Barbara Harriss-White im Interview

Barbara Harriss-White erforschte mehr als vier Jahrzehnte die indische Stadt Arni. Ein Gespräch über Fortbildungen im Hinterhof, und den Zusammenhang von Fernbussen mit Privatschulen.





• Arni ist eine der besterforschten Städte der Welt. Wissenschaftler der Oxford University studieren diesen Ort im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu seit mehr als 40 Jahren, er steht exemplarisch für die mehr als 7000 Kleinstädte des Landes mit seinem sogenannten informellen Sektor. Dort wird ein Drittel des indischen Bruttosozialproduktes erwirtschaftet. Barbara Harriss-White war 1973 die erste Wissenschaftlerin, die in Arni Feld- studien durchführte. Seitdem wuchs die Bevölkerung von 30 000 auf mehr als 100 000 Einwohner.

brand eins: Was macht Arni so besonders, Frau Harriss-White?

Barbara Harriss-White: Eigentlich nichts. Das macht den Ort interessant. Arni steht für Verhältnisse, die nicht nur tausendfach in Indien existieren, sondern in denen heute auch weltweit die meisten Menschen leben und arbeiten. Ich stieß eher zufällig auf den Ort. 1973 war er mein Ausgangspunkt für eine Studie der indischen Landwirtschaft, weil er ein wichtiger Marktplatz für die Umgebung war. Ich kehrte in den folgenden Jahrzehnten für neue Studien zurück, nach der Jahrtausendwende setzte eine neue Generation von Wissenschaftlern diese Arbeiten fort.

Was hat es mit dem informellen Sektor auf sich?

Allgemein geht es um Sphären der Gesellschaft, die außerhalb der Besteuerung, sozialer Absicherung sowie staatlicher Regelungen und Gesetze liegen. Wir verstehen erst jetzt, dass das den Großteil der indischen Arbeitskräfte betrifft, die meist nur zwanglose oder mündliche Arbeitsverträge ohne Rechte besitzen. Die Firmen, für die sie arbeiten, ignorieren Arbeitnehmerrechte, hinterziehen Steuern und halten sich nicht an Bauvorschriften oder Umweltgesetze. 90 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in Indien sind heute informell.

In Ihren Publikationen über Arni berichten Sie beispielsweise über die circa 700 Elektriker, von denen ungefähr 300 offiziell registriert sind, die meisten davon aber die entsprechende Zulassung nur von Verwandten geerbt haben. Eine formelle Ausbildung haben gerade einmal 20 von ihnen.

Das Interessante ist, dass auch aus sich heraus Berufsverbände, Weiterbildungen oder Zertifizierungen entstehen. Die Elektrikervereinigung vergibt zum Beispiel Zertifikate, die sich an praktischen Kriterien wie den Jahren an Berufserfahrung orientieren.

Wie schätzen Sie die fachliche Kompetenz dieser Elektriker ein?

Ich würde sie auf jeden Fall nicht unterschätzen. Es gibt viel praktisches Wissen und Improvisationstalent. Wir dürfen nicht vergessen: Diese Menschen arbeiten für die Ärmsten der Armen. Jedes elektrische Gerät muss repariert werden, mitunter ist es so alt, dass es gar nicht mehr an das heutige Stromnetz passt. Elektriker aus Arni entwickelten deshalb einen einfachen Adapter, der heute von einem großen Konzern in Serie produziert wird. Auch eine Paste aus Kuhmist als Starterhilfe für Dieselmotoren ist bis über die Stadtgrenzen hinaus berühmt.

Informell bedeutet also nicht unorganisiert?

Überhaupt nicht. Arni hat ein faszinierendes Seminar-Angebot, es gibt Hunderte Lehrer, die in Hinterhöfen eine Art Abendschule für Kinder nach dem offiziellen Schulunterricht anbieten. 2005 zählten wir circa 60 dieser Zentren, 2012 waren es schon mehr als 100. Meist werden sie von Schulabgängern, Frauen oder pensionierten Lehrern betrieben. In den Klassen sitzen zwischen 20 und 200 Kinder. Man kann schon fast von einem parallelen Bildungssystem sprechen. Der Wettbewerb zwischen den Seminar-Zentren ist extrem hart, ausgetragen wird er mit vollmundiger Eigenwerbung. Populäre Fächer sind Informatik und Technik. 90 Prozent der Zentren bieten Physik, Chemie und Mathematik an. Ein Seminartag bedeutet zwei bis drei Extrastunden Unterricht, und das nach einem bereits langen Schultag, von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Hinzu kommen zwei Stunden Seminar-Hausaufgaben. Wir sehen auch noch andere informelle Bildungsangebote, etwa ein nicht registriertes Zentrum, das Dorfjungen aus der Umgebung rudimentär 3D-Design beibringt. Diese drei Monate dauernden Abendkurse können die Jungen in Raten bezahlen, sie erhalten dafür ein Zertifikat und sammeln auch gleich Erfahrung mit Computer-Englisch.

Was treibt diese Entwicklungen?

Die Eltern wollen ihre Kinder für den Arbeitsmarkt bestmöglich vorbereiten. 20 Meilen nördlich der Stadt, im sogenannten Chennai-Bangalore-Industrie-Korridor, haben Konzerne wie Nike oder mehrere Automobilzulieferer ihre Fabriken. Dort arbeiten Hundertausende Menschen. Seit eine Fernbusanbindung diese Jobs für Arni erreichbar macht, boomen die Seminar-Zentren und Privatschulen, von denen es bereits sieben in der Stadt gibt. Wir sehen eine enorme Vitalität in der informellen Wirtschaft, die Menschen sind sehr innovativ durch Learning by Doing. Gleichzeitig erleben wir auch einen Durst nach formeller Bildung, den es in der Generation zuvor noch nicht gab.

Verändern diese Entwicklungen die Stadt?

Seit Bildung in der Gesellschaft einen so hohen Stellenwert besitzt und immer mehr Eltern durch die Fabrik-Jobs außerhalb in der Lage sind, ihren Kindern auch Unterricht neben den staatlichen Schulen zu finanzieren, steigt das Bildungsniveau der jungen Menschen stark. Eine Folge ist, dass sie nach der Schule nicht mehr – wie seit Generationen üblich – für ihre Väter arbeiten wollen. Die Patriarchen müssen plötzlich Löhne für Arbeiten zahlen, die bisher von der Familie geleistet wurden. Dies setzt wiederum eine weitere interessante Entwicklung in Gang: Den fremden Lohnarbeitern können die Väter nicht so stark vertrauen wie einem Familienmitglied. Sie erlauben ihnen daher nicht, Preise mit Kunden auszuhandeln oder Bezahlungen anzunehmen. Dadurch ist ein immenser Anstieg des elektronischen Zahlungsverkehrs zu beobachten, auch die Zahl der Banken nimmt zu, durch die wiederum die Zahl der Kredite steigt, mit denen die Eltern noch mehr Bildungsangebote für ihre Kinder finanzieren. Hingegen sind jahrhundertealte Traditionen nahezu verschwunden: etwa Feilschen und Anschreiben. ---

Barbara Harriss-White, 71, ist emeritierte Professorin für Entwicklungsstudien an der Oxford University. Sie beriet das Department for International Development in Großbritannien, sieben UN-Organisationen sowie das norwegische Zentrum für Entwicklung und Umwelt.