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Wolf Lotter zum Schwerpunkt Lernen

Bildung ist der Schlüssel für ein gelungenes Leben. Lernen ist aber mehr. Es bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern maximale Entwicklungsfähigkeit.





1 Weise

Bildung, Lernen? Ach nö.
Doch, doch. Hefte raus. Klassenarbeit. Wir fangen ganz von vorn an. Raus mit dem Duden, Buchstabe A.

A wie antörnen.
Das ist Neudeutsch und heißt so viel wie „in Stimmung bringen“ oder „in Erregung versetzen“, „begeistern“ oder „hinreißen“. Was hat das jetzt mit Bildung zu tun? Mit dieser Frage haben wir bereits eine sehr schöne Antwort gegeben. Nix. Und das ist ein Problem.

Die Leute wollen nicht mehr Bildung, sie wollen mehr von ihren möglichen Folgen. Ein besseres Leben, mehr Geld, mehr Chancen, mehr Respekt und Anerkennung dafür, was man tut. Bildung ist, was man seinen Kindern wünscht, lernen sollen immer die anderen. Und so gut wie nie geht’s dabei um das, was wir lieben und können. Das ist das eigentliche Bildungsproblem, die Lernschwäche unserer Kultur.

Die Bildungsindustrie und ihre Fließbandmitarbeiter sind meist langweilig, mit Glück „bemüht“ und „nett“, also nichts, was uns antörnt. Wissen ist die wichtigste Ressource der Welt – da hatte der Ökonom und Managementtheoretiker Peter Drucker schon vor fast 60 Jahren ganz recht. Aber ist Wissen Bildung? Schafft Büffeln mehr Wissen? Führt das Auswendiglernen zum Verstehen? Oder gar zum Begreifen? Zweifel sind angebracht. Im Juli veröffentlichte die Bertelsmann Stiftung eine Studie, nach der es im Jahr 2025 eine Million mehr Schüler geben wird als heute. Die für die Forscher logische Konsequenz: Wir brauchen fast 25 000 zusätzliche Grundschullehrer, mehr Gebäude, mehr Geld. Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zog gleich nach. Bildung, so befand sie, sei das neue „Mondflugprojekt“. Aber auf dem Mond sind wir schon gewesen, und vieles am System ist noch dort oder sogar noch dahinter. Mehr Bildung – das heißt mehr vom Gleichen. Abtörnend.

Das Bildungssystem ist in der Fabrikgesellschaft stecken geblieben. Damals ging es darum, eine bestimmte Zahl klar definierter „Qualifizierter“ für die Produktion herzustellen. Das hielt die Ordnung aufrecht. Seit die Welt sich schneller dreht, geht das nicht mehr gut. Man kommt nicht mehr nach, die Anforderungen ändern sich schneller, als man den Kindern und Erwachsenen Neues eintrichtern kann. Was kann man da machen? Wenn das Detail nicht mehr trägt, muss man ans Ganze gehen. Ein sehr guter Vorschlag ist älter als 150 Jahre und stammt von dem Dichter Wilhelm Busch, aus seinem bekanntesten Werk, „Max und Moritz“, dort der vierte Streich. Das ist das Gleichnis, in dem die Lausbuben dem Lehrer Lämpel mit Schießpulver die Pfeife stopfen. Hier steht gleich am Beginn alles, was man wissen muss:

Also lautet ein Beschluss:
Dass der Mensch was lernen muss.
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh,
Nicht allein im Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen;
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muss man mit Vergnügen hören.

Wir wiederholen das Wesentliche:
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muss man mit Vergnügen hören.

Kurz und gut: Wenn man erst mal geschnallt hat, was wichtig ist, kommt die Freude wie von selbst.

2 Bildung

Klingt einfach, ist es aber nicht. Als Busch diese Weisheit aufschrieb, hatte man schon reichlich Erfahrung mit der preußischen Schulordnung und der Industrialisierung, die aufeinander abgestimmt worden waren. Schreiben, Lesen, Rechnungssachen – das waren keine Werkzeuge zum Erschließen eines freien und selbstständigen Lebens, sondern die Eintrittsberechtigung ins genaue Gegenteil, einer Vollbeschäftigung bis zum Tod. Der Weisheit Lehren, die zuvor der eigentliche Grund für die Bildung gewesen waren, durften noch ein wenig mitspielen, aber eher als Nebenrolle. Bildung, so zeigte sich, war stures Abrichten, die Vorstufe zu dem, was einem in der Arbeitswelt blühen sollte. Dagegen gingen viele an, etwa der preußische Bildungspolitiker Wilhelm von Humboldt. Seine Regierung „schätzte“ ihn, was Vorgesetzte immer über Leute sagen, denen sie nicht zuhören. Bildung, das war für von Humboldt klarerweise Entwicklung, Aufbau, etwas Schöpferisches. Bildung war keine Pflicht. Bildung war eine Möglichkeit. Bildung war auch nicht jenes feste Setting aus angelerntem und angelesenem Wissen, mit dem man in seiner jeweiligen sozialen Klasse mithalten kann – also kein „Bildungskanon“, an dem man erkennen kann, ob jemand „dazugehört“ oder nicht. Bildung heißt Entwicklung, und zwar der persönlichen Talente und Fähigkeiten „zu einem Ganzen“, wie es von Humboldt formulierte. Ein Mensch entwickelt sich, bildet sich aus. Der Staat hingegen, der die Industrialisierung unterstützte und organisierte, wolle etwas anderes. Je stärker sich der Staat einmische, also „mitwirkt“, wie von Humboldt schrieb, desto „ähnlicher ist alles Gewirkte“. Wer so handele, der „miskennt“ (sic) den Menschen aber, so der Gelehrte, der mache aus „Menschen Maschinen“.

Der Staat und seine Organisationen haben das wichtigste Gut der Aufklärung unterschlagen, die Menschen ihrer Möglichkeit zur Entwicklung beraubt. Es wird Zeit, sie sich wieder zurückzuholen.

 

3 Der Ausbildungsirrtum

Lehrer Lämpel bezahlt seinen Einsatz für ein bisschen Weisheit fast mit dem Leben. Sprengfallen sind im Bildungsbereich nichts Außergewöhnliches, das weiß jeder Lehrer, der schon mal versucht hat, ein wenig außerhalb der Spur zu arbeiten. Viele haben resigniert. Zu behaupten, unser Bildungssystem sei das beste der Welt, bedeutet, sich unter Blinden zu vergleichen. Dass es andere auch nicht besser machen, macht noch nichts gut. Aber Selbstgerechtigkeit lehrt nichts. Selbstkritik schon eher.

Verschulung ist nicht die Antwort. Und Bildung ist nicht Ausbildung. Es ist schön, wenn sie zu einem Lebenszweck wird, dem Beruf nützt, aber ihr Zweck ist sie nicht. Genau das aber befördert meist das Schlagwort von der praxisorientierten Bildung. Wer sagt: „Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule“ meint mit Leben nichts anderes als die Firma. Noch genauer: das, was die Firma gerade zu brauchen glaubt.

Doch die Grenzen des Machbaren sind erreicht. Die Industrialisierung der Bildung stößt durch die Superautomatisierung – die Digitalisierung – an ihre natürlichen Grenzen. Denn alles, was reproduzierbar ist, lässt sich durch Maschinen und Algorithmen, Systeme und Prozesse besser und gründlicher erledigen als durch Menschen. Das ist einerseits – mit den damit verbundenen Ängsten vor Arbeitsplatzverlusten – zum Kern der Diskussion über die Transformation von der Industrie zur Wissensgesellschaft geworden. Doch ausgerechnet im Bildungssystem, das die Voraussetzungen für die Fähigkeit, mit Zukunft und Unbekanntem umzugehen, schulen sollte, kann man damit nichts anfangen.

Lernen, so müsste man jetzt erkennen, ist dann sinnvoll, wenn es Fähigkeiten und Kenntnisse ausbildet, um neu lernen zu können. Genug gelernt gibt es nicht, und Zeugnisse und Abschlüsse mögen als Zwischenetappen verstanden werden, aber eben nicht mehr als Zielpunkt des Wissenserwerbs. Bildung als Selbstzweck, lernen, um zu lernen, ist keine Phrase, sondern eine Erfolgsformel. Die Voraussetzung dafür aber ist, dass man sich nicht über Kurse, Zeugnisse und formale Ausbildungen definiert, sondern weiß, wer man ist.

Nichts gegen das Lesen, Schreiben, Rechnen – aber das sind eben nur Teile des Ganzen. Selbstverständlich gibt es gute Gründe dafür, das Werkzeug zu beherrschen. Aber wo man nicht lernt, wozu – also der Weisheit Lehren mit Vergnügen zu hören – ist das Beschäftigungstherapie. Hast du noch Abitur – oder weißt du schon Bescheid?

4 Programmierunterricht

Bildung im Wissenszeitalter ignoriert keine Standards, keine Norm, kein Werkzeugkunde. Aber sie tut auch nicht so, als ob das Selbstzweck wäre. Wissenserwerb ist, nicht nur in der Schule, zu einem Kampf gegen ein vielköpfiges Monster geworden, dem, egal wie viele Köpfe man ihm auch abschlägt, stets ein paar neue nachwachsen. Der Eindruck der Kompliziertheit und Überforderung entsteht, wenn man sich nicht entscheiden kann – genau dabei aber sollen die Werkzeuge der neuen Bildung helfen. Sie sollen dazu befähigen, etwas wegzulassen, das man nicht braucht. Wer nur von reproduzierbarem Wissen lebt, der hat nicht genug Selbstbewusstsein, um das zu schaffen. Auswendiglernen sticht Nachdenken? Das ist falsch. Bildung ist eben nicht das, „was man wissen muss“. 

Wer sich über Zeugnisse definiert, hat nichts gelernt. Bildung ist Entwicklung und kein Prüfverfahren. 

Womit wir bei der zurzeit lautstark vorgebrachten Forderung nach Programmierunterricht wären, am besten gleich für Grundschüler. Weil das die Zukunft sei.

Niemand wird bestreiten, dass es gut ist, wenn man lesen und schreiben kann. Das sind elementare Fähigkeiten, mit denen man neues Wissen erschließen und entwickeln kann. Flexible Werkzeuge. Sprachen erschließen Kulturen, unbekannte Denkarten und zeigen neue Wege und Lösungen.

Programmiersprachen aber sind keine Fremdsprachen. Sie sind keine komplexen Eintrittspforten in eine Welt, die sich anders nur bedingt verstehen lässt. Seit Konrad Zuses „Plankalkül“ von 1946 gab es Hunderte verschiedene Programmiersprachen, die kamen und gingen und nach denen kein Hahn mehr kräht. Was man „coden“ nennt, ist kurzlebige Technik, digitale Saisonware. Das ist auch okay. Das Problem ist nur die Verwechslung einer Einzelsprache wie Deutsch, Englisch, Griechisch oder Russisch mit der Fähigkeit, einen Programmcode schreiben zu können. Welche Fähigkeiten werden dadurch vermittelt? Wem, von Programmierern und Programmierunterrichtslehrern mal abgesehen, nützt das? Schülern nicht. Der Bürokratie wahrscheinlich.Die Gleichsetzung von Programmiersprachen mit Einzelsprachen ist ein Denkfehler erster Güte. Wer Griechisch lernt und in Wort und Schrift beherrscht, kann „auf Griechisch“ denken, das heißt, er ist in der Lage, eine ganze Kultur mit einem hochkomplexen, ständig veränderlichen Hintergrund zu durchschauen, und zwar nicht allein nach einem festen Schema, das ist wichtig. Von Novalis stammt die – keineswegs poetische, sondern sehr nüchterne – Feststellung, dass „jeder Mensch seine eigene Sprache“ habe. Er beschied: „Sprache ist Ausdruck des Geistes.“ Eine natürliche Einzelsprache erlaubt es erst, die Welt mit eigenen Augen zu sehen und sie so für sich zu erschließen.

Natürliche Sprachen schärfen das originäre Denken. Programmiersprachen nicht. Das ist keine Wertung, sondern liegt in der Natur der jeweiligen Sache.

Die Sprachwissenschaften rechnen die Programmiersprachen zu den formalen Sprachen, also den Codes und Formeln, die zu einem festen Ergebnis führen sollen. Formale Sprachen sind, so beschreibt es die Wikipedia, „für bestimmte Zwecke konstruiert“, sie sind ihrem Wesen nach Routinen, Steuerungsschleifen. Natürliche und formale Sprachen haben nur den Namen gemeinsam. Das eine, die natürliche Sprache, ist ein Werkzeug, das die Welt erschließt, das andere, das Programmieren, dient der Kontrolle und Steuerung einzelner Prozesse. Das ist etwas völlig anderes.

Menschliche Arbeit beschränkt sich heute auf Denken, Planen und Kontrollieren, den Rest erledigen Systeme, und das ist gut und richtig so. Nun aber darf man fragen, weshalb bereits Grundschulkinder ausgerechnet den Teil lernen sollen, den Maschinen bereits heute besser erledigen? 

5 Das Bildungsopfer

Notwendig wäre eine neue Allgemeinbildung, Bildung in Sachen Grundlagen der Wissensgesellschaft. Dieser Unterrichtsgegenstand würde sich darauf konzentrieren, was sich in dieser Welt verändert hat, worauf man achten muss, was man kritisch und selbstbewusst betrachten soll im ganzen Jubel zum Beispiel um das Digitale. Was tut man, was lässt man? Wie funktionieren die Systeme Grundlagenwissen, digitale Allgemeinbildung, gern auch Verständnis dafür, wie man programmiert, wenn das jemanden interessieren sollte. Es wäre prima, wenn man Verständnis für Technik und ihre Folgen vermitteln könnte, den Sinn der Automatisierung, aber auch ihre Grenzen, die Bedeutung des Originals in einer Welt, in der die Maschinen die Herrschaft übers Kopieren übernehmen. Wie man gestalten kann, sollte man lernen, verstehen und begreifen – was immer auch kommt. Grundfähigkeiten des Erkennens schulen. Alles – nur kein sinnloses Auswendiglernen, das sich – in einer windschiefen Argumentation – als „digitale Kompetenz“ missversteht und dabei doch nur das genaue Gegenteil beweist. 

Denn sonst züchten wir weiterhin jene Experten, die manchmal auch Fachidioten sind. Die nicht mehr mit anderen reden können, nicht das sind, was man netzwerkfähig nennt, nicht in der Lage, zu erklären, was sie tun. Bei jedem Smartphone und Computer, jedem Bauteil im Auto und in der Küche verlangen wir – zu Recht – Anschlussfähigkeit an vorhandene Systeme. Es muss Schnittstellen geben, Gemeinsamkeiten, über die man reden kann. Dafür braucht es dynamische Normen, die die Unterschiede nicht einebnen, sondern deutlich machen. In der Informatik nennt man das Kompatibilität, anderswo Allgemeinbildung.

Sie erlaubt, dass sich etwa ein Programmierer und ein Landwirt gut über die Grundlagen ihrer Gemeinde verständigen können oder Themen erörtern, bei denen sie zwar keine Experten sind, aber Bürger, deren Mitentscheidung gefragt ist. Wer Zivilgesellschaft und Selbstständigkeit fordert – von Wählern wie von Mitarbeitern in Unternehmen –, muss Bildung heute vor allen Dingen als Allgemeinbildung verstehen, als gemeinsamen Nenner. 

Daher ist das Gerede von einer zu komplizierten Welt, die man nicht mehr verstehen könne, eine Kapitulation – nicht nur vor der Aufklärung, sondern auch vor jeder Form von vernünftiger Kooperation. Alles, was wir tun, lässt sich vermitteln, in einen kulturellen und sozialen Kontext setzen. 

Allgemeinbildung im Wissenszeitalter ist eine soziale Fähigkeit. Sie geht davon aus, dass die eigene Arbeit für andere Sinn ergibt – und das ist nicht unbedingt ein unmittelbarer materieller Nutzen. Wohl aber bedeutet es, dass die Ergebnisse der eigenen Arbeit einer offenen Kritik ausgesetzt werden. Nichts ist sakrosankt. Viele Intellektuelle werden hier planmäßig wütend – denn sie verwechseln das Recht aufs Nichtverstandenwerden gern mit der Freiheit der Wissenschaft. Die Autonomie der Wissensproduktion muss verteidigt werden; aber ihre Ergebnisse sind deshalb noch lange nicht unantastbar. 

Allgemeinbildung bedeutet nicht, eine gemeinsame Dogmatik zu teilen, wie das heute, in Zeiten der ängstlichen Lagerbildung, immer stärker der Fall ist. Der gemeinsame Nenner ist kein Rettungsboot, auf dem man seine überholten Ansichten und Ideologien trocken halten kann, sondern ein Ort der Austauschfähigkeit und der Kooperation. 

Ein Problem dabei ist die tiefe Spaltung der Gesellschaften in viele Lager, die sich zunehmend feindselig gegenüberstehen. Jede Gruppe fühlt sich unverstanden. Der andere wird immer lauter und aggressiver. 

6 Fundamente

Hier hilft nur eine gemeinsame Sprache, ein Austausch. Ein Code, der seine Weisheiten immer in Schleifen wiederholt – und den man auch Leitkultur nennen könnte –, macht alles nur schlimmer. Es ist bemerkenswert, über welch geringe Fähigkeiten und Kenntnisse zur Vermittlung die sogenannten intellektuellen Eliten verfügen. Das wäre in Zeiten wie diesen ihre wichtigste Funktion. Aber sie lesen die Messe vor einem bereits vor Unverständnis murrenden Publikum nach wie vor auf Latein. Allgemeinbildung fehlt an allen Ecken und Enden. Auch das ist die Folge unseres alten, industrialistischen, mechanistischen Bildungssystems. Die einen denken, die anderen führen es aus. Das aber ist von gestern. 

In der alten Welt steht Quantität vor Qualität. Das ist allseits bekannt. Mehr ist besser, noch mehr am besten. Nun geht es in Sachen Bildung gewiss nicht um wohlfeile Wachstumskritik, doch durchaus um eine Infragestellung des beliebten deutschen Prinzips, dass mehr Bildung – gleich welche – auch klüger macht. Die Wissensgesellschaft wäre demnach eine Welt, in der nur Akademiker und Schreibtischarbeiter eine reelle Chance haben, während sich Leute, die eine Lehre gemacht oder sich autodidaktisch Wissen angeeignet haben, eigentlich gleich die Kugel geben können. Was zählt, sind Diplome, Zeugnisse, Bildungsnormen. Doch die sind für die Wissensgesellschaft vollkommen irrelevant – und verweisen eigentlich nur auf die Selbstgerechtigkeit des alten Bildungssystems und seiner Nutznießer, die daran gewöhnt wurden, dass das Abarbeiten eines gewissen Bildungspensums mit lebenslangen Privilegien belohnt wird. Nichts steht dafür mehr als das Abitur und der akademische Betrieb. 

7 Der Akademisierungswahn

Einer der profundesten Kritiker dieses Vorgangs ist der Münchener Philosoph Julian Nida-Rümelin, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und einstiger Staatsminister für Kultur. Nida-Rümelin stellte in einem Beitrag in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« aus dem Jahr 2013 („Je mehr Akademiker, desto besser?“) ein weithin unbestrittenen Ziel nicht nur der deutschen Bildungspolitik infrage: Abitur für möglichst alle, auch um den Preis der kontinuierlichen Absenkung des Wissens- Levels, damit jeder „mitgenommen“ werden kann. Und dann im Anschluss ein Studium für jeden, ganz gleich, welches – bei gleichzeitiger Entwertung des dualen Ausbildungssystems, das Deutschland weltweit berühmt macht und geschätzt wird. Nida-Rümelin nannte das „Akademisierungswahn“. Das Buch gleichen Titels erschien ein Jahr später.

Altes Lernen führt zum Abitur. Neues Lernen zur Selbstständigkeit.

Nida-Rümelin kritisiert den Status quo: Der sogenannte OECD-Trend weist eine Studierendenquote in den Wohlstandsnationen von rund 60 Prozent aus. Um hier mitzuhalten, muss de facto das „Abitur als Regelabschluss, das Studium als Normalfall“ gelten. Vordergründig wird behauptet, man müsse das tun, um mit anderen Ländern mithalten zu können. Dabei wird gern auf die USA verwiesen. Dort aber, so macht Nida-Rümelin deutlich, ist die Akademikerquote eines Jahrgangs mit sieben bis acht Prozent gerade mal halb so hoch wie in Deutschland. Masse ist Klasse – diesen industrialistischen Irrtum hat man auch in die frühe Wissensgesellschaft verschleppt. Eine Folge, so Nida-Rümelin, bestehe im „absehbaren Ruin der stärksten Seite des deutschen Bildungssystems, nämlich der beruflichen Bildung“. Er zitiert Zahlen, denen zufolge das Bundesinstitut für Berufsbildung bis zum Jahr 2030 einen „wachsenden Mangel an Lehrlingen und zugleich einen wachsenden Überhang an Akademikern“ ausmacht. Vier Millionen Arbeitsplätze im Bereich der „nicht akademischen Fachkräfte“ könnten nicht wieder besetzt werden. Gleichzeitig werde es einen Akademikerüberhang von einer Million nicht vermittelbarer junger Menschen geben.

In Frankreich, wo sich die Sozialistische Partei in den Achtzigerjahren zum Ziel setzte, dass 80 Prozent eines Jahrgangs im Jahr 2000 Zugang zu akademischer Bildung haben sollten, endete das in einer tiefen Krise. Drei Viertel der Franzosen, so Nida-Rümelin, selbst SPD-Mitglied, lange Jahre Leiter von deren Grundwertekommission und Kulturstaatsminister der rot-grünen Bundesregierung Gerhard Schröders, hätten zwar die Hochschulberechtigung, aber die Hälfte von ihnen scheitere im Studium. Wer die Berufsausbildung beschädige, der demoliere auch die Qualität der Universitäten und der Forschung. Alles zum Preis der Mengen- und Massenideologie.

Nida-Rümelin macht sich mit derlei Feststellungen wenig Freunde in der Bildungsindustrie, bringt sich aber in die Nachfolge zu Wilhelm von Humboldt: Bildung ist kein Selbstzweck, sondern muss sich am Glück derer messen, die sie erfahren.

Man möge sich, so Nida-Rümelin, nicht auf die eifrig gesammelten Daten und die „regelmäßige Präsentation interessanter Statistiken“ verlassen, die McKinsey, die OECD oder das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) unters Volk bringen. Denn die Grundlagen für das Rattenrennen nach mehr Diplomen sind nicht geklärt: „Nach welchen Maßstäben bewerten wir den Erfolg oder den Misserfolg eines Bildungssystems?“, fragt er stattdessen.

Es seien drei Wertmaßstäbe, um die es hier gehe, sagt der Philosoph: „Erstens: Trägt das Bildungssystem dazu bei, dass junge Menschen gut in einen Beruf finden? Zweitens: Ermöglicht es eine inklusive Gesellschaft, eine Gesellschaft, die nicht ausgrenzt, sondern einbezieht, die sozial mobil und demokratieverträglich ist?“ Das, so führt er weiter aus, sei schon mal die Frage, wenn man jemanden mit einem Meistertitel weniger schätze als einen Bachelor-Absolventen – was unter Bessergebildeten zweifelsohne der Fall sei. Und drittens: „Wird zu Persönlichkeiten gebildet, die in der Lage sind, auch in schwierigen Situationen ihr Leben zu meistern, Autorin oder Autor ihres Lebens zu sein?“

Das sind handfeste, reelle, brauchbare Fragen. Führt das Bildungssystem den Einzelnen dazu, selbstständig zu leben, eigenständig zu entscheiden?

Die Akademisierung garantiert von alledem nichts, sagt Nida-Rümelin. Das Versprechen, je mehr formale Bildung, desto mehr Teilhabe – es stimmt schon lange nicht mehr. Im Grunde ist das den Menschen klar, wie die Reaktionen auf einen beiläufigen Tweet des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber von Anfang Juli dieses Jahres zeigten. „Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, brauchen Sie keine drei Minijobs“ – das kam nicht nur bei Minijobbern mit – formal „ordentlicher“ Ausbildung – nicht gut an, sondern bei allen, die längst begriffen haben, dass Vollbeschäftigung, die Morgengabe der Industriegesellschaft, Vergangenheit ist. Und dass der als Naturgesetz missverstandene Zusammenhang zwischen Ausbildung und gesellschaftlich „garantierter“ materieller Teilhabe einfach nicht mehr besteht.

Ein Grund, nicht der einzige, ist die Logik der Transformation. Im Sommer 2006 hat der amerikanische Gymnasiallehrer Karl Fisch in einer Präsentation die Frage „Wussten Sie schon …“ gestellt und unter anderem den erstaunten Zuhörern gezeigt, was alles längst im Gange ist: 10 bis 14 Jobs werden die Schüler allein bis zu ihrem 38 Lebensjahr haben. Und noch wichtiger: Seine Aktualisierung im Jahr 2010 zeigte, dass es die zehn meistgefragten Berufe des Jahres 2010 sechs Jahre zuvor noch gar nicht gegeben hatte. Es bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als Lernen zu lernen, die Fähigkeiten zu schärfen, mit Neuem unverkrampft und ohne Vorurteile umzugehen.

Dabei hilft ein konservativer Bildungskanon so wenig wie das scheinbar progressive Anspruchsdenken, nach einem Studium das Recht darauf zu haben, einen bestimmten Beruf zu bestimmten Konditionen – natürlich lebenslang und sicher – ausüben zu können. Die Grundlagen stimmen nicht, und das macht die Leute unglücklich. Die Reaktion des alten Bildungssystems ist: mehr vom Gleichen, mehr Auswendiglernen, mehr Druck – mehr Überforderung ohne Not. Wo das Abitur und der Hochschulabschluss die Norm sind, so Nida-Rümelin, seien die „Handwerker, Kaufleute, Techniker“ die Loser. „Wir produzieren Bildungsverlierer“, schreibt er, „Gescheiterte.“ Zumindest nach den Bewertungskriterien der Bessergebildeten. Die materielle Realität – und auch die soziale – ist allerdings eine andere, wie der Professor sagt: „Die Tochter einer Germanistin, die als Goldschmiedin mit Meisterprüfung das Dreifache ihrer Mutter verdient, ist keine Bildungsabsteigerin.“ Auch wenn sie von den Bildungsstatistikern der OECD so kategorisiert wird.

Die Krux dieses Bildungsbegriffs ist, dass er einerseits, wie in der Industriegesellschaft gelernt, die richtige Qualifikation für den Abnehmer liefern will, die Wirtschaft. Und andererseits als nächsthöhere Stufe nur die reine Geistesarbeit kennt.

Wohin das führt, weiß Professor Martin Leitner, Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften München nur zu gut. Die Hochschule wird zwar weltweit gerühmt, aber Techniker und Maschinenbauer, das seien, sagt Leitner, für viele Kollegen aus den Geisteswissenschaften „halt immer noch die Dampfkesselprofessoren, wie man sie früher hochmütig verspottet hat“. Dahinter stecke ein „romantischer Genie-Begriff jenseits aller Realität. Es geht um die Aufrechterhaltung der moralisch-geistigen Lufthoheit im Bildungsbereich – und da ist alles, was Nutzen und Zweck stiftet, irgendwie suspekt.“ Wir lernen: Auch der scheinbar zweckfreie Bildungskanon hat seine Dogmen. Leitner erkennt darin einen geradezu „religiös motivierten Wissenschaftsbegriff“, der dann zu Dingen führe wie den „March for Science“. Gut gemeint sei das ja, gegen die Repressionen Donald Trumps und seiner Spießgesellen, doch die Kampfparole, „dass es zu Fakten keine Alternative gibt“, sei trotzdem falsch, sagt Leitner. „Wissenschaft erzeugt ständig Alternativen zu bestehenden Fakten, das ist ihr Zweck. Wer aufhört, kritisch zu hinterfragen, ob das, was ist, auch so bleiben muss, der hat aufgehört, Wissenschaft zu betreiben.“ Das ist in der gegenwärtigen Bildungsdebatte kein Nebenkriegsschauplatz.

8 Die Weiterentwicklungshelfer

Wenn die Zeiten schwieriger werden, wachsen die Dünkel, das ist nichts Neues. In Siegfried Kracauers famoser Studie aus den Dreißigerjahren werden aus den verunsicherten Dienerklassen des Kaiserreichs „Die Angestellten“, die höchsten Wert auf die formale Unterscheidung zur Arbeiterschaft legen. Sie sind die ohne Klassenbewusstsein, die gern mit ihren Herrschaften auf „Augenhöhe“ reden. 

Die Bessergebildeten haben sich kaum geändert seitdem, aber sie sind mit ihren formalen Abschlüssen nicht zu den „Autoren ihres Lebens“ geworden, wie Nida-Rümelin den Kern aller Bildungsbestrebungen richtig benennt. 

Wie das geht, erfährt Martin Leitner immer wieder: „Begeisterung beim Lernen schlägt alles. Wenn Menschen ihre eigenen Projekte und Ziele leben, dann werden sie ein gutes Leben haben. Dafür ist Bildung da. Die Bildungseinrichtungen sind dazu da, um das möglich zu machen. Wir sind Weiterentwicklungshelfer.“

Bildung hat, das ist die Quintessenz, den Zweck, selbstständig zu werden, im eigentlichen Sinne. Das ist die Fähigkeit, sich weitgehend selber helfen zu können, weil man gelernt hat, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Es bedeutet nicht, dass man ein fremdes Leben auswendig lernt, um dann festzustellen, dass der Text nicht passt. -