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Was wäre, wenn … es kein Bargeld mehr gäbe?

Ein Szenario.




• Am beliebtesten ist der Fünfziger: Mit rund 9,5 Milliarden 50-Euro-Scheinen macht er fast die Hälfte der insgesamt mehr als 20 Milliarden in der Eurozone umlaufenden Banknoten aus. Vor allem die Deutschen lieben Bargeld. Während in Schweden viele Geschäfte schon keines mehr annehmen und selbst die Verkäufer von Obdachlosenzeitschriften mobile Kartenlesegeräte bei sich tragen, werden hierzulande immer noch rund 80 Prozent aller Zahlungen in bar beglichen. Bei Beträgen bis zu fünf Euro liegt die Cash-Quote sogar bei 96 Prozent.

Doch was wäre, wenn das Bargeld abgeschafft würde? 58 340 Geldautomaten sind dann deutschlandweit überflüssig. Zumindest die, die ausschließlich Geld auszahlen können. Solche mit Einzahlungsfunktion dürfen in der Übergangsphase, in der Banken noch Bargeld entgegennehmen müssen, stehen bleiben. Abgesehen von den Automaten, halten sich die Folgen für Geldinstitute in Grenzen: „Die Banken hätten vermutlich am wenigsten Probleme mit einer Umstellung“, sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors. „Filialen mit klassischen Bargeldkassen werden sowieso immer weniger.“ Auch in den meisten Geschäften sei die technische Infrastruktur bereits vorhanden oder bei Bedarf schnell einzurichten: „Darauf muss sich niemand großartig vorbereiten und Notfallpläne in der Schublade haben.“

Die Vernichtung des aus dem Verkehr gezogenen Bargeldes – wie die rund 20 Milliarden Euroscheine und 124 Milliarden Münzen – stellt keine großen Probleme dar: Banknoten werden geschreddert und entweder verbrannt oder recycelt. Ein Münzquetscher vom Modell „Decoiner“ entwertet pro Stunde bis zu fünf Tonnen Münzen, die anschließend eingeschmolzen werden können. Die sechs Milliarden in Umlauf befindlichen 50-Cent-Münzen beispielsweise sind mit einer einzigen solchen Maschine in rund einem Jahr vernichtet.

Eine Folge: der gläserne Kunde

Händler und Gastronomen können ihre Bargeldkassen abbauen, sie arbeiten nur noch mit Lesegeräten für Bank- und Kreditkarten sowie zahlungsfähigen Geräten wie Smartphones. Zwar verlangen die Zahlungsdienstleister Gebühren für die Transaktionen, die zwischen 0,15 Prozent für Apple Pay und etwa 0,2 Prozent bei der Girocard und bis zu 1 Prozent bei Kreditkarten liegen. Dafür entfallen Kosten für Geldtransporte, Tresore und Versicherungen sowie Kosten für Münzgeldrollen, die von den meisten Banken nur noch gegen Gebühr ausgegeben werden. Da Kartenzahlung – vor allem seit für Beträge bis zu 25 Euro das „kontaktlose Bezahlen“ ohne PIN eingeführt wurde – schneller geht als Barzahlung und der Kassensturz am Schichtende entfällt, sparen Einzelhändler Personal und Kosten. Sie müssen sich auch keine Sorgen um Falschgeld machen.

Der Geldverkehr zwischen Privatpersonen lässt sich zumindest für diejenigen einfach umstellen, die ein Smartphone benutzen. Denn zahlreiche Apps (von Paypal über Cringle bis zur „Kwitt“-Funktion der Sparkassen-App) erlauben es, Geldbeträge an Freunde oder Bekannte zu senden – in der Regel gratis.

Dennoch ist man hierzulande skeptisch: Bei einer repräsentativen Umfrage gaben 84 Prozent an, niemals vollständig auf Bargeld verzichten zu wollen. Dabei gibt es durchaus Vorteile: Mit der Abschaffung des Bargeldes werden Steuerhinterziehung, Geschäfte der organisierten Kriminalität und Schwarzarbeit zwar nicht unmöglich, aber doch schwieriger. Denn während sich bargeldlose Zahlungen zurückverfolgen lassen, garantiert Bargeld Anonymität – zumindest bis zu einer seit Juni geltenden Obergrenze von 10 000 Euro, ab der man sich ausweisen muss. Sorge um die Privatsphäre ist deshalb auch die häufigste Antwort der Bargeldbefürworter. Nicht jeder möchte, dass jeder seiner Einkäufe erfasst wird. „Prostitution oder manche weiche Drogen sind beispielsweise vielerorts legal“, sagt Kenneth Rogoff, Wirtschaftsprofessor in Harvard und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. „Trotzdem werden Konsumenten oft stigmatisiert und sind deshalb daran interessiert, anonym bezahlen zu können.“

Rogoff gilt seit seinem Buch „Fluch des Geldes“ als Bargeldgegner – fordert darin aber ausdrücklich nur die Abschaffung großer Scheine, da diese kaum von Normalbürgern, sondern fast ausschließlich von Kriminellen genutzt würden. Für die Eurozone schlägt Rogoff vor, Fünfhunderter und Zweihunderter so schnell wie möglich abzuschaffen, die 100- und 50- Euro-Scheine ein paar Jahre später. „Ganz abschaffen sollten wir das Bargeld jedoch niemals“, sagt Rogoff. Allerdings könnte es selbst bei den Scheinen mit der Anonymität der Barzahler bald vorbei sein: Denn die Kosten für die Erfassung von Seriennummern sind mittlerweile so stark gefallen, dass eine Kontrolle des Bargeldverkehrs über das Tracking dieser Nummern mit wenig Aufwand möglich wäre.

Die Chancen einer anonymen Digitalwährung wie beispielsweise Bitcoin schätzt Kenneth Rogoff wiederum als sehr niedrig ein: „Sowohl Münz- als auch Papiergeld wurden im privaten Sektor erfunden, bevor der Staat die Hoheit darüber an sich nahm“, sagt er. „Bei digitalen Währungen wird es genauso sein. Kein Staat kann eine anonyme digitale Währung als Hauptzahlungsmittel zulassen. Und da der Staat die Regeln macht, wird er immer gewinnen.“

Eine der wichtigsten Konsequenzen der Abschaffung des Bargeldes betrifft die Finanzpolitik, denn es steht negativen Zinsen im Wege. „Solange ich mir für eine vergleichsweise geringe Gebühr einen Tresor mieten und dort mein Bargeld deponieren kann, bin ich vor Negativzinsen meiner Bank geschützt“, sagt Hans-Jörg Naumer von der Allianz. Es wäre zwar möglich, sich mit Alternativen wie Gold oder ausländischem Bargeld zu behelfen – das ist allerdings wegen unsicherer Akzeptanz und schwankender Wechselkurse auch riskant.

Wann könnte – realistisch betrachtet – das Ende des Bargeldes gekommen sein? John Cryan, der Chef der Deutschen Bank sagte im vergangenen Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos, in zehn Jahren gebe es „keinen Bedarf mehr für Bargeld“. Ähnlich sieht es Hans-Jörg Naumer: „In fünf bis zehn Jahren werden wir zu 100 Prozent bargeldlos bezahlen. Das muss man gar nicht gesetzlich verordnen, das entwickelt sich ganz von allein in diese Richtung.“ Zwar ist auch er gegen eine bargeldlose Gesellschaft – aber irgendwann werde es „als uncool, unbequem und altmodisch wahrgenommen – und dann wird es sehr schnell gehen“.

Am Ende bleibt dann nur noch, den Paragrafen 14, Absatz 1, des Gesetzes über die Deutsche Bundesbank zu ändern. Denn dort heißt es momentan: „Auf Euro lautende Banknoten sind das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel.“ ---