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Lori Nishiura Mackenzie

Ein Gespräch über die Macho-Kultur im Silicon Valley und ihre Folgen mit Lori Nishiura Mackenzie, Professorin an der Stanford University in Kalifornien.





brand eins: Frau Mackenzie, Sie erforschen seit fast zehn Jahren die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und versuchen Wege aufzuzeigen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Gibt es im Silicon Valley besonderen Nachholbedarf?

Lori Nishiura Mackenzie: Hier glaubt man immer noch an das Märchen von der Meritokratie, in der jeder für seine oder ihre Leistungen belohnt wird. Wenn sich eine Frau über Benachteiligung beklagt, muss die Schuld dieser Logik zufolge bei ihr gelegen haben. Unsere Forschung belegt, dass es diese Meritokratie nicht gibt – doch je mehr man daran glaubt, desto weniger ist man zu Reformen gewillt. Führungskräfte weigern sich, Beschwerden nachzugehen; die wichtigste Ursache sind unbewusste Vorurteile.

Wie lassen sich die bewusst machen?

Eine gute Methode, um solche Fehlwahrnehmungen aufzudecken, sind Versuche mit ein und demselben Lebenslauf, in dem mal ein männlicher, mal ein weiblicher Name steht. Der „Mann“ wird bei solchen Experimenten besser bewertet als die „Frau“, weil sich „seine“ Biografie mehr mit unseren Erwartungen deckt. Sich solcher Vorurteile bewusst zu werden ist der erste Schritt. Das tun immer mehr Unternehmen übrigens mit Software, die automatisch alle Details aus Bewerbungen entfernt, die Rückschlüsse auf die Person zulässt. Dem Bewusstsein müssen konkrete Handlungen folgen. Bei Bewerbungen heißt das, einen transparenten Prozess zu schaffen, an den sich alle mit einer eindeutigen Checkliste halten.

Ist die Tech-Branche mit den vielen jungen weißen männlichen Programmierern und ihrer Kumpel-Kultur besonders problematisch?

Die Branche hat eine größere Verantwortung, vorbildliches Verhalten an den Tag zu legen, denn sie steht für die Zukunft unserer Wirtschaft und beeinflusst mit ihren Produkten maßgeblich unser Arbeits- und Privatleben. Daher sollten Tech-Firmen niemanden ignorieren oder benachteiligen. Allerdings ist die männliche Kultur in der Tech-Szene tief verwurzelt. Es liegt an uns, das zu ändern, und zwar schon im Studium. Interessanterweise waren in den Anfangsjahren der Branche die meisten Programmierer weiblich. Noch 1985 holten sich Frauen ein Drittel aller Informatik-Abschlüsse. Heute liegt dieser Anteil bei 18 Prozent.

Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Unsere Vorstellung von der Tätigkeit des Programmierens hat sich gewandelt. Der Mythos vom Nerd schreckt Frauen davon ab, diesen Beruf zu ergreifen.

Gibt es Firmen, die etwas dagegen tun?

Wir haben zwei Jahre lang mit der Webhosting-Firma GoDaddy zusammengearbeitet, die ihr Problem mit Sexismus eingestanden hatte, angefangen mit ihrer Werbung. Unter einem neuen Geschäftsführer fing man damit an, die Werte des Unternehmens zu überdenken und zu fragen, ob sie wirklich alle Mitarbeiter einschließen.

Vor ein paar Jahren schrieb Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin bei Facebook, einen Beststeller namens „Lean In“. Frauen sollten sich reinhängen und ihren Platz erkämpfen. Was halten Sie von dem Ratschlag?

Mein Institut war einer der Gründungspartner der „Lean In“-Bewegung, was die Erziehungskomponente angeht, insofern bin ich da etwas voreingenommen. Das Buch hat Frauen in Führungspositionen zu einem Thema von nationaler Bedeutung gemacht. Der Titel suggeriert vielleicht, dass es allein Aufgabe der Frau sei, sich einzumischen – aber in Wirklichkeit geht es darum, dass sich Organisationen zu ändern haben.

Ein junger Google-Mitarbeiter hat sich unlängst in einem Memo über die seiner Meinung nach bevorzugte Behandlung von Frauen beklagt. Hat der inzwischen entlassene Mann denn völlig unrecht?

Das Google-Memo zeigt, was passieren kann, wenn Organisationen sich bemühen, fairere Regeln einzuführen. Einigen kommt es dann so vor, als ob dies die Herrschaft der Leistungsträger gefährde – dabei ist das Gegenteil der Fall. Ein Kulturwandel ist harte Arbeit. Ich bin froh, dass sie geleistet wird, und glaube, dass wir am Ende erkennen werden, dass die Einbindung aller nicht nur besser für die Menschen ist, sondern auch fürs Geschäft.

Was sind die ökonomischen Folgen der derzeitigen Macho-Kultur?

Warren Buffett hat das wohl am besten ausgedrückt. Wie sähe unsere Volkswirtschaft aus, wenn sich die gesamte Bevölkerung nach ihren Fähigkeiten einbringen könnte? Das brächte einen enormen Aufschwung. Der Status quo hat erhebliche Kosten, zum Beispiel psychologische. Es ist schwer, in einer Kultur zu leben, in der man einen erheblichen Teil seiner geistigen Kraft darauf verwenden muss, sich zu verleugnen, um als Führungspersönlichkeit akzeptiert zu werden. Das reibt auf und verschwendet Talent – bei Männern wie Frauen. Und es schadet der Innovationskraft.

Müssen noch mehr Köpfe in der Tech-Szene rollen, bevor sich wirklich etwas ändert?

Sagen wir es so: Mehr Spitzenmanager müssen sich dieses Thema zu eigen machen. An unserem Institut gibt es ein Programm für Partner aus der Wirtschaft mit 50 zahlenden Mitgliedsfirmen. Das beweist, wie interessiert Unternehmen an dieser Forschungsarbeit sind – von Facebook, Google und der Silicon Valley Bank bis zu SAP und vielen Risikokapitalfirmen.

Ist das nicht schlicht clevere Öffentlichkeitsarbeit: Man wird Mitglied bei Ihnen und demonstriert so Engagement in Frauenfragen?

Ich denke, diese Firmen haben Interesse an Lösungen, die auf fundierter Forschung beruhen. Und wer wirklich davon profitieren will, muss sich auf einen Dialog mit uns einlassen und sich öffnen. Dabei kommen auch unangenehme Dinge heraus. So haben wir uns die Rekrutierungskampagnen für Informatik-Absolventen an einer großen Universität an der Westküste näher angesehen. Dazu haben wir insgesamt 85 Veranstaltungen von rund 50 Unternehmen besucht und ermittelt, was Frauen abschrecken könnte. Wer präsentierte was mit welcher Wortwahl? Es gab erschreckende Ausrutscher: Sexistische Witze auf der Bühne und weibliche Informatiker des Unternehmens, die im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen kein Wort sagten, sondern nur T-Shirts verteilen durften. Als wir im Frühjahr die Resultate vorstellten, haben einige Firmen relativ schnell Dinge geändert, noch bevor die Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen werden. ---