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Groz-Beckert

In der Provinz ist es schwierig, Fachkräfte zu finden. Auf der Schwäbischen Alb hat die Firma Groz-Beckert deshalb eine eigene Grundschule gegründet.





• Das Problem von Albstadt wird bereits deutlich, wenn man beschreiben will, wo der Ort liegt: zwischen Balingen und Sigmaringen – das ändert jedoch nichts an der Ratlosigkeit. 70 Kilometer südlich von Stuttgart stimmt zwar, ist aber trügerisch. Denn egal, ob mit dem Zug oder Auto: Anderthalb Stunden dauert es, bis man es von der Landeshauptstadt bis auf die Schwäbische Alb geschafft hat. Wenn es schlecht läuft, auch zwei. Und so schön die Streuobstwiesen und das Juragebirge sind, so idyllisch die Häuser mit den spitzen Giebeln und den frisch gewaschenen Autos davor: Leben wollen hier immer weniger Menschen. Seit den Siebzigerjahren sinkt die Einwohnerzahl. Das merkt auch ein mittelständischer Familienbetrieb wie die Groz-Beckert KG. 1852 begann die Firma, im Stadtteil Ebingen Nähnadeln herzustellen. Heute ist das Unternehmen mit einem Umsatz von 665 Millionen Euro Weltmarktführer für Industrienadeln zum Nähen, Stricken, Weben, Filzen, Wirken und Tuften.

„Wir sind hier infrastrukturell nicht bevorzugt“, umschreibt Thomas Lindner, Vorsitzender der Geschäftsführung und Nachfahre der Gründerfamilie Beckert, die Lage. Er muss dafür sorgen, dass von den im Zollernalbkreis vorhandenen Fachkräften möglichst viele für Groz-Beckert arbeiten wollen. Zusätzlich muss es ihm gelingen, gesuchte Spezialisten, wie beispielsweise Metallurgen, von außerhalb zu holen. Die klassischen Methoden – gute Bezahlung, Beteiligung am Gewinn – hat er alle längst angewendet. Schwieriger wird es beim viel beschworenen Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Flexible Arbeitszeitmodelle sind wichtig für Familien – aber für einen Produktionsbetrieb wie uns deutlich schwieriger umzusetzen als in reinen Büroberufen“, sagt Lindner.

Als sich eine vom Ausbildungsleiter Nicolai Wiedmann organisierte Betreuung in den Sommerferien als durchschlagender Erfolg erwies, kam Lindner eine Idee. Wiedmann hatte für das Vorhaben eine leer stehende Grundschule angemietet. Was, wenn Groz-Beckert die Kinderbetreuung nicht nur in den Ferien erleichtern könnte, sondern das ganze Jahr über? An Unternehmen angeschlossene Kitas gibt es einige. Manchmal sind die Firmen selbst Betreiber, häufiger kaufen sie sich in bestehende Einrichtungen ein und buchen eine bestimmte Anzahl von Plätzen für ihre Mitarbeiter. Groz-Beckert war das nicht genug: Das Unternehmen eröffnete im September 2013 nicht nur eine Kindertagesstätte, sondern auch die deutschlandweit erste private Grundschule eines Unternehmens.

Offen für alle

17,5 Millionen Euro hat das Unternehmen in das Gebäude investiert, das am Rande des Firmengeländes liegt. Anfangs kam noch ein jährlicher siebenstelliger Beitrag an Betriebskosten dazu. Drei Jahre nach der Eröffnung – und somit zum frühestmöglichen Zeitpunkt – erhielt die Grundschule dann ihre staatliche Anerkennung und bekommt deshalb seit 2016 eine Förderung von 3600 Euro pro Schüler und Jahr. Dadurch muss Groz-Beckert nur noch einen sechsstelligen Betrag zuschießen. Für die Eltern ist ein nach Einkommen gestaffeltes Schulgeld fällig.

Verglichen mit anderen Privatschulen ist dieses jedoch moderat: Bei einem Familienbruttoeinkommen von 30 000 Euro jährlich sind es beispielsweise 75 Euro, bei 100 000 Euro jährlich werden monatlich 266 Euro Schulgeld fällig. „Am Geld scheitert es normalerweise bei niemandem, sofern einem das Angebot zusagt“, sagt Nicolai Wiedmann, Projektleiter und Geschäftsführer der Groz-Beckert-Tochter Kita und Grundschule Malesfelsen GmbH.

Die Schule steht außerdem nicht nur Mitarbeitern von Groz-Beckert zur Verfügung: Alle Kinder der Gegend dürfen sie besuchen, das war eine der Bedingungen für die staatliche Förderung. Von den rund 70 Kindern in den vier Grundschulklassen sind lediglich 20 die Kinder von Mitarbeitern. In der Kita ist die Verteilung ähnlich.

In der Vorbereitungs- und Gründungsphase hat sich das Unternehmen mit dem nahe gelegenen Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung und dem privaten Dienstleister Klett Lernen und Bildung GmbH aus Stuttgart zusammengetan. Das daraus entstandene Angebot kann sich sehen lassen: Englisch wird, wie in den meisten Gegenden Baden-Württembergs üblich, ab der ersten Klasse gelehrt – und das ausschließlich von Muttersprachlern. Eventuell könnte demnächst noch Mandarin dazukommen, das ist bislang jedoch lediglich eine vage Idee, so Lindner: „Man kann nicht mit der Kür anfangen.“

Mit dieser „Je früher, desto besser“-Philosophie in Sachen Fremdsprachen stellt sich die Grundschule allerdings gegen den aktuellen Trend: Baden-Württemberg war zwar das erste Bundesland, das 2003 Fremdsprachenunterricht in Grundschulen einführte (nahe der Grenze Französisch, sonst Englisch) – inzwischen gibt es jedoch Überlegungen, den Beginn auf die dritte Klasse zu verschieben. Der Grund: Zuletzt hatten Schüler aus Baden-Württemberg beim Lesen, Schreiben und Rechnen im Vergleich mit anderen Bundesländern schlechter abgeschnitten als in der Vergangenheit. Ein Problem, das an der Groz-Beckert-Schule weniger ins Gewicht fallen dürfte: Hier werden sowohl Deutsch als auch Mathematik – also die Fächer, die anscheinend unter dem frühen Fremdsprachenunterricht leiden – in erhöhtem Stundenumfang unterrichtet, wodurch die Kinder mehr Lernzeit fürs Lesen, Schreiben und Rechnen erhalten.

Dazu kommt eine intensivere Betreuung: Die meisten Unterrichtsstunden halten schon jetzt zwei Pädadogen gemeinsam. Die Klassengrößen sind auf maximal 25 Schüler beschränkt. „In unseren Klassen begrenzen wir auf 20, obwohl wir bis zu 25 aufnehmen können. So ist immer noch Platz, wenn ein neuer Mitarbeiter herzieht, der seine Kinder bei uns einschulen möchte“, sagt Wiedmann. Auch die Ausstattung lässt kaum Wünsche offen: Es gibt einen Musikraum mit Instrumenten, einen Theaterbereich mit zahlreichen Requisiten, einen Bewegungs- und Motorikraum, ein Atelier zum Malen und Zeichnen, einen Werkraum mit kleinen Werkbänken und einen „Snoozleraum“ für das Nickerchen zwischendurch.

Forschend lernen

Der Unterricht in der Grundschule Malesfelsen – benannt nach einem nahe gelegenen Gipfel der Schwäbischen Alb – erfolgt themenfeldorientiert. Inhalte der einzelnen Fächer werden in Zusammenhängen vermittelt. Einmal pro Woche gibt es zum Beispiel einen fächer- und klassenübergreifenden Thementag. Und vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich werden Fragen aus der Lebenswelt der Kinder aufgegriffen und von den Schülern selbstständig Antworten entwickelt. Durch dieses „forschend-entwickelnde Lernen“, wie es im pädagogischen Konzept der Schule heißt, sollen die Kinder den Stoff nicht nur besser verstehen, sondern auch länger behalten.

Deutsch und Mathematik stehen am frühen Vormittag auf dem Stundenplan, wenn die Konzentration der Kinder am höchsten ist. Lindner ist es jedoch auch wichtig, dass die Schule nicht nur brav Lehrstoff vermittelt, sondern auch Werte und eine gewisse „Ertüchtigung fürs Leben“ liefert. Das bedeutet dann auch, dass die Schüler ab einem gewissen Alter beim Ein- und Abdecken der Tische helfen. Dass die Lehrer wie in einer Familie mittags gemeinsam mit den Kindern am Tisch essen – und so soziales Miteinander erlernt wird. Oder dass die Schüler bei Kursen am Nachmittag in der Kinderküche etwas über Ernährung und Kochen lernen.

Im Gegensatz zu vielen Ganztagsschulen ist der Tag auch nicht in Unterricht am Vormittag und Spielen am Nachmittag geteilt. „Die Kinder müssen sich nicht sechs Stunden am Stück konzentrieren. Wir wechseln flexibler zwischen Be- und Entlastung, zwischen Fokus und Freizeit“, sagt Wiedmann. Ein Konzept, das vielen Pädagogen entgegenkommt, die den gewöhnlichen Schulrhythmus beklagen, in dem die Kinder vormittags mit Wissen zugeschüttet und nachmittags nur beaufsichtigt werden und sich sonst selbst beschäftigen sollen. Wenn überhaupt eine Nachmittagsbetreuung vorhanden ist: Während viele andere Kitas und Schulen bereits am Mittag oder frühen Nachmittag schließen, ist in Albstadt eine Betreuung von 6.50 Uhr bis 18 Uhr möglich. Das ist praktisch für Eltern, die bei Groz-Beckert im Schichtdienst arbeiten – aber nicht nur für die.

Insgesamt gibt es für 44 Prozent der Grundschulkinder in Deutschland kein ganztägiges Betreuungsangebot, obwohl knapp ein Viertel der Eltern Bedarf dafür angemeldet hat. So das Ergebnis einer Prognos-Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Selbst von den Eltern, deren Grundschulkind eine nachschulische Betreuung erhält, halten 18 Prozent diese nicht für ausreichend. Das wirkt sich auch auf die Berufstätigkeit der Eltern aus: Rund 96 000 Mütter mit Kindern im Grundschulalter arbeiten laut der Studie nur deshalb in Teilzeit, weil eine Nachmittagsbetreuung nicht vorhanden oder bezahlbar ist.

Ein weiteres Ärgernis: die Schließzeiten der Kitas und die Schulferien. Während sich Eltern anderswo oft fragen, wer sich in den 13 Wochen Ferien um die Kinder kümmern soll, haben die Kita und die Grundschule Malesfelsen nur 23 Tage im Jahr geschlossen. Und zwar genau zu jener Zeit, während der bei Groz-Beckert Betriebsferien sind.

Als das Unternehmen seine Pläne bekanntgab, nicht nur eine Kita, sondern auch eine Grundschule betreiben zu wollen, stieß man jedoch auch auf Skepsis. Manche Eltern waren in Sorge, die Noten oder das Betragen ihrer Kinder könnten in der Personalakte landen. Eine Angst, die Groz-Beckert zu entkräften versuchte, indem man als Betreiberin der Schule eine Tochterfirma des Schulbuchverlags Klett einsetzte. Doch auch wenn diese sich ab September auf eine reine Beraterrolle zurückziehen und Groz-Beckert alleinig für den Betrieb von Kita und Schule verantwortlich sein wird: Die strikte Trennung von Pädagogik und Arbeitgeber gilt weiterhin, verspricht Nicolai Wiedmann. „Wir haben da keinerlei Einblick und wollen ihn auch nicht.“

Doch auch die Bürgermeister und Schulen der umliegenden Gemeinden waren besorgt. Während in den Großstädten die Klassenzimmer überfüllt sind, gibt es im Zollernalbkreis zu wenige Kinder für alle Schulen. Wenn die neue Privatschule also Kinder von den staatlichen Schulen abzöge, könnten dort die Klassengrößen unter die Mindestgröße fallen und Schulen gezwungen sein, zu schließen. Eine Sorge, die Thomas Lindner für unbegründet hält: „Unser Einzugsgebiet umfasst alle Wohnorte unserer Mitarbeiter und ist somit viel größer als das der einzelnen Schulen“, sagt er. „Falls eine staatliche Schule also tatsächlich durch uns weniger Schüler haben sollte, dann höchstens ein oder zwei. Unseretwegen muss keine Schule schließen.“

Lindner sieht seine Schule nicht als Konkurrenz zum bestehenden Angebot: „Ich bin absolut für einen öffentlichen Bildungssektor“, sagt er. „Was uns am meisten gefreut hat: dass nach unserer Eröffnung auch die umliegenden Gemeinden ihre Kitas modernisiert und erweitert haben.“ Nützlicher Wettbewerb sei das. Am Ende komme das allen zugute. Auch jenen, die nicht bei Groz-Beckert arbeiten.

Nachahmer kommen – und schauen nur

Viele Besucher sind schon vorbeigekommen und haben sich die Grundschule angeschaut. „Nachmachen will es uns am Ende dann doch keiner“, sagt Wiedmann. „Ist allen viel zu teuer.“ Auch bei den Mitarbeitern beklagen sich manche über die Schulgebühren, so Wiedmann. „Manche sehen nicht ein, für etwas zu bezahlen, was sie – zumindest in Teilen – woanders umsonst bekommen“, sagt er. „Und dann gibt es natürlich noch ein paar, die komplett gegen eine Ganztagsbetreuung sind und meinen, dies sei die Aufgabe der Frau, die möge doch bitteschön zu Hause bleiben.“

Es gab aber auch schon eine Unterschriftenaktion von begeisterten Eltern, die vorschlugen, Groz-Beckert möge doch bitte neben der Kita und der Grundschule auch gleich noch eine weiterführende Schule gründen. Diesen Gedanken haben Lindner und Wiedmann längst verworfen: „Der flexible Übergang nach der Grundschule auf eine der verschiedenen Schulformen ist ideal, um Kinder aus unserem System wieder in das staatliche zu bringen“, sagt Lindner.

Was er sich eher vorstellen kann: eine Tagespflege-Einrichtung für Senioren. „Neben der Kinderbetreuung stellt auch die Versorgung der Älteren manche Familien vor große Herausforderungen.“ Vielleicht werden die Großeltern also irgendwann in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren Enkelkindern betreut – und das vom Arbeitgeber der Eltern. ---