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Frauen ans Steuer

Einige Länder der arabischen Welt stärken allmählich die Rechte ihrer Frauen. Ist das schon ein Fortschritt?





• Ende September hatte das saudische Königshaus Großes zu verkünden: Es erlaubte Frauen das Autofahren! Vergessen waren die Warnungen saudischer Kleriker, Autofahren schade den Eierstöcken. „Ein Meilenstein“, jubelten westliche Medien, eine „historische Entscheidung“ für saudische Frauen – als hätte der 81-jährige König Salman über Nacht sein Herz für Frauenrechte entdeckt.

Tatsächlich steht hinter dem Schritt ökonomischer Pragmatismus: Angesichts sinkender Erdöleinnahmen will die saudische Führung mehr Frauen zum Arbeiten ermutigen, und das Fahrverbot stand diesem Ziel im Weg. „Saudi-Arabien hat begriffen, dass seine Wirtschaft nur wachsen kann, wenn mehr Frauen im Privatsektor arbeiten“, sagt Karen Young, Analystin am Arab Gulf States Institute in Washington.

Das gilt für die gesamte arabische Welt. Nirgends ist die Beschäftigungsquote von Frauen so niedrig wie in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas: Nur jede vierte Frau von Marokko bis Oman geht einer offiziellen Arbeit nach. Zwar schuften viele Frauen dort schwarz, die tatsächliche Beschäftigungsquote dürfte also höher liegen, doch das gilt auch für andere ärmere Weltregionen wie Südostasien. Zudem sind im arabischen Raum überproportional viele Frauen arbeitslos. Rund 27 Prozent an Einkommen gehen der arabischen Welt durch die Ungleichheit der Geschlechter verloren, schätzt die Weltbank.

Länder wie Tunesien, Katar, Jemen und Libanon unterscheiden sich demografisch, ökonomisch und institutionell stark. Dennoch haben Ökonomen und Soziologen einige Hindernisse identifiziert, die Frauen im arabischen Raum vom Arbeitsmarkt fernhalten. Dazu zählen weitverbreitete konservative Rollenbilder, die an die jüngere Generation weitergegeben werden: Nur jeder vierte Mann in Ägypten, Libanon, Marokko und in den Palästinensergebieten befürwortet volle Gleichberechtigung, das zeigt eine aktuelle Umfrage der Frauenorganisation UN Women der Vereinten Nationen. Die Mehrheit hält Haushaltspflichten für die wichtigste Aufgabe einer Frau. Vielerorts zementieren Gesetze die sozialen Normen: In den meisten arabischen Ländern dient die Scharia, das islamische Recht, als Basis für Familien- und Erbrecht, mit unter anderem finanziellen Nachteilen für Frauen.

Die immer gleiche Geschichte von Patriarchat und gesellschaftlichem Stillstand in der arabischen Welt, könnte man meinen. Doch so einfach ist es nicht. Dass saudische Frauen nun ans Steuer dürfen, provoziert Schlagzeilen, weil das Verbot so absurd war. Aber tatsächlich hat die arabische Welt in den vergangenen Jahrzehnten zaghafte, aber stetige Fortschritte gemacht. Zwischen 1991 und 2009 hat sich der Anteil der Mädchen, die weiterführende Schulen besuchen, von 46 auf 69 Prozent erhöht. Die Quote der Studentinnen hat sich im selben Zeitraum auf 27 Prozent sogar verdreifacht. Und auch politisch tut sich etwas. Vor wenigen Monaten erst haben die Parlamente Jordaniens und Libanons einen Paragrafen abgeschafft, der Vergewaltigern Straffreiheit einräumte, sofern sie ihre Opfer heirateten. Tunesiens Präsident hat verkündet, das diskriminierende Erbrecht abzuschaffen. Selbst die ultrakonservativen und autoritären Golfstaaten bewegen sich: Die Vereinigten Arabischen Emirate schreiben Unternehmen seit 2012 vor, Frauen in ihren Vorstand aufzunehmen. Und Saudi-Arabien hat in seinem Reformplan „Vision 2030“ die Erhöhung des Anteils berufstätiger Frauen zur Priorität erklärt.

Die Frage aber ist, ob diese Anstrengungen genügen.

Hinweise finden sich im einzigen nicht arabischen Land der Levante: Israel. Ein Fünftel der israelischen Staatsbürger sind Araber, 1,7 Millionen Menschen, die große Mehrheit von ihnen Muslime. Die politischen, legalen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen, die die Lebenswelt israelischer Araber formen, unterscheiden sich stark von denen der Nachbarländer: Israel ist ein hoch entwickelter Industriestaat mit demokratischen Institutionen, einer starken Wirtschaft, moderner Infrastruktur und einer weitgehend westlich orientierten Mehrheitsgesellschaft. Viele junge arabische Frauen, selbst solche aus konservativen Familien, ziehen zum Studium nach Haifa oder Tel Aviv, wo sie mit Israels urbaner, liberaler Gesellschaft in Berührung kommen. Die israelische Industrie sucht händeringend nach Fachkräften, die Arbeitslosenquote liegt bei vier Prozent. Trotz allem jedoch liegt die Beschäftigungsrate der israelisch-arabischen Frauen bei nur 27 Prozent – kaum höher als der regionale Durchschnitt.

Gewiss: In Israel haben arabische Männer und Frauen andere Hürden bei der Jobsuche zu überwinden. Arabische Schulen sind schlechter ausgestattet als jüdische, israelische Araber müssen auf Hebräisch studieren, manche klagen über Diskriminierung bei der Jobsuche. Doch diese Gründe allein reichen als Erklärung für die Arbeitslosigkeit arabischer Frauen nicht aus, schließlich gelten sie auch für Männer. Und von denen arbeiten fast zwei Drittel.

Israels Regierung hat seit 2010 mehrere hundert Millionen Dollar investiert, um die Beschäftigungsquoten der Araber allgemein und der Frauen insbesondere zu erhöhen: Sie verbessert die Infrastruktur arabischer Dörfer, baut Kindergärten und lokale Arbeitsvermittlungszentren, finanziert Ausbildungsprogramme und Stipendien. Dennoch musste das parlamentarische Komitee für Geschlechtergleichheit 2016 das „systematische Scheitern“ der Bemühungen feststellen: Die Beschäftigungsrate arabischer Frauen ist jüngst sogar leicht gesunken.

Die staatlichen Investitionen waren nötig. Besserer Nahverkehr und mehr Kindergärten helfen. Aber nicht fehlende Buslinien oder Kitas erschweren arabischen Frauen in Israel den Einstieg ins Arbeitsleben, sondern die soziale Kerneinheit der arabischen Gesellschaft: die Familie. Ob eine Frau ihre Tage in der Küche oder im Büro verbringt, hängt in erster Linie von den Rollenbildern ihrer Familie ab. Und in weiten Teilen der arabischen Welt gilt es als erste und nobelste Aufgabe einer Frau, zu heiraten und Kinder großzuziehen; eine Vorstellung, die häufig von einer Mehrheit der Frauen geteilt wird. Und die offenbar stärker ist als die vermeintlichen Verlockungen jener Freiheiten durch Lohnarbeit. ---