Bea Knecht

Die Unternehmerin Bea Knecht kennt das Gefühl, als Frau ihre Kompetenz beweisen zu müssen. Und als Mann den harten Hund zu markieren.





• Bei Stuss über Tesla hört der Spaß auf. Bea Knecht sitzt mit Aufsichtsräten in einem Restaurant, das Gespräch kommt auf den Elektroautohersteller aus den USA. Sie hält viel von dem Gründer Elon Musk und mag die Autos. Ihr Gegenüber nicht. Der Mann prophezeit Teslas Niedergang. Knecht widerlegt seine These, und auch der nächsten widerspricht sie. So geht es weiter, Knecht findet die Argumente des Tesla-Gegners immer weniger überzeugend. Irgendwann sagt sie: „Quatsch!“ Da fährt er sie an: „Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie sprechen?“ Es folgt: unangenehme Stille am Tisch.

„Nach einer Weile hat er sich beruhigt und danach allen erzählt, wie viel Spaß es mache, mit einer Frau eine so fetzige Diskussion zu führen“, erinnert sich Bea Knecht an die Situation vor einigen Wochen. Sie schmunzelt. Immerhin hat Knecht selbst einen „Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie sprechen?“-Lebenslauf. Ein Abschluss in Informatik von der University of California in Berkeley findet sich darin, ein Master of Business Administration, Anstellungen bei renommierten Arbeitgebern wie SAP, drei eigene Unternehmen. Trotzdem spricht sie aus Erfahrung, wenn sie sagt: „Das prädominante Problem ist, dass Frauen die Kompetenz abgesprochen wird.“

Die 50-Jährige kann sich ebenso auf persönliche Erfahrung berufen, wenn sie feststellt, dass an der Kompetenz eines Mannes seltener gezweifelt wird. Denn die Unternehmerin kennt die Perspektiven beider Geschlechter. Zwei ihrer Unternehmen – Levuro, ein Start-up, das interaktive Werbung vermarktet, und Genistat, das Daten und Quoten auswertet – hat sie als Frau gegründet. Vorher, während des Studiums und als sie mit einem Partner ihr erstes Unternehmen Zattoo gründete, war sie noch ein Mann.

Zattoo gehörte zu den ersten Unternehmen in Europa, die TV-Programme über das Internet streamten. Laut Firmenangaben schauen mittlerweile 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, der Schweiz, Spanien, Großbritannien und Dänemark regelmäßig zu, bei 17 Millionen registrierten Nutzern. Etwa 100 Mitarbeiter arbeiten an den Standorten in Zürich und Berlin. Das Unternehmen finanziert sich zum einen durch Werbung, die seine Zuschauer beim Kanalwechsel sehen. Für knapp zehn Euro monatlich können die Nutzer werbefrei umschalten und das Programm weiterer Sender anschauen. 2012 kam ein neuer Geschäftszweig hinzu, der zunehmend wichtiger für Zattoo wird: Man bietet Kabelnetzbetreibern, die eigene Programme ins Internet streamen wollen, als Dienstleister Technik und Software an. Knecht zählt heute vor allem wegen Zattoo zu den bekannten Digitalunternehmerinnen in der Schweiz.

Vor fünf Jahren, als sie noch Beat hieß, sei sie selbstverständlich nicht kompetenter als heute gewesen, sagt Knecht. „Ich habe ja nicht mein Hirn ausgetauscht.“ Sie habe nur ihr Äußeres dem Inneren angepasst. Sie trägt ein schwarzes halblanges Strickkleid, dazu eine schwarze Strumpfhose und schwarze Pumps. Ihr Stil ist ihr wichtig: Etuikleider, Röcke, lange Haare, kein Make-up. Später wird Knecht aufstehen und sich an der Spüle in der offenen Küche ihres Apartments am Zürichsee Wasser ins Gesicht spritzen, um sich zu erfrischen. Das macht sie mehrmals täglich, Schminke würde da nur stören. Über Autos fachsimpelt sie noch genauso gern wie früher, als sie Oldtimer fuhr, einen Porsche 911 und einen Mercedes 280 SL Pagode, beide aus den Siebzigern. Heute sind es eben die Elektromobile. Aber nun hat sie das Gefühl, dass einigen, die Beat nicht kannten, Beas Fachwissen unheimlich ist. „Eine Frau, die Technik fasziniert – das passt nicht ins Bild.“

Knecht ist Transgender. Als Kind in der ländlichen Schweiz fühlt es sich falsch für sie an, ein Junge zu sein. Sie hat vier Geschwister, ihre Familie führt eine Holding mit mehreren Reise-, Umzugs- und Fuhrunternehmen, gegründet schon 1909. In der Pubertät hat sie das Gefühl, den Mann spielen zu müssen. „Ich dachte ursprünglich, das gehöre dazu, vom Knaben zum Mann zu werden. Mir ist erst graduell klar geworden, dass andere einfach den Mann spielen, weil sie ein Mann sind und sich nicht anstrengen müssen.“

Auch wenn sie ahnt, dass sie lieber eine Frau wäre, macht Knecht als Mann weiter. Einzig mit ihrem Hobby, Wohnungen und Häuser aufwendig einzurichten, bricht sie ein wenig aus der Männerrolle aus. Sie hat mehrere Beziehungen, immer sind es kluge Frauen. Jahrzehnte später dämmert Knecht, dass ihre Freundinnen immer auch eine Art Avatar waren – dass sie an ihnen genoss, was sie selbst nicht ausleben konnte.

Jenseits des Privatlebens richtet sie alle Aufmerksamkeit erst aufs Studium und später auf die Arbeit. 2006 startet Zattoo in der Schweiz, ein Jahr darauf in Deutschland. Das Unternehmen muss für jedes Programm die Rechte aushandeln, das macht das Geschäft kompliziert und verlangsamt die Expansion. 2008 gerät die Firma in eine Krise. Knecht muss Mitarbeiter entlassen und verkauft ihr Haus in den USA, um das Geld ins Unternehmen zu stecken. „So ein Tempo und eine Dichte von Dingen, die ich in der Zeit jonglieren musste – im normalen Wirtschaftsleben wären das 15 Jahre gewesen“, sagt sie über die Zeit. Erst 2010 nähert sich Zattoo wieder der Profitabilität, und Knecht spürt, dass sie eine Pause braucht. Zwei Jahre später gibt sie den Vorstandsvorsitz ab und wechselt in den Verwaltungsrat.

Vom Mann zur Frau: ein Fünfjahresprojekt

Da ist sie Mitte 40, und eine alte Frage beschäftigt sie: Will sie ihr restliches Leben den Mann spielen? Sie nimmt sich eine Auszeit und geht die Geschlechterfrage so strukturiert an wie sonst ein IT-Projekt. Sie reist in die USA, trifft um die hundert Transmenschen, liest über Operationsverfahren, spricht mit Ärzten. Anfang April 2012 beschließt sie, ihr Vorhaben in Amerika umzusetzen. Im Gesicht lässt sie sich die Haare weglasern und auf dem Kopf neue transplantieren, nimmt Sprechtraining, um eine höhere Tonlage zu erlernen, erstellt einen Plan, in welcher Reihenfolge sie Familie, Freunden, Kollegen und Geschäftspartnern von der Geschlechtsangleichung erzählen wird.

Oben auf der Liste steht Zattoo. Sie skyped mit Niklas Brambring, ihrem dortigen Nachfolger. „Sie hatte dieses Gespräch sehr gewissenhaft vorbereitet“, erinnert sich der. „Sehr klar, sehr nüchtern, weder verteidigend noch überrumpelnd.“ Fünf Wochen später kehrt Knecht als Frau zurück und leitet gleich eine Generalversammlung.

Knecht managt ihre Transition, wie sie zuvor Zattoo durch die Krise geführt hat, denn sie kennt die Risiken. „Ich war ja nicht sozialisiert als Frau. Darum habe ich mich gefragt: Bekomme ich das überhaupt noch hin?“ Sie beginnt, ihre Geschlechtsangleichung als Fünfjahresprojekt zu betrachten. Die äußere Verwandlung ist dabei nur der Startschuss, alles andere soll langsam folgen. Die fünf Jahre sind inzwischen vorüber. Hat die Zeit ausgereicht? „Ja“, sagt Knecht.

Sie sitzt in einem gepolsterten Sessel und sieht aus wie eine Frau, die sich gern klassisch kleidet. „Als Mann habe ich meinem Vater ähnlich gesehen, als Frau ähnele ich meiner Mutter. Irre, oder?“, sagt sie. Die Mutter trauerte dem Sohn anfangs hinterher, erwähnte gegenüber Bea immer wieder, dass sie die talentierteste aus der Familie gewesen sei – stets in der Vergangenheitsform, so wie man über Verstorbene spricht. So, als ginge mit der Aufgabe der männlichen Identität automatisch auch das Talent verloren. Heute telefonieren sie und ihre Tochter täglich.

An Bea werden andere Erwartungen gestellt als an Beat. Sie hat das Gefühl, bei Entscheidungen mehr Rücksicht nehmen zu müssen als früher. „Eine Frau darf kein Arschloch sein“, sagt sie. Sie hat 15 Jahre in den USA gelebt und schätzt die amerikanische Höflichkeit. Türen aufhalten, anderen den Vortritt lassen, auch mal der Dame den Stuhl an den Tisch rücken. In ihrem Apartment am Zürichsee bietet sie Tee an, dazu Honig zum Süßen. Sie öffnet extra ein neues Glas, weil sie erkältet ist und vermeiden will, dass andere sich anstecken. „Ich würde sagen, ich war schon immer umsichtig“, sagt sie.

Gleichzeitig kann Knecht hart klingen, wenn sie übers Geschäft redet. Die Gründung einer Firma vergleicht sie mit einer Besteigung der Eiger-Nordwand. „Da nimmt man auch keine Schwangeren mit.“ Es wundere sie nicht, dass in Start-ups mehr Männer als Frauen arbeiten, Männer seien einfach leidensfähiger, das Testosteron wirke wie Doping. Knecht nimmt Östrogene, weibliche Hormone. Kommt sie von einer Reise heim und trägt ihren Koffer die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf, dann vermisst sie das Testosteron. Als Mann sei ihr das nie schwer vorgekommen. „Aber als Frau! Die gleiche Person, gleicher Knochenbau – richtig ein Problem.“

Es kann müßig sein, in Kategorien wie Mann und Frau zu denken. Und trotzdem ist es schwer, ihnen zu entkommen, sich den Stereotypen zu entziehen. Knecht versucht, Geschlecht und Persönlichkeit voneinander zu trennen. Sie beschreibt sich am liebsten mit vier Buchstaben: INTP. Die Abkürzung (introversion, intuition, thinking, perceiving) steht für vier Charakterzüge und entstammt einem in den USA beliebten Persönlichkeitstest. Demzufolge ist sie introvertiert, kann analytisch denken, trifft Entscheidungen erst nach reichlichen Überlegungen, was die Dinge manchmal verzögert. Einstein soll so ein Typ gewesen sein, auch Isaac Newton. „Ein typischer Erfindertyp“, sagt Knecht. In Sitzungen kann sie anderen mit ihrer Art schon mal auf die Nerven gehen, wenn 99 Prozent aller Fragen geklärt sind und sie sich mal wieder an dem einen Prozent verbissen hat. „Bis alles sitzt“, sagt Knecht. „Das hat nichts mit Mann oder Frau zu tun. Das entspricht einfach meinem Charakter.“ ---