Evam

Ein Start-up aus Schweden stattet Rettungswagen mit Sendern aus, die andere Verkehrsteilnehmer übers Autoradio alarmieren. Eine Ergänzung zum Martinshorn, die Leben retten kann.





• Für Mikael Erneberg steckt die Welt voller Probleme. Wenn er eines entdeckt hat, notiert er es in einer Kladde mit schwarzem Ledereinband. Er nennt sie „Book of Problems“. Der 23-Jährige sammelt Probleme. Und dann versucht er sie zu lösen, schließlich ist er Ingenieur. „Man muss nur über die Straße laufen, dann sieht man 20 Dinge, die nicht so funktionieren, wie sie sollten.“ Im Sommer 2015 stießen er und sein Freund Alex Hedberg, 24, beim Autofahren auf ein Problem, so groß, dass sie die vergangenen zwei Jahre damit verbrachten, es zu lösen.

Die Straßen in Stockholm waren verstopft, aber die Stimmung im Auto war gut, sie quatschten, das Radio lief. Den Krankenwagen bemerkten sie erst, als er hinter ihnen bremste – Blaulicht, Martinshorn, Lichthupe. Hedberg zog den Wagen nach links, rammte dabei fast einen Bus. Er war nicht der einzige Fahrer, der spät reagierte. Rund 20 Sekunden verstrichen, bis der Krankenwagen die Kreuzung überqueren konnte.

Solche Szenen sind Alltag in Großstädten. Bei einem Herzstillstand oder Schlaganfall können Sekunden über das Leben eines Patienten entscheiden. Doch trotz Sirenen und Signalfarben werden die Einsatzfahrzeuge der Rettungssanitäter häufig zu spät bemerkt. Der »Stern« zählte 2016 in Deutschland mindestens 65 Unfälle, an denen sie beteiligt waren.

Hedberg und Erneberg wollen so etwas in Zukunft verhindern – mit ihrer Erfindung namens Evam. Das ist eine silbergraue Box mit drei Kabelanschlüssen, zwei Knöpfen und einer Antenne. Eine Art tragbarer Radiosender, der bequem auf den Beifahrersitz von Hedbergs Wagen passt. Die Idee: Wenn man im Auto nicht hört, dass draußen die Sirenen heulen, dann müssen die Sirenen im Auto heulen. Neuere Fahrzeuge sind oft so gut schallisoliert, dass die Fahrer erst spät mitbekommen, wenn ein Einsatzwagen naht. Aber in jedes noch so teuer gedämmte Auto lassen sich Töne hineinschmuggeln – über das Radio.

Evam kann Autoradios im Umkreis von bis zu einem Kilometer anfunken, um die Fahrer zu warnen. Es nutzt das Radio Data System (RDS), das von den meisten Geräten empfangen werden kann. RDS unterbricht das laufende Programm, um Verkehrshinweise zu senden. Und funktioniert auch dann, wenn man gerade eine CD oder einen Stream abspielt. Voraussetzung: Das Soundsystem muss eingeschaltet sein. Das ist in den meisten Fahrzeugen der Fall.

Hedberg schaltet sein Radio ein. Jason Derulos „Want to want me“ scheppert aus den Lautsprechern. Dann drückt er den gelben Knopf der Evam-Box: Das Radio wechselt die Frequenz, und eine Männerstimme warnt: „Achtung! Einsatzfahrzeug! Bitte machen Sie Platz!“ Eine Linguistin feilt noch an Text und Tonfall der Ansage. Sie soll dringlich wirken, ohne in Panik zu versetzen.

Anfangs arbeiteten Hedberg und Erneberg neben dem Studium an ihrer Idee. Ende 2015 gründeten sie die Firma H & E Solutions und holten den Programmierer Florian Curinga, 25, ins Team. Ihre Universität, die Königliche Technische Hochschule in Stockholm (KTH), stellte Büro und Werkstatt zur Verfügung. Finanzieren konnten sie ihre Arbeit aus Förderprogrammen und Ersparnissen. Und im März 2017 gewannen sie 1,2 Millionen Kronen (130 000 Euro) beim Innovationswettbewerb eines Industriezulieferers.

Zwei Monate später testeten sie ihr Produkt in fünf Stockholmer Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeugen. Zwei Wochen lang befragten sie die Fahrer täglich zu ihren Erfahrungen. In 70 Prozent der Fälle, so das Ergebnis, waren die Einsatzkräfte mit dem System an Bord rechtzeitig von Autofahrern bemerkt worden. Ohne Evam waren es nur 54 Prozent.

Rettungsdienste aus acht schwedischen Kommunen haben inzwischen ein Gerät bestellt, und Hedberg ist optimistisch, dass sie bald in Stockholm eine größere Flotte ausrüsten können. Hersteller von Blaulichtanlagen und Einsatzfahrzeugen aus Spanien, Italien und Katar schicken Einladungen, bitten um eine Evam-Präsentation. Inzwischen hat das Start-up zwei weitere Mitarbeiter, und unter jeder E-Mail, die man von Alex Hedberg bekommt, steht: „Wir stellen laufend ein. Schicken Sie Ihre Bewerbung!“ Anfang 2018 wollen sie mit der Serienproduktion beginnen.

Alex Hedberg und Mikael Erneberg wollten eine Geschäftsidee verwirklichen, die nicht nur Geld bringt, sondern auch gesellschaftlichen Nutzen. „Es sollte kein zweites Tinder sein“, sagt Hedberg. Bei ihrer ersten Start-up-Überlegung war es übrigens noch nicht um Leben oder Tod gegangen, sondern um Ernebergs Schlaf. Denn der tut auf gemeinsamen Reisen kaum ein Auge zu: „Alex schnarcht so laut, wir wollten ein Anti-Schnarch-Mittel entwickeln.“ ---

„Man muss nur über die Straße laufen. Dann sieht man 20 Dinge, die nicht so funktionieren, wie sie sollten.“