Wie gerecht ist eigentlich Gleichheit?

Und was genau sind Gleichheit und Gerechtigkeit noch mal?





• Wenn wir Emanzipation sagen, denken wir über Gleichheit nach und damit immer auch über Gerechtigkeit. Diese Begriffe sind mehrdeutig. Mit der Aufklärung hat sich die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen emancipatio verschoben. Damit meinte man früher die Entlassung aus der Leibeigenschaft, also das Gewähren von Selbstständigkeit durch eine Autorität, einen Herrn, Vater, Machthaber oder eine Regierung.

Dabei wird die Autorität nicht angetastet, sie gewährt eben nur Freiheit und Rechte, behält aber selbst die Macht, jederzeit auch anders entscheiden zu können. Emanzipation im aufgeklärten Sinne bedeutet etwas grundlegend anderes, nämlich die Selbstermächtigung, frei und selbstständig entscheiden zu können – ohne Souverän.

Das ist zunächst noch nicht geschlechterspezifisch gedacht und am klarsten in Immanuel Kants berühmter Definition von Aufklärung formuliert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung des anderen zu bedienen.“

Frauen unterstellte man diese Unmündigkeit über Jahrtausende hinweg, als sei sie naturgegeben. Sie galten als geistig nicht gleichberechtigt und deshalb auch in allen anderen Lebensfragen und Geschäften nicht in der Lage, mit Männern mitzuhalten. So einflussreich etwa in den USA und Großbritannien die „Suffragettenbewegung“ auch in der Presse und in politischen Zirkeln war, für die Gleichberechtigung waren die beiden Weltkriege von 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 wohl entscheidender. Frauen dominierten in der Kriegswirtschaft die Produktion, und sie ersetzten Männer auch im Büro – vor dem Ersten Weltkrieg kaum vorstellbar. Nach 1945 war das schwer rückgängig zu machen – auch wenn es versucht wurde. In der Bundesrepublik Deutschland etwa musste eine Frau bis zum Juli 1977 ihren Mann fragen, ob sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen dürfe. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) formulierte: „Sie (die Frau, Anm.) ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Nun ist unsere Vorstellung von Gerechtigkeit seit dem 19. Jahrhundert vor allen Dingen eine materielle, es geht also um Teilhabe und Zugänge. Dabei hat sich die Interpretation der sozialen Bewegungen durchgesetzt. Der Haken bei dieser Definition ist aber eingebaut: Gerecht ist, was gleich ist. Gleichheit ist im System der „sozialen Gerechtigkeit“ der wichtigste Maßstab. Man darf allerdings bezweifeln, ob das der Selbstermächtigung dient – oder nicht vielmehr das Gegenteil davon befördert.

Der ursprüngliche Sinn des Wortes Gerechtigkeit, im Althochdeutschen „gireht“, ist „passend“ oder „angemessen“. Gerecht ist in diesem Sinne, was der oder dem, dem Gerechtigkeit widerfährt, entspricht. Gerechtigkeit ist letztlich individuell. Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf hat das in ihrem Essay „A Room of One’s Own“ (Ein Zimmer für sich allein) aus dem Jahr 1929 klargemacht. Dabei tritt sie der in der Zwischenkriegszeit noch verbreiteten Vorstellung entgegen, Frauen seien für geistige Arbeit (Wissensarbeit) nur in Ausnahmefällen geeignet. Woolf wendet ein, dass man, um richtig gute geistige Arbeit zu leisten, eine finanzielle Grundausstattung – von damals 500 Pfund im Jahr – und ein eigenes Zimmer haben müsse, also das Recht, sich auf seine Talente zu konzentrieren. Es geht demnach um Selbstbestimmung.

Wichtig ist, dass Woolf auf die uns so vertraute Vorstellung von Gerechtigkeit als rein sozial verzichtet. Denn bei ihr geht es nicht um Frauen aus der Unterschicht, sondern um „Ladies“ aus den besseren Kreisen, die mit reichen Männern verheiratet sind oder selbst ein großes Vermögen besitzen – aber nicht darüber verfügen können, weil ihnen das nicht gestattet wird. So sitzen kluge Menschen mit Ideen, die das „Pech“ haben, Frauen zu sein, in riesigen Villen, ohne ein eigenes Arbeitszimmer zu haben – das bei Woolf zum Symbol wird. Sie fordert keine „Teilhabe“, sondern das Recht auf Selbstbestimmung. Sie will keine Alimente, sondern ein eigenes Leben. Mit eigenen Chancen und Risiken.

„Das eigene Zimmer“ wird mit ihrer Verfasserin ein Leitbild für die Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir, deren Buch „Das andere Geschlecht“ im Jahr 1949 für weltweites Aufsehen sorgt. „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“, einer der Schlüsselsätze. Er verweist darauf, wie stark Erziehung und soziale Rolle wirken. Und das heißt auch: Gerechtigkeit ist nicht das Ergebnis von Verordnung, Parolen und Ideologien, sondern der Selbstermächtigung der Person. Dafür wurde – ein Jammer, denn es führt zu Missverständnissen – der Begriff des „Gleichheitsfeminismus“ verwendet.

Dabei geht es gerade hier um die Möglichkeit, sich zu unterscheiden, denn das Ziel ist, so beschreibt es die deutsche Wikipedia, „die Aufhebung sämtlicher geschlechtsspezifischer, gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten und Unterschiede, um so den Menschen zu ermöglichen, nach ihren individuellen Fähigkeiten und Vorlieben zu leben, statt nach gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen.“

Gerechtigkeit ist Selbstermächtigung, Selbstbestimmung und – das gilt materiell ganz besonders – Selbstständigkeit.

Der Kampf um Gerechtigkeit ist nicht allein ein Kampf dafür, auch sein Stück abzubekommen. Es ist ein Kampf um das Recht, sein zu dürfen, wer man ist. Diese Persönlichkeit zu entwickeln und für deren Unabhängigkeit zu arbeiten, sich also weder vom Anderen noch von Anderen alimentieren zu lassen. Selbstständigkeit ist das Schlüsselwort beim Thema Gerechtigkeit, Gleichheit und Emanzipation – und wohl gerade deshalb verpönt, weil es mit den einfachen alten Denkmustern nicht vereinbar ist.

Aber es bleibt dabei: „Wie für einen Mann führt auch für eine Frau der einzige Weg zu sich selbst über schöpferische Arbeit“ – so formulierte es die in den Sechzigerjahren stark rezipierte Feministin Betty Friedan.

Die Amerikanerin wurde dafür – und für ihre treffende Wortschöpfung Selbstbefreiung – von allen Seiten angegriffen. Aber derlei war schon immer eine Auszeichnung im Kampf um Gerechtigkeit. Bei der geht es nicht um Ideologie und Diskriminierung des jeweils anderen, sondern darum, sie und ihn sein zu lassen. Um Menschengerechtigkeit also. ---

Human Diversity is a resource, not a handicap Margaret Mead