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Vom Norden lernen …

… heißt kein Meeting nach 16 Uhr. Einblicke in eine Kultur, die dem Rest der Welt voraus ist.





• Ende Februar 2002 schrieb sich Ansgar Gabrielsen, ehemaliger Bürgermeister von Lindesnes am südlichen Zipfel Norwegens, in die Geschichtsbücher ein. Er gehörte der konservativen Partei an, war gerade Wirtschaftsminister des Landes geworden – und hatte als solcher den Hals bald randvoll: Wie konnte es sein, dass es so viele gut ausgebildete norwegische Frauen gab, ihr Anteil in den Verwaltungsräten der großen Aktiengesellschaften aber nur bei sechs Prozent lag? Gabrielsen ist kein Feminist. Aber dieser Zustand, so seine Überzeugung, konnte für die Unternehmen nicht gut sein – so wie es schlecht ist, zum Beispiel nur Männer eines ähnlichen Jahrgangs in führenden Positionen zu haben.

Gabrielsen schritt zur Tat und verzichtete darauf, sich in dieser Frage mit seinen Kollegen in der Regierung abzustimmen. Stattdessen erklärte er in der größten Boulevardzeitung Norwegens, die herrschenden Zustände nicht länger zu dulden: „Die Wirtschaft hat zahllose Chancen und Aufforderungen bekommen. Geschehen ist nichts.“ Er kündigte Maßnahmen an, „von denen Sie kaum glauben werden, dass sie von diesem Büro kommen“.

So kam es. Nach dem ersten erwartbaren Wirbel stimmten alle Parteien mit Ausnahme der Rechtspopulisten 2003 für ein von Ansgar Gabrielsen angeregtes Quotengesetz. Jedem Verwaltungsrat sogenannter ASA-Unternehmen (das sind die größten Aktiengesellschaften des Landes, aktuell 250) sollten nach einer Übergangszeit mindestens 40 Prozent Frauen angehören. Die Regelung, zu der auch Sanktionsmechanismen gehören, trat zum 1. Januar 2006 in Kraft. Tatsächlich stieg der Frauenanteil in den ASA-Aufsichtsräten recht zügig auf die geforderte Zahl.

Erstaunliche Selbstverständlichkeiten

Eine Heldengeschichte. Gabrielsen erzählt sie am Telefon, während er in der Bahn sitzt, aussteigt und durch die Stadt läuft. Dann beendet er das Gespräch, ohne von heute zu sprechen, weil er heute nicht mehr politisch aktiv sei.

Allerdings hat die Story einen Haken: Der erhoffte Ansteckungseffekt der Quote für Topmanagerinnen blieb bislang aus. Das sagt zum Beispiel Kristina Jullum Hagen vom Arbeitgeberverband Næringslivets Hovedorganisasjon. Nur sieben von hundert ASA-Geschäftsführern seien Frauen. Außerdem müssten sich viele Unternehmen, sogenannte AS-Gesellschaften, nicht nach der Quote richten. Dort liegt der Frauenanteil in den Verwaltungsräten bei etwa 18 Prozent, bei den AS-Geschäftsführern sind es 16 – ein Hinweis, dass selbst in den nordeuropäischen Ländern, die seit vielen Jahren als Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung gelten, nicht alles perfekt ist.

Norwegen, Island, Schweden, Dänemark und Finnland belegen in internationalen Länder-Rankings wie dem Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums oder dem internationalen Glass Ceiling Index des »Economist« allerdings herausragende Plätze. Sie mögen ein wenig wechselhaft sein; Dänemark sackte bei den WEF-Rankings 2015 und 2016, die von Island & Co. angeführt wurden, sogar markant ab. Aber grundsätzlich sind die fünf Länder – die mit dem Nordischen Rat über eine gemeinsame Interessenvertretung verfügen und die unter anderem der Protestantismus und prägende sozialdemokratische Jahrzehnte verbindet – dem Rest der Welt bei der Gleichberechtigung weit voraus.

Zu verdanken ist dies unter anderem den vielen Frauen mit Hochschulbildung und dem Frauenanteil von mehr als 40 Prozent, den vier der fünf nordischen Parlamente aufweisen. Die Frauenerwerbsquoten in den nordischen Ländern sind die weltweit höchsten, die Kosten für die Kinderbetreuung überschaubar.

Und auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien die Staaten vorbildlich, sagt Valerie Scheib vom Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Stockholm, das die nordische Sozialpolitik analysiert. „Der Norden ist bestimmt nicht das Traumland, das man sich in Deutschland so ausmalt. Aber im Job besteht doch insgesamt ein sehr viel höheres Verständnis für die Bedürfnisse, die der Familienalltag mit sich bringt, als in Deutschland.“ In vielen Firmen etwa gebe es nachmittags ab 16 Uhr mit Rücksicht auf Eltern keine Konferenzen mehr.

Das ist die Uhrzeit, an der sogar ein Minister wichtige Meetings mit Hinweis auf ein abzuholendes Kind im Kindergarten abbricht. „Ich habe das beim Besuch einer deutschen Delegation selbst erlebt“, sagt Scheib, „die bekamen ganz große Augen.“ Dass sowohl arbeitende Frauen als auch Männer sich um ihre Kinder kümmern, sei zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Das hängt einerseits mit der egalitären Kultur des Nordens zusammen. Und andererseits damit, dass wichtige Reformen schon vor Jahrzehnten eingeführt wurden und über die Zeit Wirkung entfalten konnten, sagt Mari Teigen, Leiterin des Gender-Forschungszentrums Core in Oslo. Das gilt zum Beispiel für den massiven Ausbau von Einrichtungen zur Kinderbetreuung, der dazu führte, dass im Norden (hier schwächelt nur Finnland) heute rund die Hälfte aller Kleinkinder und fast sämtliche Kinder über zwei Jahren eine Kita besuchen.

Den Anfang machten 1964 Dänemark sowie um 1970 Schweden, wo das Thema von sozialliberalen Kreisen wie der Gruppe 222 und Gewerkschaften vorangetrieben worden war. Letztere gingen davon aus, „dass es sich hier auch um ein Arbeitsmarktproblem handelt (…) Die Frauen sind in hohem Maße eine nicht ausgeschöpfte Ressource an Arbeitskräften, die zu verwalten angeraten ist.“ Die Zahl der Kita-Plätze kletterte nach Angaben von Henrik Berggren und Lars Trägårdh, die über Schwedens Verhältnis zu Individuum, Familie und Staat das Buch „Ist der Schwede ein Mensch?“ geschrieben haben, innerhalb einer Generation von 11 000 Plätzen Anfang der Sechziger auf 388 000.

Der schwedische Staat befreite die Hausfrauen, indem er sie von traditionellen Aufgaben entlastete. Und förderte mit der Abschaffung des Ehegattensplittings – das Paare mit einem Alleinverdiener privilegierte – die Berufstätigkeit von Frauen.

Außerdem sollten sich Männer mehr an der Erziehung der Kinder beteiligen. Eine Elternzeitregelung, die Müttern und Vätern einen großzügigen Ersatz für den vorübergehenden Einkommensverlust garantiert, gibt es in Schweden seit 1974, in Norwegen seit 1978, in Island seit 1981, in Dänemark seit 1984 und in Finnland seit 1985.

Mit der Idee, für die Elternzeit von Vätern eine Mindestdauer festzulegen, weil die frühere Regelung nicht gut genug funktionierte, war dann im Jahr 1993 Norwegens Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland Pionierin. Beim Betreuungsgeld für nicht arbeitende Mütter, das auch im Norden nicht unumstritten ist, ging Finnland voran.

Zum Vergleich: Die deutsche Elterngeldregelung gibt es seit 2007, einem Jahr, in dem deutschlandweit nur jedes sechste Kind unter drei Jahren eine Kita besuchte. Seitdem ist das Tempo der Entwicklung so hoch, dass die Kommunen beim Ausbau der Kitas und die Betriebe mit der Anpassung ihrer Organisationen an die neuen Verhältnisse kaum hinterherkommen.

Ein nach Geschlechtern geteilter Arbeitsmarkt

Auch beim Thema Quote übernahm die Bundesrepublik Deutschland eine Regelung aus dem Norden: Seit Januar 2016 gilt nach dem Vorbild Norwegens ein Anteil von 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten als Ziel. In Nordeuropa wurde die Idee bislang nur von Island kopiert – das seine Wirtschaft, auch als Folge der schweren Bankenkrise 2008, zu modernisieren versucht.

In schwedischen Aktiengesellschaften dagegen gilt bislang keine Quote. Denn dort ist der Frauenanteil in den Verwaltungsräten börsennotierter Unternehmen auch ohne Vorgaben vergleichsweise hoch. In diesem Jahr liegt er bei 33,8 Prozent; der Anteil von weiblichen Vorstandsvorsitzenden liegt bei rund 5 Prozent.

Darauf sind Schwedens Wirtschaftsvertreter, die vehement gegen staatliche Quoten kämpfen, sehr stolz. Der Arbeitgeberverband Svenskt Näringsliv verzeichnet in seinen Mitgliedsbetrieben einen Frauenanteil von 18 Prozent unter den Geschäftsführern. Im Management insgesamt liege die Quote sogar bei 36 Prozent. Im Jahr 1998 betrug der Anteil lediglich 17 Prozent.

Seitdem steige er kontinuierlich, sagt Edel Karlsson Håål vom Arbeitgeberverband. Der Anteil entspreche in vielen Branchen bereits dem Frauenanteil in der gesamten Belegschaft und sei gerade im mittleren Management hoch. Im Dienstleistungssektor (Handel, Hotel und Restaurant) ist sogar von 49 Prozent weiblichen Chefs die Rede. Und je mehr Frauen von einer Management-Ebene zur nächsten aufstiegen, sagt Håål, umso mehr veränderten sie die „Firmenkultur, die Art und Weise, in der Arbeit organisiert wird, und Werte und Haltungen“. Sie sei sich sicher, dass diese Entwicklung anhalten werde.

Damit das tatsächlich passiert, müsste aber auch in andere Themen Bewegung kommen. Valerie Scheib von der Ebert-Stiftung nennt zum Beispiel ein noch stärkeres Engagement von Männern bei Kinderbetreuung und Haushalt. Denn selbst im progressiven Schweden seien es eher die Frauen, die zu Hause blieben, wenn ein Kind erkrankt. „Und genug schwedische Frauen, die immer noch allein die Waschmaschinen befüllen, gibt es auch“, sagt Scheib.

Wissenschaftler weisen zudem auf den hohen Anteil von Frauen im öffentlichen Sektor Norwegens und Schwedens hin. Er ist mitverantwortlich dafür, dass es noch einen Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Denn der Arbeitsmarkt ist regelrecht nach Geschlechtern geteilt – mit einem niedrigen Frauenanteil im privaten und einem hohen im öffentlichen Sektor. Das hat historische Gründe: Denn in diesem gab es großen Bedarf, als der Staat die Grundlagen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legte. Und kulturelle: Es sind oftmals soziale Berufe oder solche in der Verwaltung, die Frauen nahegelegt werden. Vor allem hält sich hartnäckig die Vorstellung, mit Familie arbeite es sich im öffentlichen Sektor angenehmer als in der freien Wirtschaft. Das muss nicht immer stimmen. Aber dafür spricht, dass dort mehr Männer in Elternzeit gehen als in der Privatwirtschaft. Und dass es dort deutlich mehr weibliche als männliche Manager gibt.

Der Druck lässt nicht nach

Ob und wie sich dieses Verhältnis austarieren lässt, ist schwer zu sagen. Besser prophezeien lässt sich für Schweden, wann man in den Führungsetagen börsennotierter Unternehmen so etwas wie gleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern erleben wird. Die Allbright Stiftung, die 2011 vom schwerreichen Bankier Sven Hagströmer gegründet wurde, gibt alljährlich einen Bericht zu diesem Thema heraus. Er ordnet die 300 größten schwedischen Firmen in ein Ranking, das die guten und schlechten hervorhebt, auf die Verwaltungsräte, die Vorstandsvorsitzenden sowie die Vorstände schaut und das Tempo der Entwicklung hochzurechnen versucht. Das Ergebnis: Im Jahr 2039 soll das Geschlechterverhältnis ausgeglichen sein.

Allerdings nur, wenn der öffentliche Druck auf die Unternehmen nicht nachlässt, der in den vergangenen Jahren durch die Drohung mit einer Quote, intensive öffentliche Debatten und auch die Prangerlisten der Stiftung aufgebaut worden ist. So sieht es die Geschäftsführerin der Stiftung, Amanda Lundeteg, die großen Wert darauf legt, dass die Wirtschaft die Dinge selbst in der Hand hat. Im Vorwort des aktuellen „Allbright Rapports“, den ein Berliner Ableger der Stiftung neuerdings auch für Deutschland erstellt (siehe unten), ruft sie aus Enttäuschung über das Verhalten mancher Führungskräfte zu einem „Boykott der Firmen auf, die ihrerseits Frauen boykottieren“.

An Verbündeten mangelt es nicht. Schweden ist das Land, in dem die Diskriminierung der Frau selbst beim Schneeräumen zum Thema werden kann – erst die Bürgersteige, dann die Straßen! Ein Land, dessen Medien sich über Geschlechter-Stereotype bei Spielzeug und Kinderkleidung erregen und darüber manchen weniger progressiven Mitbürger in Rage bringen.

Nicht zuletzt gibt es Wirtschaftsverbände, die das Thema auf dem Schirm haben, und die Regierung um den Ministerpräsidenten Stefan Löfven, die in den sozialen Medien schon weltweiten Beifall bekam, weil sich die Vize-Ministerpräsidentin Isabella Lövin auf einem Foto ausschließlich mit weiblichen Mitarbeiterinnen ablichten ließ: die Antwort auf eine männerdominierte Foto-Inszenierung von Donald Trump. Die schwedische Regierung bezeichnet sich als „erste feministische der Welt“ und macht auf diesem Wege allein durch diesen Begriff Druck auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Ihr Versuch, eine Frauenquote nach norwegischem Vorbild einzuführen, wurde von der bürgerlichen Opposition zwar vorerst gestoppt. Aber das muss kein schlechtes Zeichen sein, wenn sich die Dinge wirklich von allein so entwickeln, wie die Arbeitgeberlobby prophezeit. ---

Im Zusammenhang mit der Quote in Norwegen wird häufig das Phänomen der „Goldröcke“ erwähnt. Denn es habe bei ihrer Einführung so wenige Frauen gegeben, die für Verwaltungsräte infrage gekommen seien, dass letztlich immer dieselben in den Gremien gesessen und anstelle der alten Männerseilschaften neue Frauenseilschaften gebildet hätten. Von derartigen Seilschaften könne aber keine Rede sein, sagt Morten Huse von der Norwegian Business School BI. Und was die immer gleichen „Goldröcke“ betreffe: In Norwegen (fünf Millionen Einwohner) hätten mittlerweile 2000 Frauen Erfahrung als Verwaltungsrätin. Ein Jahrzehnt nach Einführung der Quote gäbe es das Phänomen daher kaum noch.

Mittlerweile gibt es auch einen deutschen „Allbright Bericht“. Die aktuelle Ausgabe errechnet für die Aufsichtsräte deutscher börsennotierter Unternehmen einen Frauenanteil von 27,5 Prozent. Erfasst wird auch der Frauenanteil in den Vorständen – und es wird ein Jahr angegeben, in dem es bei gleichbleibender Entwicklung in den Führungsetagen börsennotierter Unternehmen so etwas wie Geschlechtergerechtigkeit geben würde. Aktuell liefe es auf 2055 hinaus. Platz eins der „weißen Liste 2017“ belegen die Firma Medigene und die Aareal Bank. Auf der „schwarzen Liste“ – Firmen ohne jede Frau im Vorstand – finden sich 118 der 160 deutschen Börsenunternehmen.