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Einzelhandel

Wer etwas erlebt, der gibt auch Geld aus – getreu diesem Motto revolutionierte Harry Gordon Selfridge einst den Einzelhandel.





• Es war ein Ort, wie es ihn im Vereinigten Königreich bis dahin noch nicht gegeben hatte. Am westlichen Ende der Oxford Street eröffnete 1909 ein Kaufhaus mit unglaublichen 24 000 Quadratmetern Grundfläche. Im Gebäude gab es Restaurants, eine Bibliothek, eine Dachterrasse, elektrisches Licht, Zentralheizung, Personenaufzüge, und zur Straße hin wurden in den Schaufenstern kunstvoll arrangierte Waren dargeboten.

Das war kein Kaufhaus, das war ein Ort, an dem Träume angesehen, angefasst – und gekauft werden konnten. Es war der Ort von Harry Gordon Selfridge, dessen Motto lautete: „Begeistere den Verstand, dann greift die Hand zum Portemonnaie.“ Mit dem heute noch am selben Ort existierenden Kaufhaus Selfridges revolutionierte der Amerikaner den Einzelhandel – und prägt ihn bis heute.

Selfridge wurde 1858 in Ripon, im US-Bundesstaat Wisconsin geboren. Sein Vater hatte einen kleinen Laden, in dem er alles verkaufte, was die Leute so brauchten. Im Alter von 21 Jahren fing Selfridge bei Marshall Field’s an, einer Großhandelskette in Chicago. „Geben Sie der Dame, was sie wünscht“, war Fields Devise, die Kundin ist Königin. Anfangs bestückte Selfridge bei Field’s die Regale. Bald fiel er dem Chef auf und machte Karriere, 25 Jahre später war er Junior-Partner. Als er später nicht in den Kreis der Gesellschafter berufen wurde, kündigte er und reiste nach London.

Er hatte schon lange einen Plan. Für Marshall Field’s war Selfridge viel herumgekommen. 1888 hatte er sich Kaufhäuser in Wien und Berlin angesehen, in Paris das berühmte Bon Marché, er war in Manchester gewesen und in London. Dabei war ihm aufgefallen, dass London eine moderne Weltstadt war, aber die Kaufhäuser sich nicht mit jenen in Chicago oder Paris messen konnten. Und dann erst der Service! Von einem Londoner Verkäufer gefragt, ob er Hilfe brauche, antwortete Selfridge mit Nein. „Dann raus hier, Kumpel!“, bekam er zu hören.

Das geht besser, dachte sich Selfridge. Er sollte sich nicht täuschen.

Zusammen mit einem Tee-Broker investierte er 400 000 britische Pfund und kaufte das Grundstück an der Oxford Street. Das war zu jener Zeit zwar keine besonders gute Gegend, aber immerhin gab es eine neue U-Bahn-Station. Selfridge ließ ein Gebäude im neoklassischen Stil errichten, das von vornherein als Kaufhaus geplant war und damit deutlich besser ausgestattet als alle anderen.

Nach der Eröffnung lief der Chef täglich selbst durch die Abteilungen. Er half Verkäufern aus und hörte die Wünsche der Kunden. Seinen Mitarbeitern schärfte er ein: „Behandle die Kunden wie Gäste, und zwar wenn sie kommen und wenn sie gehen, egal ob sie etwas gekauft haben oder nicht. Gib ihnen, was man ihnen geben kann, nach dem Motto: Wer gibt, dem wird gegeben.“

Die Verkäufer schickte er zu Benimm-Kursen und beteiligte sie am Umsatz. Wichtig war ihm besonders das Einkaufserlebnis: Die Waren verschloss er nicht in Schränken, sondern ließ sie auf Tischen ausstellen, sodass man alles anfassen konnte. Selbst Zobel-Pelze, die mehr als 1000 Pfund kosteten oder Kristallvasen konnte man aus der Auslage nehmen, Baumwolltaschentücher sowieso.

Die Kosmetikabteilung holte er aus der dunklen Ecke des Geschäftes und platzierte sie genau neben dem Eingang im Erdgeschoss. Die Folge: Der Absatz an Lippenstiften und Make-up war deutlich höher als in anderen Geschäften. Zweimal im Jahr bot er etwas an, was damals noch keiner kannte: den Schlussverkauf. Und mit einer weiteren Neuheit konnte er aufwarten: Selfridges war das erste Kaufhaus in London, das eine Damentoilette hatte.

In großformatigen Zeitungsannoncen verglich Selfridge einen Besuch in seinem Haus mit einer Besichtigungs-Tour. Zudem garantierte er, dass jeder in dem Tempel willkommen sei und niemand eine Eintrittskarte benötige. Bei der Konkurrenz von Liberty arbeiteten zu jener Zeit noch Rausschmeißer.

Der Unternehmer inszenierte den Einkauf als Erlebnis. 1925 konnte man dort die Box von Logie Baird bestaunen, den ersten Fernseher. Wimbledon-Sieger gaben Tennis-Stunden auf der Dachterrasse, und nur Tage nachdem der Franzose Louis Blériot als erster Mensch mit einem Flugzeug den Ärmelkanal überquert hatte, wurde dessen Maschine in dem Kaufhaus ausgestellt.

Selfridge wurde bald darauf der Graf der Oxford Street genannt, der sich auch politisch engagierte. Sein Kaufhaus war eines der ersten Geschäfte in Großbritannien, das Waren zugunsten der Frauenwahlrechtsbewegung verkaufte, wohl auch, weil er wusste, dass Frauen zu seinen wichtigsten Kunden zählten.

Er war stolz auf das, was er geschaffen hatte, und er war ehrgeizig. Einen freien Tag könne er sich nicht vorstellen, sagte er gern, weil er fürchtete, die Konkurrenz könnte das nutzen, um ihn einzuholen. Doch mit zunehmendem Erfolg verlor er seinen Elan. Selfridge gefiel das Leben in der Londoner Gesellschaft, war bei fast jeder Theaterpremiere im West-End zu sehen, er spielte Poker, verlor oft, und er umgab sich mit schönen Frauen, statt zu arbeiten.

Vielleicht auch deshalb wurde Selfridges von der Großen Depression der Dreißigerjahre besonders hart getroffen. 1940 war das Unternehmen hoch verschuldet, ein Jahr später schmiss der Aufsichtsrat den Gründer raus. Im Alter von 83 Jahren ging er in Rente und mietete mit seiner ältesten Tochter eine Dreizimmerwohnung. Am 8. Mai 1947 starb Harry Gordon Selfridge im Alter von 89 Jahren. Er hinterließ, wie die Zeitungen damals berichteten, 6176 Dollar. Nicht viel für einen Geschäftsmann, der einst ein Millionen-Vermögen gemacht hatte.

Das Kaufhaus an der Oxford Street hat seitdem zahlreiche Eigentümerwechsel hinter sich. Seit 2003 gehört es dem kanadischen Unternehmer Galen Weston und dessen Familie. Er bezahlte dafür mehr als 598 Millionen britische Pfund. ---