Hüttinger Museumspädagogik

Wie vermittelt man naturwissenschaftliches Wissen? Ein fränkischer Mittelständler hat eine handfeste Antwort.





• Mit Axel Hüttingers Objekten kann man Getriebe aus großen bunten Zahnrädern bauen, Pendel in Schwung bringen, sich kleine Stromschläge verpassen lassen oder Gegenstände auf rotierende Scheiben stellen, wo sie in die erstaunlichsten Bewegungen geraten. Das sieht lustig aus, und Physiklehrer wären in der Lage, über die Kräfte, die da wirken, lange Vorträge zu halten. Die Exponate, die Hüttingers Unternehmen für große und kleine Ausstellungen entwickelt und herstellt, machen aber mehr Spaß als Frontalunterricht.

Hüttinger und sein Bruder Jörg machen in ihrem Unternehmen in Schwaig bei Nürnberg mit 120 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa 15 Millionen Euro, fast doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Die Firma ist mittlerweile der größte deutsche Hersteller von Exponaten für Science Center. Die Brüder klappern solche Museen seit mehr als einem Jahrzehnt ab, um die Objekte dort zu fotografieren, systematisch zu erfassen und zu analysieren. Diese Datenbank ist ihr wichtigster Ideenlieferant. Außerdem laden sie regelmäßig Schüler zur Evaluation ein. Gerade probieren Jugendliche zwei Dutzend Exponate für ein geplantes Science Center in Tomsk, Sibirien, aus. Falls die Testkunden gelangweilt wären, statt auszuprobieren, was man mit den Magnetfeldern, den Papierkegeln im Luftstrom und den rotierenden Scheiben alles anstellen kann, hätten die Entwickler etwas falsch gemacht. Nicht ganz unwichtig ist, dass das Technik-Spielzeug mit den Worten eines 17-Jährigen „geil“ aussieht – ziemlich futuristisch und nicht wie langweilige Labor-Utensilien. Ein anderer Jugendlicher sagt: „In der Schule lernt man erst die Theorie, hier erlebt man als Erstes die Faszination, und dann kommt von selbst die Frage, wie das funktioniert.“

Michel Junge, Leiter des größten deutschen Science Centers Phaeno in Wolfsburg, ist einer der Kunden der Franken. Über sein didaktisches Konzept sagt er: „Es geht uns um den Spaß am Denken, Spaß daran, sich die Dinge genau anzuschauen. Wenn Sie gelernt haben hinzusehen, erleben Sie immer mehr.“ Wenn er und seine Kollegen neue Objekte entwickeln, überlegen sie, wie sie Naturgesetze in Erfahrungsmöglichkeiten übersetzen können. Aber auch, wie sich Besucher irritieren lassen. Zum Beispiel mit dem Bernoulli-Ball, benannt nach der gleichnamigen physikalischen Versuchsanordnung. Ein großer Ball schwebt über einem Gebläse in der Luft. „Das weckt Neugier, zuerst denkt man, dass er an einem Faden hängt, aber er schwebt frei im Raum“, sagt Junge. „Wenn man ihn antippt, fällt er runter, man versucht, ihn wieder im Luftstrom zu platzieren, das klappt nicht immer sofort, man spürt den Luftstrom, man dreht den Ball und sieht, wie er sich im Luftstrom bewegt. Wenn Sie genauer wissen wollen, was da geschieht, können Sie den Bernoulli-Effekt googeln oder einen Physiklehrer fragen. Aber zunächst erleben Sie bei uns, wie man den Ball im Luftstrom hält und wie einfach das geht.“

Hippies mit Spieltrieb

In angelsächsischen Ländern sind solche Labore längst Standard. Inzwischen gibt es weltweit etwa 1500 größere Science Center für verschiedene Themen und Zielgruppen. Das erste seiner Art entstand 1969 in San Francisco und heißt Exploratorium. Sein Gründer Frank Oppenheimer war ein früherer Atomphysiker und der Bruder von Robert Oppenheimer, Mitentwickler der Atombombe. Im Exploratorium muss eine frühe kalifornische Synthese aus Hippie-Kultur, Experimentierfreude und avancierter Naturwissenschaft geherrscht haben, der gleiche Geist, der ein paar Jahrzehnte später das Silicon Valley groß gemacht hat.

Auf Fotos aus den frühen Jahren des Exploratoriums sieht man leicht bekifft wirkende Nerds, die abenteuerliche Konstruktionen bauen, um physikalische Phänomene wie die Schwerkraft, die Wirkung von Rotationskräften oder die Brechung von Licht erfahrbar zu machen. Den Zusammenhang zwischen Beschleunigung, Masse und Geschwindigkeit demonstriert zum Beispiel eine riesige Rutsche, die heute allein aus Sicherheitsgründen keine Chance auf einen Platz im Museum hätte.

Einerseits: ein großer Spaß! Andererseits: der erste Schritt zur Erkenntnis, dass Menschen am besten durch gemeinsame Erlebnisse lernen. Frank Oppenheimer ist Hüttingers großes Vorbild – „ein harter Physiker, der sich zum radikalen Didaktiker entwickelt hat“.

Mit dem Staunen, das die Objekte auslösen, fängt alles an – aber danach gehen die Fragen erst richtig los. Das unterscheidet Hüttingers Exponate von spektakulären Museums-Inszenierungen. Es geht nicht um unterhaltsame Knalleffekte, sondern um die Gesetze von Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Axel Hüttinger hat wie sein Bruder Maschinenbau studiert und kann sich auf seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse verlassen, wenn er mit Wissenschaftlern neue Exponate entwickelt. Das Design sei wichtig, aber nur Mittel zum Zweck. „Wir sehen uns im Kontext der formalen Bildung in der Schule, im Kindergarten oder in der Universität.“

Auch unter Interaktion versteht Hüttinger etwas anderes als die in vielen Museen üblichen Touchscreens. Denn mit ihnen kann man nur zuvor eingespeicherte Bilder und Texte abrufen. Echte Interaktion fängt für Hüttinger erst an, wenn der Besucher „durch eigenständiges Tun selbst Wissen generiert. Und wenn er am Ende mehr Fragen hat als davor, umso besser.“ Als Beispiel nennt er eine Konstruktion, die das Fließverhalten von Wasser untersucht: Eine Schleuse regelt, wie viel Wasser wie schnell über eine Neigung fließt, eine Webcam filmt das Ganze und erzeugt so Messdaten, die sich mit veränderten Parametern wie Neigungswinkel oder Wasserdruck ändern. Das ist nicht nur ergebnisoffen und lässt viele Handlungsmöglichkeiten zu, es entspricht auch echter Forschung: beobachten, variieren, messen, verstehen.

Auch wenn es inzwischen hierzulande große Science Center gibt, setzen viele Museen nach wie vor auf Artefakte, die man nicht berühren darf. „Wenn Sie heute auf einer Konferenz mit Briten oder Amerikanern sprechen, merken Sie, was alles möglich ist“, sagt Hüttinger. „Die deutschen Museen hinken der Entwicklung hinterher. Für sie geht es immer noch um Sammeln, Bewahren, Forschen und die Schausammlung. Sie machen Ausstellungen über Wissenschaft, nicht aus der Wissenschaft.“

Daher macht der Unternehmer mittlerweile viele Geschäfte im Ausland, unter anderem in China. Lern-Labore passen zur Strategie der KP-Funktionäre, die Wirtschaft zu modernisieren. „Wir sagen ihnen, eure Schwäche ist die nicht vorhandene Kreativität“, sagt Axel. Hüttinger. „Ein Science Center kann Kreativität fördern.“

In Fuyang, rund 180 Kilometer von Schanghai entfernt, hat seine Firma ein Zentrum ausgestattet, in dem die Grundlagen von Mathematik, Physik, Chemie und Anwendungen in Kommunikationstechnik und Maschinenbau erfahrbar werden.

Der nächste Schritt ist ehrgeizig: Hüttinger will ein ganzes Gebäude zum Exponat machen. In der Wüstenstadt Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten plant er gemeinsam mit Wissenschaftlern des Zentrums für angewandte Energie-Technik ein Null-Energie-Haus. In den Entwürfen sieht es aus wie eine futuristische Kommandozentrale aus einem James-Bond-Film. Oder, um den Schüler noch einmal zu zitieren: „Geil.“ ---