Tubolito

Wie zwei Wiener Tüftler den Fahrradschlauch neu erfinden und dabei mit einer hundertjährigen Tradition brechen.





• Wer mit dem Fahrrad fährt, rollt auf einem Schlauch aus Gummi. Seit 1888 ist das so. Pannen und Platten zum Trotz. Doch nun haben der Chemiker Christian Lembacher, 47, und der Maschinenbauingenieur Ákos Kertész, 30, in Wien das Rad neu erfunden: mit einem knallorangefarbenen Schlauch aus glänzendem Plastik und fast so dünn wie ein Luftballon. Dabei ist er um einiges pannensicherer als der herkömmliche schwarze: Im Vergleich hält er Scherben und Nägeln laut Prüftests etwa doppelt so lange stand. Und weil der Schlauch aus Wien auch noch weniger wiegt, fährt es sich damit auch schneller.

Der Marktführer Schwalbe hat einen ähnlich leichten Fahrradschlauch mit dem Chemie-Konzern BASF entwickelt. Das 2015 angekündigte Modell Schwalbe Evo Tube ist jedoch bis heute nicht im Handel erhältlich.

Die Wiener Erfinder fahren beide Mountainbike. „Frühmorgens durch den Wald, das ist ein unschlagbares Gefühl. Und bei den Abfahrten gibt es Action“, sagt Lembacher. 2010 lernten beide sich beim US-Telekommunikationsunternehmen Knowles kennen. Im Jahrestakt entwickelten sie dort neue Lautsprecher für Smartphones, indem schwingender Kunststoff elektrische Signale in wummernde Bässe übersetzt. Für einen sauberen, kraftvollen Sound muss die Membran im Lautsprecher leichtgängig schwingen. Sie darf im Laufe ihres Lebens nicht müde werden und niemals reißen. Wie ein Fahrradschlauch, dachte Lembacher und vertraute sich mit seiner Idee Kertész an.

Im Wiener Café und Laden „Radlager“, in dem Fahrräder als Deko von der Decke hängen, beugten sich beide über ihren ersten Geschäftsplan. In der Garage von Kertészs Eltern in einem Wiener Vorort legten sie los. Dutzende unterschiedliche Kunststoffe für Lautsprecher ließen sie in einer ungarischen Fabrik zu Schläuchen verarbeiten. In Wien prüften die beiden die Reifen auf ihre Robustheit: Ein Fallbeil imitierte den Stoß eines steilen Bordsteins, eine rotierende Tonne mit aufgebrachten Streben den von Baumwurzeln. Zwölf Stunden Bearbeitung durch diese Maschine entsprechen 300 Kilometer Downhill durchs Gehölz. Schließlich stach ein metallener Dorn so lange auf den Schlauch ein, bis der mit lautem Knall platzte. Sieger dieser Stresstests ist ein Schlauch aus einem speziellen Polyurethan.

Im Frühjahr 2016 zogen Kertész und Lembacher den leichten Orangefarbenen das erste Mal auf die eigenen Räder auf. Seine Freundin ließ Kertész lieber mit dem alten Gummi fahren. „Wenn etwas passiert, sollte es nur mich hinlegen“, sagt er. Die drei strampelten den Hohen Lindkogel bei Wien hinauf. Ein wolkenloser Tag. Sie blickten auf die Stadt hinunter. Die Reifen hielten.

Dann ging alles Schlag auf Schlag: Kertész und Lembacher gründeten die Firma Tubolito, um den neuen Schlauch zu vermarkten. Durch die Unterstützung der universitären Gründerinitiative Init bekamen sie ein kostenloses Büro und 30 000 Euro Startkapital. Im Juni 2017 stieg ein privater Investor ein, im Juli erteilte das österreichische Patentamt ein Patent auf die Erfindung.

25 000 Schläuche will Tubolito bis Ende 2017 ausliefern. Der Umsatz sei sechsstellig und das Geschäft schon rentabel, sagen die Gründer. Der Schlauch ist allerdings mit 29,90 Euro auch wesentlich teurer als ein herkömmlicher. Das scheint dem Absatz nicht zu schaden: „Wir haben momentan so viele Bestellungen, dass wir die Lohnfertigung in Ungarn ausbauen müssen“, sagt Kertész.

Im Jahr 2018 will das Duo zusätzlich einen Schlauch für Rennräder auf den Markt bringen, damit auch bei den Schnellfahrern bald das orangefarbene Ventil aus der Felge lugt. „Unser Produkt sieht man eigentlich nicht. Deshalb haben wir uns Steve Jobs’ Philosophie zu eigen gemacht: Die Kopfhörer der iPhones sind weiß, nicht schwarz und springen so ins Auge. Unser Ventil ist leuchtend orange“, sagt Kertész.

Noch deckt der Schlauch nur eine Nische im Mountainbikemarkt ab. Aber Lembacher hat eine Vision: „Das schwere schwarze Teil wird komplett verschwinden. Mein Traum wäre es, wenn ein Tour-de-France-Team im kommenden Jahr auf unseren Schläuchen startet.“ ---