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Blick in die Bilanz: Marine Harvest

Der weltgrößte Lachsproduzent Marine Harvest präsentiert Rekordzahlen. Sie verbergen ein ungelöstes Problem, das nicht nur den Konzern bedroht.





• Die ersten sechs Monate dieses Jahres sind für den norwegischen Lachsproduzenten Marine Harvest ASA hervorragend gelaufen: Der Umsatz von 1,78 Milliarden Euro ist der höchste in der Geschichte des erst vor zehn Jahren aus der Fusion mehrerer kleinerer Zuchtbetriebe entstandenen Unternehmens. Mit einem Marktanteil von rund 15 Prozent ist die Firma nun größer als alle heimischen Konkurrenten und auch als jeder andere Züchter der Welt. Rund die Hälfte des weltweiten Zuchtlachsangebots stammt aus Norwegen, es ist nach dem Öl der zweite Verkaufsschlager des Landes: Der Exportwert der Fische hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Marine Harvest gelang es, seinen Jahresumsatz im selben Zeitraum zu verdoppeln, auf 3,5 Milliarden Euro in 2016.

Das erste Halbjahr brachte nicht nur Rekorderlöse, sondern auch einen Rekordgewinn vor Steuern, der im Vergleich zum Vorjahr um gut 26 Prozent auf rund 322 Millionen Euro stieg. Das entspricht einer Gewinnmarge (Anteil des Gewinns am Umsatz) von üppigen 18,1 Prozent. Marine Harvest produziert effizient, im ersten Halbjahr 2017 gelang es dem Konzern, bei den Herstellungskosten (Cost of materials) noch einmal knapp acht Prozent einzusparen. Der Hauptgrund für die hohe Profitabilität ist jedoch ein anderer: Der Preis für qualitativ hochwertigen norwegischen Lachs hat sich seit 2012 von 3,60 Euro auf 6,72 Euro je Kilo verdoppelt. Das ist ein Segen für das Unternehmen – zugleich aber auch ein Fluch. Denn der Preisanstieg wurde ausgelöst durch Probleme der Massentierhaltung.

Weltweit bedroht ein Schädling, die Seelaus, die Bestände. In Chile leiden die Lachsfarmen zusätzlich unter Algenwachstum. Das treibt die Kosten: etwa Ausgaben für Impfungen, Antibiotika, chemische Hilfsmittel und das Aussortieren befallener Fische (1. Halbjahr 2017: 43,8 Millionen Euro). Außerdem verlieren die Fischbestände („Biological Assets“) an Wert. Sie müssen abgeschrieben werden. In der Gewinn- und Verlustrechnung schlägt sich dies in der Position „Net fair value adjustment biomass“ nieder, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres allein mit einem Minus von 253,8 Millionen Euro. Der operative Gewinn sank um fast 30 Prozent auf 263,8 Millionen Euro.

Das Vorsteuerergebnis verbesserte sich nur dank eines finanziellen Effektes, der Neubewertung einer Wandelschuldverschreibung in Höhe von knapp 74 Millionen Euro.Vor allem aber führen die Umweltfolgen der Zucht zu einem verringerten Angebot an Lachs. Marine Harvest muss die Tiere früher abfischen, bevor sie zu stark von Parasiten befallen sind. Sie sind dadurch leichter, sodass das Erntevolumen sinkt, im ersten Halbjahr 2017 um fast zwölf Prozent auf rund 162 000 Tonnen. Da es der Konkurrenz ähnlich geht, nimmt das Weltangebot an Lachs beständig ab. Und da die Nachfrage gleich bleibt, steigen die Preise. Vor allem dieser Mechanismus erklärt den aktuellen Umsatzrekord – und beschert einer Industrie ein Zwischenhoch, die die Folgen ihres Wirtschaftens bislang nicht in den Griff bekommt.

Der norwegische Staat hat nun verfügt, dass er so lange keine neuen Zucht-Lizenzen vergibt, bis die Betreiber umweltverträgliche Lösungen finden. Kein Wunder, dass Matrine Harvest 2016 seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 51,3 Millionen Euro fast verdoppelte. Heraus kam ein schwimmender Behälter, in dem bis zu 1000 Tonnen Lachs ohne Kontamination der Umwelt gehalten werden können. Wie es den Lachsen dabei geht, die schon jetzt ein klägliches Dasein fristen und dann überhaupt keinen natürlichen Lebensraum mehr haben, ist eine andere Frage. Der norwegische Staat sollte daher auf keinen Fall lockerlassen. Marine Harvest verfügt dank der aktuell hohen Preise über einen jährlichen Zufluss an Barmitteln (Cashflow) von knapp 700 Millionen Euro – da ist noch mehr an Investitionen in eine bessere tiergerechte Lachszucht drin. ---

Marine Harvest ASA mit Sitz in Bergen entstand 2007 auf Betreiben des Reeders John Fredriksen, einstmals Großinvestor der TUI. Mit 12 700 Mitarbeitern produziert Marine Harvest Lachs und Heilbutt für den Verkauf, verarbeitet die Tiere aber auch zu Einzelhandelsprodukten und Fischfutter. Hauptabsatzmarkt ist Europa (53 Prozent der Produktion) gefolgt von Nord- und Südamerika (28 Prozent) und Asien (12 Prozent). 54 Prozent der Fische stammen von heimischen Farmen, der Rest aus Schottland, Kanada, Chile und Irland.