US-Präsident Barack Obama. Die USA haben sogar Gewinn mit der Rettung der Banken und auch der Automobilindustrie gemacht. Dank Zinsen, Dividenden und Aktienverkäufe verdiente der Staat 88,5 Milliarden Dollar. Die verstaatlichten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac überweisen regelmäßig Gewinne an den Staatshaushalt.

Der Mann, der mit seinem Anruf bei Alistair Darling die wohl größte Bankenrettung in der Geschichte angestoßen hat, ging übrigens an jenem Tag in Rente, an dem die britische Regierung seine Bank RBS übernahm. Sir Tom McKillop bekleidete danach noch mehrere Aufsichtsratsposten. Als ein Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments zu verstehen versuchte, wie es zur Krise kommen konnte, wurde auch er geladen. „Sir Tom, welche Qualifikationen für die Tätigkeit in einer Bank haben Sie?“, fragte man ihn. Seine Antwort: „Ich habe keine formellen Banking-Qualifikationen.“ ---