Fischertechnik

Über Industrie 4.0 wird viel geredet, aber nur wenige können sich etwas darunter vorstellen. Nun hilft Fischertechnik beim Begreifen.





• Die Fabrik der Zukunft funktioniert so: Man bestellt von irgendwoher online ein Produkt und löst damit einen automatischen Prozess aus. Ein Vakuumgreifer holt den Rohling in der gewünschten Farbe aus dem Hochregal-Lager und setzt ihn aufs Band. Das Werkstück wird durch die Fabrik befördert, auf verschiedene Weise bearbeitet und schließlich zum Selbstabholen oder Versand bereitgestellt. All das läuft in der mit Sensoren versehenen und computergesteuerten Spielzeug-Fabrik aus Fischertechnik-Bausteinen ab. Der für die Entwicklung mit zuständige Alexander Steiger, 37, führt das im Besucherzentrum des Unternehmens in Waldachtal im Nordschwarzwald vor.

Zur Wirklichkeitstreue trägt die Verbindung zur Cloud von SAP bei, dank der sich die Fertigung in Echtzeit verfolgen lässt. Der Software-Konzern und der Spielzeughersteller kooperieren neuerdings, um zu demonstrieren, wie eine vernetzte Fabrik arbeitet. Die Miniatur-Version ist mit einem Preis von rund 3500 Euro zwar viel teurer als gewöhnliches Spielzeug, aber viel billiger als eine Industriemaschine – und fehlertoleranter.

Fischertechnik wird schon seit Jahrzehnten nicht nur in Kinderzimmern, sondern auch in Unternehmen zu pädagogischen Zwecken eingesetzt. So in der Lehrwerkstatt der Mutter-Firma, wo zwei angehende Verfahrensmechaniker für Kunststoff und Kautschuk dem Besucher erklären, was man mit dem 3D-Drucker von Fischertechnik alles herstellen kann. Die Jugendlichen fangen mit solchem Spielzeug an, bevor sie an richtige Maschinen dürfen.

Technik spielerisch vermitteln, das ist die Mission der Firma. Sie geht auf eine Idee von Artur Fischer zurück, dem legendären Erfinder des Spreizdübels. Er beschloss in den Sechzigerjahren, nicht mehr seine Geschäftspartner zu Weihnachten zu beschenken, sondern deren Kinder. Zu diesem Zweck goss er aus dem Dübel-Grundstoff Polyamid Bausteine mit Zapfen und Rillen, die sich verbinden ließen. Der Konstruktionsbaukasten kam beim Nachwuchs so gut an, dass er von 1966 an als eigenständiges Produkt verkauft wurde.

Modelle für die Industrie produzieren die Schwaben seit 1982. Sie bemühen sich, mit ihrem Spielzeug stets auf der Höhe der Zeit zu sein. So wurde 1985 Computertechnik in die Baukästen integriert, 1997 Solartechnik, 2009 die Brennstoffzelle und 2016 der 3D-Druck.

Marcus Keller, der Geschäftsführer von Fischertechnik, verrät keine Zahlen, nur dass der Umsatz im vergangenen Jahr zweistellig gewachsen und die GmbH „kerngesund“ sei. Die Kooperation mit SAP sei „eine Auszeichnung“ – so etwas kann selbst das übermächtige Lego nicht vorweisen. Neben Hightech hat der 48-Jährige auch Lowtech für die Jüngsten im Angebot: ein Material zum Formen aller möglichen Gegenstände; sie nennen es Fischer Tip. Es besteht aus Kartoffelstärke – Fehlkonstruktionen können aufgegessen werden. ---

Artur Fischer gründet 1948 in Hörschweiler seine Firma, die zunächst unter anderem elektrische Feuerzeuge herstellt. 1949 erfindet er den Synchronblitz und zieht in den Nachbarort Tumlingen, wo sich nach wie vor die Firmenzentrale befindet. Den Durchbruch schafft er mit dem Spreizdübel, heute ist das Unternehmen führend bei Befestigungen und Verbindungen auf dem Bau. 1980 übernimmt der Sohn Klaus Fischer die Leitung. Er treibt die Internationalisierung voran und erschließt neue Geschäftsfelder. So zählt zur Gruppe heute neben Fischertechnik und einem Automobilzulieferer auch eine Beratung, die andere Unternehmen bei der Verbesserung von Prozessen unterstützt. Der Kampf gegen Verschwendung ist neben der Tüftelei – Fischer hält mehr als 1500 Schutzrechte – das große Thema der Schwaben. So soll die Produktion dank Digitalisierung jedes Jahr deutlich effizienter werden.

Unternehmensgruppe Fischer

Mitarbeiter: ca. 4600
Umsatz (2016): 755 Mio. Euro
Dübelproduktion pro Tag: mehr als 10 Mio.