Lebensgut Pommritz

Vor 26 Jahren entstand auf Initiative des Philosophen Rudolf Bahro und des damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf die Idee eines sozialen Freilandversuchs. In der Oberlausitz gründete sich auf einem alten Rittergut eine Öko-Kommune: das „Lebensgut“. Eine Geschichte über Sehnsucht, Ernüchterung – und unverhofften Geldsegen.





• Hof-Fest auf Lebensgut Pommritz, September 2017. Thomas Hieke sitzt draußen am Bierzelttisch und sieht Maik Hosang geradewegs auf ihn zusteuern. Man erkennt Hosang schon von Weitem an seinem auffällig schlackernden Gang. Hieke dreht sich in dessen Richtung, erwartungsvoll. Doch dann geht Hosang, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schnurstracks an ihm vorbei, so dicht, dass Hieke den Luftzug gespürt haben muss, und begrüßt einen anderen Besucher des Festes, der zwei Meter weiter sitzt. „Warum geht der Ihnen denn aus dem Weg?“, fragt jemand, der die Szene beobachtet hat. „Das könnte ich mich jetzt auch fragen, was das gerade sollte“, sagt Hieke konsterniert und geht wieder in die Käserei, seiner Frau helfen.

Thomas Hieke ist ein Mensch, von dem man ohne zu zögern einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Er verkauft aber keine Autos, sondern Ziegenschnittkäse, -frischkäse, -quark und -feta. Er ist ein leiser, nachdenklicher Mann. Manchmal, wenn er über das spricht, was sich in den vergangenen 24 Jahren zugetragen hat auf Lebensgut Pommritz, hat er Tränen in den Augen und die Stimme stockt. Dann hängt er mit seinen Gedanken fest, für einen Moment.

Maik Hosang hängt nie fest. Er findet immer einen nächsten Satz. Blitzschnell breitet er ganze Kaskaden von Gedanken aus, denen man häufig nur mit Mühe folgen kann. Manchmal holt er dann ein Papier hervor, das alles erklären soll. Meist versteht man danach noch weniger. Hosang verkauft weder Autos noch Ziegenkäse. Er ist Philosoph.

Es lässt sich nicht genau klären, wann die beiden Männer das erste Mal aufeinandertrafen. Vielleicht im Herbst 1992, vielleicht auch erst im Frühjahr 1993. Thomas Hieke war damals auf der Suche nach einem neuen Leben. Das alte war mit der DDR zerschellt. Er hatte als Offizier bei der Nationalen Volksarmee gedient, ein überzeugter Kommunist, auch wenn man sich das heute kaum noch vorstellen kann. Die Bundeswehr hätte ihn übernommen. Hieke probierte es eine Zeit lang, hielt es dann aber nicht aus bei der Armee des früheren Klassenfeinds. Allerdings war er auch nicht der richtige Mann für die Flucht in die totale Individualisierung. Er träumte von einer Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig Halt gibt. Am liebsten auf dem Land, im Einklang mit der Natur. Dort wollte er, frei von allem ideologischen Ballast, von seiner Hände Arbeit leben.

Maik Hosang hatte gemeinsam mit seinem philosophischen Lehrvater Rudolf Bahro nach der Wende an der Ostberliner Humboldt-Universität das Institut für Sozialökologie aufgebaut. Nun, Anfang der Neunziger, war die Zukunft des gerade erst gegründeten Instituts schon wieder ungewiss. Doch Hosang suchte ein neues Wirkungsfeld.

Und das lag bereits vor ihm. Denn Bahro hatte mit dem damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf 1991 die verwegene Idee eines sozialökologischen Freilandversuchs entwickelt. Dessen Ziel sollte sein, in einem Experiment neue Lösungsansätze für die sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und seelischen Probleme unserer Industriegesellschaft praktisch zu erforschen. Bis zu 300 Bewohner sollten sich in einer Öko-Kommune im deutschen Osten zu einer Art Soziallabor formieren und, wie Biedenkopf es heute ausdrückt, „erproben, ob und unter welchen Bedingungen solche Gemeinschaften dauerhaft lebensfähig sind“.

Zusammenbruch: die Chance für Experimente

Rudolf Bahro war in den Siebzigerjahren wegen seines Buches „Die Alternative“, einer Kritik am bürokratischen DDR-Sozialismus, in Ungnade gefallen, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt und dann in die Bundesrepublik abgeschoben worden. Er beschäftigte sich schon seit Längerem mit Konzepten für neue nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsformen, nun bot die Geschichte eine Gelegenheit zum Ausprobieren. Denn welche Zeit konnte für ein soziales Experiment besser geeignet sein als jene unmittelbar nach dem Zusammenbruch einer ganzen Gesellschaftsordnung?

der Philosoph Maik Hosang
der Käsemacher Thomas Hieke
Philosophie-Raum

Thomas Hieke, der an einigen der Vorbereitungstreffen teilnahm, erinnert sich an ein „ausgesprochen nebulöses“ Konzept. Vom „souveränen Menschen“ war da die Rede, der aus seiner Autonomie „Kraft für das Gemeinwesen schöpft“. Oder so ähnlich. „Ich habe das größtenteils gar nicht verstanden“, sagt er. „Solche Gedanken waren mir sehr fremd damals.“

Als Stätte ihres Forschungslabors wählten die Initiatoren Pommritz, ein altes Rittergut in der Oberlausitz, 80 Kilometer östlich von Dresden, nicht weit von der tschechischen Grenze. Zu DDR-Zeiten war es ein Volksgut gewesen, hatte eine landwirtschaftliche Lehr- und Versuchsanstalt beherbergt. Der weitläufige Komplex aus unterschiedlich stark verfallenen Gebäuden mit langen, dunklen, verwinkelten Fluren konnte jemanden, der von kuscheliger Öko-Idylle geträumt hatte, nur schocken. „Das war kein Hof“, sagt Thomas Hieke, „das war eine Anstalt.“

Der Freistaat Sachsen überließ das Gut samt 64 Hektar Ackerfläche und Streuobstwiesen den künftigen Bewohnern ohne jegliche Direktiven. „Das war ja gerade Teil des Experiments“, erinnert sich Kurt Biedenkopf. „Wenn man sich für so etwas entscheidet, dann muss man die Leute auch machen lassen.“ Ein Name war auch schnell gefunden: Lebensgut Pommritz. Ein gutes Dutzend Neusiedler fanden sich dort im Frühjahr 1993 ein. Zu Hieke und Hosang, der als wissenschaftlicher Versuchsleiter zwischen Berlin und dem Gutshof pendelte, gesellten sich Sinnsucher, Entwurzelte, Gestrandete, Stadtflüchtlinge, Öko- Fundamentalisten, Esoteriker und Träumer.

Die Neubauern begannen etwas, von dem keiner wusste, wohin es ihn einmal führen würde. Sie übernahmen Aufgaben. Jeder das, was er konnte, mancher auch, was er nicht so gut konnte. Einige begannen, einige der Räume halbwegs bewohnbar zu machen. Da das Gut in der Endzeit der DDR als Wohnheim für Landwirtschaftsschüler gedient hatte, waren zumindest genug Doppelstockbetten da. Drei Bewohner gingen zunächst einmal zur Landwirtschaftsschule. Man schaffte ein paar Kühe an, jemand kümmerte sich um den Gemüsegarten, ein anderer um die Obstwiesen. Auch ein Schmied fand sich ein. Er belegte einen Hufschmiedekurs; schließlich befanden sich etliche Pferde auf dem Hof.

Buntes Leben auf dem Rittergut: Dazu gehört neben der Arbeit auf dem Feld natürlich auch die große Wäsche

Thomas Hieke, der zuvor schon bei Ökobauern gearbeitet hatte, richtete in einem der Gebäudetrakte eine Käserei und eine Backstube ein. Seine 32 Ziegen molk er anfangs zweimal täglich mit der Hand. Und er lernte auf Pommritz seine Frau Ilona kennen, mit der er bis heute die Käserei betreibt. Damals hielt sie noch ein paar Schafe, sie war flink mit Spinnrad, Webstuhl und Stricknadel und versorgte die Kommunarden mit dicken Pullovern und Wollmützen.

Geld vom Staat und freie Liebe

In den ersten zwei, drei Jahren bildeten die Neu-Pommritzer eine verschworene, innige Gemeinschaft. Der rotierende Küchendienst kochte für alle; dreimal am Tag traf man sich zum gemeinsamen Essen. Sämtliche Einkünfte wie Arbeitslosenunterstützung, ABM-Geld, Sozialhilfe oder auch Ersparnisse wanderten in eine gemeinsame Kasse. „Wir haben nicht darauf geguckt, wer wie viel einbringt“, sagt Hieke. „Es war so eine große Sehnsucht da, nach Familie, Harmonie und konsequentem Gemeinschaftsleben.“

Ab und an versammelten sich alle und entschieden, wie viel Geld jeder für seinen persönlichen Bedarf aus dem Gemeinschaftstopf erhielt und welche Anschaffungen nötig waren. Werkstatt und Küche mussten eingerichtet, Kühlschrank und Speisekammer gefüllt werden, auch ein Traktor wurde gekauft. Maik Hosang wiederum benötigte Geld für seine „Zukunfts-Bibliothek“. Er kaufte Bücher über ökologischen Landbau, Community Management, Energietechnik, Beziehungsformen und ayurvedische Philosophie. In den meisten hat nie jemand gelesen.

Obwohl mitten in Pommritz gelegen, einem Dorf mit knapp 200 Einwohnern, blieb die Kommune dort lange ein Fremdkörper. Keiner der Dörfler wollte mit den „Öko-Spinnern“ etwas zu schaffen haben. Der Grund wurde den Gutsbewohnern erst mit der Zeit klar: Viele Pommritzer hatten zu DDR-Zeiten auf dem Gut gearbeitet. Jetzt saßen viele von ihnen ohne Job zu Hause, während sich an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz seltsame Leute breitmachten und Geld vom Staat kassierten. Auch war durchgedrungen, dass einige der Kommunarden der freien Liebe frönten. Es dauerte lange, bis der erste Landwirt aus dem Dorf den Weg in Hiekes Ziegenstall fand und man ins Gespräch kam.

Maik Hosang, zuständig für den theoretischen Überbau, wurde es bald langweilig. Laut Konzept sollten die neuen Lebensformen reichlich philosophische Reflexion beinhalten. Doch abends, wenn alle müde aus dem Stall oder vom Feld kamen, hatte keiner mehr Lust auf Diskurse. Schließlich gab Hosang eine Lernwerkstatt für Philosophie und Ethik in Auftrag. Der Dresdner Künstler Ulrich Schollmeyer schuf nahezu 80 Objekte und Installationen, in denen er die Hauptgedanken großer Philosophen sichtbar und erlebbar machte. „Sophia“ heißt die Ausstellung, sie verbindet die Exponate zu einer Reise durch die Geschichte der abendländischen Philosophie, von Thales von Milet (geboren um 624 v. Chr.) bis Rudolf Bahro (gestorben 1997). Und ein innen komplett verspiegeltes „Spiegelhaus“ vermittelt dem Betrachter die Erfahrung der Unendlichkeit. Man sieht ausschließlich sich selbst, immer kleiner werdend. Regelmäßig besuchen Schulklassen die Ausstellung.

Schön, aber lange Zeit isoliert: Im Dorf blickte man zunächst skeptisch auf das „Lebensgut“
Vom Wir zum Ich: Früher kochte man gemeinsam

Die Grenzen der Philosophie legte Hosang zusehends großzügiger aus. Er folgte damit seinem Lehrer Bahro, der sich in seinen späten Jahren mitunter weit auf das Terrain des Mystisch-Spirituellen vorgewagt hatte. Im Park des Lebensgutes entstand eine indianische Schwitzhütte, es gab Räume für Trommeln und Tanzen, Meditation und Yoga. Das Gut entwickelte sich zum Ort für Selbstfindungs-Events wie „Mensch, Natur und planetares Bewusstsein“ oder „Entdecke die Göttin in Dir“. Die Teilnehmer beim „Singlecamp“ waren aufgerufen, „zu singen, zu tanzen, zu schwitzen, uns zu berühren und Teil aneinander zu nehmen“.

Mit der Zeit begann die Gemeinschaft auf Pommritz zu erodieren. Vor allem im Sommer herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Es galt: Jeder, der anklopfte, durfte bleiben. Unter den Neuankömmlingen waren jedoch etliche mit Mühsal Beladene, die eine Auszeit brauchten, vielleicht auch eine Therapie. Manche hatten schon länger nicht mehr gearbeitet oder waren des Arbeitens müde. Sie blieben bis mittags im Bett und frühstückten dann erst mal gemütlich, während die anderen auf dem Feld schwitzten. „Das war dann schwer, zu sagen, den müssen wir wieder wegschicken, weil er nicht richtig arbeitet“, sagt Thomas Hieke, „da waren schließlich auch Sympathien und Freundschaften entstanden.“

Nach und nach scheiterte der Pommritzer Urkommunismus an seinen Geburtsfehlern. Der Tauschring, den die Bewohner ins Leben gerufen hatten, kam mangels Teilnehmern nicht in Schwung. Was sollte Hieke, der als Einziger Käse anbot, mit fünf Leuten anfangen, die alle Massage offerierten? Außerdem hatte er Käserei und Backstube auf eine autarke Versorgung von 300 Kommunarden ausgelegt. Da aber nie mehr als etwa 50 Leute auf dem Gut lebten, musste er seine Ware auf Märkten in Bautzen und Dresden verkaufen. Nachdem die ersten Gutsbewohner begonnen hatten, nur für sich zu kochen, versammelten sich zu den Mahlzeiten nun immer weniger Menschen um den großen Tisch.

Schließlich wurde die gemeinsame Kasse aufgelöst. Vom Wir ging es zurück zum Ich. Der Obst- und der Gemüsebauer, der Betreiber des Hofladens und Hieke wollten sich nicht länger reinreden lassen von jenen, die nichts vom Landbau verstanden. Sie wirtschafteten fortan auf eigene Rechnung und zahlten Pacht an den Trägerverein, der das Gut verwaltete. „Jetzt ist es keine Gemeinschaft mehr“, sagten einige, „jetzt ist es wie draußen.“

Neben der Vereinzelung bedrohte ständige Geldnot das Projekt. Bei der Übergabe des maroden Guts hatte ein Bauingenieur die Sanierungskosten auf fünf Millionen Mark geschätzt. „Die Immobilie fraß sämtliche Rücklagen auf“, sagt Hieke. „Man war froh, wenn das Geld reichte, um eine kaputte Maschine reparieren lassen zu können.“

Eines Tages im Jahr 2010 stand, wie Hieke es formuliert, „der Heilsbringer“ auf dem Hof und versprach die Lösung aller Finanzprobleme. Maik Hosang präsentierte einen Investor, der die baufällige Scheune instandsetzen und die gesamte nach Süden gerichtete Dachfläche mit einer Fotovoltaikanlage ausstatten wollte. Das Solarkraftwerk war so großzügig dimensioniert, dass es das Gut komplett mit Energie würde versorgen können und noch Strom für die Einspeisung ins Netz übrig wäre. Der in juristischen Fragen unbedarfte Hosang hatte das Projekt recht eigenmächtig eingefädelt und die Verträge ausgehandelt.

Teure Heilsversprechen

Der Umbau der Scheune sollte ursprünglich 170 000 Euro kosten, doch Auflagen von Bauamt und Denkmalschutz verteuerten die Arbeiten erheblich. „Als die Kosten immer weiter stiegen, gab es von Maik keine Rückkopplung zur Gemeinschaft mehr“, erzählt Hieke. Es habe aber auch niemand nachgefragt. „Wir haben den Maik einfach machen lassen.“ Als die Solarpanele auf dem Scheunendach in der Sonne glitzerten, präsentierte der Investor, der zwischendurch auch Kreditgeber geworden war, die Schlussrechnung: 412 000 Euro.

Soll Anlaufstelle für Seminarteilnehmer aus aller Welt werden: das Büro

Jeder wusste, dass das Gut eine solche Summe niemals würde erwirtschaften können. Der Trägerverein zog gegen den Investor vor Gericht. Die Verfahren ziehen sich bis heute hin, aber der Unternehmer bekam bislang in allen wesentlichen Punkten recht. Zwischen Hosang und der Mehrheit der Bewohner, die sich hintergangen fühlten, kam es zum Bruch. Er flog aus dem Vereinsvorstand. Das Lebensgut schleppte sich weiter, dem Ende entgegen. Die Insolvenz war absehbar, das Experiment gescheitert. Aus der Traum.

Gescheitert? Kurt Biedenkopf wird richtig grantig, wenn er so etwas hört. „Das Lebensgut ist auf gar keinen Fall gescheitert“, sagt er. Irrwege, Sackgassen und Rückschläge seien nun einmal Teil des Versuchs, schmerzhafte Lernprozesse eben. „Gescheitert wäre das Experiment, wenn alle Bewohner das Gut verlassen und sich über das weite Land zerstreut hätten und es im Lebensgut kein Leben mehr gäbe.“

So ist es aber nicht. Wenn Thomas Hieke demnächst mit seiner Backstube, der Käserei und den Ziegen das Gut verlässt, ist von den einstigen Gründungsmitgliedern immerhin Maik Hosang noch da. Stolz zeigt er auf das Solardach der Scheune. Sie ist als einziges Gutsgebäude komplett saniert. Unter den Kollektoren beherbergt sie jetzt die philosophische Erlebniswelt. Sie ist die Visitenkarte des neuen Lebensguts.

Der Philosoph hatte, die Insolvenz des Gutes vor Augen und vielleicht auch aus dem Gefühl heraus, etwas wiedergutmachen zu müssen, vor etwa drei Jahren auf einem Glückskongress in Berlin den österreichischen Unternehmer Heinrich Kronbichler kennengelernt. Der leitet den in Berlin ansässigen Bildungskonzern WBS Training AG: circa 93 Millionen Euro Jahresumsatz, gut 1000 Mitarbeiter, bundesweit an mehr als 175 Standorten vertreten. Außerdem besitzt er ein Biohotel am Spree-Ufer in Berlin-Köpenick. Vor einiger Zeit befand Kronbichler, die Zeit des schnöden Geldverdienens sei nun vorbei – und wechselte ins Lager der Gemeinwohl-Ökonomen um den österreichischen Wirtschaftsprediger Christian Felber. Der propagiert ein faires, nachhaltiges und soziales Wirtschaften, allerdings um den Preis teils massiver Eingriffe in persönliche Freiheits- und Eigentumsrechte.

Hosang erkannte gleich, dass Kronbichler weit mehr Geld übrig hatte, als man in Pommritz jemals würde verbauen können. Und dass dieser nach einer sinnvollen Verwendung dafür suchte. Zu gern hätte er den Österreicher auf Pommritz als neuen Retter präsentiert.

Kronbichler fuhr mit seinem Tesla in Pommritz vor – und trat frustriert den Rückweg nach Berlin an. Eine „total zerstrittene Bande“ habe sich ihm präsentiert, erzählt er. „Da gab es schon seit Jahren keine Gemeinschaft mehr. Jeder wirtschaftete in seine Tasche.“ Für ihn stand fest: „Niemals werde ich mein Geld diesen Leuten geben, damit sie so weitermachen können wie bisher.“

Nach einiger Bedenkzeit unterbreitete er den Pommritzern Ende 2014 folgendes Angebot: Er sei bereit, den gesamten Hof zu kaufen und die Idee des Lebensguts weiterzuführen – „aber zu meinen Bedingungen, nicht zu euren“. Schweren Herzens willigten die Gutsbewohner ein.

Das Lebensgut ist nun ein Unternehmen der WBS Training AG, und Pommritz hat wieder einen Gutsherrn. Einen, der die Party bezahlt, aber auch entscheidet, welche Musik gespielt wird. Die Basisdemokratie sei „so ein bisschen aufgehoben“, sagt Hosang. Man müsse anerkennen, „dass Menschen unterschiedliche Kompetenzen haben, Prozesse und Strukturen zu organisieren. Diejenigen, die das können, sollten sich möglichst nicht stören lassen von denen, die aus anderen Gründen da sind.“ Das sei die Lehre aus den ersten 20 Lebensgut-Jahren.

Liefern Milch für Feta und Frischkäse: die Pommritzer Ziegen
Kocht gern Marmelade: der neue Eigentümer Heinrich Kronbichler

Kronbichler und Hosang scheinen eine geradezu symbiotischen Beziehung eingegangen zu sein. Der Unternehmer finanziert das Lebensgut, der Philosoph zaubert die Konzepte herbei. Der neue Gutsherr wusste anfangs nicht recht, was er anfangen sollte mit dem weitläufigen Gebäudekomplex und den Menschen, die dort wohnen. Eine Zeit lang favorisierte Kronbichler eine Art „Lebensschule“ – für Menschen, „die aus dem Leben gefallen sind“, Langzeitarbeitslose beispielsweise. Thomas Hieke erzählt, er habe „dem Heinrich“ gesagt, dass er nicht alle paar Wochen vier Arbeitslose in die Käserei oder in den Ziegenstall stellen könne. „Was soll ich mit denen anstellen?“ Das Vorhaben wurde schnell beerdigt.

Hof-Fest auf Pommritz, September 2017. Eine Besucherin spricht Maik Hosang an. „Sie kenne ich doch. Sie sind doch einer von denen, die von Anfang an dabei waren.“

„Ja, ja.“

„Sind denn eigentlich die Ziegen noch da?“

„Die Ziegen? Ja, die ökologische Landwirtschaft ist integraler Bestandteil des Lebensgut-Konzepts.“

„Aber wo sind sie denn, die Ziegen? Ich habe sie gar nicht gesehen.“

„Auf einem Hof die Straße hinauf, da haben sie mehr Platz.“

„Und dieser andere Hof gehört auch zum Lebensgut?“

„Ja, quasi.“

Thomas Hieke hat mit seinen Ziegen im vorigen Winter den Hof verlassen – als letzter der landwirtschaftlichen Betriebe, die das Gut mehr als 20 Jahre am Leben gehalten haben. Der Gemüsebauer und der Yogi, der die Obstwiesen bewirtschaftete, sind schon vorher gegangen. Sie haben offensichtlich gespürt, dass im neuen Lebensgut-Konzept für sie kein Platz mehr ist.

Hieke hat im Dorf ein benachbartes Gehöft gekauft. Er ist jetzt freier Bauer. Möglichst bald sollen auch die Käserei und die Backstube umziehen. Momentan hakt es allerdings noch bei den Krediten und Fördermitteln. Am neuen Standort wollen seine Frau und er vielleicht auch einen Hofladen und ein kleines Café einrichten. „Wer bin ich? Was kann ich? Wo sind meine Potenziale? Da habe ich auf Pommritz sehr viel gelernt“, sagt Thomas Hieke. Wenn er und seine Frau mittags mit den sieben Mitarbeitern am Essenstisch säßen, sei es fast wie anfangs auf dem Gut. Hieke hat sich den Schritt gut überlegt – vor allem, ob er es wagen soll, den für die Sanierung des Hofes erforderlichen Kredit aufzunehmen. Ausgerechnet er, einst überzeugter Parteisoldat mit festem Glauben an den Sozialismus, geht als Unternehmer ins Risiko. Auch ein Ergebnis des Freilandversuchs.

Dem neuen Gutsherrn wäre Hieke zumindest geschäftlich gern verbunden geblieben. „Unter den Gästen des Lebensguts werden doch auch welche sein, die unseren Käse essen“, hatte er gehofft. Doch dort wird fast durchgängig vegan gekocht. Und auch Kronbichlers Berliner Biohotel bietet seinen Gästen nichts, was tierischen Ursprungs ist. „Als Absatzmarkt“, sagt Hieke enttäuscht, „ist das Gut für uns völlig weggebrochen.“

Kürzlich klopfte eine Lebensgut-Mitarbeiterin, die sich um das Marketing kümmert, bei Hieke an. Ob man für die Gäste nicht etwas mit Ziegen machen könne, schlug sie vor. Sie sprach von „freier Begegnung und Reflexion“ und „Goat Gymnastics“ und hatte auch schon einen Vertragsentwurf dabei. „Yoga mit Ziegen“, dachte Hieke, „eigentlich Blödsinn, aber leicht verdientes Geld.“ Das ist jetzt ein paar Monate her. Kronbichlers Mitarbeiterin ist nicht wieder vorbeigekommen. Aber auf der neuen Lebensgut-Website kann Hieke lesen, dass die Gäste für zehn Euro pro Stunde „in direkten körperlichen Kontakt mit den Tieren treten“ und die „heilsame Kraft ihrer Nähe“ spüren können. „Während wir mit einfachen, teilweise vom Yoga übernommenen Positionen unsere Muskeln stärken und dehnen, üben sich Ziegen im Klettern auf uns, knabbern uns an und legen sich zu uns.“ Das kostet dann 20 Euro. Bislang hat aber noch niemand Hiekes Ziegen angefordert.

Für Kronbichler und Hosang sind solche Angebote ohnehin nicht mehr als ein nettes Vorgeplänkel. Sie wollen das Gut in weit höhere Umlaufbahnen katapultieren. Hosang, der Kulturphilosophie an der Hochschule Zittau /Görlitz lehrt, will das Lebensgut in ein „Zentrum für kreative menschliche Entwicklung“ verwandeln. Menschen, die in einer Krise stecken, könnten doch Selbstfindung und Entschleunigung in Pommritz genauso gut erfahren wie in einem Kloster in Nepal. Seminarteilnehmer, vielleicht aus aller Welt, sollen an Hosangs Forschungsprojekt „Die Kunst des Liebens im Tun“ mitarbeiten oder in die Welt der „spiral dynamics“ eintauchen, eine bei Managern und Coaches derzeit sehr populäre Ebenentheorie der Persönlichkeits- und Gesellschaftsentwicklung.

„Das haben wir vergurkt“

Etwa drei Millionen Euro hat Kronbichler in den vergangenen zweieinhalb Jahren in die Sanierung und den Umbau des Guts gesteckt. Alte Stallungen ließ er niederreißen, 30 Gästezimmer herrichten, minimalistisch, aber hochwertig ausgestattet. Auf Pommritz weht jetzt nicht einmal mehr ein Hauch vom früheren Landkommunen-Hulleschwupp. Jetzt stehen noch die Gutsküche auf dem Sanierungsplan und der alte Ziegenstall, der vielleicht ein Mehrgenerationenhaus wird, vielleicht aber auch eine Gaststätte für Veganer und Alkohol-Abstinenzler.

Der in der spirituellen Szene bestens vernetzte Maik Hosang hat jede Menge Ideen und schreibt Konzeptpapiere – aber die schönen Gästezimmer stehen nach wie vor die meiste Zeit leer. Vor allem junge Leute aus aller Welt, die gegen Kost und Logis Freiwilligenarbeit leisten, bevölkern das Gut. Das Unternehmen Lebensgut Pommritz erwirtschaftet derzeit einen Deckungsbeitrag, der sich nur unwesentlich von dem eines städtischen Freibades unterscheiden dürfte.

„Das leiste ich mir gerade“, sagt ein entspannter Heinrich Kronbichler. Es sei abwegig, zu glauben, dass das Gut bald so rentabel werde wie die anderen Unternehmen seiner WBS. „Wenn ich hier einen Platz schaffen kann, wo Menschen zu mehr Bewusstsein reifen, dann ist das fein für mich.“ Der Markt ist bereitet, da hat er keinen Zweifel. Er erlebe doch täglich, wie die Grundfesten der alten Arbeitswelt erodierten. Die Menschen müssten künftig ein anderes Selbstverständnis finden, als „mit 18 in die Arbeit zu gehen und mit 65 in Rente“. Und diese Menschen, springt ihm Maik Hosang bei, „die aus Bewusstseinsgründen aus dem normalen Arbeitsprozess herausfallen, die brauchen doch Reallabore, wo sie anfangen, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln.“

Bis dahin ist es noch weit. Immerhin haben einige WBS-Teams das Gut jetzt für ihre Weihnachtsfeier gebucht. Sie werden „Plätzchen backen und sich mit den Tieren beschäftigen“, sagt Kronbichler. Das Problem ist nur: Außer vier Pferden gibt es auf Pommritz keine Tiere mehr.

Im Sommer verbringt Kronbichler viel Zeit auf seinem Gut. Er gönnt sich die Muße, diese neue kleine Welt für sich zu entdecken, kocht Marmelade ein, gießt Baumpilze, kostet die Äpfel von der Streuobstwiese und wundert sich, wie gut sie schmecken. Er schwärmt von dem „wunderschönen Barfußgang“ im Gutspark, der neu angelegt wurde, vom Permakulturgarten, „wo man sich verlieren kann“. Er und Hosang wirken wie zwei Jungs, die einen großen Plan schmieden.

Mit dem ursprünglichen Konzept einer weitgehend autarken Landkommune wird das Lebensgut nach Abschluss seiner Häutung kaum noch etwas gemeinsam haben. „Unsere Idee vom Ökodorf war allerdings schon tot, bevor der Heinrich kam“, sagt Thomas Hieke. „Das haben wir vergurkt.“ Man ist per Du, aber deutlich auf Distanz. „Der Heinrich hat noch nicht so richtig erkennen lassen, was für ihn das Gemeinschaftliche ist. Er ist halt der Eigentümer – und so tritt er manchmal auch auf.“ Ebenso sein Sohn, der in die Rolle des strengen Gutsverwalters schlüpft, wenn Kronbichler in Berlin weilt.

Hieke sagt, wenn er vom Lebensgut spricht, bewusst „die“, nicht mehr „wir“. „Es ist nur noch eine schöne Hülle. Ein Lebensgut, auf dem bald niemand mehr lebt.“ Demnächst zieht die vorletzte Familie mit Kindern aus. Irgendwann wird es dort ganz still sein. Nur gut, meint wiederum Maik Hosang: „Wenn da ‘ne Käserei ist und zehn Kinder schreien, kannst du nur beschränkt Bewusstseinsarbeit machen.“

Thomas Hieke hält den Gründungsmythos des Lebensguts hoch, ehern und trotzig. „Das Miteinander. Das ist doch wichtig. Eine Gemeinschaft, die geradlinig ist und fürsorglich. Der Gedanke war doch nicht schlecht, auch wenn vieles nicht funktioniert hat. Das soll jetzt alles nichts mehr wert sein?“ Seine Stimme stockt. Nie würde er sagen, Hosang sei schuld an allem. Aber dass „ausgerechnet der Maik der Einzige ist, der das ganze Desaster hier unbeschadet überstanden hat, das ist doch schon ulkig“. ---