Der Störfall

Beruf und Familie zu vereinbaren ist immer noch ein Problem. Dabei wäre die Lösung gar nicht so schwer.





• So lange auszusteigen wie er, das hatte sich zuvor niemand getraut, jedenfalls nicht in seinem Betrieb. „Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht“, sagt Stefan Kracht *, „aber wenn das nicht gegangen wäre, dann hätte ich notfalls den Job gewechselt.“ Der Controller nahm nach der Geburt seines ersten Kindes sieben Monate Elternzeit und sorgte für seinen Sohn, beim zweiten Kind nahm er fünf Monate; danach kehrte er jeweils in Vollzeit zurück ins Büro.

Das wünschen sich viele Väter, mehr als die Hälfte würde gern mindestens drei Monate Elternzeit nehmen. Doch nur wenige tun es, obwohl Paare die Auszeit frei unter sich aufteilen können. Der Staat zahlt bis zu zwölf Monate mindestens 65 Prozent des durchschnittlichen Netto-Erwerbseinkommens. Nimmt auch der Partner mindestens zwei Monate Elternzeit, verlängert sich die Bezugs- dauer auf 14 Monate. Aber nur gut jeder dritte Vater bezieht überhaupt Elterngeld, und von denen, die es tun, bleiben gut drei Viertel nicht länger als zwei Monate zu Hause.

Zeit für Kinder nehmen sich vor allem Frauen. Bundesweit beziehen mehr als 95 Prozent aller Mütter Elterngeld, fast alle für zehn bis zwölf Monate. Auch danach bleibt die klassische Arbeitsteilung bestehen: Im Westen Deutschlands arbeiten 44 Prozent aller Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit – überwiegend nicht mehr als 25 Stunden – und nur 23 Prozent in Vollzeit. Väter hingegen arbeiten zu 90 Prozent in Vollzeit. Entsprechend sind die Rollen verteilt. Und dafür gibt es gute Gründe.

„Ich habe nicht groß nachgedacht“, sagt Anna Kemper *. „Ich habe mich an das gehalten, was normal ist.“ Bis zur Geburt ihrer Tochter arbeitete die PR-Frau in Vollzeit, dann ging sie für ein Jahr in Elternzeit und kehrte anschließend für 20 Stunden die Woche zurück. Beim zweiten Kind ebenso. „Ich wollte als Mutter alles richtig machen“, sagt sie, „und dieses traditionelle Bild war einfach in mir drin.“

Umfragen zufolge will die Mehrheit aller Mütter zu Hause bleiben. Dafür gibt es auch finanzielle Gründe. „Mein Mann verdient dreimal mehr als ich“, sagt Kemper. „Wenn man ein Haus gekauft hat wie wir, ist klar, wer beruflich zurücksteckt.“ Im Schnitt verdienen in Vollzeit arbeitende Männer mit einem Brutto-Monatseinkommen von 3898 Euro rund 640 Euro mehr als Frauen. Und wer in Teilzeit arbeitet, verdient unabhängig vom Geschlecht rund vier Euro weniger pro Stunde als eine Vollzeitkraft.

Daher entscheiden sich viele Paare für die traditionelle Lösung. Der Staat fördert das durch das Ehegattensplitting und die kostenlose Mitversicherung des Ehepartners in der gesetzlichen Krankenversicherung. Und auch die Kultur in vielen Unternehmen beeinflusst die Entscheidung von Eltern. So haben 15 Prozent aller Männer, aber nur 7 Prozent aller Frauen überlange Arbeitszeiten von mindestens 48 Stunden pro Woche. Auch machen Führungskräfte einen Unterschied zwischen Müttern und Vätern. 67 Prozent der Manager schreiben einer Studie der Frankfurt University of Applied Sciences zufolge Männern in Teilzeit ein geringeres Karrierestreben zu. Bei Müttern fällt hingegen nur knapp die Hälfte der Führungskräfte ein solches Urteil.

Muster und Moneten

Laut einer Studie der Unternehmensberatung A. T. Kearney glaubt jeder dritte Vater, seine Karriere wäre gefährdet, nähme er familienfreundliche Angebote in Anspruch. Anders gesagt: Nicht wenige Männer befürchten, dass ihnen das Gleiche passieren könnte wie bislang den Müttern.

Teilzeitfalle, Karriereknick – solche Nachteile für Mütter seien Realität, sagt Katharina Wrohlich von der Forschungsgruppe Gender Studies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Könnten Mütter Karrieren machen, würden sie ja die entsprechenden Löhne bekommen.“ Auch Anna Kemper musste das erfahren. Beim ersten Kind klappte es noch einigermaßen: „Ich war in der ersten Zeit zwar nur eine kleine Nummer, konnte mir aber wieder Verantwortung verschaffen.“ Sie machte Überstunden und nahm sich Arbeit mit nach Hause. Aber mit dem zweiten Kind war das nicht mehr möglich. Es war oft krank. „Ich habe abends am Bett gesessen“, sagt sie, „da konnte ich keine Extraarbeit mehr erledigen.“ Aufgaben abgeben wollte sie trotzdem nicht, nach gut einem Jahr war sie mit den Kräften am Ende. „Homeoffice wäre die Lösung gewesen, dann hätte ich nicht mehr pendeln müssen und die Zeit nutzen können. Aber das gab es bei uns nicht.“

Sie kündigte ihren Job. Heute arbeitet die Akademikerin als Teilzeit-Bürokraft in der Verwaltung. Dort kann sie früher Feierabend machen und auch mal Arbeitstage tauschen. Für die Familie ist das prima. „Nur Herzblut“, sagt Kemper, „verspüre ich nicht. Früher konnte ich Dinge entscheiden, heute arbeite ich nur noch zu.“ Ob sie je wieder einen Job mit mehr Verantwortung findet, wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind? „Das wird schwer, ich bin ja dann schon über 40.“

Dringend gesucht: Kita-kompatible Stellen

Ein Großteil der teilzeitbeschäftigten Mütter würde gern mehr arbeiten, was oft nicht klappt. Auch deshalb beziehen Frauen aktuell 53 Prozent weniger Rente als Männer, rund 17 Prozent aller Frauen sind im Alter armutsgefährdet. Karriere können sie oft vergessen – nur elf Prozent aller Teilzeitbeschäftigten haben eine Managementfunktion, und nur jede dritte Führungskraft in deutschen Unternehmen ist eine Frau.

Zwar bieten rund drei Viertel aller Unternehmen Teil- oder individuell vereinbarte Arbeitszeiten an. Telearbeit gibt es in jeder fünften Firma, Jobsharing in jeder neunten. Doch gilt all das meist nicht für Führungskräfte. „Familie und Beruf“, sagt Mareike Bünning, Soziologin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), „das geht vielleicht noch. Aber Familie und Karriere – dagegen spricht, wie Arbeit gemeinhin organisiert ist.“

Für Eltern ist ein Baby ein Glück, für Unternehmen hingegen häufig ein Störfall. Überstunden, ständige Erreichbarkeit, längere Dienstreisen sind dann plötzlich schwierig. „Man ist für die Organisation ein Problem“, sagt Christian Vetter vom Bundesverband der Personalmanager, „vor allem dann, wenn sich die normale Art zu arbeiten nicht verändern darf.“ Das größte Problem sind für ihn „die dünnen Personaldecken auch in Großbetrieben. Wenn da jemand ausfällt, kann das niemand abfedern. In der Folge wurstelt man sich in den Unternehmen eben so durch.“

Mit zwölf Monaten Elternzeit könnten Firmen umgehen, sagt Vetter. „Auch die üblichen zwei Monate der Väter sind kein Problem, da springen die Kollegen ein. Aber wenn jemand ein halbes Jahr gehen will, und man muss die Vertretung ein Vierteljahr einarbeiten, lohnt sich das kaum.“ Der Personaler findet das alles nicht toll. „Aber dieses ständige Rein-Raus in Organisationen ohne Polster – da droht Chaos im Betriebsablauf.“

Deshalb sind viele Vorgesetzte nicht begeistert, wenn ihre Mitarbeiter Nachwuchs bekommen. Und sie machen Unterschiede. „Frauen kriegen unproblematisch zwölf Monate Elternzeit und danach 20 Stunden in Teilzeit“, sagt Dorothea Engel vom Verband berufstätiger Mütter. „So werden aus qualifizierten Frauen in der Regel Teilzeit-Hoppel.“ Männern dagegen würde mehr oder weniger subtil zu verstehen gegeben, dass es nicht ratsam sei, der Kinder wegen kürzerzutreten, sagt der Väteraktivist und Organisationsberater Hans-Georg Nelles. Und häufig gäben sie dem Druck nach, „denn anders als Frauen stecken Männer in der Ernährerrolle. Sie sind viel leichter erpressbar.“

Neue Vorbilder braucht das Land

In einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung berichten 16 Prozent der Väter mit zwei Monaten Elternzeit von schlechteren Aufstiegsmög- lichkeiten, bei Vätern mit mehr als drei Monaten waren es 27 Pro- zent. Zudem geht es ans Geld. Berechnungen des WZB zufolge führt jeder Monat Teilzeit bei Männern zu Einkommensverlusten von 0,2 Prozent vom Stundenlohn – macht nach zwölf Monaten 2,4 Prozent weniger Geld. Der Grund, so Mareike Bünning: „Teilzeitler bekommen keine Lohnerhöhung oder Beförderung.“

Dass es auch anders geht, zeigt der Fall des Controllers Stefan Kracht. Als er nach sieben Monaten Elternzeit an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehrte, habe es keine Vorwürfe gegeben, „dass ich so lange ausgesetzt habe“, sagt er. Teile seiner Arbeit habe sein Chef übernommen. Manches sei liegen geblieben, sodass die Kollegen nicht überlastet wurden. „Und als ich wieder da war, bekam ich auch nicht den Müll, den sonst keiner machen will.“

Krachts positive Erfahrungen haben auch mit seiner Position im Betrieb zu tun. „Ich mache einen qualifizierten Job, bin also nicht einfach ersetzbar.“ Dennoch macht auch er sich Gedanken über die Zeit, wenn seine Kinder in die Schule kommen. Auch Ganztagsschulen schließen oft früher als Kitas, mit seiner Vollzeitstelle bekäme er dann ein Problem. Denn Teilzeitmänner gebe es in seiner Firma nicht, sagt Kracht, „und wenn ich das machen würde, wäre das für mich wohl das Karriere-Aus. Wer viel da ist, macht vieles richtig – diese Denke gilt auch bei uns.“

So hat auch Stefan Kracht Angst vor der Familienfalle, in der viele Frauen stecken. Das Potenzial der Eltern stärker zu nutzen müsste eigentlich auch im Interesse der Unternehmen sein. Würden die Erwerbswünsche der Frauen berücksichtigt, gewännen die Arbeitgeber nach Angaben des Bundesfamilienministeriums rund 700 000 neue Arbeitskräfte, was 350 000 Vollzeitstellen entspräche.

Der Schlüssel liegt bei den Arbeitszeiten. Die Wunscharbeitszeit von Vätern kleiner Kinder liegt bei 35 Wochenstunden – real arbeiten sie im Schnitt 41 Stunden. Jede fünfte Mutter wünscht sich eine Wochenarbeitszeit zwischen 28 und 36 Stunden für beide Elternteile. Wer Müttern eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen will, muss auch den Vätern helfen, sonst bleibt das Problem an den Frauen hängen.

Der Organisationsberater Hans-Georg Nelles fordert deshalb mehr Stellen, die rund 80 Prozent eines Vollzeitkontingents entsprechen. „Damit geriete man im Betrieb nicht aufs Abstellgleis und käme trotzdem pünktlich zur Kita.“ Für Dorothea Engel vom VBM entscheiden sich die Dinge auch an den Frauen, die öfter bereit sein müssten, Familienarbeit abzugeben. Dafür bräuchten sie in Unternehmen „ein Gefühl von Sicherheit und eine Willkommenskultur, und erst in zweiter Linie einen Betriebskindergarten.“ Was bedeutet: „Flexible Arbeitszeiten oder wenige Überstunden, Homeoffice“, sagt Engel, „und einen Chef, der nicht die Augen verdreht – damit könnte man schon viel erreichen.“

Für Männer muss offenbar mehr passieren. Die größte Verhaltensänderung hat bislang der Gesetzgeber mit der Einführung von Elternzeit mit Partnermonaten bewirkt. Das bis dahin gültige Erziehungsgeld nahmen lediglich 3,5 Prozent aller Väter in Anspruch, heute setzt jeder dritte Vater zumindest kurzzeitig aus. Für den Unternehmensberater Volker Baisch ist das kein Zufall, denn seiner Erfahrung zufolge möchten Männer sich gern auf Normen berufen. Daher seien die zwei Partnermonate bei Vätern weithin akzeptiert. „Wenn der Gesetzgeber vier Partnermonate festschreiben würde, wäre es ähnlich“, sagt Baisch. Auch ein verbrieftes Rückkehrrecht auf eine volle Stelle nach Teilzeit wäre eine gute Sache.

Wie’s geht, zeigt eine Versicherung

Nur hat der Gesetzgeber das jüngst abgelehnt, und auch bei der Elternzeit tut sich nichts. Deshalb setzt Baisch vor allem auf die Vorbildfunktion von Führungskräften. „Denn sie gestalten die Kultur in einem Unternehmen. Und wenn die nicht stimmt, nützen einem eine Kita und ein offizielles Teilzeitangebot auch nichts. Wenn der Anführer etwas macht“, so seine Erfahrung, „läuft ihm das Rudel nach.“ Nicht jeder Chef müsse in Teilzeit gehen. Aber er könnte zum Beispiel „seine Familientermine in den internen Kalender eintragen, das gäbe ein Signal ins ganze Unternehmen“.

Dass ein solcher Kulturwandel möglich ist, zeigt sich beim Volkswohl Bund, einer Versicherung mit 730 Beschäftigten. Rund 30 Mitarbeiter befinden sich momentan in Elternzeit, 155 Angestellte nutzen 123 verschiedene Teilzeitmodelle, darunter auch Führungskräfte. Damit arbeitet ein Viertel der Belegschaft unter besonders familienfreundlichen Bedingungen.

Das liegt weniger daran, dass jeder Vater und jede Mutter bei der Geburt eine vom Vorstand unterschriebene Glückwunschkarte bekommt, sondern an einer ungewöhnlichen Flexibilität, die sich ohne viele feste Regeln ergibt. „Wir können miteinander reden“, sagt die Personalentwicklerin Andrea Otto, „vielleicht ist das unser größter Vorteil.“

Teilzeitmodelle kommen grundsätzlich durch persönliche Absprachen zustande – daher die Vielfalt. In der Firma gebe es mittlerweile viele nur um wenige Stunden reduzierte Stellen, sagt Otto – und Probleme, diese auszugleichen, existierten kaum. „Gerade weil wir insgesamt viele Teilzeitstellen haben, findet sich in den Abteilungen fast immer jemand, der noch ein bisschen aufstocken möchte.“ Dass dies gut funktioniert, liegt wiederum an der Kommunikation. Werden Teilzeitler andernorts vom Informationsfluss abgeschnitten, stimmt man beim Volkswohl Bund Meetings auf deren Präsenzzeiten ab, und wenn das nicht gelingt, schreibt jemand ein Protokoll für die abwesenden Kollegen.

Zudem kümmert man sich darum, dass Teilzeitler später in Vollzeit auf ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren können, selbst wenn es für sie Vertretungskräfte gab – was neben Kommunikation Planung erfordert. „Wenn man vorausschauend denkt, matcht sich das schon“, sagt Otto. „Und wenn es mal kurzfristige Überkapazitäten in einem Team gibt, versuchen wir, Aufgaben aus anderen Bereichen zu verschieben.“

Perfekt sei man noch nicht, sagt Otto. So hätten langjährige Führungskräfte Mitarbeiter in Teilzeit teilweise eher nicht im Fokus für Positionen mit mehr Verantwortung. Aber selbst scheinbar unersetzliche Leute können in längere Elternzeit gehen, weil die Versicherung Kollegen so weitergebildet hat, dass sie einspringen können. Zudem habe man gute Erfahrungen mit externen Vertretungen gemacht, sagt Otto, selbst für befristete Stellen ließen sich qualifizierte Mitarbeiter finden. Oder man organisiert Arbeit eben um. „Routineaufgaben gibt es überall, die gibt man dann an einen Azubi, was die Mehrarbeit der qualifizierten Kollegen reduziert.“

Eine Organisation in Bewegung. Auf die Frage, warum sich ihr Unternehmen derart Mühe macht und was das alles kostet, muss Andrea Otto passen. „Schwer zu sagen“, meint sie. „Nur kann auch niemand genau berechnen, was wir deshalb von den Kollegen zurückbekommen, etwa weil sie schneller aus der Elternzeit zurückkehren oder in Teilzeit eine höhere Stundenzahl wählen. Aber ich bin mir sehr sicher, dass es sich lohnt.“ ---

Zahl der Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland:
2004: 9 Millionen
2016: 8,2 Millionen

* Name von der Redaktion geändert