Wachstum

Kulturanthropologen und Psychologen würden vielleicht antworten: über uns hinaus! Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftshistoriker müssen sagen: aus der Überschuldung.

Soziologen könnten nüchtern beobachtend argumentieren: Egal wohin – wir müssen wachsen, weil wir unsere Zukunft verkauft haben.

Nachdenkliche Zukunftsforscher hingegen könnten es so versuchen: Ökonomien und Menschen wachsen seit dem Einzug des Internets nicht mehr so rasant – weder volkswirtschaftlich noch kreativ. Es kommt wohl die Zeit des Postkapitalismus, des Robo-Kapitalismus und noch konkreter: die Zeit der neuen Arbeitsteilung zwischen Mensch, Maschine, Staat, Zivilgesellschaft und Unternehmen – mit allen Konsequenzen für das gewachsene Wohlfahrtsmodell und die Solidargemeinschaften.

Wachstum ist seit der 40. Geburtstagsfeier des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome im Jahr 2012 wieder ein so kritisches wie unklares Konzept geworden: quantitativ oder qualitativ? Begrenzt oder unbegrenzt? Staatlich gesteuert oder rein marktwirtschaftlich? In der globalen Arbeitsteilung zwischen entwickelten und entwickelnden Ländern legitim oder nicht? Gemessen in Beschäftigung, Umsatz, Vermögen, Steuern, Glück, Gesundheit oder Sinn?

1. Die Logik des Wachstums: Beschleunigungsspirale der Wirtschaft

Wachstum ist in unserem aktuellen Kapitalismusmodell eingeschrieben mit einem unumkehrbaren Trick: dem Zins – in Kombination mit der Inflation. Zinssenkungen werden immer dann vorgenommen, wenn eine Verschuldung ermöglicht werden soll, die Konsum und Investitionen fördert. Und los geht’s: Kapitaldienst auf Verschuldung – staatlich wie privat – erzwingt Wachstum. Alle Postwachstumsökonomen sollten das wissen. Und dann war da noch das zeitlose Versprechen von Nationalstaaten wie Familien: „Die nächste Generation soll es besser haben.“ Wachstum ist im Sinne des deutschen Philosophen Walter Benjamin damit eine quasireligiöse Kategorie, die säkularisierte Version des Himmels auf Erden. Aber wer den Himmel wann erdet, das steht noch in den Sternen.

2. Die Crux des Wachstums: Industrie 4.0 wächst nicht oder anders

Wachstum ist ein Problem: in stark wachsenden Städten, mit stark wachsendem Automobilverkehr. Negative externe Effekte nennen wir das mit Nobelpreisträger Ronald Coase.

Weniger Wachstum ist aber auch ein Problem. In nahezu allen entwickelten Ländern ist das zu erkennen. In den USA sinken seit 1970 real die Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens, glaubt man dem Ökonomen Robert Gordon von der Northwestern University. Seit 1999 sinken sogar die Lebenserwartungen in einigen Regionen der entwickelten Welt. Die vierte industrielle Revolution ändert daran nichts. Denn auch die erfolgreichen Plattformanbieter sind entweder nicht profitabel oder nicht beschäftigungsrelevant. Künstliche Intelligenz wird zu einem öffentlichen Gut, und Erträge werden vor allem durch die Substitution von Personalkosten erzielt. Wachstum geht anders.

Ökonomen wie Tyler Cowen von der George Mason University fürchten, dass mit der Digitalisierung nun auch noch das Wachstum der Kreativität ausbleibt. Perfekte algorithmische Übereinstimmung und die Sofort-Erfüllung von Wünschen lassen kaum Raum für Experimente. Paul Mason, postkapitalistischer Journalist, fordert eine Verstaatlichung beziehungsweise Vergesellschaftlichung von Monopolen und dem Finanzsektor. Ohne in die alten Debatten zurückzufallen, scheint es zumindest an der Zeit, die Theorie der öffentlichen Güter anhand von Google, Facebook und den bewertenden Infrastruktur-Monopolisten wie Airbnb, Amazon, Ebay oder Uber zu diskutieren – und Grundsätze für diese Gemeingüter zu entwickeln. Warum nicht mal etwas zwischen Staat, Stiftung und Unternehmertum erfinden?

3. Das Wachstum der Roboter: Aber wer wächst?

In den vergangenen Jahrhunderten wurden von David Hume über John Stuart Mill bis John Maynard Keynes Theorien zum Wirtschaftswachstum entwickelt – aber sie funktionieren nicht mehr. Hinter der Entwicklung von Nationalismus und Populismus in den USA wie in Europa stehen vor allem Verlustängste – um das, was wir menschliche Arbeit nannten.

Die drei global drängenden Fragen scheinen zurzeit zu sein: 1. Wer baut die Roboter, die die Roboter bauen? 2. Wer macht aus Daten Geschäftsfelder? 3. Wer schafft nationale Beschäftigungs-, Bildungs- und Sozialsysteme, die diese Transformation schaffen?

Antworten könnten aus Europa kommen. Andere Länder haben nationale Pläne – auch ohne politisch-populistischen Nationalismus. China hat derzeit rund 100 Roboterhersteller und will in fünf bis zehn Jahren mit Deutschland und Japan gleichziehen. 2014 wurde dafür der Fünfjahresplan Roboter Revolution verabschiedet – und nun wird munter im Ausland aufgekauft. Warum? Die Arbeitskostenvorteile schmelzen dahin. Diese Nachteile müssen kompensiert werden – mit massiven Staatsfonds, neuen Regulierungen und national konzertierter Technologie-Außenpolitik. Und wir? Wir haben da etwas Nachholbedarf – aber die EU macht auch bald nur noch vier Prozent der Weltbevölkerung aus. Wir wachsen nicht.

Aber wir könnten über uns hinauswachsen: durch die Entwicklung klug legitimierter Beschäftigungs-, Bildungs- und Sozialsysteme, die wir dann exportieren, mit ordentlichem Wachstum. ---

1. Wer baut Roboter, die die Roboter bauen? 2. Wer macht aus Daten Geschäftsfelder? 3. Wer schafft Sozialsysteme, die diese Transformation schaffen?





Prof. Dr. Stephan A. Jansen,

Leiter des Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS)

an der Karlshochschule in Karlsruhe