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Theater statt Betriebswirtschaft!

Was bleibt für den Menschen, wenn die Maschinen immer schlauer werden?





Sie fragen in Ihren Vorträgen zur Zukunft der Bildung am Anfang die Teilnehmer: „Was bleibt übrig?“ Haben Sie eine Antwort?

Nein. Die Frage selbst ist aber gut genug — und die Ahnungen dazu. Denn unsere bürokratisierte Bildung hat genau das Ahnen, Staunen und Wundern aus den Schulplänen genommen. Aber was bleibt übrig, wenn Wissen keine Macht mehr ist? Wenn Lehrende keine Besserwisser mehr sind? Wenn formale Bildungseinrichtungen einfach nicht mehr funktionieren wollen? Wenn die Arbeitsmärkte zwischen robotisierten, also algorithmisch assistierten und menschlich-kreativen Arbeitnehmern unterscheiden? Wenn einem digitale Assistenten alles zurufen, was man wissen will? Und da könnte tatsächlich das Nicht-Wissbare, das zu Erahnende und nur intuitiv Zugängliche übrig bleiben. Kurz: der zutiefst menschliche Wissensdurst und Bildungshunger. Und das hört sich ausgesprochen brauchbar an in Zeiten, in denen wir sicher sein können, dass unsere Zukunft unsicher ist.

Gilt der Pädagogik-Klassiker noch: Wir müssen das Lernen lernen?

Wer durstig und hungrig ist, lernt das Jagen und sogar das Kochen durchaus egoistisch. Babys und kleine Kinder (noch ohne formale Bildungserfahrung) kennen wir als sehr anstrengende, überambitionierte und sehr egoistische Quengler, Wissenwoller, Experimentierer und Nachfrager – bis sie in den Klassenraum kommen. Und an der Universität werden sie im Hörsaal von uns Professoren genau als diese Bildungskonsumenten kritisiert. Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten das formale Lernen perfektioniert, aber unsere eigene Neugier, das Interesse und die Lust verlernt. Wir Menschen haben genau zwei Lernerfahrungen, die wir erstaunlicherweise konsequent ignorieren: Bildung braucht Bindung und Eigeninteresse. Wir setzen stattdessen auf analoge und digitale Vorlesungen und Lehrpläne.

Sollen wir darauf verzichten und Autodidakten fördern?

Unbedingt. Wir kommen als soziale Lerner auf die Welt, also mit der unstillbaren Sucht nach Neuem. Formale Bildungseinrichtungen wirken dann aber mit ihrer emotionalen und fachlichen Disziplin eher wie Antisucht-Programme. Mit multimedialen Zugriffsmöglichkeiten und spielerischeren Formaten können wir das ausgleichen und damit Geld und Zeit sparen, das in persönliche und präsente Bindungsmöglichkeiten gut investiert ist.

Wo sehen Sie den größten Entwicklungsbedarf?

An drei Stellen im Bildungssystem: Als Erstes in der frühkindlichen Bildung, und zwar mit anregenden Kitas und Kindergärten, die das Elternhaus ergänzen. Die Quantität wird gerade ausgebaut, die Qualität ist mehr als ausbaufähig. Zweitens: bei den zynisch so bezeichneten Bildungsverlierern an den Hauptschulen. Und schließlich bei dem immer wieder als Vorbild vermarkteten dualen Ausbildungssystem. Paradoxerweise scheint gerade dort die Bindung an die betriebliche Wirklichkeit und die digitale Zukunft verloren zu gehen. Gymnasien und Hochschulen sind hingegen schlau: Sie jammern mit viel Resonanz, aber denen geht es sehr gut – im internationalen Vergleich und auch bei der Absolventen- und Doktoranden-Qualität.

Herkunftsunabhängige Bildung wollen alle – aber wie bekommen wir die?

Wir sind seit einigen Jahren – allerdings vom niedrigen Niveau kommend – etwas besser geworden. Die Herkunftsabhängigkeit bleibt aber ein deutscher Skandal. Deswegen noch radikaler: Wir brauchen verbindliche Biografie-Begleiter, aber keine Biografen mehr. Wir brauchen keine vorgeschriebenen Bildungswege. Wir müssen ermöglichen, dass jeder seine eigene Biografie schreibt – und wir brauchen Räuberleitern, um durch die nächste formale Glasdecke durchzustoßen.

Müssen wir in Konkurrenz zu Robotern und Maschinen nicht sowieso noch mehr und schneller lernen?

Nein, lieber nicht. Aber wir müssen die Arbeitsteilung zwischen dem maschinellen und dem menschlichen Lernen jetzt erkunden. Da sind wir erst ganz am Anfang, aber nicht ohne Vorteil: Menschen haben zweierlei, was sehr praktisch scheint – sozialen Humor und künstliche Dummheit. Während Ersteres als Vorteil naheliegt, ist das Zweite erklärungsbedürftig. Aber tatsächlich fördern demonstratives Nichtverstehen und nahezu naives Nachfragen die Innovation. Die Dampfmaschine haben wir ja dank Heinz Rühmann in der Filmkomödie „Die Feuerzangenbowle“ genau mit diesem menschlichen Trick verstanden: „Da stelle mer uns mal janz dumm.“ Der Begriff der Intelligenz ist übrigens so missverstanden wie faszinierend, weil er gerade nicht den Grad der Allwissenheit – von kenntnisreichen Gelehrten – beschreibt, sondern die Fähigkeit, sich im Nichtwissen klug zu navigieren und trotzdem etwas zu entscheiden.

Aber das Programmieren sollten schon alle lernen, oder?

Als vor mehr als 200 Jahren die Industrialisierung der Landwirtschaft begann und die damals mehr als 90 Prozent aller deutschen Beschäftigten dort ahnten, dass sie bald das Feld räumen müssen, hätte man auch vermuten können, dass sie nun alle Mähdrescher bauen werden. Es kam anders. Und nein, wir müssen nicht alle programmieren lernen, aber wir brauchen als Menschen ein Gefühl der gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus den indirekten Normen in Software-Codes und der Monopolisierung durch Algorithmen ergeben. Hier müssten wir weniger die Informatik lernen, als dass die Informatik ihre gesellschaftlichen Folgen lernen müsste. Ich wäre für ein „European Computer Science & Humanities Programme“, um das auf Beeindruckung angelegte kalifornische Paradigma und das tatsächlich beeindruckende chinesische Programm für Robotik und künstliche Intelligenz klug zu ergänzen und zu reflektieren. In Oxford sehe ich momentan Spurenelemente eines solchen Vorhabens.

Was sagen Sie zum Vorwurf, wir bildeten zu viele Akademiker aus?

Das Gejammer von Akademikern über die vermeintliche Überakademisierung ist zynisch. Denn wer sind wir denn, um anderen vorzuwerfen, dass sie sich zu sehr bilden, statt ein Handwerk zu erlernen? Duale Hochschulen sind die bessere Antwort. Meine These ist: Das Akademische wird in den Zeiten der postdigitalen Arbeit praktischer.

Wie reagieren Unternehmen auf diese Herausforderungen?

Sie denken derzeit um. Formale Abschlüsse und Noten werden unwichtiger. Dagegen wird der akademische oder nicht akademische Nachweis entscheidend, dass jemand in der Lage ist, zu forschen, zu suchen, Neues zu ermitteln. Wir arbeiten derzeit mit vielen Unternehmen auch an der Neuausrichtung der betrieblichen Weiterbildung. Es geht um Geistesgegenwart im Wortsinn, um Reflexions-, Strategie- und Prototypen-Arbeit. Bildung verschmilzt mit der Arbeit in Forschung und Entwicklung, Strategie, Controlling und den noch neueren Ressorts für Market und Business Intelligence. Das umzusetzen wird die ethische und geschäftliche Verpflichtung der heutigen Personal-Arbeit. Es ist keine Disruption, sondern eine schnelle Evolution, dass wir in nahezu zehn Jahren anders und woanders arbeiten. Tertiäre, also nachschulische Bildungsstufen werden zu einer neuen Welt informeller Bildungsangebote: Anschlüsse statt Abschlüsse. Wirkung statt blankes Wissen. Plastische Probleme statt platte Lehrbuch-Lösungen. In diesem Zusammenhang muss auch die wichtige politische Diskussion um Beschäftigten-Konten für Weiterbildung wiederbelebt werden.

Wie verändert sich Ihre Arbeit als Dozent?

Ich habe von Beginn an von Vorlesungen auf das Vorher-Lesen durch die Studierenden umgestellt. Das ermöglicht eigene Geschwindigkeiten und biorhythmische Optimierungen, erspart viel Theater und erzwingt so mehr Drama im präsenten Diskurs und Dissens. Im Bologna-System wurde die Thesis eingeführt, die ich ernst nehme: Ich erwarte steile, riskante Thesen und Tests auch in der Praxis. Nur dann wird es gefährlich, und man selbst wird aufmerksamer. Studiengänge sollten grundsätzlich mehrere Fluchtwege anbieten, denn dort entstehen die wirklichen Interessen und Innovationen. Inhaltlich würde ich besonders Karrieristen von Studiengängen wie Betriebswirtschaft, Jura oder einer Ausbildung zum Steuerprüfer abraten: Das wird alles algorithmisiert. Gewinner – Achtung, liebe Eltern! – werden die Theaterwissenschaften, Kunst- und Kulturgeschichte, Sport-, Politik- und Kognitionswissenschaften sein. Also Aufgaben, die körperlicher und emotional-sinnlicher Erfahrung bedürfen und schwer von Maschinen zu übernehmen sind. ---

Stephan A. Jansen leitet das Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS) an der Karlshochschule. Zuvor war er von 2003 bis 2014 Gründungspräsident der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee.