Wie wollen wir sterben?

• Um es vorab zu sagen: Diese Frage ist so bedeutend, dass sie nur jeder für sich selbst beantworten kann. Wenn er sich überhaupt traut, sie zu stellen.Denn wir wollen nämlich am liebsten gar nicht sterben. Warum sollten wir uns also fragen, wie? Wir wollen leben! Beim genaueren Nachdenken über diese Frage lernt man aber viel über das Leben. „Wie wollen wir sterben?“ ist für mich nichts anderes als die Kehrseite von: „Wie wollen wir leben?“




Mir geht es weniger darum, ob wir im Krankenhaus, Hospiz oder lieber zu Hause sterben wollen (das können wir uns ohnehin noch immer nicht aussuchen). Es geht mir auch nicht um die ethische Frage, ob man selbstbestimmt aus dem Leben scheiden können darf oder nicht. Mir geht es eher darum, was ein Mensch in seiner letzten Lebensphase fühlt und denkt.

Als ehrenamtliche Sterbebegleiterin erlebe ich viele Seelenzustände von Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lange leben werden.

Ich erinnere mich an eine zierliche 70-Jährige, die kein Wort mehr sprach. An ihrem Bett, im Pflegeheim, in dem sie starb, wickelte ich mit ihrer Erlaubnis bei jedem Besuch ihren Körper in eine Wolldecke und massierte sie an Armen und Beinen. Sie schloss die Augen, im Moment der Berührung setzte sie ein friedliches Gesicht auf.

An der Wand hingen fünf kleine Bilderrahmen mit verblassten Fotos ihrer fünf Söhne. Keiner der Söhne kam auch nur ein einziges Mal zu Besuch. Oft fragte ich mich, was wohl in ihr vorgegangen sein mochte, wenn sie auf die Bilder schaute? Was war passiert, dass keines ihrer Kinder kam? War sie traurig darüber? Bereute sie etwas? Oder wünschte sie sich vielleicht gar nicht, ihre Kinder noch ein letztes Mal zu sehen, sondern fühlte sich mit ihnen auf einer spirituellen Ebene verbunden? Nach ihrem Tod erzählte mir die Pflegedienstleiterin, dass die Frau in ihrer Jugend körperlich misshandelt worden war. Alle Kinder waren ihr bald nach der Geburt weggenommen worden.

Aber ich habe auch andere Dinge erlebt: Das Sterbezimmer voll von Verwandten, es duftete nach frischem Kuchen, Freunde wechselten sich mit allen anfallenden Tätigkeiten ab. Es wurde gesungen, erinnert, gelacht und geweint.

Sterben heißt für mich, den letzten Weg zu gehen. Sterben heißt, mit sich ins Reine zu kommen. Mit dem, was gewesen und geschehen ist, seinen Frieden zu schließen. Auch mit allem, was nicht war. Mit dem Unverstandenen, dem Versäumten. Mit sich selber, aber auch mit der Familie und den Freunden. Es gilt, Erlebnisse, die einen innerlich quälen, die man nie vergessen konnte, aufzulösen. Sich und anderen zu verzeihen. Beim Sterben werden alle unsere zwischenmenschlichen Beziehungen aufgearbeitet. Die guten wie die weniger guten. Mit anderen Worten: das ganze gelebte, unwiederholbare Leben.

Sterben ist wie ein inneres Gericht: Wenn wir gut sterben wollen, müssen wir gute Verbindungen im Leben aufgebaut haben. Daher sind die Begegnungen mit Sterbenden ein Geschenk an das Leben. Sie führen mir immer wieder vor Augen, dass ich noch die Chance habe, Ungeklärtes zu klären.

Genau deshalb will ich, wenn ich darf, genau so sterben, wie ich leben möchte: im Reinen mit mir und in tiefer Verbundenheit mit meinen Lieben und meinen Freunden. In dem Gefühl, gehalten zu werden. Nicht allein gelassen zu sein. Das ist es, was für mich zählt. Nicht nur am Ende. ---