Duales Studium

Die duale Berufsausbildung ist ein deutsches Erfolgsmodell – nun allerdings in der Krise. Welches Potenzial in ihr steckt, zeigt die Maschinenfabrik Reinhausen.





• Es ist acht Uhr morgens im Ausbildungszentrum der Maschinenfabrik Reinhausen in Regensburg-Haslbach. Simon Knittl, angehender IT-Systemelektroniker, steckt an einem Übungsgerät die Elektroverbindungen für eine Wohnung zusammen, zuvor hat er in der Finanzabteilung Einblicke in die Geheimnisse korrekter Buchhaltung bekommen. Knittl hat die Chance, einen anspruchsvollen Beruf zu erlernen, trotz abgebrochener elfter Klasse und eines mittelmäßigen Realschulabschlusses „mit durchaus ein paar Vieren dabei“, wie der 20-Jährige sagt. Ideal sei dieser Job für ihn, „eine gute Kombination aus Kopf und Hand, mit der ich in der Zukunft sehr vielfältig einsetzbar bin“. Um ihn herum verdrahten junge Männer und Frauen Schaltschränke, schließen Motoren an intelligente Steuerungssysteme, andere feilen an Schraubstöcken vor sich hin.

Freie Plätze gibt es in diesem Ausbildungszentrum nicht mehr, alle Stellen sind besetzt, so wie jedes Jahr. Von den insgesamt 110 Auszubildenden absolvieren 14 gleichzeitig ein Bachelor-Studium, rund 30 Lehrlinge haben lediglich die Hauptschule abgeschlossen, die in Bayern Mittelschule heißt. Auf jeden Platz bewerben sich bis zu 20 Schüler. Die Maschinenfabrik Reinhausen (MR) setzt auf ihre eigene Ausbildung, an Fachkräften herrscht folglich kein Mangel. Auch weil die Abbrecherquote gegen null tendiert und alle Lehrlinge später übernommen werden. Bis zu zwei Drittel von ihnen haben sich zehn Jahre später zum Techniker oder Meister weiterqualifiziert.

Das Familienunternehmen mit weltweit 3350 Mitarbeitern und rund 750 Millionen Euro Jahresumsatz produziert vor allem Stufenschalter für Transformatoren – winzige bis gigantische Apparate, die für eine konstante Stromstärke sorgen, hochmoderne Technik. In der Fertigung gilt die Fabrik als eine der Vorreiterinnen der Digitalisierung, auch Industrie 4.0 genannt (siehe auch brand eins 07/2015: „Was nicht passt, wird passend gemacht“) *.

Bei MR funktioniert, worüber andernorts gern geklagt wird – die duale Berufsausbildung. Die Kombination von Lernen im Betrieb und in der Berufsschule ist ein wesentlicher Grund für die Stärke der deutschen Volkswirtschaft und gilt von Spanien bis China als Vorbild. Hierzulande aber gerät das System immer stärker unter Druck.

Seit 2005 ist die Zahl der Lehrlinge um 7,2 Prozent gesunken auf zuletzt lediglich 480 000. Dem standen im vergangenen Jahr 511 000 junge Leute gegenüber, die ein Studium aufnahmen. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der unbesetzten Lehrstellen auf 43 500, zugleich blieben viele Schüler unversorgt – knapp 300 000 befanden sich in sogenannten berufsvorbereitenden Maßnahmen. 91 Prozent der Betriebe klagen über mangelnde Ausbildungsreife bei den Bewerbern. Neben den Schülern wenden sich auch immer mehr Firmen von der dualen Berufsausbildung ab – die Ausbildungsbetriebsquote sank auf zuletzt nur noch 20 Prozent.

„Die duale Ausbildung ist ein tolles Modell, aber zu wenige gehen noch hin“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung und dort zuständig für Bildung und Integration. „Wenn sie so weitermacht, hat sie keine Zukunft.“ Für ihn ist das System einerseits Opfer der allgemeinen Akademisierung – „Studium muss für viele heute eben sein“ –, leide aber auch an selbst verschuldeten Schwächen.

Die wichtigste Investition: Zeit

Dazu zählt etwa die Konzentration auf die Besten. Mittlerweile hat nur noch ein gutes Viertel aller Auszubildenden einen Hauptschulabschluss, der Anteil der Abiturienten stieg auf knapp 28 Prozent im Jahr 2015. In attraktiven Branchen und auch im öffentlichen Dienst sind Azubis mit Hochschulberechtigung überproportional vertreten. „Die Betriebe müssen sich dringend für schwächere Schüler öffnen“, sagt Dräger. „Und dann müssen sie Wege finden, auch diese Schüler zu den immer höher werdenden Anforderungen in den Berufen selbst hinzuführen. Sonst wird aus dem lange integrativen Modell der dualen Ausbildung bald ein Ausschlusssystem.“

Dräger sieht gute Gründe für die Attraktivität der Hochschulen, denn heute seien in der Arbeitswelt Kompetenzen gefragt, „die man typischerweise in einem Studium erwirbt“. Dazu zählten analytische Fähigkeiten und selbstständiges Denken. „Es geht nicht nur um Fachwissen, sondern auch um den Willen und die Kompetenz, sich immer wieder auf neue Herausforderungen einzulassen.“ Und da gebe es in vielen Ausbildungsberufen Defizite, sowohl in den Betrieben als auch in den Berufsschulen. „Überaltertes Personal, zu wenig Lehrer, ein Drittel der Berufsschulen hat nicht einmal einen funktionierenden WLAN-Anschluss.“

Die Politik hat das Problem erkannt und Fördermittel für die Ausstattung von Berufsschulen zur Verfügung gestellt. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) überprüft derzeit die Auswirkungen der Digitalisierung in einzelnen Berufen, um die Ausbildungspläne darauf abzustimmen. Ein einmal erlernter Beruf soll keine Einbahnstraße sein, sagt der BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Um eine zu starke Spezialisierung zu verhindern, müsse man Berufe, bei denen es sich anbiete, zusammenlegen – wie schon beim Mechatroniker geschehen. Wichtig sei zudem eine größere Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung.

Doch die besten Pläne nützen nichts, wenn sie nicht mit Leben erfüllt werden. Und daran hapere es, sagt Esser. „Die Umsetzung entspricht oft nicht den Anforderungen, die Ausbildungsperformance muss deutlich besser werden.“

Was also tun? Wie sieht ein zeitgemäßes duales System aus?

In der Maschinenfabrik Reinhausen haben sie darauf eine pragmatische Antwort. „Es nützt nichts, einen Sack Schüler einfach in ein starres System zu kippen“, sagt Stefan Thür, der Ausbildungsleiter. Und Digitalisierung bedeute nicht, „dass man allen ein iPhone und ein Tablet in die Hand drückt“. Der 47-jährige gelernte Werkzeugmacher ist so herzlich wie trocken, ein Techniker mit gesundem Menschenverstand. „Wissen Sie“, sagt er, „am Ende kommt es vor allem auf das richtige Team und auf genügend Zeit an. Zudem setzen wir eher auf Generalisten statt Nischen-Spezis. Wenn die richtigen Grundlagen da sind, kann man im Laufe seines Arbeitslebens jeden Technologiesprung adaptieren. Und sich in neue Arbeitskulturen einfügen, die damit einhergehen. “

Die Überlegung, wer ins Team passen könnte, beginnt bei MR lange vor dem Bewerbungsgespräch. Die Firma veranstaltet Technik-Tage in Grundschulen, macht beim Girls’ Day mit, bietet diverse Schülerpraktika an – und kennt daher bis zu zwei Drittel der Lehrlinge bereits vor Beginn der Ausbildung. Und dann sorgen Thür und seine Kollegen für den gewünschten Austausch unter den Lehrlingen. Besonders im ersten Jahr begegnen sich die verschiedenen Berufe immer wieder, etwa im Grundkurs Metall, wo auch angehende IT-Systemelektroniker und Kaufleute feilen, sägen und bohren. Für Stefan Thür geht es dabei nicht nur um technische Fertigkeiten – „wobei es schon schlau ist, wenn ein späterer Einkäufer weiß, was das eigentlich für ein Werkzeug ist, das er da bestellt“ –, sondern um Menschenkenntnis. „Es braucht Nähe, und die jungen Leute sollen netzwerken, so wie sie später im Berufsleben ja auch mit unterschiedlichen Professionen kooperieren werden. Arbeitsplätze ändern sich schließlich. Mechaniker, Controller und Programmierer etwa werden verstärkt zusammenarbeiten.“

Förderlich ist eine Atmosphäre ohne Dünkel, so machen sie bei MR – anders als in anderen Firmen – keinen Unterschied zwischen den Azubis und den dualen Studenten, die Schulter an Schulter mit den Lehrlingen arbeiten und demselben Curriculum folgen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Kopfarbeit ohne Handwerk wenig bringt. Und dass Handwerker auch viel im Kopf haben.

Wieso es sich lohnt, auf Schwächere zu setzen

In Reinhausen setzt man traditionell und mit Erfolg auf Mittelschüler, die früheren Hauptschüler. Denn, so der Ausbilder Michael Dobler: „Der Mittelschüler bleibt mir, der Abiturient zieht weiter. Auch denken die Mittelschüler meist nicht so kompliziert, und sie haben schon zu Hause auf dem Bauernhof Traktoren repariert. Die Kunst ist nur, auch schwächere Schüler weit zu bringen.“

Der 41-jährige Zerspanungsmechaniker Dobler hat selbst nur einen Hauptschulabschluss, war vor seinem Job als Ausbilder im Werkzeugbau verantwortlich für diverse Maschinen, Programmierung inbegriffen. „Viele meiner damaligen Mit-Azubis sind heute etwa Abteilungsleiter“, sagt er. „Das zeigt doch, dass man das schaffen kann. Auch wenn die Anforderungen ständig steigen, weil man die Maschinen, die einem später durch Automatisierung das Leben erleichtern, trotzdem erst mal verstehen muss.“

Aus diesem Grund gibt es in der Maschinenfabrik keine Schmalspurlehre. „Wir bilden ganz bewusst keine Leute fürs Band aus“, sagt Dobler, „denn wir sind den Azubis verpflichtet, die brauchen Rüstzeug fürs ganze Leben. Und nur solche Leute sind dann auch gut für MR.“ Zum Konzept gehört, Schwächere so zu fördern, dass sie mitkommen. Wenn ein Mittelschüler Probleme beim Rechnen hat, setzt ihn Dobler gern mit einem Abiturienten zusammen, „der kann dabei gleich lernen, was Gruppenarbeit bedeutet, so wie später im Werk“. Oder Dobler baut ganz altmodisch Eselsbrücken, erklärt die Dinge wieder und wieder, wenn es Not tut auch nach Feierabend. „Man muss sich eben Zeit nehmen.“

Bei MR sind zwölf Ausbilder für 110 Auszubildende zuständig – ein vergleichsweise guter Schlüssel. Und die Firma leistet sich mit einem Ausbildungszentrum bewusst „einen Schonraum“, wie Dobler es nennt. So könne man junge Leute vor der Prüfung auch mal für zwei Wochen aus der Produktion zurückholen – „zum Extralernen“. Der Nachwuchs darf auch Projekte gegen die Wand fahren, ohne dass die Vorgesetzten eingreifen, denn „aus Fehlern“, so Dobler, „lernt man ja besonders gut. Und wenn sich ein junger Mensch dann selbst wieder herausarbeitet, stärkt das enorm das Selbstwertgefühl.“ Dass ihn das Kraft und Zeit kostet, versteht Michael Dobler als Teil seines Jobs. „Wenn die Azubis schon alles könnten, dann bräuchte es uns ja nicht.“

Auch für formal besser Gebildete ist die Maschinenfabrik offenbar attraktiv – ein Drittel der Azubis hat eine Hochschulberechtigung. Zu ihnen zählt die 19-jährige Luzia Pfeilschifter, die eine Ausbildung zur Mechatronikerin macht und parallel Elektrotechnik studiert. „Ich bin zu MR gegangen, weil ich mit ganz normalen Azubis gemeinsam lernen kann. Ich will immer erst Theorie, die anderen wollen gleich losmachen“, sagt sie, „und wenn ich das sehe, dann traue ich mich auch.“ Für Pfeilschifter ist das wichtiger, „als dass man sich so früh wie möglich eine Datenbrille auf den Kopf setzt“.

Nicht nur die Lehrlinge werden vernetzt, sondern auch deren Berufe

Solche Tools spielen bei MR bislang eine untergeordnete Rolle. „Wir fangen erst einmal mit der simplen Frage an, was Strom ist“, sagt der Ausbilder Stefan Haimerl. „Dann kommt die Verdrahtung, dann die Programmierung. Vernetzte Maschinen und Tablets kommen erst zum Schluss, sonst taugt die ganze Ausbildung nichts.“ Der 25-Jährige ist für die Elektro- und Mechatronik-Ausbildung zuständig, sein Credo lautet: „Wohin Industrie 4.0 einmal führt, weiß niemand, also müssen wir Menschen heranbilden, die sie entwickeln können. Und Vernetzung bedeutet schlicht die Kombination von Grundlagen.“ Haimerl arbeitet eng zusammen mit Markus Haneder, der neben der Mechatronik die Mechanik verantwortet. Der 39-Jährige argumentiert ähnlich bodenständig: „Vernetzung fängt unten an, und erst kommt der Mensch, dann die Technik. Also muss man die Menschen zusammenbringen.“

Während andere Unternehmen nach neuen Berufen verlangen, nutzt man bei MR lieber die Freiheiten der bestehenden Ausbildungsordnungen. So belegen angehende Industriemechaniker Elektronikkurse, künftige Elektroniker und Zerspaner lernen IT und Programmieren. Welche Techniken oder Programmiersprachen zukunftsträchtig sind, entscheidet das Unternehmen selbst. Auch in der täglichen Arbeit lösen sich die Grenzen zwischen früher klar getrennten Professionen auf. So wurden in der Instandhaltung die Bereiche Metall und Elektro zusammengelegt; im Testlabor arbeiten Elektroniker, Mechaniker und Ingenieure Hand in Hand. „Solche Kollaborationen werden zunehmen“, sagt Haneder.

Damit der Nachwuchs lernt, wie das geht, gibt es Projekte, bei denen Lehrlinge unterschiedlicher Berufe miteinander arbeiten. Sie bauen Netzteile, Aufzugsmodelle, praxistaugliche Demonstrationsobjekte für Messen, aber auch komplexe Messtechnik. Sie entwerfen und zeichnen, kaufen Teile ein, organisieren und bewältigen die Fertigung, dokumentieren und präsentieren ihre Arbeit. Neben den technischen sollen bald auch die kaufmännischen Lehrlinge an diesen Projekten teilnehmen.

Markus Haneder geht es vor allem um den Praxisbezug und um Selbstständigkeit. So dürfen die Auszubildenden selbst entscheiden, welche Fachgebiete sie nach den Grundkursen vertiefen wollen: Wechselstromtechnik, Halbleiter oder doch lieber speicherprogrammierbare Steuerungen? Auch wann und wo sie sich auf ihre Prüfungen vorbereiten, ob allein oder in einer Gruppe, ist ihre Sache.

Die Voraussetzung für eine gute Ausbildung sind gute Ausbilder. Stefan Thür legt Wert auf Kollegen, die eine Aufgabe übernehmen, weil sie das wirklich wollen, „und nicht, weil sie in der Produktion nicht klarkamen“. Michael Dobler ist neben seiner Hauptaufgabe immer noch derjenige, der für die Firma neue Software testet, bevor sie in der Fertigung zum Einsatz kommt. Markus Haneder ist eigentlich Maschinenbautechniker, hat aber jüngst zusätzlich eine Elektronikausbildung absolviert. Und Stefan Haimerl pflegt den Kontakt zur Berufsschule, durch Telefonate mit den Lehrern, gegenseitige Besuche, Lehrerpraktika.

Die Ausbildung hört eben auch für diejenigen niemals auf, die dafür zuständig sind. ---

* b1.de/Maschinenfabrik_Reinhausen