Partner von
Partner von

Wie führen Frauen?

Vier Unternehmerinnen geben Auskunft.





Die Diplom-Ingenieurin Sonja Jost, 37, hat das Berliner Chemie-Unternehmen Dexlechem 2013 mit drei Partnern gegründet. Heute trägt sich das Unternehmen mit acht Mitarbeitern und sechsstelligem Umsatz selbst und hält Patente in den USA, Japan, der EU, Israel und China.

Kultur

Dexlechem bekommt heute Bewerbungen von Männern, die sich bewusst für ein von einer Frau geleitetes Unternehmen entscheiden. Ein in der Firma angestellter Physiker sagte Jost, dass er nach seiner Promotion keine Lust mehr auf das Macho-Gehabe und die Ellbogenkultur gehabt hätte, die aus seiner Sicht in der Industrie noch weit verbreitet seien.

Netzwerk

Die Einsicht, dass ein höherer Frauenanteil einem Unternehmen guttun kann, hat sich inzwischen auch in Konzernen durchgesetzt. Aber der Wandel vollzieht sich langsam. „Der Innovationschef einer großen Chemiefirma sagte mir, ein Fehler der Unternehmen war, Frauen zwar schnell zu befördern, sie dabei aber relativ allein zu lassen“, sagt Jost. „In ihrer neuen Funktion sind sie dann sehr schnell aufgelaufen, weil sie nicht die nötigen Netzwerke hatten. Frauen sind oft nicht so gut im Netzwerken. Mich hat das früher überhaupt nicht interessiert. Schon im Studium waren viele der männlichen Studierenden da sehr zielgerichtet. Ich musste das mit der Firmengründung regelrecht lernen. Am Anfang hat es mich echte Überwindung gekostet, zu einer Veranstaltung zu gehen, bei der ich niemanden kenne und wo 95 Prozent Männer sind, die sich alle kennen. Aber da muss man durch, und irgendwann kennt man die Leute und findet Verbündete.“

Die Volkswirtin Margit Dietz, 58, leitet mit ihrem Bruder in vierter Generation das Straßen- und Tiefbauunternehmen Jean Bratengeier im hessischen Dreieich. Es hat 160 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von etwa 30 Millionen Euro.

Konkurrenz

Margit Dietz sagt: „In meiner Generation war der Wettbewerb eher eine männliche Geschichte. Als Frau war man lieb und nett, und dann wird man auch gemocht. Damit klarzukommen, dass Wettbewerb normal ist und nichts mit der eigenen Person zu tun hat, ist mir am Anfang schwer gefallen. Ich musste erst mal verstehen, was da eigentlich passiert. Man muss die Regeln verstehen, dann kann man sie ja brechen. Frauen haben eine andere Art, Machtkämpfe auszutragen, sie machen das nicht so offensichtlich.“

Baustelle

Der Frauenanteil bei Jean Bratengeier liegt bei zehn Prozent. Für die Bauleitung sind auch Ingenieurinnen zuständig. Das Bauen ist technischer geworden, die Pläne sind heute detaillierter. „Es geht nicht mehr vor allem um Muskelkraft, es kommen viel stärker Maschinen zum Einsatz. Es ist kein Thema, dass die Bauleiterin einem Polier Ansagen macht. Die machen mal ihre Späße und testen, wie weit sie gehen können. Aber wenn jemand versucht, eine Vorgesetzte auflaufen zu lassen, wird es eng. Das wird hier nicht toleriert.“

Hierarchie

Die Hierarchie im Unternehmen hilft in Dietz’ Augen den Frauen in Führungspositionen: „Das ist ehrlicher, man muss nicht permanent die Positionen neu auskämpfen. Die Frauen, die sich durchgebissen haben und ihre Position ausfüllen, sind Vorgesetzte, Punkt. Die Funktion zählt, nicht das Geschlecht.“

Karriere

Der Kulturwandel verläuft langsam, aber stetig, beobachtet Dietz. „Jüngere Frauen haben ein größeres Selbstbewusstsein. Es ist für sie selbstverständlicher, Karriere machen zu wollen, als es für Frauen meiner Generation war. Ich hatte viel weniger Vorbilder und Beispiele dafür, wie ich das alles unter einen Hut bringen soll. Es gab schon die unausgesprochene Erwartung, dass man sich eher für das Kind als für die Karriere entscheiden sollte.“

Viola Klein, 58, hat 1994 mit einem Partner in Dresden das heutige Software- und Beratungsunternehmen Saxonia Systems AG gegründet. Das inhabergeführte Unternehmen wird 2017 mit 235 Mitarbeitern einen Umsatz von etwa 35 Millionen Euro machen.

DDR

„Die Frauen im Osten waren selbstbewusster“, sagt Viola Klein. Ihre Mutter war Betriebsdirektorin einer Taschenfabrik mit etwa 50 Mitarbeitern. „Meine Mutter war immer selbstbestimmt, sie war sicher ein Vorbild. Für mich war immer klar, Mädchen können alles.“ Als Klein im Jahr 1991 zur Weiterbildung in das Frauentechnikzentrum nach Hamburg kam, wunderte sie sich über die westdeutschen Frauen. „Viele waren Hausfrauen und Mütter, sonst nichts. Ich dachte nur, um Gottes Willen, wie ist denn die Bundesrepublik mit diesen Frauen so weit gekommen? Ich war alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und habe diese Weiterbildung gemacht. Wie das geht, konnten die nicht verstehen.“

Sprache

Sehr skurril fand Klein im Frauentechnikzentrum die Debatten über die „männliche Sprache“. Zwecks genderkorrekter Ausdrucksweise sollte der Computer „die Compute“ heißen. Klein musste lachen: „Ich hatte keine Ahnung, was die meinen. Ich finde das nur gekünstelt und gestellt. Die Prioritäten dieser Frauen sind völlig anders als meine. Die Weltanschauung von Leuten, die die Welt nicht begreifen, das ist schwierig. Für mich geht es um echte Gleichberechtigung, nicht um irgendwelche Wortendungen.“

IT

Als das Frauentechnikzentrum plant, eine Dependance in Dresden zu eröffnen, wird Klein zur ortskundigen Beraterin, später steigt sie bei der Weiterbildungsfirma eines Bekannten, ihres späteren Mitgründers, ein. Sie spezialisieren sich auf IT- und Managementberufe. Der Bedarf ist groß, sie verdienen gut. 1994 haben sie genug Geld und Kontakte, um eine Softwarefirma zu gründen, am Anfang als Vertriebs- und Schulungspartner, unter anderem von Microsoft und Hewlett-Packard.

Augenhöhe

„Dass man als Frau erst mal nicht für voll genommen wird, ist wahrscheinlich in den meisten Branchen so, außer vielleicht in einem Nagelstudio. Das habe ich auch erlebt. Heute kann ich darüber nur noch müde lächeln, aber ab einem bestimmten Level passiert so was nicht mehr. Ich war oft die Quotenfrau, aber das war mir egal. Wenn Männer ein seltsames Frauenbild haben, ist das erst mal das Problem der Männer. Inzwischen kommt ja auch Neid hinzu“, sagt Viola Klein. „Ich glaube, dass man merkt, wenn eine Frau zum Management gehört. Frauen hören oft besser zu. Wir sprechen im Recruiting ganz gezielt Frauen an: Der Idealfall für mich wäre, wenn in jedem Entwicklerteam von acht oder zehn Leuten mindestens eine Frau dabei ist. Der Umgangston ist ein anderer, die Leute sind freundlicher miteinander.“

Ehrgeiz

Mit 24 Prozent ist der Frauenanteil im Unternehmen nach Ansicht von Klein zu niedrig, auch in den Führungspositionen. „Das liegt auch daran, dass sich viele Frauen nicht trauen. Vor lauter Nettsein-Wollen fehlt dann der Ehrgeiz. Eine Entwicklerin vom Entwickeln wegzukriegen und in eine Führungsfunktion zu bringen ist schwierig.“

 

Die Ingenieurin Larissa Zeichhardt, 37, führt gemeinsam mit ihrer Schwester die LAT-Gruppe. Das Berliner Unternehmen ist auf Gleisbauten, Funkanlagen und Videoüberwachungstechnik für den Zugverkehr spezialisiert. 120 Mitarbeiter erwirtschaften jährlich einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich.

Kinder

Als Larissa Zeichhardt im Jahr 2014 ihr erstes Kind erwartete, arbeitete sie bei einem großen Verpackungskonzern. Die Reaktion der Personalleiterin: Herzlichen Glückwunsch, Ihre Karriere ist zu Ende. Aber ihr Chef im Vorstand hatte Verständnis für die Situation, seine Frau hatte trotz Kindern Karriere gemacht. „Ohne diesen Vorstand hätte ich wahrscheinlich aufgegeben“, sagt Zeichhardt. „Er hat mich befördert, als ich schon schwanger war. Damit hat er dafür gesorgt, dass ich für eine Sache brenne und in den Konzern zurückkommen will. Das war sehr smart, das mache ich bei uns im Unternehmen jetzt auch so. Ich will, dass eine Mitarbeiterin mit einem kleinen Kind motiviert bleibt. Dafür muss ich ihr Aufgaben geben und für Flexibilität sorgen. Mein damaliger Chef hat mich im Kommunikationsfluss gehalten, ohne mich zu stressen. Mit einer oder zwei Frauen im Vorstand, die diesen Weg schon gegangen sind, sind die Chancen größer, dass man in so einer Situation eine gemeinsame Lösung findet. Deshalb bin ich heute für die Quote, obwohl ich solche Instrumente als Unternehmerin eigentlich fürchterlich finde.“

Aussehen

Hat es auch Vorteile, als Frau in einer Männerbranche aufzufallen? „Wenn ich bei einem Branchentreff schon als blonde Frau wahrgenommen werde, nutze ich das als strategischen Vorteil, so abgezockt muss man schon sein“, sagt Zeichhardt. „Natürlich stelle ich mich bei einer Messe an den Vorstandstisch eines Konzerns, mir hat noch nie ein Mann gesagt, hier ist kein Platz. Sie können sich ruhig über die Blondine freuen, ich habe Inhalte, über die ich reden will. Und wenn man auf diese Weise schneller ins Gespräch kommt, umso besser. Wenn man sich nicht traut und nur rumsteht, wird man bloß als Deko wahrgenommen.“

Handwerkerinnen

Die Baubranche hat ein Personalproblem: Die Unternehmen finden nicht genug gute Handwerker. „Wir sehen, dass Frauen stolz darauf sind, als Handwerkerinnen zu arbeiten – das ist für viele ein neues Feld“, beobachtet Larissa Zeichhardt. „Wir haben jetzt zum ersten Mal eine Bauleiterin eingestellt. Es gibt ein paar Besonderheiten, zum Beispiel braucht man auf der Baustelle zwei Dixi-Klos, das ist ein Kostenfaktor. Jetzt gibt es endlich auch Sicherheitskleidung für Frauen. Aber der Aufwand lohnt sich. Ich glaube an gemischte Teams, auch auf der Baustelle. Die Bauleiterin bringt einen anderen Blick mit, auch weil sie ihre Rolle neu definieren muss. Wir haben sie gewonnen, weil sie in den Firmen, bei denen sie vor uns war, immer an den Schreibtisch geschickt wurde. Aber eigentlich wollte sie nicht den Papierkram machen, sondern draußen sein. Irgendwann hat sie mir gesagt, dass sie auch deshalb zu uns kommen wollte, weil zwei Frauen das Unternehmen leiten. Das fand ich klasse.“ ---