Partner von
Partner von

Jane Humphries im Interview

Dass Frauen schlecht bezahlt werden, schadet beiden Geschlechtern, sagt die Wirtschaftshistorikerin Jane Humphries. Ein Gespräch über feministische Ökonomie.




brand eins: Frau Humphries, wozu braucht es eine feministische Ökonomie, sind Märkte nicht geschlechterneutral?

Jane Humphries: Nein, das sind sie gerade nicht. Und deshalb braucht es eine feministische Ökonomie. Sie beschäftigt sich mit der Wirtschaftswissenschaft. Genauer: mit der historischen Entwicklung des Faches, mit den Forschern, die die Disziplin entwickelt haben, und mit den Problemen, die sie bearbeiten. Dabei wird schnell klar, dass die Wirtschaftswissenschaft seit ihrer Gründung Themen, die besonders Frauen betreffen, ausblendet.

Welche sind das?

Nehmen Sie das Problem der bezahlten und unbezahlten Arbeit. Es findet in der Lehre wenig Beachtung. Arbeit, wie ich sie verstehe, ist eine Tätigkeit, die einen Wert produziert, sie muss nicht unbedingt einen Preis auf dem Markt erzielen. Es gibt bezahlte Arbeit, und es gibt unbezahlte Arbeit. Ich werde für Vorlesungen und Forschungen bezahlt, Sie für das Schreiben von Artikeln. 

Wenn aber Frauen zu Hause Kinder erziehen, die Küche putzen oder den Haushalt organisieren, wird das als private Angelegenheit betrachtet, die nicht bezahlt wird. Auf diesem Gebiet der sozialen Reproduktion ist die klassische Wirtschaftswissenschaft noch nicht weit. Das hat Folgen: Wenn beispielsweise Pflegedienste auf dem Arbeitsmarkt angeboten werden, dann meist von Frauen – und in der Regel wird dafür nur ein niedriger Lohn bezahlt. Es wird den Frauen unterstellt, dass sie eine emotionale Bindung zu dieser Tätigkeit hätten, diese sogar ihre Bestimmung sei. Sie finden das in der Altenpflege, der Kindererziehung oder der Pflege im Krankenhaus – es werden viele Geschlechter-Stereotype auf diese Tätigkeiten projiziert.

Nach der Theorie der effizienten Märkte dürfte es das nicht geben. Sie beruht auf der Annahme, dass alles, was auf den Markt kommt, dort seinen Preis findet.

Dann wären aber die Gehaltsunterschiede, die es zwischen Männern und Frauen gibt, nicht zu erklären. Warum bewertet der Markt die Fähigkeiten von Frauen schlechter als diejenigen von Männern? Wenn jemand für eine Tätigkeit schlechter bezahlt wird, dann lässt sich das vernünftigerweise nur durch schwächere Produktivität erklären. Sonst müsste man ja von Diskriminierung sprechen.

Ist es das nicht?

Nun ja, man kann zunächst untersuchen, ob da etwas dran ist. Also die für Gehaltsunterschiede maßgeblichen Faktoren betrachten: die Dauer der Ausbildungsjahre, die Erfahrung, absolvierte Fortbildungen, die Arbeitszeit. Wer all das schließlich analysiert, kommt zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede nicht erklärt werden können. Es ist schlicht Diskriminierung. Ich habe das selbst erlebt. Als ich zur Professorin ernannt wurde, sagte man mir, ich solle mich glücklich schätzen, dass ich so weit gekommen sei. Also habe ich mich lange gehütet, mehr Geld zu verlangen. Bis ich eines Tages mitbekommen habe, dass meine männlichen Kollegen deutlich mehr bekamen als ich. Die feministische Ökonomie geht davon aus, dass der Markt eine Institution ist, die auf anderen Institutionen aufbaut. Der Markt reflektiert daher die Haltung, die in der Gesellschaft Frauen entgegengebracht wird.

Handeln Unternehmen, die Frauen schlechter bezahlen als Männer, womöglich rational? Die Aktionäre freuen sich dann über höhere Dividenden.

Es ist für die Aktionäre kurzfristig sicherlich erfreulich, wenn sie mehr kriegen. Aber ist es auch fair? Ist es akzeptabel? Interessieren wir uns als Gesellschaft nur dafür, dass ein Unternehmen hohe Dividenden ausschüttet? Davon abgesehen, schadet sich ein Unternehmen damit selbst. Wenn Frauen schlechter bezahlt werden, dann wird davon ausgegangen, dass ihre Arbeit weniger wert ist. Also sollten sie auch ihrer Karriere weniger Zeit widmen oder sich weniger anstrengen. Das könnte aber dazu führen, dass Frauen dann eben andere Dinge machen. Dem Unternehmen stünden dann weniger Talente zur Verfügung. Für das Unternehmen wäre das schlecht.

Sind nur Frauen Opfer dieser Ungerechtigkeit?

Nein, Männer leiden auch unter ihr. In meinen historischen Arbeiten habe ich mich lange mit einem Modell beschäftigt, das vor allem vom späten 18. Jahrhundert bis etwa 1930 als Vorbild angesehen wurde: das des männlichen Hauptverdieners. Als ideal galt zu jener Zeit, dass der Mann arbeiten geht und die Frau sich zu Hause um die Kinder und den Haushalt kümmert. Tatsächlich gelang dies im wirklichen Leben höchst selten: Sehr oft mussten die Frauen arbeiten, damit die Familie über die Runden kam. Dieses Modell hat starken Druck auf die Männer ausgeübt, weil sie genug Geld verdienen mussten, um eine Frau und die Kinder durchzubringen – das heißt, der Lohn einer Person musste mehrere Menschen ernähren. Männer die das nicht schafften, galten als arbeitsscheu und unmännlich.

Wenn die Ökonomie bestimmte Formen der Arbeit ignoriert, liefert sie dann überhaupt korrekte Ergebnisse?

Ich würde sagen: nein. Das liegt auch daran, dass die überwiegende Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler Männer sind. Als Frauen in diesem Fach anfingen zu forschen, blieben für sie Themen wie Ernährungssicherheit, Frauen auf dem Arbeitsmarkt, weibliche Fähigkeiten. Als ich einmal einen Preis für eine Forschungsarbeit gewann, sagte mir ein Kollege, dass ihn das wundere, da ich hauptsächlich die Themen Haushalt und Familie erforsche, denen er keine große Bedeutung zumaß. Diese Themen werden als etwas Privates angesehen – dass sie Gegenstand wissenschaftlicher Analyse sind, muss sich erst noch durchsetzen. Da sehen Sie, wo wir gerade stehen. Hinzu kommt, dass es in Großbritannien weniger Wirtschafts- als Physikprofessorinnen gibt, und das obwohl es im Grundstudium bei den Wirtschaftswissenschaften noch sehr viele Studentinnen gibt. Zudem ist der Fokus des Faches sehr eng.

Wenn Professoren Aufsätze schreiben, die ohnehin nur von Doktoranden und Studenten gelesen werden, ist das dann nicht ein rein akademisches Problem?

Nein, das Problem ist viel größer. Regierungen müssen sich auf die Arbeit von Wissenschaftlern stützen, um Entscheidungen fällen zu können. Dazu brauchen sie akkurate Forschung. So wissen wir beispielsweise aus unserer Arbeit, dass man das Wachstum in Ländern der Dritten Welt fördern kann, wenn man Sozialhilfe direkt an die Frauen in den Familien auszahlt, weil sie das Geld für die im Haushalt notwendigen Dinge ausgeben. Aus Arbeiten über Großbritannien wissen wir, dass das Gehalt des Familienvaters oft für Freizeitbeschäftigungen ausgegeben wird, Kneipenbesuche, Eintrittskarten für Fußballspiele oder Pferderennen, und dass man Kinder am besten fördert, wenn man Geld für deren Weiterkommen den Müttern in der Familie auszahlt.

Ist die Datengrundlage dafür gut genug? Bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts findet nur bezahlte Arbeit Berücksichtigung.

Der Nobelpreisträger für Wirtschaft Paul A. Samuelson hat einmal gesagt: Wenn ich meine Haushälterin heirate, sinkt das Bruttoinlandsprodukt, weil sie von da an für ihre Arbeit ja nicht mehr bezahlt wird. Es ist schon eine merkwürdige Methode, die wir anwenden. Vergleichen wir nur einmal zwei Frauen: Eine arbeitet Vollzeit und lässt ihre Kinder betreuen, die andere halbtags und betreut ihre Kinder selbst. Aber die Erziehungsarbeit sollte einen Wert haben, egal ob sie bezahlt wird oder nicht. Wir müssen das, was da außerhalb des Marktes geschieht, besser verstehen und auch in der Lage sein, den Wert zu quantifizieren, der da geschaffen wird. Die einfachste Form wäre es, einen Wert für die Zeit zu finden, die für die Kindererziehung und Arbeit im Haushalt aufgebracht wird.

Wie sähe ein Arbeitsprogramm für feministische Ökonomie aus?

Wir müssen uns in der Theorie vom Homo oeconomicus verabschieden, der angeblich immer rationale Entscheidungen trifft, um seinen Nutzen zu maximieren. Meines Erachtens nach ist der ein Mann (lacht). Wir wissen heute, dass Menschen Dinge tun, auch wenn sie keinen wirtschaftlichen Vorteil davon haben. Sie handeln aus Altruismus. Adam Smith würde sagen: aus Sympathie. Dies in die wirtschaftswissenschaftlichen Modelle miteinzubeziehen würde bedeuten, dass man die menschliche Solidarität anerkennt. ---